Dating-Apps: Das Casino in Deiner Hosentasche

Wir haben so viele Möglichkeiten wie nie zuvor und verlernen dabei das was eine Beziehung trägt.
In meinen Einzeltrainings erzählen mir Menschen immer öfter von derselben Müdigkeit. Der eine hat dreihundert Profile auf seinem Handy und kein einziges echtes Treffen, die andere hatte zehn Dates in zwei Monaten und hat sich bei keinem wirklich gemeint gefühlt. Beide wischen abends weiter, obwohl sie längst spüren dass es ihnen nicht guttut. Ich glaube nicht dass wir Menschen unfähig zur Liebe geworden sind. Ich glaube aber dass wir in einem Umfeld leben das uns genau die Fähigkeiten abtrainiert, die eine Beziehung braucht. Und vieles davon hat weniger mit Charakter zu tun als mit einem Mechanismus, den die Suchtforschung sehr gut kennt. Im heutigen Artikel machen wir einmal Tabula rasa mit dem Thema Dating-Apps und der Frage: "Benutzt Du Dein Handy, oder benutzt Dein Handy Dich?".
Ein Mensch soll heute ein ganzes Dorf ersetzen
Die Paartherapeutin Esther Perel hat einen Gedanken formuliert der mich seit Langem begleitet. Früher hat ein ganzes Dorf einem Menschen Halt, Sinn und Zugehörigkeit gegeben. Heute erwarten wir all das von einem einzigen Menschen und zusätzlich soll er unser bester Freund, unser Berater und unser leidenschaftlicher Liebhaber sein. Kein Mensch kann dieses Gewicht dauerhaft tragen und viele Beziehungen zerbrechen nicht an zu wenig Liebe, sondern an zu vielen Erwartungen. Für viele Männer wiegt das noch schwerer, weil sie außerhalb der Beziehung kaum jemanden haben mit dem sie über Zweifel und Angst sprechen.
Die Lotterie in Deiner Hand
Eine Dating-App funktioniert wie ein Spielautomat. Du weißt nie wann das nächste Match kommt und genau diese Unsicherheit hält Dich am Bildschirm. Der Verhaltensforscher B. F. Skinner hat schon vor Jahrzehnten gezeigt dass Belohnungen in unregelmäßigen Abständen das hartnäckigste Verhalten erzeugen. Darauf beruhen Spielautomaten und darauf beruht auch das Wischen nach links und rechts. Die Psychologie nennt das intermittierende Verstärkung und in meinem letzten Artikel habe ich beschrieben wie stark sie uns an einen Menschen binden kann. Bei den Apps bindet sie uns nicht an einen Menschen, sondern an das Suchen selbst. Die Plattformen verdienen daran dass wir weitersuchen und nicht daran dass wir ankommen.
Dazu kommt ein Detail aus der Hirnforschung. Der Neurowissenschaftler Kent Berridge hat gezeigt dass unser Belohnungssystem zwischen Wollen und Mögen unterscheidet. Dopamin treibt vor allem das Wollen an, also die Vorfreude und das Jagen, und viel weniger den eigentlichen Genuss. Deshalb kann man eine Stunde lang wischen und sich danach leerer fühlen als vorher. Das Wollen wurde gefüttert und das Mögen ist leer ausgegangen.
Wie aus Freude eine Fixierung wird
Vielleicht kennst Du das Muster auch außerhalb der Liebe. Man entdeckt ein neues Hobby oder ein Spiel und plötzlich dreht sich das ganze Leben darum. Nach einigen Monaten ist der Reiz verflogen und man wirft sich mit derselben Wucht auf das nächste. Oft spricht man dann von einer Suchtpersönlichkeit. Eine eigene Diagnose ist das nicht und meistens steckt auch kein einzelnes Gen dahinter, sondern ein erlerntes Verhaltensmuster. Drei Dinge zeigen sich dabei immer wieder: Es fällt schwer unangenehme Gefühle auszuhalten, man handelt impulsiv ohne die langfristigen Folgen zu sehen und man wechselt von einer Fixierung zur nächsten.
Beim Dating sieht das so aus. Ein Match fühlt sich an wie ein kleiner Rausch und das Gehirn will diesen Moment sofort wiederholen. Doch es gewöhnt sich an jeden Reiz und mit jeder Wiederholung wird der Ausschlag kleiner. Aus spontaner Freude wird eine Gewohnheit und am Ende bleibt eine chronische Unzufriedenheit. Wer Höhepunkte jagt, wird mit der Gegenwart nie zufrieden sein. Genau das überträgt sich dann auf den Menschen der Dir beim Date gegenübersitzt. Er wirkt neben dem nächsten möglichen Match plötzlich gewöhnlich, obwohl er vielleicht genau der ist mit dem etwas Echtes wachsen könnte.
Der Kreislauf der Sucht
Hinter all dem steht ein Kreislauf, den ich in vielen Lebensbereichen wiederfinde. Am Anfang steht ein unangenehmes Gefühl, etwa Einsamkeit oder eine Kränkung. Statt es zu fühlen greifen wir zum Handy und suchen etwas das uns schnell besser fühlen lässt. Die kleine Freude wird zur Gewohnheit und mit der Zeit sinkt unsere Fähigkeit Unbehagen auszuhalten. Irgendwann bringt auch das Wischen keine Freude mehr und wir fühlen uns schlechter als vorher. Dann beginnt der Kreis von vorn.
Oft liest man dass jedes Nachgeben die Stirnlappen und damit die Willenskraft schwächt. Das ist vereinfacht, denn das Gehirn ist kein Muskel der einfach verkümmert. Wahr ist aber dass wir trainieren was wir wiederholen. Wer jedem Impuls sofort folgt, macht die Bahn zwischen Reiz und Handlung jeden Tag ein wenig breiter und den Raum dazwischen ein wenig schmaler. Genau in diesem Raum liegt unsere Freiheit.
Der gesunde Kreislauf
Es gibt einen anderen Kreislauf und er beginnt an derselben Stelle. Auch hier fühlt man sich schlecht. Doch statt sofort zu fliehen lernt man das Gefühl eine Weile auszuhalten, ohne es wegmachen zu müssen. Im Zen nennen wir das Sitzen mit dem was ist. Dann kann man Schönes wieder spontan genießen und es danach vorüberziehen lassen wie eine Wolke am Himmel. Man kümmert sich um das eigentliche Problem, ohne an einem bestimmten Ergebnis zu kleben. Und mit der Zeit lernt man das Gute und das Schwere im gegenwärtigen Moment gleichermaßen zu würdigen.
Eine Grenze ist mir dabei wichtig. Es geht nicht darum inneren Frieden in einer missbräuchlichen Beziehung oder einem zerstörerischen Job zu finden. Oft bleiben Menschen gerade deshalb in solchen Situationen, weil ihre Süchte ihnen erlauben vor der Gegenwart zu fliehen. Gemeint ist ein innerer Frieden der Dich klar genug macht um zu handeln, ganz gleich wie es ausgeht. In der Tradition nennt man das Handeln ohne Anhaftung.
Was die YouTuberin Jonna ehrlich ausspricht
Vor Kurzem habe ich ein Video der YouTuberin Jonna gesehen, das mich beeindruckt hat. Sie richtet den Blick zuerst auf ihr eigenes Geschlecht und beschreibt wie viele Frauen ihr Bild einer gesunden Beziehung aus Social Media beziehen. Dort ist ein Mann scheinbar nur dann gut wenn er jede Woche Blumen bringt und jedes Date plant. Sie kritisiert dass Beziehungen inszeniert werden um andere neidisch zu machen und dass jeder Ex nach der Trennung plötzlich ein Narzisst ist. Und sie wünscht sich dass Frauen ihre Bedürfnisse aussprechen, statt ein Video zu teilen und zu hoffen dass der Mann es versteht.
Das ist stark, weil sie nicht zuerst mit dem Finger auf die anderen zeigt. An zwei Stellen würde ich sie ergänzen. Sie sagt dass man sich auf Gefühle nicht verlassen darf und ich sehe das anders: Gefühle sind keine Befehle, aber sie sind Informationen. Und wenn sie davon spricht dass eine Frau mit Mitte dreißig auf dem Datingmarkt an Wert verliert, übernimmt sie genau die Logik der Apps die sie eigentlich kritisiert. Menschen sind keine Währung.
Der Spiegel für uns Männer
Ihr Mut verdient eine Antwort in derselben Haltung. Was für manche Frauen die Videos über toxische Männer sind, ist für viele Männer der Strom aus Red-Pill-Inhalten. Dort lernen wir dass Frauen berechnend sind und Liebe ein Tauschgeschäft ist. Wer das jeden Tag hört, geht mit erhobenem Schild in jede Begegnung und mit erhobenem Schild kann man niemanden umarmen.
Auch wir inszenieren uns, mit Muskeln, Uhren und Geld. Dahinter steckt oft die leise Überzeugung erst ab einem bestimmten Status liebenswert zu sein. Viele von uns haben ihr Bild von Sexualität aus Pornos gelernt, die nach demselben Prinzip funktionieren wie die Apps: immer neue Reize und immer weniger echte Begegnung. Und auch wir behalten Optionen, wir daten eine Frau so lange bis sich etwas Besseres ergibt und nennen unser Schweigen im Konflikt Stärke. Der Paartherapeut David Schnarch hat dazu eine Beobachtung gemacht die mir immer wieder einfällt: Wer sich selbst nicht steuern kann, versucht die anderen zu steuern.
Was uns wieder beziehungsfähig macht
Beziehungsfähigkeit ist keine Eigenschaft mit der man geboren wird oder eben nicht. Sie ist eine Sammlung von Fähigkeiten und jede davon lässt sich üben:
Die erste ist Unbehagen auszuhalten. Wer die Einsamkeit am Sonntagabend eine Weile fühlen kann, muss sie nicht sofort mit dem nächsten Match betäuben.
Die zweite ist bei Dir zu bleiben, auch wenn Dich ein Mensch sehr berührt. Du kannst Dich selbst beruhigen, statt vom anderen zu verlangen dass er Dich beruhigt.
Die dritte ist Deine Wünsche auszusprechen. Nicht über einen Post und nicht über Schweigen, sondern in einem ehrlichen Satz von Angesicht zu Angesicht.
Die vierte ist Dein eigenes Dorf zu bauen. Freunde mit denen Du wirklich sprichst, eine Aufgabe die Dich erfüllt und vielleicht ein Mentor der Dir Werte vorlebt und Dich trotzdem Deine eigenen finden lässt. Wer ein eigenes Dorf hat, braucht keinen Partner der alles für ihn sein muss.
Vom Verstehen zum Verkörpern
Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:
Die Zehn-Minuten-Regel. Wenn der Impuls kommt das Handy zu nehmen, warte zehn Minuten und frag Dich was Du gerade eigentlich fühlst.
Feste Zeiten für die App. Öffne sie höchstens einmal am Tag für eine Viertelstunde und nie im Bett.
Schreib weniger und triff früher. Schreib mit wenigen Menschen und schlage früh ein echtes Treffen vor.
Mach eine Diät der Bilder. Entferne aus Deinen Feeds alles was Dich regelmäßig misstrauisch, neidisch oder verbittert zurücklässt.
Ruf einen Freund an. Nicht um etwas zu klären, sondern um ihm zu erzählen wie es Dir wirklich geht.
Die Liebe ist nicht zerstört worden. Sie ist nur leiser geworden zwischen all den Bildschirmen und wartet darauf dass wir wieder hinhören. Wer das lernt, braucht kein Casino mehr und vielleicht auch sein Smartphone ein bisschen weniger. Mein Vater sprach einmal von der Gesellschaft mit dem gesenkten Blick und verglich uns mit Menschen in einer Kirche, die den Kopf zum Gebet neigen. Ich finde das Bild trifft es genau. Wir verneigen uns täglich vor einem kleinen leuchtenden Altar und fragen selten wer uns dort eigentlich einreden will was wir brauchen. Vielleicht beginnt echte Nähe genau in dem Moment, in dem wir den Blick wieder heben und einem Menschen in die Augen schauen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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