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Sich fallen lassen dürfen

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
9. Okt.
7 Min. Lesezeit

Hingabe ist kein Aufgeben, sondern die freieste Entscheidung die ein Mensch in der Liebe treffen kann.


Diesen Artikel schreibe ich als Mann, und ich möchte das gleich am Anfang offen sagen. Ich kann nicht von innen wissen wie sich weibliche Lust anfühlt. Was ich kann, ist zuhören. Den Frauen in meinen Trainings und in meinem Leben, und den Forscherinnen, die sich diesem Thema mit großer Sorgfalt gewidmet haben. Allen voran Emily Nagoski, Betty Martin, Esther Perel und Margot Anand, deren Bücher ich für mein Werk Die Architektur der Intimität durchgearbeitet habe. Vieles von dem was ich hier schreibe, stammt von ihnen. Nach meinem Artikel über Männer, die länger und tiefer erleben wollen, geht es heute um Frauen. Darum, wie Du mehr spüren und Dich tiefer hingeben kannst. Und darum, warum das weniger mit Technik zu tun hat als mit Sicherheit, Erlaubnis und einem freundlicheren Blick auf Dich selbst.


Du bist normal


Wenn es einen Satz gibt, den Emily Nagoski allen Frauen mitgeben möchte, dann diesen: Du bist normal. Sie hat viele Jahre am Kinsey Institute geforscht und unzähligen Frauen zugehört, die glaubten mit ihrer Lust stimme etwas nicht. Weil sie nicht ständig Lust haben, weil sie beim Sex an den Einkauf denken oder weil sie beim Geschlechtsverkehr allein selten zum Höhepunkt kommen. Fast immer stellte sich heraus, dass nicht ihre Körper falsch waren, sondern die Vorstellungen davon, wie weibliche Lust angeblich funktionieren sollte.


Eine dieser Vorstellungen sitzt besonders tief. Viele Frauen glauben dass Lust wie ein Hunger von innen kommen müsste. Doch nach Nagoskis Schätzung erlebt nur ein kleiner Teil der Frauen vor allem spontanes Verlangen, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht. Viele Frauen erleben ein Verlangen, das erst im Kontakt erwacht, also wenn sie schon geküsst und berührt werden. Die Sexualtherapeutin Rosemary Basson hat dafür ein Modell entwickelt, in dem viele Frauen nicht aus Lust beginnen, sondern aus Bereitschaft, und die Lust erst unterwegs entsteht. Das ist kein Mangel. Es ist eine andere Art zu begehren und genauso gesund.


Erst die Bremse, dann das Gas


Nagoski beschreibt die Lust mit dem Bild von Gaspedal und Bremse. Das Gaspedal reagiert auf alles was erregt. Die Bremse reagiert auf alles was dagegen spricht, auf Stress, Müdigkeit, Scham, Sorgen um den eigenen Körper, ungelöste Konflikte und das Gefühl nicht sicher zu sein. Bei vielen Frauen ist die Bremse empfindlicher als das Gaspedal, und das ist schlicht eine Frage der Persönlichkeit. Wer dann versucht mehr Gas zu geben, mit neuen Techniken oder mehr Reizen, erlebt oft wenig. Denn ein Auto, bei dem beide Pedale gedrückt sind, bewegt sich kaum.


Deshalb lautet die wichtigste Frage für mehr Spüren nicht Was erregt mich?, sondern Was bremst mich gerade? Bei vielen Frauen ist es die gedankliche Liste von Dingen, die noch erledigt werden müssen. Bei anderen ist es der Stress des Tages, der noch im Körper sitzt. Nagoski empfiehlt diesen Stress bewusst abzuschließen, bevor man Nähe sucht. Bewegung bis man ins tiefe Atmen kommt, ein ehrliches Lachen, auch Weinen oder eine lange Umarmung von etwa zwanzig Sekunden. Der Körper braucht das Signal, dass die Gefahr des Tages vorüber ist. Erst dann kann er sich öffnen.


Der Blick von außen


Masters und Johnson haben schon in den Sechzigerjahren ein Phänomen beschrieben, das viele Frauen sofort wiedererkennen. Während der Liebe tritt ein Teil von einem selbst innerlich einen Schritt zurück und beobachtet. Wie sehe ich gerade aus? Ist mein Bauch zu sehen? Bin ich feucht genug? Dauert es zu lange? Dieser innere Beobachter ist eine der stärksten Bremsen überhaupt, denn jede Bewertung ist für das Nervensystem eine kleine Bedrohung.


Nagoski zeigt, dass Selbstkritik am eigenen Körper wie Stress wirkt und Stress die Lust dämpft. Deshalb ist ein freundlicher Blick auf den eigenen Körper keine Wellnessfrage, sondern eine direkte Voraussetzung für mehr Spüren. Die Psychologin Kristin Neff spricht von Selbstmitgefühl, also mit sich so freundlich umzugehen wie mit einer guten Freundin. Wenn der kritische Gedanke kommt, kannst Du ihn bemerken und Dich innerlich fragen, was Du einer Freundin in diesem Moment sagen würdest. Der Gedanke verschwindet dadurch nicht sofort, aber er verliert seine Macht.


Körper und Erleben sind zwei Kanäle


Ein Befund aus der Forschung von Meredith Chivers hat vielen Frauen große Erleichterung gebracht. Bei Frauen stimmen die körperliche Reaktion und das eigene Erleben von Erregung oft nicht überein. Eine Frau kann feucht werden ohne sich erregt zu fühlen, und sie kann sich sehr erregt fühlen ohne dass ihr Körper deutlich reagiert. Das ist völlig normal. Für Dich bedeutet das zweierlei. Wenn Dein Körper nicht so reagiert wie Du es erwartest, stimmt nichts mit Dir nicht. Gleitgel ist kein Zeichen von Mangel, sondern ein einfaches Hilfsmittel. Und für Deinen Partner bedeutet es, dass er auf Deine Worte und Dein Verhalten hören sollte statt auf die Reaktion Deines Körpers. Deine Lust ist das was Du erlebst und nicht das was man von außen sieht.


Den eigenen Körper kennenlernen


Viele Frauen haben ihren eigenen Körper nie ohne Scham erkunden dürfen. Die Klitoris ist dabei weit größer als das, was von außen sichtbar ist. Sie reicht mit ihren Schenkeln und Schwellkörpern tief in den Körper hinein. Für die meisten Frauen ist sie der wichtigste Weg zum Orgasmus, und Untersuchungen zeigen, dass Frauen beim Geschlechtsverkehr allein deutlich seltener zum Höhepunkt kommen als Männer. Das liegt nicht an den Frauen, sondern daran, dass das übliche Drehbuch von Sex oft an ihrem Körper vorbeigeht.


Margot Anand nennt die Selbstberührung ein Ritual der Selbstliebe. Gemeint ist, sich selbst langsam und ohne Ziel zu entdecken, mit Zeit, in einem schönen Raum und mit der Frage was sich gut anfühlt, statt mit der Frage ob man schnell genug ankommt. Wer weiß wie der eigene Körper reagiert, kann es auch zeigen. Und viele Paare erleben es als großen Vertrauensbeweis, wenn eine Frau ihrem Partner zeigt wie sie sich selbst berührt.


Wissen was Du willst


Betty Martin hat in ihrem Modell der vier Quadranten etwas formuliert, das ich für einen der wichtigsten Schlüssel zur Hingabe halte. Empfangen beruht auf dem eigenen Wunsch und Geben beruht auf den eigenen Grenzen. Viele Frauen haben gelernt, vor allem auf die Wünsche der anderen zu achten. Sie wissen genau was ihr Partner mag und haben nie gelernt zu fragen was sie selbst wollen. Dann geschieht etwas, das Martin Mitmachen nennt. Man lässt geschehen ohne es wirklich zu wollen, und ein leises Unbehagen begleitet die Begegnung.


Hingabe beginnt deshalb paradoxerweise beim Nein. Erst wenn Du weißt dass Du jederzeit nein sagen kannst und dass dieses Nein respektiert wird, kannst Du wirklich ja sagen. Ein klares Ja öffnet den Körper ganz anders als ein stilles Erdulden. Martin empfiehlt dafür eine einfache Übung. Frage Dich im Alltag mehrmals am Tag, was Du in diesem Moment wirklich willst, auch bei kleinen Dingen. Der eigene Wunsch ist wie ein Muskel, der durch Übung kräftiger wird.


Die Erlaubnis bei sich zu sein


Esther Perel beschreibt einen Gedanken, der viele Frauen tief berührt. Lust verlangt ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit. Um wirklich zu spüren, musst Du Dir erlauben, für einen Moment ganz bei Dir zu sein, ohne Dich um den anderen zu sorgen. Viele Frauen können das nur schwer, besonders wenn sie früh gelernt haben für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein. Sie geben, sie achten auf den Partner, sie fragen sich ob es ihm gefällt, und bleiben dabei selbst am Rand ihrer eigenen Erfahrung. Perel nennt das eine erotische Blaupause. Die Art wie wir als Kinder geliebt wurden, prägt wie wir lieben und wie wir uns fallen lassen können. Es kann sehr heilsam sein, die eigene Blaupause zu kennen und dem Partner davon zu erzählen. Dann weiß er warum Du manchmal zögerst, und er kann Dir helfen, Dir selbst die Erlaubnis zu geben.


Hingabe ist kein Aufgeben


Das Wort Hingabe klingt für manche Frauen nach Unterwerfung, und ich verstehe diese Sorge. Doch Hingabe im Sinne dieser Bücher ist das Gegenteil. Sie ist eine aktive, freie Entscheidung, sich einer Erfahrung zu öffnen, weil man sich sicher genug fühlt. Betty Martin nennt sie Gewähren und beschreibt sie als großzügigen, bewussten Akt innerhalb klarer Grenzen. Perel zeigt, dass gerade starke, selbstbestimmte Frauen sich in der Erotik oft danach sehnen, einmal die Kontrolle abzugeben. Nicht weil sie schwach sind, sondern weil sie im Alltag so viel tragen. Die Sicherheit der Beziehung ermöglicht das Risiko der Hingabe. Wer weiß dass sie gehalten wird, kann loslassen. Wer weiß dass ein einziges Wort genügt um alles zu stoppen, kann sich tiefer fallen lassen als je zuvor.


Atem, Stimme und Wellen


Margot Anand beschreibt drei einfache Werkzeuge, die das Spüren vertiefen. Der erste ist der Atem. Viele Frauen halten in intensiven Momenten unbewusst die Luft an. Ein tiefer Atem in den Bauch mit einem langen, weichen Ausatmen verteilt die Erregung im ganzen Körper. Der zweite ist die Stimme. Laute zu unterdrücken hält die Erregung im Körper fest, ein Seufzen oder Stöhnen öffnet etwas, das kein Gedanke öffnen kann. Der dritte ist das Spiel mit dem Beckenboden, das sanfte Anspannen und Lösen, das die Wahrnehmung schärft. Dazu kommt das Prinzip der Wellen. Statt die Erregung zum Höhepunkt zu treiben, lass sie steigen, verweile und lass sie wieder etwas sinken. Mit jeder Welle wird sie breiter. Und vergiss dabei das Ziel. Nagoski nennt den Orgasmus einen fantastischen Bonus, nicht den Maßstab. Gerade die tiefsten Höhepunkte kommen oft dann, wenn Du aufhörst sie zu suchen.


Vom Verstehen zum Verkörpern


Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:


  • Finde Deine Bremsen. Schreib eine Woche lang abends auf, was Dich an diesem Tag verschlossen hat und was Dich geöffnet hat.

  • Schließe den Tag ab. Bevor Du Nähe suchst, beende den Stress des Tages mit Bewegung, einem langen Bad oder einer Umarmung von zwanzig Sekunden.

  • Sei freundlich zu Deinem Körper. Wenn der kritische Gedanke kommt, frag Dich was Du einer Freundin in diesem Moment sagen würdest.

  • Übe Deinen Wunsch. Frag Dich mehrmals am Tag was Du gerade wirklich willst, und sag es bei einer Kleinigkeit auch laut.

  • Lass Deinen Atem fließen. Achte beim nächsten Mal darauf, ob Du die Luft anhältst, und lass stattdessen lange und hörbar ausatmen.


Mehr spüren beginnt nicht im Bett, sondern in der Erlaubnis, die Du Dir selbst gibst. Die Erlaubnis zu wollen, nein zu sagen, bei Dir zu sein und Dich in Deinem eigenen Tempo zu öffnen. Wer sich sicher fühlt, kann sich fallen lassen. Und wer sich fallen lassen darf, entdeckt oft eine Tiefe, die sie lange gesucht hat. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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