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Der Unterschied, der einen Unterschied macht

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 3 Tagen
12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden

Gregory Bateson und warum die meisten Missverständnisse nicht im Inhalt entstehen, sondern im Rahmen.


Vor ein paar Wochen saß ich über den Texten von Gregory Bateson und merkte irgendwann, dass in mir gerade ziemlich viel in Bewegung geriet. Ich halte mich für jemanden, der gut kommunizieren kann. Ich erzähle gern Geschichten und vermittle Wissen in Trainings, und auch mit Freunden oder in Beziehungen bleibt es bei mir meistens leicht. Trotzdem erkannte ich beim Lesen blinde Flecken in meiner eigenen Kommunikation und zwar ziemlich große. Sie lagen nicht im Inhalt dessen was ich sage, sondern in etwas das ich selten bewusst mitgesendet habe: dem Rahmen. Denke ich gerade laut oder entscheide ich etwas? Bitte ich oder spiele ich? Mein Gegenüber wusste es oft nicht und manchmal wusste ich es selbst nicht. Seitdem stelle ich mir vor wichtigen Sätzen eine kleine Frage, und sie hat in meinem Alltag erstaunlich viel einfacher gemacht. Bateson war Biologe und Anthropologe und hat als Kommunikationsforscher Gedanken hinterlassen, die in fast allem stecken was wir heute über Kommunikation lehren. Watzlawick, das NLP und die systemische Therapie bauen auf ihm auf. Und auch einige Ansätze von Alfred Korzybski aus dem letzten Artikel fließen in die Arbeit von Gregory Batesons ein. Heute schauen wir uns an, was er herausgefunden hat und wie Du es im Alltag nutzen kannst.


Ein Leben zwischen den Fächern


Gregory Bateson wurde 1904 in der Nähe von Cambridge geboren und starb 1980 in San Francisco. Sein Vater William Bateson war der Biologe, der das Wort Genetik geprägt hat. Der Sohn studierte zunächst Naturwissenschaften und wechselte dann zur Anthropologie. Er forschte bei einem Volk am Sepik-Fluss in Neuguinea und mit Margaret Mead auf Bali. Nach dem Krieg gehörte er zu dem Kreis von Wissenschaftlern, aus dem die Kybernetik hervorging, und später untersuchte er sogar die Kommunikation von Delfinen. In Palo Alto leitete er von 1952 bis 1962 ein Forschungsprojekt, aus dem 1956 die Theorie der Doppelbindung hervorging. Paul Watzlawick kam erst 1960 an das Mental Research Institute in Palo Alto und baute diese Gedanken später zu seiner Pragmatik der Kommunikation aus.


1972 erschien Batesons Aufsatzsammlung Ökologie des Geistes. Ökologie ist die Lehre von den Wechselbeziehungen. So wie sich kein Lebewesen ohne das Netz verstehen lässt in dem es lebt, so lässt sich für Bateson auch kein Gedanke und keine Gewohnheit ohne ihren Zusammenhang verstehen. Ein Satz begleitet mich seitdem in fast jedem Training. Bateson fragt nicht wer schuld ist. Er fragt welches Muster sich hier selbst am Leben hält.


Kräfte und Unterschiede


Bateson unterscheidet zwei Welten und die Begriffe dafür hat er von C. G. Jung übernommen. Die erste nennt er Pleroma, die Welt der Kräfte und Stöße. Wenn eine Billardkugel eine andere trifft, entscheidet die Energie des Stoßes darüber was passiert. Masse, Geschwindigkeit und Winkel lassen sich berechnen und Bedeutung spielt dabei keine Rolle. Die zweite Welt nennt er Kreatura, die Welt der Unterschiede. Tritt man einen Hund, so bewegt er sich nicht mit der Energie des Tritts, sondern mit seiner eigenen. Ob er wegläuft, knurrt oder zurückspringt, hängt davon ab wie er den Tritt deutet. Im Park beim Spielen mit seinem Menschen ist ein Zupfen an der Pfote eine Einladung. Am Gartenzaun und durch einen Fremden ist dieselbe Bewegung eine Bedrohung.


Kommunikation gehört vollständig in diese zweite Welt. Und das hat eine Folge, die ich in Trainings immer wieder erlebe. Eine Führungskraft sagt: "Ich habe es doch dreimal gesagt." Sie behandelt Kommunikation wie Billard und glaubt, dass mehr Nachdruck mehr Wirkung erzeugt. In der Kreatura ist das dritte Mal aber kein stärkerer Stoß. Es ist ein neuer Unterschied, den die anderen deuten. Vielleicht hören sie darin gar nicht die Botschaft selbst, sondern etwas ganz anderes: Er traut uns nicht. Daraus folgt Batesons wohl berühmtester Satz. Information ist kein Ding, sondern ein Unterschied der einen Unterschied macht. Was gleich bleibt, teilt nichts mit. Das Summen des Kühlschranks hörst Du erst, wenn es aufhört. Und auch das was nicht geschieht ist Information. Die Mail auf die keine Antwort kommt sagt manchmal mehr als jede Antwort. Genauso das Schweigen nach einer Frage im Meeting oder der Gruß, der plötzlich ausbleibt. In der Welt der Bedeutung ist das Wichtigste im Raum selten das Lauteste.


Jede Botschaft hat zwei Etagen


Jetzt wird es etwas anspruchsvoller. Lies hier gern etwas langsamer, denn dieser Gedanke war für mich der Schlüssel. Bateson übernahm von Bertrand Russell eine Idee aus der Logik. Eine Klasse ist nie ein Mitglied ihrer selbst. Die Klasse aller Stühle ist kein Stuhl und die Speisekarte ist nicht das Essen. Übertragen auf Kommunikation heißt das: Jede Mitteilung enthält einen Inhalt und gleichzeitig einen Hinweis darauf, wie dieser Inhalt gemeint ist. Dieser Hinweis liegt eine Etage höher. Er steckt im Tonfall und im Blick, in der Situation und in der Beziehung. Und er ist oft mächtiger als der Inhalt, weil er entscheidet was der Inhalt überhaupt bedeutet. Entdeckt hat Bateson das im Zoo von San Francisco. Er beobachtete zwei junge Affen, die miteinander rauften und sich bissen. Beide wussten offensichtlich, dass es kein Kampf war. Dafür brauchen sie ein Signal, das bedeutet: Was jetzt kommt ist nicht so gemeint wie es aussieht. Ohne dieses Signal gäbe es kein Spiel, keine Ironie und keine Fiktion. Auch kein Necken, kein Theater und keine Hypnose.


Ein solches Signal nennt Bateson einen Rahmen. Ein Rahmen sagt zweierlei. Achte auf das was innen ist und achte nicht auf das was außen ist. Und der Rahmen selbst ist nie Teil des Bildes. Denk an ein Gemälde von einem Sturm auf See. Niemand wird nass, weil der Rahmen sagt: Hier beginnt das Bild und dort hört es auf. Im Theater stirbt jemand auf der Bühne und niemand ruft die Polizei. Und wenn ein Freund mit einem Lachen in der Stimme sagt: "Du bist wirklich unmöglich", dann hörst Du darin Zuneigung. Derselbe Satz von einem Fremden mit ernstem Gesicht wäre eine Beleidigung. Rahmen zwischen Menschen sind allerdings nicht aus Holz. Sie existieren nur, solange sie durch Worte, Verhalten und Signale bestätigt werden. Deshalb können sie verschwimmen und sich verschieben, und manchmal laufen sogar zwei davon gleichzeitig. Die meisten Verletzungen entstehen nicht durch den Inhalt, sondern durch eine Rahmenverschiebung die niemand angekündigt hat. Ein ernster Satz mitten im Spiel. Ein Scherz im falschen Moment. Eine laut gedachte Idee, die der andere als Entscheidung hört.


Eine Übung für Deinen Rahmen


Stell Dir vor wichtigen Sätzen eine einzige Frage: In welchem Rahmen sage ich das gerade?


  • Denke ich laut? Dann sag es dazu. Ich sortiere gerade nur meine Gedanken.

  • Bitte ich? Dann formuliere eine Bitte und keine Feststellung.

  • Entscheide ich? Dann sag deutlich, dass das jetzt gilt.

  • Drücke ich etwas aus? Dann sag dazu, dass Du keine Lösung brauchst und einfach gehört werden willst.

  • Spiele ich? Dann sorge dafür, dass der andere das Spiel auch erkennt.


Im Training nenne ich solche Ankündigungen Tags. Bei vertrauten Menschen braucht es sie seltener, weil sich über die Jahre ein gemeinsames Gespür gebildet hat. Bei neuen Kontakten und in Gruppen sind sie dagegen Gold wert. Und wenn Du ein Signal des anderen nicht einordnen kannst, dann frag nach. Ein: "Wie meinst Du das gerade?", ist eine der kleinsten Fragen der Kommunikation und eine der wirksamsten.


Wenn man über den Widerspruch nicht sprechen darf


Aus diesen Gedanken entstand die Theorie der Doppelbindung. Das Beispiel aus dem Aufsatz von 1956 hat mich lange beschäftigt. Ein junger Mann liegt im Krankenhaus und bekommt Besuch von seiner Mutter. Er freut sich und legt den Arm um sie, und sie versteift sich. Er zieht den Arm zurück, und sie fragt: Magst Du mich nicht mehr? Er wird rot, und sie sagt: Du musst Dich Deiner Gefühle nicht so schämen. Die Worte sagen komm her und der Körper sagt bleib weg. Jede Reaktion ist falsch. Vielleicht ist das Versteifen nur ein alter Reflex, den die Mutter selbst nicht bemerkt. Aber genau das kann der Sohn nie klären, denn über den Widerspruch wird nicht gesprochen. Bateson fasst es so zusammen: Kommunikation läuft auf mehreren Ebenen zugleich. Verwirrung entsteht, wenn die Ebenen einander widersprechen und es verboten ist den Widerspruch anzusprechen.


Ein Punkt, der oft verwechselt wird, gleich vorweg. Nicht jeder Widerspruch ist eine Doppelbindung. Es braucht eine Beziehung von der man abhängig ist und ein Muster, das sich wiederholt. Und vor allem braucht es das Verbot, über den Widerspruch zu sprechen. Zwischen zwei Erwachsenen die jederzeit gehen und reden können ist ein Widerspruch zuerst einmal nur ein Widerspruch. Im Berufsleben begegnet mir diese Struktur ständig. Wir haben eine offene Fehlerkultur steht im Leitbild, aber wer einen Fehler meldet hört im Jahresgespräch davon. Meine Tür steht immer offen wird mit einem Seufzer und einem Blick auf den Bildschirm gesagt. Übernehmt Verantwortung heißt es, und dann braucht jede Entscheidung drei Freigaben.


Die Folgen kennt jeder, der schon einmal in so einem Umfeld gearbeitet hat. Zynismus, Schweigen in Meetings und die eigentlichen Gespräche danach auf dem Flur. Die wichtigste Frage ist deshalb nicht, wie man die Menschen zu mehr Offenheit bringt. Sie lautet: Was wird hier gesagt und was wird tatsächlich belohnt? Und darf man über den Unterschied reden? Der Ausweg liegt fast immer darin Metakommunikation zu erlauben. Ein Satz den jeder lernen kann lautet: Ich nehme gerade zwei Botschaften wahr, die für mich nicht zusammenpassen. Welche hat Vorrang?


Vier Ebenen des Lernens


Für mich als Trainer war das der Gedanke, der am meisten verändert hat. Bateson unterscheidet vier Ebenen des Lernens und jede davon ist ein Lernen über die Ebene darunter.


  • Lernen 0. Ein Reiz und eine Antwort, und nichts verändert sich. Der Rauchmelder piept bei Rauch, egal wie oft.

  • Lernen 1. Auf denselben Reiz folgt eine neue Antwort. Ein Kind sagt sieben mal acht ist vierundfünfzig, wird korrigiert und sagt beim nächsten Mal sechsundfünfzig.

  • Lernen 2. Aus vielen Erfahrungen entsteht eine Prämisse darüber, was für eine Art Situation das ist. Hier entstehen Haltung, Charakter und Persönlichkeit.

  • Lernen 3. Die Prämisse selbst wird sichtbar. Aus So ist die Welt wird So habe ich gelernt die Welt zu lesen.


Lernen 2 wirkt zunächst abstrakt, deshalb ein Beispiel. Ein Kind wird über Jahre vor der Klasse vorgeführt, wenn es Fehler macht. Es lernt dabei nicht nur Rechnen. Es lernt etwas viel Größeres: Sichtbarkeit ist gefährlich. Diese Prämisse nimmt es mit ins Vorstellungsgespräch, ins Meeting und in die Partnerschaft. Und weil es sich nie meldet, macht es nie die Erfahrung, dass ein Fehler auch folgenlos bleiben kann. So bestätigt sich die Prämisse selbst. Das Tückische daran ist, dass sie sich nicht wie eine Annahme anfühlt, sondern wie die Wirklichkeit.


Lernen 2 läuft immer mit. Während ich in einem Seminar einen Inhalt vermittle, lernen die Teilnehmer gleichzeitig etwas über die Situation. Ob Fehler gefährlich sind, ob Fragen erwünscht sind und ob Lernen Freude oder Bedrohung bedeutet. Der Inhalt ist nach einiger Zeit zum Teil vergessen, das Gefühl der Erfahrung bleibt. Für mich liegt deshalb der Unterschied zwischen einem guten und einem durchschnittlichen Trainer selten im Inhalt. Er liegt im Kontext, den er herstellt.


Und noch etwas folgt daraus. Prämissen lassen sich nicht durch Argumente verändern, sondern durch Erfahrungen die ihnen widersprechen. Wenn jemand genau weiß was er tun sollte und es trotzdem nicht tut, sitzt das Problem fast immer auf Ebene 2. Dann hilft nicht die Frage, was er tun sollte. Sondern diese: Was hast Du gelernt, was passiert, wenn Du es tust? Lernen 3 ist selten und Bateson hielt es nicht für ungefährlich. Weil unser Ich aus den Prämissen von Ebene 2 besteht, steht bei dieser Veränderung das Ich selbst zur Disposition. Wer Menschen dorthin begleitet braucht deshalb Behutsamkeit und muss Halt mitliefern.


Wie Beziehungen sich aufschaukeln


Schon in Neuguinea beobachtete Bateson etwas, das er Schismogenese nannte. Das heißt so viel wie die Entstehung des Bruchs. Beziehungen erzeugen ihre eigene Steigerung und zwar auf zwei Arten.


  • Symmetrisch. Beide tun dasselbe immer mehr. Argument gegen Argument, Prahlerei gegen Prahlerei, Rückzug gegen Rückzug. Das ist das Wettrüsten vom Abendessen bis in die Weltpolitik.

  • Komplementär. Beide tun Gegensätzliches und passen gerade dadurch ineinander. Je fürsorglicher der eine wird, desto hilfloser wird der andere. Je dominanter der eine, desto unterwürfiger der andere.


Die komplementäre Form ist die gefährlichere, weil sie sich lange gut anfühlt. Sie sieht aus wie Harmonie und ist doch eine Spirale. Stabil wird eine Beziehung oft durch eine Mischung aus beiden. Ein Paar kann im Alltag die Aufgaben verteilen und bei wichtigen Entscheidungen trotzdem auf Augenhöhe bleiben. Daraus folgt eine sehr praktische Regel: Die Lösung liegt immer in der jeweils anderen Form.


Wenn zwei Kollegen sich mit Argumenten überbieten, hilft ein komplementärer Zug. Einer steigt aus dem Gleichrang aus und sagt: Erklär mir Deinen Punkt noch einmal, ich will ihn wirklich verstehen. Das ist keine Kapitulation. Die Eskalation braucht zwei gleich starke Seiten, und wenn eine aussteigt verliert sie ihren Treibstoff. Wenn dagegen in einem Paar immer derselbe tröstet, hilft ein symmetrischer Zug. Der Tröster zeigt selbst einmal Schwäche und sagt: Ich weiß gerade auch nicht weiter. Für einen Moment entsteht Augenhöhe und die festen Rollen lockern sich.


Der Geist endet nicht an der Haut


Wo verläuft die Grenze des Denkens? Bateson antwortet mit dem Bild eines Blinden, der sich mit seinem Stock den Weg ertastet. Beginnt sein Selbst am Griff des Stocks oder an der Spitze? Die Information über den Bordstein läuft durch den Stock, die Hand und das Gehirn und wieder zurück in die Bewegung. Für Bateson ist der Geist dieser ganze Kreislauf aus Person, Werkzeug, Umwelt und Rückmeldung. Und deshalb ist die Frage nach dem Schuldigen fast immer die falsche Frage.


Vielleicht erinnerst Du Dich an den Teufelskreis aus meinem Artikel über Schulz von Thun. Hier liegt eine seiner Wurzeln. Statt zu fragen wer angefangen hat, fragt Bateson: Was hält das Muster am Leben? Welche Handlung von A erzeugt welche Reaktion von B, die wiederum A bestätigt? Besonders spannend wird es dort, wo das Lösungsbemühen selbst Teil des Kreises geworden ist. Die Eltern reden auf den schweigsamen Teenager ein, und je mehr sie reden, desto mehr schweigt er. Die Führungskraft kontrolliert ein Team enger und das Team übernimmt dadurch noch weniger Verantwortung. Wer verzweifelt einschlafen will, liegt gerade deshalb wach. Mehr vom Gleichen hält das Muster stabil. Die gute Nachricht ist, dass es nur eine einzige Stelle im Kreis braucht, an der jemand etwas anderes tut.


Bateson ging noch einen Schritt weiter. Am Beispiel der Alkoholsucht beschrieb er, wie ein Mensch gegen seine Umwelt kämpft und dabei in Wahrheit gegen sich selbst kämpft. Der Trinker sagt sich: Ich habe mich im Griff. Jeder Tag ohne Alkohol ist ein Sieg und der Stolz verlangt nach einer neuen Probe. Die Probe ist das erste Glas. Der Sieg bereitet den Rückfall vor, weil die Grenze zwischen ihm und seiner Sucht falsch gezogen ist. Die Wende bringt erst das Eingeständnis der Machtlosigkeit. Und hier ist mir eine Unterscheidung wichtig, weil sie oft falsch verstanden wird. Ich schaffe das sowieso nicht ist Resignation und bleibt im selben Kampf, nur mit umgekehrtem Ergebnis. Das Eingeständnis bei Bateson ist etwas anderes. Es ist die Einsicht, dass die Frage nach Sieg oder Niederlage von Anfang an falsch gestellt war.


Eine Übung mit einem Kreis


Nimm ein Problem das Dich schon länger begleitet und zeichne es nicht als Pfeil, sondern als Kreis.


  • Erstens: Was tust Du in dieser Situation?

  • Zweitens: Was löst das beim anderen oder im System aus?

  • Drittens: Was kommt davon zu Dir zurück?

  • Viertens: Was tust Du daraufhin? Meist ist es mehr vom Gleichen.

  • Fünftens: An welcher Stelle könntest Du etwas tun, das nicht mehr vom Gleichen ist?


Spür nach, was sich verändert, wenn Du Dich als Teil des Kreises siehst. Das ist keine Schuldübernahme sondern ein Zugriff.


Das Muster, das verbindet


Zum Schluss ein Gedanke, der mich besonders berührt. Bateson stellte seinen Studenten gern eine Frage: Welches Muster verbindet den Krebs mit dem Hummer, die Orchidee mit der Primel und alle vier mit mir? Er meinte damit nicht nur die gemeinsame Abstammung. Er meinte eine Form von Beziehung, die sich in völlig verschiedenem Material wiederholt. Die Fähigkeit ein Muster in einem Feld zu erkennen und in einem anderen wiederzufinden war für ihn die Grundoperation von Erkenntnis überhaupt. Genau das nannte er Ästhetik. Nicht im Sinne von schön, sondern als die Fähigkeit Beziehungen statt Dinge wahrzunehmen.


Die Natur ist voller solcher Muster. Im Waldboden zersetzen Saprobionten das abgestorbene Laub und geben die Nährstoffe an den Kreislauf zurück. Parasiten leben auf Kosten eines Wirts, und die erfolgreichen töten ihn selten, weil sie sonst ihre eigene Lebensgrundlage zerstören. Symbionten wie die Pilze der Mykorrhiza versorgen Bäume mit Wasser und Mineralien und bekommen dafür Zucker zurück. In jedem Team findest Du dieselben Muster wieder. Es gibt Formate, die alte Konflikte verdauen und in Einsicht verwandeln. Es gibt Abläufe, die Energie abziehen ohne etwas zurückzugeben. Und es gibt Partnerschaften, in denen beide etwas geben was der andere allein nicht hätte. Wichtig ist mir dabei eines: Solche Begriffe beschreiben Muster und niemals Menschen. Ob eine Beziehung gegenseitig ist oder einseitig, hängt vom Kontext ab und kann sich verändern. Sogar die Mykorrhiza kann unter bestimmten Bedingungen für den Baum mehr kosten als sie ihm nützt.


Bateson zog daraus einen Schluss, der mich persönlich getroffen hat. Wer nur zielorientiert denkt, hat ein verzerrtes Bild von jedem lebendigen System. Er sieht nur den Teil des Kreises, der zu seinem Ziel führt. Kunst, Musik, Poesie und Liebe sind für Bateson deshalb keine Erholung vom eigentlichen Leben. Sie sind eine notwendige Korrektur. Ich habe vor kurzem angefangen Gitarre zu spielen, ohne damit irgendetwas erreichen zu wollen. Früher hätte ich das einen Ausgleich zur Arbeit genannt. Heute glaube ich, dass es eine Schule der Wahrnehmung ist.


Was diese Gedanken zusammen ergeben


Nebeneinandergelegt zeigen die Bausteine eine gemeinsame Bewegung. Pleroma und Kreatura erinnern Dich daran, dass Kommunikation kein Stoß ist, sondern ein Unterschied den der andere deutet. Der Rahmen zeigt Dir, dass jeder Satz eine zweite Botschaft darüber trägt wie er gemeint ist. Die Doppelbindung zeigt Dir, was geschieht, wenn über diese zweite Botschaft nicht gesprochen werden darf. Die Lernebenen zeigen Dir, dass Menschen in jedem Kontext mehr lernen als den Inhalt. Die Schismogenese zeigt Dir, wie Beziehungen sich selbst steigern. Und der Kreis zeigt Dir, dass Du an dem beteiligt bist was Du erlebst. Alle führen an dieselbe Stelle. Weg von der Frage wer schuld ist. Hin zu der Frage, welches Muster sich hier selbst am Leben hält.


Mich berührt dabei, wie gut Bateson und Korzybski zueinander passen. Korzybski hat gezeigt, dass die Landkarte nicht das Gebiet ist. Bateson hat gezeigt, dass die Landkarte aus Unterschieden besteht und Teil eines Kreislaufs ist, in dem sie das Gebiet mitgestaltet. In den nächsten Artikeln geht es weiter mit Noam Chomsky und Paul Watzlawick. Chomsky hat untersucht, wie aus einer tiefen Struktur die Sätze an der Oberfläche entstehen. Watzlawick hat aus Batesons Gedanken Werkzeuge für Therapie und Alltag gemacht.


Wenn Du nur eine Sache mitnimmst, dann diese Frage. Stell sie Dir immer dann, wenn ein Gespräch kippt: In welchem Rahmen haben wir gerade gesprochen und wusste der andere davon?


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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