Veränderungsstrategien nach Freud: Landschaften der Transformation
- Florian Stotz

- vor 7 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Wie Du durch das Verständnis von Komplexität und Stabilität echte Veränderung bewirkst.
Nach meiner Beschäftigung mit dem Modelling aus dem NLP, habe ich mich damals wortwörtlich auf die Jagd zur Suche nach wertvollen Fähigkeiten von bedeutenden Persönlichkeiten gemacht. Einer von diesen bedeutenden Persönlichkeiten war unter anderem Sigmund Freud. Indem ich teilweise seine Literatur und die verschiedene Bücher studieren, konnte ich mehrere essenzielle Fähigkeiten von Sigmund Freud mit Hilfe des Modelling extrahieren. Übrigens werde ich in Zukunft einen NLP-Workshop anbieten, welche Dir mit Spaß und Freude die Fähigkeit des Modellings installieren wird. Zusätzlich werde ich auf meiner Website kostenlos eine vollständige Artikelserie veröffentlichen, welche Dir die Fähigkeit des Modelling nach Leslie-Cameron Bandler sequentiell beibringen wird. Doch zunächst beschäftigen wir uns mit einer intensiven Veränderungsstrategie, welche von der Auflösung von Phobien bis hin zu tiefgreifenden Lebensübergängen unter die Arme greift.
Die Matrix der Veränderung
In meinem Selbststudium von systemischen Ansätze begegnete ich immer wieder einer bestimmten Frage: "Warum funktionieren bestimmte Interventionen bei einem Problem hervorragen, während sie bei einem anderen völlig wirkungslos verpuffen?". Die Antwort liegt dabei oft nicht in der Technik selbst, sondern in der "Landschaft" auf der Du Dich bewegst. Nach den Prinzipien der Selbstorganisationstheorie lässt sich Veränderung vor allem als ein Prozess verstehen, in dem bestehende "Attraktoren", das sind gefestigte Muster, destabilisiert werden, um Raum für eine neue Ordnung und damit eine Restabilisierung zu schaffen. Doch nicht jede Landschaft ist gleich, und der Grad des Aufwänds hängt stark vom Ausgangszsutand ab. Die zwei entscheidenden Elemente sind hierbei die Komplexität und die Stabilität.
1. Einfache und stabile Landschaften: Das Muster brechen
Unter anderem lassen sich viele Phobien als "einfach" und "stabil" charakterisieren. Sie sind einfach, weil sie eine spezifische Reaktion auf einen klaren Reiz beinhalten. Beispielsweise kann eine Spinne für einen Menschen zu einer phobischen Reaktion führen. Weiterhin ist sie stabil, weil sie absolut konsistent auftreten. Damit ist hier das Ziel die Destabilisierung. Ein klassisches Werkzeug hierfür ist die Fast Phobia Cure aus dem Modell des NLP. Dabei nimmt man einen "mentalen Film" der Angst, verändert ihn in Schwarz-Weiß und lässt ihn vom Höhepunkt der Angst aus rückwärts ablaufen. Dies destabilisiert die Starrheit der Verknüpfung so weit, dass das System offen für eine "assoziative Korrektur" wird. Damit findet das System spontan ein neues Gleichgewicht. Auch Techniken wie "Change Personal History" oder das "Swish-Pattern" arbeiten nach diesem Prinzip, denn sie brechen rigide Assoziationen auf, um den Weg für Neues frei zu machen.
2. Einfache und instabile Landschaften: Den Anker finden
Ganz anders verhält es sich jedoch bei Zuständen wie Bulimie oder manischer Depression. Hier haben wir es oft mit Instabilität zu tun. Ein manisch-depressiver Mensch schwankt zwischen polen und die Landschaft verändert sich ständig. In einem Moment scheint ein Fortschritt erzielt worden sein, während dieser im nächsten Moment wie weggewischt ist, weil sich die Landschaft verschoben hat. Hier ist eine Destabilisierung absolut fatal und das Ziel muss Stabilisierung sein. Da Techniken in instabilen Systemen oft ihre Wirkung verlieren, suchen wir stattdessen nach einem Stabilitätspunkt auf einer höheren Ebene. Beispielsweise ist das Reframing hier das Mittel der Wahl. Zunächst suchst Du nach einer positiven Absicht hinter den wechselhaften Verhaltensweisen. Diese Absicht bleibt oft stabil, auch wenn das Verhalten selbst fluktuiert. Durch diesen Fixpunkt auf einer höheren Ebene können wir eine Rückkopplungsschleife etablieren, welche dabei hilft die Ausschläge im Verhalten zu regulieren.
3. Komplexe und stabile Landschaften: Der Interventionspfad
Vor allem Zwangsstörungen oder tief sitzende Prägungen sind zwar stabil, das heißt das Muster bleibt gleich, aber meist hochgradig komplex. Ein Zwang besteht oft aus einem Geflecht von Ritualen, Gedanken und Bedingungen. Wenn man nur einen Faktor davon verändert, passen sich oft die anderen an um das Problem stabil zu halten. Hier brauchen wir also eine kritische Masse an Veränderung, anstelle einer einzelnen "Wundertechnik" ist ein Interventionspfad hier die stimmigere Wahl. Der Prozess des Re-Imprinting beispielsweise hilft dabei, diese Komplexität zu ordnen, indem er zeitliche Beziehungen und verschiedene Wahrnehmungspositionen räumlich sortiert. Damit bearbeitest Du also das ganze System von Elementen, welche die Problemsituation hervorbringen.
4. Komplexe und instabile Landschaften: Generative Prozesse
Die größte Herausforderung stellen schließlich Landschaften dar, die sowohl komplex als auch instabil sind. Hierzu zählen beispielsweise Psychosen, Traumata oder massive Lebensübergänge. Hier sind vor allem oft Identität und Überzeugungen im Wandel, während gleichzeitig neue Fähigkeiten gefordert sind. Innerhalb dieser Landschaft herrscht vor allem Chaos. In dieser Landschaft sind also starre Methoden eher nutzlos und es braucht ständige Beobachtung sowie wechselseitige Anpassung. Unter anderem können hier generative Prozesse installiert werden, welche die Selbstorganisation fördern. Techniken wie die "Integration widersprüchlicher Anteile" wie im "Six-Step-Reframing", traumaorientiere Ressourcentherapie in Verbindung mit Hypnose oder der "Belief Change Cycle" sind darauf ausgelegt, dieses hohe Maß an Komplexität zu steuern und gleichzeitig Integration herbeizuführen. Es geht nicht darum, das System zu reparieren, sondern darum einen Raum zu schaffen, in dem es sich auf einer neuen Ebene sicher und und selbst neu ordnen kann.
Die Zusammenfassung der Veränderungsstrategien
Um echte Veränderung zu bewirken, müssen wir also meistens unsere Strategien an die Landschaft anpassen. Die nachfolgende Tabelle listet noch einmal die Matrix der Veränderung in ihrer Essenz auf:
Landschaftstyp | Charakteristik | Strategie | Beispiel-Technik |
Einfach & Stabil | Rigide, klare Reiz-Reaktions-Muster | Destabilisieren & Muster unterbrechen | Fast Phobia Cure, Swish |
Einfach & Instabil | Volatil, unvorhersehbare Wechsel | Stabilisieren durch Regeln höherer Ordnung | Reframing (Positive Absicht) |
Komplex & Stabil | Viele Faktoren halten das Muster fest | Interventionspfade & Sortierung | Reimprinting |
Komplex & Instabil | Chaotisch, multiple Ebenen betroffen | Generative Prozesse & Integration | Integration von Anteilen |
Dieses Modell zur Unterscheidung gilt übrigens nicht nur für die Psyche, denn auch ein Knochenbruch ist eine einfache und stabile Problemlandschaft. Krebs oder ADIS hingegen sind eher komplex und oft instabil. Im Management der Berufswelt ist die Verbesserung eines Produkt meist einfach und stabil, während der Wandel einer ganzen Unternehmenskultur in einem dynamischen Markt eher komplex und instabil ist. Wer versucht, eine komplexe Instabilität mit einer simplen Destabiliserungstechnik zu lösen (wie z.B. EMDR bei einer Psychose), riskiert vor allem unökologische Ergebnisse. Wahre Meisterschaft in Veränderung bedeutet vor allem zu erkennen, auf welchem Boden einer Landschaft man steht, und bestimmte Werkzeuge entsprechend auszuwählen.
Die Wurzeln der Heilung: Sigmund Freuds Blick auf die Landschaften
Im vorherigen Abschnitt habe ich über die Destabilisierung von Attraktoren gesprochen. Damit greife ich im Kern auf die Einsichten von Sigmund Freud zurück, welcher dies bereits vor über einem Jahrhundert formulierte. Für Sigmund Freud war die Heilung von Symptomen, seien es Ängste oder traumatische Erinnerungen, untrennbar mit dem Prozess des Sichtbarmachens verbunden. Er beschrieb das Trauma oft als einen "Fremdkörper", der im psychischen System eingekapselt bleibt und dort Unruhe stiftet, solange er nicht integriert ist. Ein zentraler Gedanke von ihm zur Auflösung dieser Blockaden lautet: "Wo Es war, soll Ich werden". Dies ist kein bloßer theoretischer Leitsatz, sondern eine Aufforderung das Unbewusste, das "Es" mit seinen stabilen aber destruktiven Mustern, in das bewusste Erleben, das "Ich", zu überführen. Das von ihm formulierte "Über-Ich" und damit die moralisch und bewertende Instanz spielt hier weniger eine Rolle. In der Sprache der Systemtheorie bedeutet dies, dass das starre Muster aus seiner Isolation geholt wird und wir es mit dem restlichen System verbinden.
Sigmund Freud erkannte, dass ein Trauma deshalb so stabil bleibt, weil die damit verbundene Emotion nicht "abreagiet" werden konnte. Er schieb dazu: "Der Kranke leidet zumeist an Reminiszenzen (auch: Erinnerungen)". Die Heilung geschieht laut Sigmund Freud dadurch, dass der Mensch lernt, auf das Trauma nicht mehr als gegenwärtige Bedrohung zu reagieren, sondern es als Teil der eigenen Geschichte zu erinnern. Er nannte diesen Prozess: "Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten". Indem man unter anderem mit Techniken wie dem Reframing oder Re-Imprinting die Landschaft verändern, tut man genau das, was Sigmund Freud als Ziel der Analyse sah: Dem System die Freiheit zurückzugeben und damit auch die Energie, die bisher im Symptom gebunden war, und diese Energie für das Leben im Hier und Jetzt zu nutzen. Die Gesprächstherapie beispielsweise hat die Grundlage, zuerst durch aktives Zuhören und wahrnehmen des Patienten eine Verbindung aufzubauen. Diese Verbindung wird gestärkt, indem die Worte des Patienten in eigenen Worte wiedergegeben werden und damit ein Reflektionsangebot an den Patienten gegeben wird. Nach dem Reflektionsangebot wird meist dazu übergegangen, verschiedene Perspektiven, Lösungsmöglichkeiten und therapeutische Modelle anzuwenden.
Am Ende geht es in all diesen Veränderungsstrategien, sei es NLP, Systemtheorie oder Psychoanalyse, um dasselbe Ziel, das Sigmund Freud so treffend zusammenfasste. Es geht darum, den Menschen aus der Starre seiner Ängste zu befreien, um ihn wieder "liebes- und arbeitsfähig" zu machen. Wenn Du verstehst, ob Du eine Landschaft destabilisieren oder stabilisieren musst, dann folgst Du genau diesem Pfad der Erkenntnis. Du schaust also nicht weg sondern hin, bis das was Dich gefangen hielt zu einem Teil Deiner Geschichte wird, anstatt dadurch Deine Gegenwart diktiert zu bekommen. Wenn der heutige Artikel Deinem Verständnis von Veränderung eine tiefere Wurzel gebildet hat, dann freue ich mich für Dein neu erworbenes Wissen. Vor allem, weil auf einer Landschaft mit einer tiefen Wurzel, andere tiefe Wurzel fast schon wie von selbst entfernt werden können. Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Gestalten Deiner und der Landschaft von anderer Menschen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



Kommentare