Der Was-wäre-wenn-Rahmen und Goldstandards der Kommunikation
- Florian Stotz

- 5. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Was wäre, wenn...? Die Kunst der mentalen Befreiung aus Verstrickungen.
In meinem Alltag als Trainer begegne ich den unterschiedlichsten Menschen, und es interessiert mich, wie sie denken. Aus dieser Haltung heraus kam mir eine Frage: Wie denken eigentlich Menschen, die ein glückliches und selbstbestimmtes Leben führen? Nach einigen Gesprächen mit Menschen, von denen ich behaupte, dass sie dieses Kriterium erfüllen, haben sich überschneidende Kernelemente gezeigt. Heute geht es um diese Elemente, um die Goldstandards ihrer Kommunikation und um ein Werkzeug aus dem Modell des NLP, den Was-wäre-wenn-Rahmen.
Mehr mentale Freiheit mit dem Modell des NLP
Hast Du Dich je gefragt, ob die Wirklichkeit, die Du täglich erlebst, wirklich in Stein gemeißelt ist? Oder ob sie nicht vielmehr ein Gebäude aus alten Mustern ist, das darauf wartet, von einer einzigen geschickt gesetzten Frage erschüttert zu werden? Genau dafür gibt es diesen Rahmen. Du kannst ihn wie einen Schlüssel verstehen, der nicht nur Probleme löst, sondern den Raum Deines Bewusstseins weitet.
Mit diesem Raum beschäftigt sich auch die Hirnforschung. Eines ihrer erstaunlichsten Ergebnisse ist die Entdeckung der Spiegelneuronen. Sie erlauben es Dir, allein durch das Beobachten einer Tätigkeit wesentliche Teile davon zu lernen, ohne selbst tätig zu werden. Viele Leistungssportler nutzen das in ihrem Mentaltraining, um Bewegungsabläufe zu verfeinern. Und damit stützt die Forschung ein Format, das im NLP als what-if frame bekannt ist. Es ist eine unauffällige Randtechnik mit dem Vermögen, ein Leben auf vielen Gebieten zu bereichern. Denn dieser Rahmen ist im Kern eine Einladung: die gegenwärtige Wirklichkeit für einen Moment zu verlassen und einen Raum reiner Möglichkeiten zu betreten.
In fünf Schritten zu einer neuen Wirklichkeit
Stell Dir vor, Du liegst am Abend im Bett und Deine Gedanken kreisen wieder einmal um ein belastendes Erlebnis. Für manche Menschen gehört das zum Leben dazu. Förderlich ist es weder für den Schlaf noch für den Gesamtzustand. Prüf zuerst, ob nicht etwas an Deiner Lebensweise verändert gehört. Vielleicht braucht Dein Körper mehr Bewegung, vielleicht brauchst Du mehr Zeit mit Menschen, die Dir nahestehen, vielleicht mehr von dem, was Dich wirklich erfüllt. Und wenn das nicht genügt, kannst Du Erlebtes mit diesem Rahmen auflösen, ganz gleich, ob es heute geschah oder vor Jahren.
Erstens, den Fokus radikal verändern. Manche Menschen neigen dazu, anderen die Schuld für ihr Leid zu geben. Das ist bequem und zugleich machtlos, denn der Einzige, der sich in diesem Moment verändern kann, bist Du. Frag Dich also einmal: Was wäre, wenn allein mein Verhalten diese Situation herbeigeführt hätte? Das bringt Dich zurück in Deine Selbstwirksamkeit. Und eines gehört dazu: Diese Frage gehört dorthin, wo Du tatsächlich einen Anteil hattest. Sie gehört nicht dorthin, wo Dir jemand Gewalt angetan hat, denn dort wird aus einer klärenden Frage ein Vorwurf gegen Dich selbst.
Zweitens, Handlungsvarianten entwerfen. Mal Dir im Geist drei oder vier Filme aus, wie diese Situation gut hätte verlaufen können. Allein damit beginnt Dein Gehirn, Alternativen durchzuspielen.
Drittens, das assoziierte Kopfkino als Prüfung. Wähl Deinen Lieblingsfilm aus und spring hinein. Sieh alles durch Deine eigenen Augen, sodass dabei kräftige Gefühle entstehen. Im NLP unterscheidet man dissoziiert, also beobachtend und gefühlsarm, von assoziiert, also erlebend und gefühlsstark. Erst das assoziierte Erleben zeigt Dir, ob eine Lösung für Dich wirklich stimmt.
Viertens, Ressourcen wecken. Frag Dich: Was brauche ich, um in diese neue Fassung meiner Wirklichkeit eintauchen zu können? Vielleicht Mut, vielleicht Humor, vielleicht Gelassenheit. Hier kannst Du mit einem Ressourcenanker arbeiten, damit dieser Zustand fest mit der Vorstellung verbunden wird.
Fünftens, der Future Pace. Indem Du den Film mehrfach anschaust, übst Du das neue Verhalten tatsächlich ein, und warum das wirkt, weißt Du seit den Spiegelneuronen. Beim Future Pace stellst Du Dir schließlich eine ähnliche Situation in der Zukunft vor. So entstehen bewusste Wahlmöglichkeiten dort, wo vorher nur Automatismen liefen.
Wie Du mit NLP den inneren Kritiker umgehst
In meiner Zeit als Trainer habe ich einige Menschen kennengelernt, die förmlich in den Krieg mit ihrem inneren Kritiker gezogen sind. Wie wäre es, wenn Du stattdessen in eine Verhandlung mit ihm gingest, in Form eines Reframings? Oder wenn Du ihn einfach umspielst, so wie ein Stürmer einen Verteidiger? Mit diesem Rahmen ist das möglich, denn er wirkt wie eine Musterunterbrechung, im NLP Pattern Interrupt genannt. Dein Gehirn liebt Gewohnheiten und wiederholt Schleifen. Der Was-wäre-wenn-Rahmen erlaubt Dir, mit der Kritik zu spielen. Und in einem Spiel, dessen Regeln Du selbst bestimmst, darf alles erlaubt sein. Dadurch sinkt der innere Widerstand, und neue Bahnen entstehen. Ähnlich arbeitet die Walt-Disney-Strategie, in der die Träumer-Phase ausdrücklich Raum für das schafft, was noch nicht ist. Du könntest also damit beginnen, für einen Moment das für wahr zu halten, was andere für wahr halten.
Von Spinnern und Bewahrern
Viele Menschen, die man einst als Spinner bezeichnete, haben später die Welt verändert. Und oft sind es die Bewahrer, die den Fortschritt zuerst ausbremsen, weil das Neue ihr Bild von der Ordnung stört. Ein Pionier dieser Art war Ignaz Semmelweis, der Retter der Mütter. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entdeckte er, dass die Sterblichkeit von Wöchnerinnen dramatisch sank, wenn Ärzte sich vor der Behandlung die Hände desinfizierten. Er behauptete, dass Ärzte unsichtbare Leichenteilchen an ihren Händen trügen und damit Krankheiten übertrügen. Die medizinische Elite empfand es als Beleidigung, dass ausgerechnet Herren wie sie schmutzige Hände haben sollten. Semmelweis wurde verspottet, ausgegrenzt und landete schließlich in einer Anstalt, wo er unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen starb. Erst Jahrzehnte später bestätigte die Keimtheorie seine Arbeit. Auch die Umwälzung durch das Internet verdanken wir Menschen, die man damals als Spinner abtat. Und eines hatten sie alle gemeinsam: Sie fragten sich, was wäre, wenn, und handelten danach.
Fragen, die etwas aufbrechen
Eine gewagte Frage, die Du Dir stellen kannst, lautet: Was wäre, wenn das Leben mir all das, was ich Wirklichkeit nenne, nur zeigt, damit ich glücklich werde? Wenn Du also wieder einmal unglücklich bist, frag nicht, warum das Schicksal Dich straft. Frag lieber: Was will ich gerade noch nicht lernen? In dem Augenblick, in dem Du erkennst, worin die Lektion liegt, bist Du bereits wieder unterwegs.
Auch schwierige Begegnungen lassen sich so wenden: Was wäre, wenn das Verhalten meines Gegenübers nur zeigt, dass er seine eigentlich gute Absicht nicht stimmig ausdrücken kann? Dann steht Dir plötzlich kein Feind mehr gegenüber, sondern ein Mensch, der es nicht besser weiß. Und genau damit gewinnst Du Deine Freiheit zurück. Bevor wir zu den Goldstandards kommen, ein kleines Experiment. Schließ für einen Moment die Augen und frag Dich: Was wäre, wenn die Lösung für mein gegenwärtiges Thema längst in mir liegt und nur darauf wartet, dass ich sie mir selbst erlaube? Und dann beobachte nicht, ob etwas geschieht, sondern was geschieht.
Goldstandards in der Kommunikation
Klarheit vor Deutung. Die meisten Konflikte entstehen nicht durch das, was gesagt wird, sondern durch das, was hineingelegt wird. Sprich also konkret statt vage und nimm wahr, statt zu bewerten.
Aktives Zuhören. Manche Menschen hören nicht zu, um zu verstehen, sondern um endlich antworten zu können. Hör den Worten Deines Gegenübers so zu, als würdest Du etwas entdecken, und spiegle das Gesagte, so wie es die Papageiensprache vorsieht. Das erzeugt beim anderen vor allem eines: das Gefühl, wirklich gesehen und gehört zu werden.
Kongruenz. Wenn Deine Worte und Deine innere Haltung auseinandergehen, bemerkt Dein Gegenüber das, bewusst oder unbewusst. Stimme, Körpersprache und Inhalt gehören deshalb zusammen. Statt mit einer Maske durch die Welt zu gehen, hast Du eine klare innere Ausrichtung.
Trennung von Person und Verhalten. Ein Mensch ist nicht sein Verhalten. Mit dieser Unterscheidung öffnest Du Raum, statt Dich zu verschließen. Statt „Du bist respektlos" sagst Du: Dein Verhalten hat gerade respektlos auf mich gewirkt. Damit erfüllst Du übrigens auch den ersten Punkt gleich mit.
Verantwortung für die Wirkung. Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Der Satz „So war das nicht gemeint" greift zu kurz, denn entscheidend ist, was angekommen ist. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Rechthaben und Verbindung.
Verbindung statt Sieg. Viele Gespräche sind ein unsichtbarer Kampf. Das Ziel ist aber nicht zu gewinnen, sondern gemeinsam zu verstehen. Im Bild gesprochen sollten dort nicht zwei Boxer in einem Ring stehen, sondern zwei Archäologen, die gemeinsam eine Karte entziffern.
Metakommunikation. Sobald in einem Gespräch etwas eigenartig läuft, sprich nicht länger über das Thema, sondern darüber, wie über das Thema gesprochen wird. Das ist oft der Wendepunkt in schwierigen Gesprächen.
Kontextbewusstsein. Dieselben Worte wirken je nach Lage völlig verschieden. Timing, Beziehung und der gefühlsmäßige Zustand des Augenblicks gehören deshalb mitbedacht. Manchmal ist wichtiger, wann Du etwas sagst, als was Du sagst.
Zusammengefasst sind es fünf Dinge: Klarheit, Präsenz, Echtheit, Verantwortung und Verbindung. Wo sie zusammenkommen, entsteht ein Gespräch, in dem man nicht nur hört, sondern spürt.
Was Meister der Kommunikation anders machen
Für die meisten Menschen ist Kommunikation eine Form des Ausdrucks. Für Meister ist sie ein Werkzeug zur Gestaltung von Wirklichkeit. Sie fragen sich deshalb nicht, wie sie etwas richtig sagen, sondern etwas anderes:
Welche Wirkung soll entstehen?
Welche Entscheidungen will ich anstoßen?
Welche Bilder pflanze ich in den Geist eines Menschen?
Damit wird Kommunikation vom Austausch zum Eingriff in Wahrnehmung und Verhalten. Ihre Sprache ist dabei meist einfacher, als man vermuten würde, langsam, klar und frei von unnötiger Verschachtelung. Denn in vielen Zusammenhängen trägt Klarheit selbst die Macht. Statt zu rechtfertigen, zu überklären und reflexhaft zu reagieren, arbeiten sie mit Deutungsrahmen, mit Geschichten und mit wenigen genauen Worten. Ein einziger Satz kann wie ein Hebel wirken, der klein ansetzt und eine große Bewegung auslöst. Und sie haben verstanden, dass Kommunikation ebenso aus dem besteht, was nicht gesagt wird. Das zeigt sich an drei Dingen:
Timing. Es wird nicht wahllos gesprochen, sondern dann, wenn das Gesagte wirken kann.
Auswahl. Nicht jede Wahrheit wird ausgesprochen, sondern jene, die weiterführt.
Position. Gesprochen wird aus einer Haltung des Ich entscheide statt des Ich reagiere.
Ihr eigentlicher Blick liegt dabei auf Wirkung statt auf Zustimmung. Viele Menschen wollen gemocht werden. Meister der Kommunikation wollen wirksam sein. Und diese Wirksamkeit entfaltet sich vor allem dort, wo ein Verständnis für Psychologie, für Zusammenhänge, für Machtstrukturen und für menschliche Bedürfnisse hinzukommt. Ein Bild dazu. Zwei Menschen stehen an einem See. Der eine wirft seine Worte wie Steine ins Wasser und hofft, dass irgendetwas geschieht. Der andere legt einen einzigen Stein genau dort hinein, wo sich die Wellen über den ganzen See ausbreiten. Beide sprechen. Nur einer gestaltet. Im Kern fragt die alltägliche Kommunikation: Wie drücke ich mich aus? Die wirksame fragt: Was soll bei meinem Gegenüber entstehen, und wie erzeuge ich das?
Wie mächtig Worte sein können
Die Wirkung von Worten und Haltung ist inzwischen auch in randomisierten, placebokontrollierten Studien untersucht worden. Bei dieser Form der Untersuchung erhält eine Gruppe das echte Mittel und eine andere ein Scheinmittel, die Zuteilung geschieht zufällig, und im günstigsten Fall wissen weder die Teilnehmer noch die Behandelnden, wer was bekommen hat. Was sich dabei immer wieder zeigt, ist bemerkenswert. Ein erheblicher Teil der Wirkung hängt am ganzen Zusammenhang, also an der Erwartung des Patienten, an der Autorität des Arztes und am Ritual selbst.
Besonders eindrücklich ist dabei die Forschung zu Suggestionen während einer Narkose. Sie legt nahe, dass Menschen im narkotisierten Zustand Gesprochenes auf einer Ebene aufnehmen, die ihnen nicht bewusst wird, und dass zugewandte, ermutigende Sätze während einer Operation den Verlauf danach messbar günstig beeinflussen können. Die Macht der Worte scheint also groß zu sein, und besonders dort, wo die kritische Instanz eines Menschen zurückgetreten ist.
Was wäre also, wenn Du ab heute damit beginnst, Deine eigene Kommunikation bewusst zu betrachten und sie zu verändern? Ich freue mich, wenn Du mir später von Deinen Erfahrungen berichtest.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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