Ankern und NLP: Was ein Anker ist und eine Anleitung in vier Schritten – Teil 1
- Florian Stotz

- 5. Sept. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Du setzt den ganzen Tag Anker. Die Frage ist nur, ob Du dabei am Steuer sitzt.
An einem bewölkten Herbsttag blicke ich aus dem Fenster und bin fasziniert von den verschiedenen Wolkenstrukturen. Während ich mich in einen meditativen Zustand versetzt habe, ist mein Geist vollständig klar. Durch die Verbindung mit einem höheren Bewusstseinszustand kann auch die Kreativität des Unterbewusstseins in Bewegung kommen. Neben einer neuen Hypnose, mit der ich Dir auf YouTube einen intensiven Impuls für Deine Persönlichkeitsentwicklung geben werde, war meine Idee für heute, Dich in die Landschaft des NLP zu begleiten und Dir das Ankern näherzubringen. Im Lauf meiner Trainerjahre durfte ich feststellen, dass manche Menschen recht eigenwillige Ansichten davon haben, was Ankern ist und wie es funktioniert. Während ich diese Zeilen schreibe, steigt mir der Duft verschiedener Rosensorten von japanischen Räucherstäbchen namens Nobara in die Nase. Dieser Duft erinnert mich an eine Zeit in einem Park voller roter Rosen. Vielleicht ist die Erinnerung an den Duft einer Rose schon ein Anker, der jetzt, in diesem Moment, auch für Dich aktiviert worden ist.
Was ist ein Anker?
Ein Anker ist eine absichtliche oder unabsichtliche Verknüpfung zwischen einem äußeren Reiz (auch: Stimulus) und einer inneren Reaktion (auch: Response). Daher stammt auch der Name des Stimulus-Response-Modells, das auf vereinfachte Weise beschreibt, was ein Anker ist. In meiner Einleitung spreche ich von einem Rosenduft, der aus japanischen Räucherstäbchen aufsteigt, und das ist der äußere Reiz. Die Erinnerung an einen Park voller Rosen ist die Reaktion. In der Psychologie spricht man von einem unkonditionierten Reiz und einer unkonditionierten Reaktion, wenn die Reaktion nicht bewusst antrainiert wurde.
Um aus einem unkonditionierten Reiz einen konditionierten zu machen, könnte ich mich beispielsweise an den Rosenduft der Räucherstäbchen erinnern. Durch diese Erinnerung finde ich auch leichter wieder Zugang zu der Erinnerung an den Park voller Rosen. Denke ich nun zur gleichen Zeit an ein visuelles Symbol, etwa an eine rote Rose, verknüpfe ich diese Rose mit dem Park und mit den Räucherstäbchen. Das bezeichnet man als eine Kette von Assoziationen, kurz: als Assoziationskette. Immer dann, wenn Du mit voller Konzentration an diese rote Rose vor Deinem geistigen Auge denkst, entsteht der damit verbundene ursprüngliche Zustand aufs Neue.
Jetzt weißt Du auch, was ein konditionierter Reiz ist, der eine konditionierte Reaktion hervorruft. Der konditionierte Reiz ist die rote Rose als visuelles Symbol, und die konditionierte Reaktion ist unter anderem die Erinnerung an den Park. Sei Dir dabei bewusst, dass dieser hergestellte visuelle Anker nicht nur an einen Park voller Rosen erinnert, sondern auch an den emotionalen Zustand, in dem Du den Duft der Räucherstäbchen wahrgenommen hast. An Deinen visuellen Anker sind also mehrere Sinne zugleich gebunden: der visuelle (auch: das Sehen), der kinästhetische (auch: das Fühlen) und der olfaktorische (auch: das Riechen).
Ein Anker ist umso stärker, je mehr Repräsentationssysteme (auch: Sinneskanäle) an ihm beteiligt sind. Im NLP gibt es dafür das Format des Circle of Excellence, dessen Kern es ist, Dir im Geist eine ressourcenreiche Erinnerung aufzurufen. Ressourcenreich heißt hier zweierlei: dass Du assoziiert bist, also alles wieder durch Deine eigenen Augen erlebst, und dass alle Sinne daran beteiligt sind, der visuelle, der auditive, der kinästhetische, der olfaktorische und der gustatorische. Während Du in diesen Zustand eintauchst, wird ein Anker dafür gesetzt, sodass Du ihn in Deinem Alltag bewusst hervorrufen kannst. In meinen Workshops bediene ich mich dabei eines tieferen Verständnisses des Ankers.
Wie das Ankern entdeckt wurde
Seinen Ursprung hat das Ankern in den Forschungen des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow, der mit seinem berühmten Hundeexperiment nachwies, dass das Nervensystem Verknüpfungen zwischen einem Reiz und einer Reaktion erlernen kann. Damals fütterte er in einem Versuch einen Hund. Jedes Mal, wenn es etwas zu fressen gab, begann dem Hund der Speichel aus den Mundwinkeln zu fließen. Pawlow ging dazu über, immer dann, wenn er dem Hund das Futter gab, gleichzeitig eine Glocke läuten zu lassen. Eines Tages läutete er nur die Glocke und stellte fest, dass dem Hund auch jetzt der Speichel zu fließen begann. Für den Hund erzeugte der konditionierte Reiz des Glockenläutens die konditionierte Reaktion des Speichelflusses, weil er das Läuten mit „es gibt Futter" verbunden hatte.
Das Studium der klassischen Konditionierung nach Pawlow zeigt auch, welche Faktoren die Intensität eines starken Ankers beeinflussen, und dieses Wissen lasse ich in meine Trainings und Workshops einfließen. Inzwischen hat sich aus der klassischen Konditionierung eine weitere Form entwickelt, nämlich die operante Konditionierung. Die klassische kannst Du Dir wie einen Knopf vorstellen, der etwas auslöst, sobald er gedrückt wird. Die operante dagegen ist eher wie ein Hebel, den Du benutzt, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Je nach Ergebnis tust Du das, was dorthin geführt hat, öfter oder seltener. Das Prinzip lautet: Verhalten wird durch seine Folgen gesteuert. Eine Belohnung verstärkt ein Verhalten, während Strafe oder das Ausbleiben einer Belohnung es schwächt. Manche Frauen sind übrigens, bewusst oder unbewusst, Meisterinnen darin, gute Gefühle herzustellen und zu ankern. Falls Du Dich als Mann einmal gefragt hast, wie eine emotionale Bindung eigentlich entsteht, dann ist das eines der Geheimnisse dahinter.
Welche Auswirkungen Anker auf das Leben haben
Anker sind überall in Deinem Alltag wirksam, und ob Du sie bewusst wahrnimmst oder nicht, spielt dabei meist keine Rolle. In meinen Workshops vermittle ich Dir unter anderem einen Zustand, der Dir hilft, Dir jene unbewussten Anker bewusst zu machen, die in Deinem Leben hinderlich sein können. Ein paar Beispiele:
Ein Lied im Radio, das Dich in eine frühere Beziehung zurückversetzt
Der Duft eines Parfüms, der Dich in eine alte Zeit katapultiert
Das Bild einer Speise, bei dem Dir das Wasser im Mund zusammenläuft
Solche Anker steuern unsere Reaktionen oft wie im Autopilotmodus. Manchmal schenken sie uns starke innere Ressourcen wie Freude oder Kraft. Manchmal halten sie uns aber auch gefangen, etwa in Ängsten oder in eingefahrenen Beziehungsmustern (auch: calibrated loops, also eingespurte Schleifen, die sich immer wiederholen). Anker können Dich also unterstützen oder innerlich blockieren. Das Modell des NLP gibt Dir Werkzeuge in die Hand, um Dein Leben bewusster und selbstbestimmter zu gestalten, und das ist oft die Voraussetzung für ein glückliches Leben.
Was beim Ankern zu beachten ist
Damit ein Anker für Dich wirksam wird, gibt es bestimmte Bedingungen, von denen zumindest einige erfüllt sein sollten.
Intensität des Zustands: Der emotionale Zustand sollte stark genug sein.
Reinheit des Zustands: Achte darauf, dass Du zunächst eine bestimmte Emotion spürst und sich kein Mischgefühl daranhängt.
Timing: Setze den Anker in dem Moment, in dem der Zustand sich am intensivsten anfühlt.
Einzigartigkeit: Nimm einen Reiz, zum Beispiel ein visuelles Symbol, das im Alltag nicht ständig überlagert wird.
Genauigkeit der Wiederholung: Nutze denselben Reiz für mindestens drei Durchläufe. Damit meine ich, dass Du etwa für das Gefühl von Freude drei vergangene Situationen hervorrufst, in denen der Zustand stark genug wird, und dabei jedes Mal dasselbe visuelle Symbol als Anker verwendest.
Du kannst einen Anker wie eine präzise Landkarte im Nervensystem verstehen. Je genauer er gesetzt wird, desto zuverlässiger funktioniert er, weil Dein Nervensystem den Hinweis versteht und dieser inneren Landkarte bis zum jeweiligen Zustand folgen kann. Nicht, dass Du jetzt schon ein NLP Master Practitioner sein solltest? Meiner Erfahrung nach zeichnet sich ein guter Lehrer dadurch aus, dass er Dir zeigt, dass Lernen einfach sein kann und dabei Spaß macht. Das ist auch eine der Grundsäulen meiner Workshops.
Wie Du ankerst
In den nachfolgenden vier Schritten führe ich Dich durch den Prozess des Ankerns. Bestimmt hast Du Dich schon gefragt, wie sich ein Anker überhaupt erzeugen lässt. Wenn Du also bei Dir selbst oder bei einem anderen Menschen einen Anker für ein gutes Gefühl setzen willst, kannst Du die folgenden Schritte als Anleitung verstehen.
Schritt 1: Einen Gefühlszustand aktivieren
Erinnere Dich an ein Erlebnis aus Deinem Leben, das Deinen gewünschten Zustand deutlich repräsentiert (auch: darstellt). Du kannst Dich oder Dein Gegenüber beispielsweise fragen: Wann hatte ich, oder wann hattest Du, das beste Gefühl meines beziehungsweise Deines Lebens? Wenn die Erinnerung kommt, bemerkst Du das an einer kleinen oder großen körperlichen Reaktion. Veränderungen im Gesichtsausdruck, in der Körperhaltung, in der Gesichtsfarbe oder in der Herzfrequenz, die Du an der Halsschlagader sehen kannst, sind nur einige von vielen Hinweisen.
Schritt 2: Setze den Anker
Als Nächstes ankerst Du diesen Zustand. Wenn Du oder Dein Gegenüber sich in einem intensiven emotionalen Zustand befindet, kannst Du beispielsweise einen kinästhetischen Anker setzen. Erst visuelle Anker und jetzt auch noch kinästhetische? Selbstverständlich, denn Du wirst allmählich ein Master Practitioner im Ankern. Ein kinästhetischer Anker ist etwa der Druck auf eine bestimmte Körperstelle, zum Beispiel oberhalb der Kniescheibe. Du kannst auch einen akustischen Anker setzen, etwa den Klang eines Zungenschnalzens, sobald Du die veränderte körperliche Reaktion bei Dir oder Deinem Gegenüber bemerkst.
Schritt 3: Leite einen Break State ein
Im dritten Schritt kommst Du oder Dein Gegenüber wieder aus diesem Zustand heraus. Darauf folgt ein Break State (auch: eine kurze Unterbrechung), mit dem Du den geankerten und immer noch vorhandenen Zustand neutralisierst. Du kannst dafür kurz aufstehen, Deine Aufmerksamkeit auf die Wolken am Himmel lenken oder eine andere Ablenkung wählen.
Schritt 4: Den Anker testen
Am letzten Schritt angekommen, testest Du den zuvor gesetzten Anker. Löse ihn aus und finde durch genaues Beobachten und durch den Vergleich mit dem vorherigen Zustand heraus, ob Du Dich wieder in dem guten Gefühl befindest. Wenn ja, hast Du erfolgreich einen Anker gesetzt. Falls nein, wiederhole die Schritte einfach noch einmal.
Wie kannst Du Anker auflösen?
Wenn Du Dich an den Anfang des Artikels erinnerst: Es gibt auch Anker in Deinem Leben, die Dich innerlich blockieren können. Bestimmt kennst Du Verhaltensweisen, bei denen Du glaubst, Du könntest sie weder steuern noch loswerden. Möglicherweise isst Du zu viel Ungesundes, rauchst täglich viele Zigaretten, bewegst Dich zu wenig oder trägst eine Menge Ängste mit Dir herum. Dazu zählen die Angst vor Präsentationen, die Angst vor Tieren, die Flugangst oder die Klaustrophobie.
All das kannst Du als in Dir vorhandene Anker betrachten, und für sie alle gilt, dass sich ihr Verhältnis von Ursache und Wirkung auflösen lässt. Eine mögliche Lösung ist dabei die Fast Phobia Cure. Sie durchschneidet das physiologische Band zwischen Ursache und Wirkung, also zwischen Reiz und Reaktion, und ist damit der Umkehrprozess eines Ankers: Sie neutralisiert einen bestehenden Anker. In meinem Artikel über die Fast Phobia Cure kannst Du nachlesen, wie das funktioniert.
Sei bloß vorsichtig, wenn Du diese Technik anwendest, obwohl Dir niemand ein Zertifikat dafür ausgestellt hat. Schließlich bist Du kein offizieller NLP Master Practitioner, und es bedarf natürlich der Erlaubnis einer sich selbst ermächtigenden Institution, damit Dir das gestattet sei. An dieser Stelle darfst Du auch einmal darüber nachdenken, welchen Unsinn andere Menschen Dich glauben machen wollen, um selbst am meisten davon zu profitieren. Was wirklich zählt, ist die Sorgfalt.
Eine Abschlussübung: Einen Anker für gute Gefühle erzeugen
Der englische Begriff Layering bedeutet stapeln. Im NLP gibt es dazu die sogenannten Stacked Anchors (auch: Stapel-Anker). Dabei werden mehrere verschiedene, aber thematisch zusammenpassende Ressourcenzustände auf denselben Anker gelegt, also auf denselben Reiz. Damit wird der Anker stärker und vielschichtiger. Ein Beispiel:
Du erinnerst Dich zuerst an einen Moment großer Gelassenheit und setzt den Anker.
Danach rufst Du ein Erlebnis von Selbstvertrauen hervor und verstärkst denselben Anker.
Anschließend rufst Du ein Gefühl von Freude hervor und aktivierst denselben Anker noch einmal.
Am Ende hast Du Gelassenheit, Selbstvertrauen und Freude in einem einzigen Anker gebündelt, eben in einem Stapel-Anker. Und jetzt kannst Du Dir einen eigenen visuellen oder akustischen Anker für gute Gefühle überlegen, etwa eine bestimmte Handbewegung oder ein Fingerschnipsen. Diesen Anker löst Du immer dann aus, wenn ein anderer Mensch gerade gute Gefühle erlebt. Setze ihn dabei stets auf genau dieselbe Art, so lange, bis er zuverlässig funktioniert. Nutze ihn also immer genau dann, wenn Du Menschen in Deiner Umgebung gute Gefühle bereitest und sich die Veränderung des Zustands bei Deinem Gegenüber bemerkbar macht. Am besten ankerst Du auch Deine eigenen guten Gefühle auf denselben Reiz. Die Vorteile für Dich sind dabei die folgenden:
Du weißt, mit welchem Anker Du bei Dir und bei anderen gute Gefühle auslösen kannst, und kannst ihn bewusst nutzen.
Das Setzen und Auslösen guter Gefühle wird Dir schnell zur Gewohnheit, die sich nach einiger Zeit von selbst unbewusst einfügt und in Deinem Unterbewusstsein generalisiert. Damit tust Du es irgendwann unbewusst und lebst wesentliche Elemente des NLP.
Heute hast Du wieder einmal eine Menge über das Modell des NLP gelernt, genauer gesagt über die Technik des Ankerns. Ich schlage Dir vor, dass Du jetzt mit dem Üben beginnst. In meinen NLP-Workshops kannst Du das Ankern mit Leichtigkeit erlernen. Ich wünsche Dir viel Spaß beim Üben und dabei, diese Anker in Deinem Leben sinnvoll einzusetzen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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