Wenn der ganze Körper bebt

Aktualisiert: vor 6 Tagen
Die tiefsten Orgasmen entstehen nicht durch die perfekte Technik, sondern dort wo zwei Menschen aufhören etwas erreichen zu wollen.
In den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit Intimität beschäftigt als je zuvor. Aus zehn Büchern von Emily Nagoski über David Schnarch und Esther Perel bis zu Margot Anand ist ein Werk entstanden, das ich Die Architektur der Intimität nenne. Eine Frage hat mich dabei besonders begleitet, weil sie so selten offen gestellt wird. Was können zwei Menschen tun, um Orgasmen zu erleben die nicht nur an einer Stelle stattfinden, sondern den ganzen Körper erfassen? Orgasmen nach denen man zittert, lacht oder weint und eine Weile nicht weiß wo der eigene Körper aufhört und der andere beginnt. Die Antwort, die ich gefunden habe, ist zugleich einfacher und anspruchsvoller als jede Technik. Sie hat mit Nähe, Langsamkeit und Vertrauen zu tun. Und sie beginnt lange bevor zwei Menschen überhaupt im Bett liegen.
Warum mehr nicht immer mehr ist
Wir leben in einer Zeit, in der fast alles lauter, schneller und härter werden soll. Das Training muss extremer sein, die Musik intensiver und die Bilder auf unseren Bildschirmen immer greller. Auch die Sexualität bleibt davon nicht verschont. In Pornos, in Serien und in vielen Gesprächen gilt guter Sex als etwas, das Grenzen sprengt, möglichst wild, möglichst hart und möglichst ausgefallen. Wer dabei nicht mithält, fühlt sich schnell langweilig oder unzulänglich, und viele Paare suchen dann nach immer neuen Reizen, statt nach dem was ihnen eigentlich fehlt.
Dazu gehört auch eine Bewegung, die sich Sex positivity nennt und vieles Gute bewirkt hat. Sie hat Scham abgebaut, über Einverständnis aufgeklärt und Menschen Mut gemacht, zu ihren Wünschen zu stehen. Und doch lohnt sich eine unbequeme Frage. Ein großer Teil dieser Kultur lebt heute von Unternehmen, die mit Lust Geld verdienen, mit Spielzeug, Plattformen, Kursen und Inhalten, die immer noch ein bisschen mehr versprechen. Wo Lust zum Produkt wird, braucht der Markt Menschen, die nie ganz zufrieden sind. Ist es wirklich eine Befreiung, wenn uns täglich gezeigt wird was wir noch ausprobieren sollten, oder ist es nur ein neuer Druck in bunterer Verpackung?
Der Philosoph Michel Foucault hat schon in den Siebzigerjahren beschrieben, dass das ständige Reden über Sex sich zwar wie eine Rebellion anfühlt, aber oft genau das fortsetzt was es zu bekämpfen glaubt. Früher hat der Beichtstuhl die Lust bewertet, heute tun es Algorithmen und Ratgeber. Die Journalistin Ariel Levy hat bereits 2005 kritisiert, dass manches was als weibliche Selbstbestimmung verkauft wird, alte Bilder vom Frauenkörper als Objekt nur in neuer Form wiederholt. Ob die heutige Sexkultur eine echte Befreiung ist oder alte Machtverhältnisse in neuem Gewand nährt, kann ich nicht abschließend beantworten. Ich glaube aber dass die Antwort für jeden Menschen dort liegt, wo er sich fragt ob er etwas tut weil er es spürt oder weil man ihm gezeigt hat dass er es wollen sollte.
Unser Nervensystem jedenfalls funktioniert anders als der Markt. In meinem Artikel über Dating-Apps habe ich beschrieben, wie das Gehirn sich an jeden Reiz gewöhnt und immer mehr davon braucht, um dasselbe zu empfinden. Wer seine Lust nur über immer stärkere Reize sucht, gerät in genau diesen Kreislauf. Der Kick wird kleiner und die Leere danach größer. Die tiefsten Orgasmen entstehen fast nie in diesem Wettlauf. Sie entstehen dort wo zwei Menschen langsamer werden, wo eine Berührung sanft genug ist um wirklich gespürt zu werden und wo beide sich so sicher fühlen, dass sie loslassen können.
Sanftheit ist dabei kein Gegensatz zu Intensität, sondern oft ihr Anfang. Leidenschaft darf kraftvoll und fest sein, aber die Kraft, die einen ganzen Körper zum Beben bringt, wächst aus Verbindung und nicht aus Steigerung. Um zu verstehen warum, lohnt sich ein Blick darauf, wie Lust in unserem Nervensystem überhaupt entsteht.
Erst der Kontext, dann die Technik
Die Sexualforscherin Emily Nagoski beschreibt die Lust mit einem Bild, das ich seitdem nicht mehr vergessen habe. Unser Nervensystem hat ein Gaspedal und eine Bremse. Das Gaspedal reagiert auf alles was erregt, die Berührung, den Geruch und den Blick. Die Bremse reagiert auf alles was dagegen spricht, auf Stress, Scham, Leistungsdruck und das Gefühl nicht sicher zu sein. Die meisten Menschen versuchen mehr Gas zu geben, wenn die Lust ausbleibt. Doch in Wahrheit steht fast immer irgendwo ein Fuß auf der Bremse.
Für intensive Orgasmen gilt das umso mehr. Dieselbe Berührung kann an einem entspannten Abend überwältigend sein und an einem gestressten Abend fast nichts auslösen. Der Psychologe David Schnarch hat dafür ein schönes Modell beschrieben. Damit ein Körper reagiert, muss die gesamte Stimulation eine Schwelle überschreiten, und diese Stimulation setzt sich aus zwei Quellen zusammen. Die eine ist körperlich, die andere ist seelisch, also Vertrauen, Bedeutung und das Gefühl wirklich gemeint zu sein. Wer die seelische Seite stärkt, braucht für dieselbe Tiefe viel weniger Technik.
Was mit einem tiefen Orgasmus gemeint ist
Die meisten Gespräche über den weiblichen Orgasmus drehen sich um die Klitoris, und das ist gut so, denn für viele Frauen ist sie der wichtigste Weg. Seltener spricht man über eine andere Erfahrung, die manche Frauen als Gebärmutterorgasmus oder tiefen Orgasmus beschreiben. Die Forscher Josephine und Irving Singer unterschieden schon 1972 zwischen einem eher äußeren Orgasmus, einem tiefen Orgasmus der durch Druck im Inneren und am Muttermund entsteht, und einer Mischform aus beiden. Frauen, die den tiefen Orgasmus erleben, beschreiben ihn oft als weiter, wellenartiger und emotionaler, mit einem Beben das durch den ganzen Körper zieht.
Die Neurowissenschaftler Barry Komisaruk und Beverly Whipple haben gezeigt, dass Muttermund und Gebärmutter über eigene Nervenbahnen mit dem Gehirn verbunden sind, teilweise sogar über den Vagusnerv. Das könnte erklären warum diese Erfahrung sich so anders anfühlt. Ehrlich gesagt ist die Forschung dazu aber noch dünn, und nicht jede Frau erlebt so einen Orgasmus. Manche empfinden Berührung am Muttermund als unangenehm oder schmerzhaft, und das ist genauso normal. Es geht also nicht um ein Ziel, das man erreichen muss, sondern um eine Möglichkeit die sich öffnen kann.
Ein Detail ist dabei besonders wichtig. William Masters und Virginia Johnson haben beobachtet, dass sich die Scheide bei starker Erregung weitet und die Gebärmutter sich anhebt. Sie nannten das Zeltbildung. Das bedeutet dass tiefe Berührung erst angenehm werden kann, wenn die Frau wirklich erregt ist. Wer zu früh zu tief geht, erzeugt Schmerz statt Lust. Wer sich Zeit lässt, schafft im wörtlichen Sinn Raum.
Das Ziel loslassen um anzukommen
Hier liegt ein Paradox, über das ich in meinem Artikel über Paul Watzlawick geschrieben habe. Es gibt Dinge, die verschwinden sobald man sie erzwingen will. Sei spontan ist so eine Aufforderung, und komm jetzt ist eine andere. Wer beim Sex beobachtet ob der Orgasmus kommt, schaltet einen inneren Prüfer ein, und dieser Prüfer ist eine Form von Stress.
Nagoski nennt den Orgasmus deshalb einen fantastischen Bonus. Er ist wunderbar wenn er kommt, aber er ist nicht der Maßstab dafür, ob eine Begegnung gelungen ist. Gerade die überwältigenden Orgasmen entstehen fast nie dort wo man sie jagt. Sie entstehen dort wo zwei Menschen so tief in der Empfindung sind, dass sie vergessen etwas erreichen zu wollen. Nagoski vergleicht das mit einem Schwarm Stare am Abendhimmel, der die schönsten Formen bildet, weil kein einzelner Vogel ihn lenkt.
Nähe als Verstärker
Schnarch hat in seiner Arbeit mit Paaren etwas entdeckt, das viele zunächst irritiert. Die intensivsten Erfahrungen entstehen oft dann, wenn zwei Menschen sich in den intensivsten Momenten in die Augen sehen. Mit geschlossenen Augen kann man sich in Fantasien zurückziehen und den anderen ausblenden. Mit offenen Augen zeigt man sich, man wird in der Lust gesehen und sieht den anderen in derselben Hingabe. Viele Paare erleben dadurch eine Tiefe, die mit Technik allein nie erreichbar wäre.
Dazu kommt Halt. Ein Körper, der sich sicher gehalten fühlt, kann loslassen. Ein Körper, der sich beobachtet oder allein fühlt, hält fest. Deshalb beginne ich jede intime Begegnung inzwischen gern mit einer langen Umarmung, im Stehen und ohne Worte, bis sich der Atem beider beruhigt. Schnarch nennt das Umarmen bis zur Entspannung. Was danach kommt, fühlt sich anders an.
Eine Haltung, die Tiefe, Langsamkeit und Halt verbindet
Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich eine Haltung beschreiben, die genau diese Elemente zusammenbringt. Sie ist eine Variante der klassischen Stellung von Angesicht zu Angesicht. Die Frau liegt auf dem Rücken und zieht ihre Beine weit an, so dass ihre Oberschenkel fast die Waden berühren und die Knie Richtung Brust zeigen. Ein Kissen unter dem Becken kann helfen, den Winkel angenehm zu machen. Der Mann beugt sich weit nach vorn, sodass sich die Oberkörper nahe sind, und umarmt sie mit beiden Armen. So entsteht eine Haltung, in der beide eng umschlungen sind und die Bewegungen tief, langsam und fest werden können. Warum wirkt diese Haltung so stark? Weil sie drei Dinge gleichzeitig ermöglicht. Sie erlaubt eine Tiefe, bei der die inneren Bereiche erreicht werden, die für den tiefen Orgasmus wichtig sind. Sie hält beide in einer Umarmung, in der sich die Frau gehalten und nicht nur genommen fühlt. Und sie bringt die Gesichter so nah zusammen, dass Blick, Atem und Stimme des anderen Teil der Erfahrung werden.
Entscheidend ist dabei das Wie. Tief heißt nicht hart und fest heißt nicht schnell. Die Bewegungen sind langsam, bewusst und satt, eher ein Drücken und Verweilen als ein schnelles Stoßen. Die Frau steuert dabei die Tiefe, indem sie ihre Beine etwas öffnet oder schließt und ihn mit den Händen näher zieht oder bremst. Gerade weil diese Haltung so tief geht, braucht sie die Erregung vorher, also lange Zärtlichkeit und Zeit, damit sich der Körper öffnen kann. Und sie braucht eine klare Absprache. Viele Paare vereinbaren ein einfaches Ampelsystem, mit einem Wort für langsamer und einem für stopp. Wenn etwas wehtut, ist das kein Zeichen dafür dass man durchhalten muss, sondern ein Signal das sofort gilt. Betty Martin hat dafür eine Frage formuliert, die ich jedem Paar ans Herz lege: Für wen ist das gerade? Wenn die Tiefe aus der Lust beider entsteht, kann sie überwältigend sein. Wenn einer sie nur erträgt, damit der andere zufrieden ist, verliert sie alles was sie besonders macht.
Wellen statt Gipfel
Der vielleicht wichtigste Schlüssel zu Orgasmen, die den ganzen Körper erfassen, kommt aus der tantrischen Tradition, die Margot Anand für westliche Paare übersetzt hat. Statt die Erregung so schnell wie möglich zum Höhepunkt zu treiben, lässt man sie steigen, hält sie und lässt sie wieder etwas sinken. Dann steigt sie erneut. Mit jeder Welle wird die Erregung breiter und tiefer, bis sie sich nicht mehr nur im Becken sammelt, sondern im ganzen Körper.
Der Atem ist dabei das wichtigste Werkzeug. Ein tiefer, langsamer Atem verteilt die Erregung, ein schneller Atem steigert sie. Wer in den intensiven Momenten bewusst lang ausatmet und den Beckenboden locker lässt, gibt der Welle Raum. Und auch die Stimme gehört dazu. Viele Menschen unterdrücken ihre Laute aus Scham, und gerade dadurch bleibt die Erregung im Körper stecken. Ein Seufzen, ein Stöhnen oder ein Lachen öffnet etwas, das kein Gedanke öffnen kann.
Was danach kommt
Nach einem tiefen Orgasmus zittern viele Körper noch lange nach. Manche Frauen weinen, manche lachen und manche sind für eine Weile ganz still. Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Es ist ein Körper, der sehr viel Spannung losgelassen hat. Gerade dieser Moment braucht Halt, also eine Decke, eine Hand auf dem Rücken, ein Glas Wasser und keine Eile. Wer diese Minuten gemeinsam verbringt, statt sofort aufzustehen, verankert die Erfahrung tiefer als jede Technik es könnte.
Vom Verstehen zum Verkörpern
Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:
Beginnt mit einer langen Umarmung. Bleibt im Stehen und ohne Worte, bis sich Euer Atem beruhigt hat, bevor irgendetwas anderes geschieht.
Gebt der Erregung Zeit. Plant für die Zärtlichkeit vor der Vereinigung mindestens doppelt so viel Zeit ein wie sonst.
Vereinbart Eure Ampel. Ein Wort für langsamer und eins für stopp, das immer sofort gilt und für das man sich bedankt.
Reitet die Wellen. Lasst die Erregung bewusst steigen und wieder sinken, mit langen Atemzügen und ohne Ziel.
Lasst die Augen offen. Schaut Euch in den intensivsten Momenten an, zuerst nur für einige Atemzüge und später länger.
Ein überwältigender Orgasmus ist kein Kunststück, das man einübt, sondern ein Geschenk das zwei Menschen sich machen können, wenn sie sich sicher genug fühlen um loszulassen. Wer die Bremse löst, sich Zeit nimmt und dem anderen dabei in die Augen sieht, hat schon mehr getan als jede Technik. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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