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Zurück zur eigenen Natur

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
9. Okt.
18 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Unser Körper wurde für Wege durch Wälder gebaut, für Sonne auf der Haut und für das Feuer in der Mitte einer Gemeinschaft. Er erinnert sich bis heute daran.


Ich laufe regelmäßig zum Hofmarkt und kaufe dort ein, was gerade auf den Feldern wächst. Auf dem Rückweg trage ich Kartoffeln, Kohl und Äpfel nach Hause. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass dieser kleine Weg fast alles enthält, worum es in diesem Artikel geht. Ich bewege mich und bin draußen. Ich kaufe frisch und regional ein. Und am Stand wechsle ich ein paar Worte mit Menschen, die ich seit Monaten kenne. Wir leben heute so bequem wie keine Generation vor uns. Trotzdem fühlen sich viele Menschen erschöpft, unruhig und seltsam leer. Meine Vermutung ist einfach. Wir haben uns ein Stück weit von der Natur entfernt und damit auch von unserer eigenen Natur. Dieser Artikel ist ein Rundumschlag durch die Bereiche, die uns dorthin zurückführen. Es geht um Bewegung, Natur, Licht und Schlaf, um Ernährung, Reisen und Kreativität. Es geht um Spiel und Genuss, um den eigenen Körper, um Sexualität und Dankbarkeit. Und am Ende geht es um das, was uns nach allem was die Forschung weiß am meisten trägt. Meine Arbeit hat ihre feinste Tiefe in der Kommunikation, im Zen und in der Hypnose. Doch ich bin in vielen Bereichen unterwegs, und manche Zusammenhänge zeigen sich erst, wenn man sie nebeneinanderlegt. Charlie Munger, der langjährige Partner von Warren Buffett, hat das einmal sehr treffend beschrieben. Er riet dazu, die wichtigsten Ideen aus vielen Fachgebieten zu lernen und sie wie ein Gitterwerk miteinander zu verbinden. Wer nur ein einziges Modell kennt, gleicht für ihn einem Mann mit einem Hammer. Für ihn sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Genau dieses Verbinden möchte ich hier tun.


Ein Körper für die Steppe


Der Harvard-Biologe Daniel Lieberman erforscht seit Jahrzehnten, wofür der menschliche Körper gebaut ist. Seine Antwort überrascht viele. Wir sind ausdauernde Läufer. Unsere Vorfahren haben Tiere über Stunden verfolgt, bis diese erschöpft waren. Dafür haben wir lange Beine und ein federndes Fußgewölbe. Unsere Haut kühlt uns beim Laufen durch Schweiß. Der Anthropologe David Raichlen geht noch weiter. Er vermutet, dass sich auch unser Gehirn gemeinsam mit dieser Bewegung entwickelt hat. Wer sammelte und jagte, musste gleichzeitig laufen, planen und sich in weiten Landschaften orientieren. Das hat Folgen bis heute. Unser Gehirn erwartet Bewegung. Wenn sie ausbleibt, fehlt ihm etwas Grundlegendes. Ein Körper, der den ganzen Tag sitzt, lebt in einer Umgebung, für die er nie gebaut wurde.


Dünger für das Gehirn


Der Harvard-Psychiater John Ratey hat einen Botenstoff bekannt gemacht, der dieses Zusammenspiel erklärt. Er heißt BDNF, ausgeschrieben Brain-Derived Neurotrophic Factor. Ratey nennt ihn gern Dünger für das Gehirn. BDNF hilft Nervenzellen zu wachsen, sich zu verbinden und zu überleben. Ausdauersport gehört zu den stärksten natürlichen Wegen, diesen Stoff zu erhöhen. Eine Studie von Kirk Erickson und Kollegen zeigte das eindrücklich. Ältere Erwachsene gingen ein Jahr lang dreimal pro Woche zügig spazieren. Danach war ihr Hippocampus etwa zwei Prozent größer als zuvor. Diese Region ist für Gedächtnis und Lernen zuständig und schrumpft normalerweise mit dem Alter. In der Vergleichsgruppe mit Dehnübungen war sie weiter geschrumpft. Bewegung hat das Altern dieser Region also nicht nur gebremst, sondern umgekehrt.


Auch der Körper profitiert. Eine große Untersuchung mit über fünfzigtausend Menschen fand bei Läufern ein deutlich geringeres Risiko, an Herz- und Gefäßerkrankungen zu sterben. Schon fünf bis zehn Minuten am Tag zeigten einen Effekt. Der größte Sprung lag dabei zwischen nichts und ein bisschen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt pro Woche zweieinhalb bis fünf Stunden moderate Bewegung. Das ist nur eine gute halbe Stunde am Tag. Es muss auch nicht immer Joggen sein. Radfahren, Schwimmen, Tanzen oder Kampfsport wirken ebenfalls. Entscheidend ist, dass Du regelmäßig ins tiefe Atmen kommst. Und wer Treppen statt Aufzug nimmt, holt sich ein Stück Steppe in den Alltag zurück.


Was der Wald mit Dir macht


In Japan gibt es seit den Achtzigerjahren einen Begriff, der inzwischen um die Welt gegangen ist. Shinrin-Yoku heißt übersetzt Waldbaden. Gemeint ist kein Sport, sondern ein langsames Gehen durch den Wald mit allen Sinnen. Man hört dem Wind in den Kronen zu und riecht das feuchte Moos. Man spürt die Rinde unter den Fingern. Der Arzt Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio hat untersucht, was dabei im Körper geschieht. Bäume geben flüchtige Stoffe in die Luft ab, mit denen sie sich gegen Schädlinge schützen. Man nennt sie Phytonzide. Ein Beispiel ist das Pinen, das dem Nadelwald seinen Duft gibt. Li fand bei Menschen nach zwei bis drei Tagen im Wald deutlich mehr aktive natürliche Killerzellen. Diese Abwehrzellen bekämpfen Viren und entartete Zellen. Der Effekt hielt noch etwa eine Woche nach der Rückkehr an. Gleichzeitig sanken Stresshormone und Blutdruck.


Auch das Gehirn reagiert. Der Psychologe Gregory Bratman ließ Menschen neunzig Minuten spazieren gehen, entweder durch Grün oder an einer Schnellstraße entlang. Nach dem Gang durch die Natur grübelten die Teilnehmer weniger. Eine Hirnregion, die mit kreisenden negativen Gedanken verbunden ist, war ruhiger geworden. Eine britische Studie mit fast zwanzigtausend Menschen kam zu einem praktischen Ergebnis. Wer pro Woche mindestens zwei Stunden in der Natur verbrachte, fühlte sich deutlich gesünder und zufriedener. Dabei war es egal, ob diese Zeit am Stück oder verteilt war.


Es gibt sogar einen Austausch, der noch tiefer geht. Im Erdboden lebt ein harmloses Bakterium namens Mycobacterium vaccae. Forscher um Christopher Lowry fanden bei Mäusen, dass es Nervenzellen anregt, die Serotonin bilden. Die Tiere verhielten sich danach weniger ängstlich. Beim Menschen ist das noch nicht ausreichend belegt. Der Gedanke passt aber zu einer größeren Theorie, der Hypothese der alten Freunde. Unser Immunsystem hat sich über Hunderttausende Jahre zusammen mit Mikroben aus Erde, Wasser und Pflanzen entwickelt. Fehlen diese alten Begleiter, gerät es leichter aus dem Gleichgewicht. Wer im Garten mit den Händen in der Erde gräbt, tut also womöglich mehr als nur Unkraut jäten.


Warum wir die Natur nicht loswerden


Der Biologe Edward O. Wilson prägte dafür den Begriff Biophilie. Er beschreibt eine angeborene Verbundenheit des Menschen mit allem Lebendigen. Wir sind über Millionen Jahre zwischen Bäumen, Wasser und weitem Himmel entstanden. Die Stadt gibt es dagegen erst seit wenigen Tausend Jahren. Für die Evolution ist das kaum ein Wimpernschlag. Heute lebt weltweit mehr als die Hälfte der Menschen in Städten, in Deutschland sogar drei von vier. Unser Nervensystem ist aber noch immer auf Wald und Wiese eingestellt. Die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan haben beschrieben, warum.


In der Stadt muss unsere Aufmerksamkeit ständig gezielt arbeiten. Wir achten auf Verkehr, Werbung, Lärm und Termine. Die Natur fesselt uns auf eine sanftere Art. Ein Bach, ziehende Wolken oder Blätter im Wind beanspruchen unsere Aufmerksamkeit kaum. Dadurch kann sie sich erholen. Meine eigene Überzeugung geht noch einen Schritt weiter. Wer den Kontakt zur Natur verliert, verliert auch ein Stück seiner eigenen Natur. Er spürt Hunger, Müdigkeit und den eigenen Rhythmus weniger deutlich. Er lebt mehr im Kopf als im Körper. Der Wald erinnert uns daran, dass wir lebendige Wesen sind und keine Maschinen.


Licht als Taktgeber


Eng damit verbunden ist das Sonnenlicht. In unseren Augen gibt es spezielle Zellen, die vor allem auf helles Tageslicht reagieren. Sie stellen unsere innere Uhr. Wer morgens hinausgeht und Tageslicht sieht, schläft abends meist besser ein. Tagsüber ist er wacher. Selbst ein bewölkter Morgen draußen ist dabei oft viel heller als ein gut beleuchtetes Büro.


Dazu kommt das Vitamin D, das unsere Haut mithilfe der Sonne bildet. Es ist wichtig für Knochen, Muskeln und das Immunsystem. In Deutschland steht die Sonne zwischen Oktober und März allerdings so tief, dass die Haut kaum Vitamin D bilden kann. Gerade im Winter haben deshalb viele Menschen niedrige Werte. Ob eine Ergänzung sinnvoll ist, klärst Du am besten mit Deinem Arzt. Im Sommer genügen meist schon kurze Zeiten in der Sonne. Der Körper braucht Licht, aber er braucht auch Schutz vor Sonnenbrand.


Schlaf als Fundament


Was das Licht am Morgen beginnt, vollendet der Schlaf in der Nacht. Im Schlaf ordnet das Gehirn die Erfahrungen des Tages und speichert, was wichtig war. Die Forscherin Maiken Nedergaard fand bei Mäusen etwas Erstaunliches. Während des Schlafs weiten sich die Räume zwischen den Gehirnzellen. Eine Flüssigkeit spült dann Abfallstoffe aus dem Gehirn, die sich tagsüber angesammelt haben. Ob das beim Menschen genauso stark wirkt, wird noch erforscht. Sicher ist aber, dass dauerhaft zu wenig Schlaf fast jedes Organ belastet. Er schwächt das Immunsystem, verschlechtert die Stimmung und erhöht das Risiko für viele Krankheiten.


Ein großer Gegenspieler des Schlafs liegt heute auf dem Nachttisch. Eine Studie aus Harvard verglich das Lesen auf einem leuchtenden Bildschirm mit dem Lesen eines gedruckten Buches. Nach dem Bildschirm bildeten die Teilnehmer später das Schlafhormon Melatonin und schliefen später ein. Am nächsten Morgen waren sie müder. Noch stärker als das Licht wirkt oft der Inhalt. Nachrichten, Videos und Chats halten das Nervensystem wach, wenn es eigentlich zur Ruhe kommen will. Es lohnt sich deshalb, das Handy eine Stunde vor dem Schlafen beiseitezulegen. Am besten schläft es gar nicht im Schlafzimmer.


Wie viel Schlaf ein Mensch braucht, ist dabei sehr verschieden. Die meisten Erwachsenen brauchen zwischen sieben und neun Stunden. Manche kommen mit weniger aus, andere brauchen mehr. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg hat außerdem gezeigt, dass Menschen unterschiedliche innere Uhren haben. Es gibt Lerchen, die früh wach sind, und Eulen, die abends am klarsten denken. Wer als Eule jeden Tag um sechs aufstehen muss, lebt in einer Art dauerhafter Zeitverschiebung. Roenneberg nennt das sozialen Jetlag. Herausfinden lässt sich das eigene Schlafmaß am besten in einer freien Woche, etwa im Urlaub. Man geht ins Bett, sobald man müde ist, und wacht ohne Wecker auf. Nach einigen Tagen pendelt sich der Körper auf seine natürliche Dauer ein. Diese Zahl ist ein guter Richtwert für den Alltag.


Dabei gilt etwas, das für den ganzen Artikel wichtig ist. Was ein Mensch braucht, bleibt nicht ein Leben lang gleich. Jugendliche haben eine spätere innere Uhr als Erwachsene, und ältere Menschen schlafen oft kürzer und früher. Junge Eltern, Menschen in einer beruflichen Umbruchzeit oder nach einer Krankheit brauchen wieder etwas anderes. Deshalb lohnt es sich, immer wieder ehrlich nachzuprüfen: Was brauche ich gerade, in dieser Phase meines Lebens? Ein Ratschlag, der vor fünf Jahren gepasst hat, muss heute nicht mehr stimmen. Gesundheit ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie ist ein Gespräch mit sich selbst, das man immer wieder neu führt.


Kochen als Akt der Selbstfürsorge


Damit kommen wir zur Küche, und hier wird es genussvoll. Unser Körper braucht Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette. Er braucht Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Und er braucht Tausende sekundäre Pflanzenstoffe aus Obst, Gemüse, Kräutern und Gewürzen. Die meisten davon kennt die Wissenschaft erst teilweise. Gerade deshalb ist ein frisches und vielfältiges Essen jeder Kapsel überlegen. In einer Tomate wirken Hunderte Stoffe zusammen, die sich nicht in eine Tablette pressen lassen. Nahrungsergänzungen haben trotzdem ihren Platz, etwa Vitamin B12 bei rein pflanzlicher Ernährung oder Vitamin D im Winter. Ersetzen können sie gutes Essen aber nicht.


Frisch und möglichst wenig verarbeitet ist dabei eine gute Richtschnur. Eine Studie der US-Gesundheitsbehörde NIH zeigte das deutlich. Bei stark verarbeiteten Lebensmitteln aßen Menschen jeden Tag rund fünfhundert Kalorien mehr. Sie nahmen zu, ohne es zu merken. Roh ist allerdings nicht immer besser. Tomaten geben ihren Schutzstoff Lycopin gekocht leichter ab als roh. Hülsenfrüchte müssen wir sogar kochen, damit wir sie vertragen. Die Kunst liegt also in der Vielfalt: manches roh, vieles schonend gegart und wenig stark verarbeitet.


Wie viel Freude darin steckt, zeigen die großen Küchen der Welt. Die japanische Küche wurde 2013 als Washoku zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO erklärt. Sie lebt von Frische und kleinen Portionen, von Fisch, Gemüse, Algen und fermentierten Speisen wie Miso. Die Küchen Italiens und Spaniens bilden den Kern der mediterranen Ernährung mit Olivenöl, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Fisch. Die spanische PREDIMED-Studie fand bei Menschen mit dieser Ernährung deutlich weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle als in einer Vergleichsgruppe.


Auch die deutsche Küche hat viel mehr zu bieten als ihr Ruf. Unsere Brotkultur mit Hunderten Sorten Vollkornbrot steht auf der deutschen Liste des immateriellen Kulturerbes. Sauerkraut ist ein fermentiertes Lebensmittel voller lebendiger Kulturen. Linseneintopf, Grünkohl, Rote Bete, Pilze und Spargel im Frühling sind gesund und echte Heimatküche. Wer neugierig zwischen diesen Küchen wandert, isst ganz von selbst vielfältiger.


Vom Hofladen statt vom Fließband


Wer die Möglichkeit hat, sollte öfter beim regionalen Bauern einkaufen. Saisonales Gemüse wurde reif geerntet und hat kurze Wege hinter sich. In der Saison ist es manchmal sogar günstiger als im Discounter, gerade bei Äpfeln, Kohl oder Kartoffeln. Ich mag am Hofladen noch etwas anderes. Man sieht, woher das Essen kommt. Und man spricht mit den Menschen, die es anbauen. Das verändert die Beziehung zum eigenen Teller.


Kochen ist dabei weit mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist Handwerk, Sinnlichkeit und Achtsamkeit zugleich. Man riecht die Zwiebeln in der Pfanne und hört das Brutzeln. Man schmeckt, ob noch Salz fehlt. Wer selbst kocht, weiß genau, was auf dem Teller liegt. Und wer für andere kocht, verschenkt etwas sehr Altes: Nahrung, Wärme und Zeit.


Tapetenwechsel statt Ablenkung


In den Fünfzigerjahren begann in der amerikanischen Kleinstadt Framingham eine der bekanntesten Herzstudien der Welt. Ein Teil davon befasste sich mit einer ungewöhnlichen Frage. Wie oft machen Menschen eigentlich Urlaub? Frauen, die höchstens alle sechs Jahre verreisten, hatten ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkte. Verglichen wurden sie mit Frauen, die zweimal im Jahr Urlaub machten. Eine Untersuchung mit mehreren Tausend Männern fand Ähnliches. Wer jedes Jahr auf seinen Urlaub verzichtete, starb im Beobachtungszeitraum häufiger. Urlaub allein schützt nicht das Herz. Aber echte Pausen sind wichtig für einen Körper, der sonst dauerhaft unter Strom steht.


Das gelegentliche Ausbrechen aus dem Alltag ist deshalb keine Ablenkung und keine verlorene Zeit. Manchmal braucht es einfach einen Tapetenwechsel, um Abstand zu gewinnen. Aus der Entfernung wird sichtbar, was im Alltag verschwimmt. Man kehrt mit neuen Ideen und frischer Motivation zurück. Und man sammelt Erfahrungen, die man sich vorher gar nicht hätte ausdenken können. Wer in eine fremde Stadt kommt, sieht plötzlich alles mit neuen Augen. Gerüche, Sprache, Essen und Gewohnheiten sind anders als zu Hause. Unser Gehirn liebt diese Neuheit. Sie hält es wach und verankert Erinnerungen besonders tief. Deshalb fühlen sich zwei Wochen Reise im Rückblick oft länger an als zwei Monate Alltag.


Der Sozialpsychologe Adam Galinsky fand außerdem einen spannenden Zusammenhang. Menschen mit längeren Aufenthalten im Ausland schnitten bei Kreativitätsaufgaben besser ab. Wer andere Arten zu leben kennenlernt, merkt, dass die eigene Art nur eine von vielen ist. Das ist im Grunde die Landkarte von Korzybski, auf Reisen erfahren statt gelesen. Es muss dabei nicht immer die Fernreise sein. Eine Nacht im Zelt im nahen Wald schenkt oft schon dasselbe Staunen. Auch eine Wanderung durch eine unbekannte Gegend oder ein Tag in einer Stadt ganz in der Nähe kann das. Manche nennen das ein Mikroabenteuer.


Warum ich das Wort Komfortzone für wenig sinnvoll halte


In diesem Zusammenhang hört man oft, man müsse aus seiner Komfortzone ausbrechen. Ich verstehe was gemeint ist. Trotzdem halte ich den Begriff für eine Landkarte, die uns mehr einengt als hilft. Er klingt nach einem Gefängnis, aus dem man sich mit Gewalt befreien muss. Und er macht aus etwas ganz Natürlichem eine Mutprobe.


Was geschieht eigentlich, wenn wir etwas Neues tun? Unser Nervensystem kennt die Situation noch nicht. Es reagiert mit erhöhter Wachheit, einem schnelleren Herzschlag und vielleicht etwas Unruhe im Bauch. Das ist keine Gefahr, sondern einfach Ungewohntheit. Der Psychiater Daniel Siegel spricht von einem Toleranzfenster. In diesem Bereich kann unser Nervensystem Neues aufnehmen, ohne in Alarm zu geraten. Dieses Fenster lässt sich Schritt für Schritt erweitern. Es geht also nicht darum, irgendwo herauszubrechen. Es geht darum zu wissen, dass Neues sich zunächst ungewohnt anfühlt und dass wir diesen Zustand selbst regulieren können.

Dazu kommt ein schöner Befund. Aufregung und Angst fühlen sich im Körper sehr ähnlich an.


Die Forscherin Alison Wood Brooks bat Menschen vor einer Rede oder einer schwierigen Aufgabe, sich einen von zwei Sätzen zu sagen. Die einen sagten sich, sie sollten ruhig bleiben. Die anderen sagten sich, dass sie aufgeregt seien und sich freuten. Die zweite Gruppe schnitt deutlich besser ab. Man muss das Kribbeln also nicht wegdrücken. Man kann ihm eine neue Bedeutung geben und das Ungewohnte mit Faszination verbinden. Ich glaube, darin liegt das ganze Geheimnis. Wer Neuem mit Neugier statt mit Kampf begegnet, braucht keine Komfortzone mehr, aus der er fliehen muss.


Der kreative Ausgleich


Die meisten von uns verbringen ihren Arbeitstag in einer sehr rationalen Welt. Wir planen, rechnen und organisieren. Wir erfüllen Ziele. Das ist wichtig und oft auch erfüllend. Doch ein Mensch ist mehr als sein Verstand. In ihm steckt auch ein Teil, der gestalten und spielen will. Er will etwas Eigenes erschaffen, ganz ohne Zweck und ohne Kennzahl.


Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Theorie der Selbstbestimmung drei Grundbedürfnisse des Menschen beschrieben. Wir wollen über unser Handeln selbst bestimmen. Wir wollen uns als fähig erleben. Und wir wollen mit anderen verbunden sein. Im Beruf werden diese Bedürfnisse oft nur teilweise erfüllt, weil Aufgaben, Zeiten und Ziele von außen kommen. Ein Hobby kann diese Lücke füllen. Hier bestimmst Du selbst, was Du tust und wie lange. Und Du erlebst, wie Du mit der Zeit besser wirst. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat für diesen Zustand den Begriff Flow geprägt.


Man ist so vertieft in eine Tätigkeit, dass man die Zeit vergisst. Viele Menschen erleben Flow beim Musizieren, Malen, Schreiben, Gärtnern oder Handwerken. Eine große Studie mit über neunzigtausend älteren Menschen aus sechzehn Ländern fand bei Menschen mit Hobbys mehr Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Depressive Symptome traten bei ihnen seltener auf. Eine Studie aus Neuseeland zeigte etwas sehr Einfaches. Wer an einem Tag etwas Kreatives tat, fühlte sich am nächsten Tag lebendiger.


Gregory Bateson hat dazu einen Gedanken formuliert, der mich sehr berührt hat. Kunst, Musik und Poesie sind für ihn keine Erholung vom eigentlichen Leben. Sie sind eine notwendige Korrektur für einen Geist, der nur noch auf Ziele schaut. Ich habe vor einiger Zeit angefangen Gitarre zu spielen, ohne damit etwas erreichen zu wollen. Gerade das macht es so wertvoll. Es ist der eine Bereich meiner Woche, in dem nichts gelingen muss und trotzdem etwas entsteht.


Der eigene Körper als Zuhause


Viele Menschen behandeln ihren Körper wie ein Werkzeug. Er soll funktionieren, gut aussehen und nicht stören. Sie bemerken ihn erst, wenn er schmerzt. Dabei ist unser Körper der einzige Ort, an dem wir unser ganzes Leben lang wohnen. Die Art, wie wir mit ihm umgehen, prägt unser Wohlbefinden mehr als jede einzelne Gewohnheit.


Die Psychologin Kristin Neff hat sich dem Selbstmitgefühl gewidmet. Gemeint ist, mit sich selbst so freundlich umzugehen wie mit einem guten Freund in einer schweren Zeit. Ihre Forschung zeigt bei Menschen mit mehr Selbstmitgefühl weniger Angst und weniger Scham. Sie erholen sich schneller von Rückschlägen und kümmern sich besser um ihre Gesundheit.


Selbstkritik wirkt im Körper dagegen wie Stress. Wer seinen Körper ständig bewertet, versetzt ihn in einen leisen Alarm. Selbstfürsorge beginnt deshalb mit kleinen Dingen. Man schläft genug und trinkt Wasser. Man nimmt ein warmes Bad und cremt die Haut nach dem Duschen ein. Und man begegnet dem Spiegel mit einem freundlicheren Blick. Selbstliebe ist dabei kein Gefühl, auf das man warten muss. Sie ist eine Haltung, die man sich jeden Tag ein wenig neu erlaubt.


Sexualität als Teil der Gesundheit


Zu dieser Begegnung mit dem eigenen Körper gehört auch die Sexualität. Sie wird in Gesundheitsratgebern erstaunlich oft ausgelassen. Dabei ist sie für viele Menschen eine der tiefsten Quellen von Freude, Nähe und Lebendigkeit. Berührung senkt Stresshormone und schenkt Geborgenheit. Eine lebendige Sexualität in einer Beziehung geht oft mit größerer Zufriedenheit einher. Interessant ist dabei ein Befund der Psychologin Amy Muise. Paare fühlten sich mit mehr Sex glücklicher, aber nur bis zu etwa einmal pro Woche. Darüber hinaus stieg das Wohlbefinden nicht weiter. Es geht also weniger um Häufigkeit als um Qualität.


Die Sexualforscherin Emily Nagoski zeigt, dass Lust stark vom Kontext abhängt. Stress, Scham und Selbstkritik wirken wie eine Bremse. Sicherheit, Nähe und Freundlichkeit mit sich selbst lösen sie. Wer seinen eigenen Körper kennt und ihm ohne Scham begegnet, kann auch in der Begegnung mit einem anderen Menschen mehr spüren. Selbstberührung ist dabei kein Tabu, sondern ein Weg, den eigenen Körper kennenzulernen.


Über diese Themen habe ich in den letzten Wochen mehrere Artikel geschrieben. In Wenn der ganze Körper bebt geht es darum, wie Paare durch Nähe und Langsamkeit tiefe Orgasmen erleben können. Länger und tiefer richtet sich an Männer, die mehr spüren und länger in der Lust bleiben wollen. Sich fallen lassen dürfen ist für Frauen, die sich tiefer hingeben möchten. Und in Das Haus mit den zwei Fenstern geht es darum, wie eine Beziehung zugleich sicher und abenteuerlich bleibt.


Die Kraft der Dankbarkeit


Ein weiterer Baustein wirkt vor allem auf der seelischen Ebene. Die Psychologen Robert Emmons und Michael McCullough baten Menschen, einige Wochen lang wöchentlich aufzuschreiben, wofür sie dankbar waren. Eine andere Gruppe notierte ihre Ärgernisse. Die Dankbaren waren am Ende optimistischer und zufriedener mit ihrem Leben. Sie berichteten sogar von weniger körperlichen Beschwerden und bewegten sich mehr.


Dankbarkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was schon da ist. Unser Gehirn hat eine natürliche Neigung, Gefahren und Mängel stärker wahrzunehmen als das Gute. Das war für unsere Vorfahren überlebenswichtig. Heute lässt es uns oft das Schöne übersehen, das direkt vor uns liegt. Dankbarkeit ist wie ein Gegengewicht zu dieser alten Neigung. Sie lässt sich üben wie ein Muskel. Drei Dinge am Abend aufzuschreiben reicht oft schon.


Körper, Geist, Herz und Seele


Wenn man all diese Bereiche nebeneinanderlegt, zeigt sich ein Muster. Bewegung, Licht, Schlaf und Ernährung nähren den Körper. Neues Lernen, Reisen und Kreativität nähren den Geist. Beziehungen, Sexualität und Dankbarkeit nähren das Herz. Und über allem steht etwas, das ich die Seele nenne. Gemeint ist der Teil von uns, der all das wahrnimmt und in ein Gleichgewicht bringen kann.


Der Schlüssel dazu ist Bewusstsein über die eigenen Zustände. Die meisten Menschen erleben ihre Zustände wie Wetter. Sie kommen und gehen, und man ist ihnen ausgeliefert. Doch Zustände lassen sich wahrnehmen, benennen und bewusst verändern. Ein tiefer Atemzug kann Anspannung lösen. Eine bestimmte Erinnerung kann Kraft zurückbringen. Eine kleine Bewegung des Körpers kann die Stimmung kippen lassen. Im Zen übt man, Zustände zu beobachten, ohne sich mit ihnen zu verwechseln. In der Hypnose und im NLP lernt man, sie gezielt aufzurufen und zu verankern.


Genau daran arbeite ich mit Menschen in meinen Trainings. Es ist anspruchsvoll, denn es verlangt Aufmerksamkeit für sich selbst und etwas Übung. Doch wer gelernt hat, seine Zustände zu lenken, steht dem Leben anders gegenüber. Er ist nicht mehr nur ein Blatt im Wind. Er ist eher wie ein Segler, der den Wind nicht machen kann, aber die Segel setzt.


Was uns wirklich glücklich und gesund macht


Damit sind wir beim wichtigsten Punkt. Seit 1938 begleitet die Harvard-Universität zwei Gruppen von Männern durch ihr ganzes Leben, später auch ihre Partnerinnen und Kinder. Es ist eine der längsten Studien über das menschliche Leben, die es gibt. Der heutige Leiter Robert Waldinger fasst das Ergebnis in einem Satz zusammen. Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. Wie zufrieden jemand mit fünfzig mit seinen Beziehungen war, sagte seine Gesundheit mit achtzig besser voraus als sein Cholesterinwert.


Andere Forschung bestätigt das. Die Psychologin Julianne Holt-Lunstad hat Daten von über dreihunderttausend Menschen ausgewertet. Menschen mit starken sozialen Bindungen hatten eine um etwa die Hälfte höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Einsamkeit wirkte sich ähnlich schädlich aus wie Rauchen oder Übergewicht. In meinem Artikel über Dating-Apps habe ich beschrieben, wie leicht uns im Zeitalter der Bildschirme genau diese echten Verbindungen verloren gehen.


Gemeinschaft muss dabei nicht groß sein. Es zählen die Familie, ein paar gute Freunde, ein Sportverein, ein Kurs oder die Nachbarin am Marktstand. Und hier verbinden sich alle Bereiche dieses Artikels. Wer mit anderen läuft, bewegt sich in Gemeinschaft. Wer mit Freunden durch den Wald geht, teilt die Natur. Wer gemeinsam reist, sammelt Erinnerungen, die verbinden. Wer in einem Kurs musiziert oder malt, findet Menschen mit derselben Freude. Und wer für andere kocht, nährt gleich mehrere Menschen. Gesundheit war für den Menschen nie eine Privatsache. Sie entstand immer am gemeinsamen Feuer.


Spiel, Genuss und das gesunde Maß


Bei all dem könnte leicht ein falscher Eindruck entstehen. Gesund zu leben heißt nicht, sich alles zu verbieten, was Freude macht. Ein Abend vor dem Fernseher ist kein Versagen. Ein Stück Schokolade ist keine Sünde. Und ein Glas Cola auf einer Feier richtet in einem sonst bewegten und gut genährten Leben keinen großen Schaden an. Schon der Arzt Paracelsus wusste vor fünfhundert Jahren, dass allein die Dosis das Gift macht. Es geht nicht um Reinheit, sondern um Gleichgewicht.


Dazu gehört auch das Spiel. Der Psychiater Stuart Brown hat sein Leben lang erforscht, was Spiel für Menschen bedeutet. Er fand, dass Spielen kein Kinderkram ist, sondern ein Grundbedürfnis, das uns ein Leben lang begleitet. Wer spielt, lacht, ausgelassen tanzt oder einfach Unsinn macht, entspannt seinen Körper und öffnet seinen Geist. Dazu gehört auch das Feiern des Lebens. Ein Fest mit Freunden, ein Tanzabend oder ein langes Essen bis spät in die Nacht sind Momente, in denen wir spüren, wofür wir all das andere eigentlich tun. Feiern braucht dabei übrigens keinen Rausch. Viele Menschen erleben gerade ohne Alkohol, wie ausgelassen und frei ein Abend sein kann.


Spannend finde ich in diesem Zusammenhang das Wort Verzicht. Viele von uns haben gelernt, dass es ein Verlust ist, auf Ungesundes zu verzichten. Wer keine Cola trinkt, verzichtet auf etwas, so lautet die stille Annahme. Doch diese Annahme ist eine Landkarte und nicht das Gebiet. Sie wurde uns zum Teil von Werbung und Gewohnheit beigebracht. Für manche Menschen ist es gar kein Verzicht, weil sie schlicht kein Bedürfnis danach haben. Und auch Geschmack lässt sich neu lernen. In einer Studie aßen Menschen drei Monate lang deutlich weniger Zucker. Danach empfanden sie Süßes als intensiver und bevorzugten weniger gesüßte Speisen. Was sich zuerst wie Verzicht anfühlte, wurde zu einer neuen Vorliebe.


Die Frage lautet also nicht, worauf ich verzichten muss. Die bessere Frage lautet, was mir wirklich guttut und in welchem Maß. Die alten Griechen nannten diese Kunst den richtigen Gebrauch der Lüste. Wer das Maß kennt, darf genießen, ohne sich schuldig zu fühlen. Und wer genießt, ohne sich schuldig zu fühlen, braucht meistens weniger davon.


Vom Verstehen zum Verkörpern


Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:


  • Hol Dir die Steppe zurück. Bewege Dich jeden Tag, bis Du ins tiefe Atmen kommst. Ein zügiger Weg zur Arbeit reicht schon.

  • Geh in den Wald. Plane jede Woche zwei Stunden im Grünen ein und lass das Handy dabei in der Tasche.

  • Begrüße das Morgenlicht. Geh nach dem Aufstehen für zehn Minuten nach draußen, bevor Du auf einen Bildschirm schaust.

  • Koch eine neue Küche. Probier jede Woche ein Gericht aus einer Küche, die Du noch nicht kennst.

  • Plane ein Mikroabenteuer. Fahr in diesem Monat an einen Ort in Deiner Nähe, an dem Du noch nie warst. Begrüße das Kribbeln dabei mit Neugier.

  • Schaff Dir einen zwecklosen Raum. Reserviere Dir jede Woche eine Stunde für etwas Kreatives, bei dem nichts gelingen muss.

  • Sei freundlich zu Deinem Körper. Frag Dich beim nächsten kritischen Blick in den Spiegel, was Du einem Freund sagen würdest.

  • Schreib drei Dinge auf. Notiere jeden Abend drei Dinge, für die Du heute dankbar bist.

  • Lade jemanden ein. Koch für einen Menschen, der Dir wichtig ist, und esst gemeinsam ohne Bildschirm.

  • Leg das Handy schlafen. Leg Dein Smartphone eine Stunde vor dem Zubettgehen weg und lass es über Nacht außerhalb des Schlafzimmers.

  • Finde Dein Schlafmaß. Geh in Deiner nächsten freien Woche ins Bett, sobald Du müde bist, und wach ohne Wecker auf. Beobachte, wo sich Dein Schlaf nach einigen Tagen einpendelt.

  • Prüf, was Du gerade brauchst. Nimm Dir einmal im Monat zehn Minuten und frag Dich, was Dir in Deiner jetzigen Lebensphase guttut und was nicht mehr passt.

  • Genieß ohne schlechtes Gewissen. Gönn Dir bewusst etwas, das Dir Freude macht, ob Fernsehabend, Süßes oder ein Fest mit Freunden. Frag Dich dabei nur, in welchem Maß es Dir guttut.


Wir können der Natur nicht entkommen, denn wir sind ein Teil von ihr. Unser Körper erinnert sich an die weiten Wege und den Geruch des Waldes. Er erinnert sich an die Sonne am Morgen und an das gemeinsame Mahl am Abend. Gesundheit bedeutet vielleicht vor allem, ihm diese Erinnerungen zurückzuschenken und dabei wach zu bleiben für das, was in uns selbst geschieht. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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