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Nicht härter, sondern länger: Das Mindset des Profis

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wer auf den großen Moment wartet, verliert gegen den, der jeden Morgen den kleinen macht.


In Trainings begegnet mir häufig ein bestimmter Mensch. Er ist klug und er hat viel verstanden. Er kennt seine Muster, er kann sie benennen und er hat darüber schon oft gesprochen. Trotzdem bewegt sich in seinem Leben wenig. Wenn ich frage, woran er gerade arbeitet, bekomme ich eine Liste. Fünf Themen, sieben Vorhaben, drei Lebensbereiche gleichzeitig. Er wartet auf den Tag, an dem er endlich richtig anfängt. Ich kenne das von mir selbst. Lange habe ich geglaubt, Veränderung sei eine Frage der Einsicht. Ich habe gelesen, verstanden und mir Großes vorgenommen. Was sich wirklich verändert hat, waren später die kleinen Dinge, die ich jeden Morgen getan habe, ohne dass jemand zugesehen hätte.


Wie sich Stärke nicht zeigt


Die meisten Menschen verwechseln Intensität mit Stetigkeit. Das passiert nicht aus Dummheit, sondern weil beide von außen fast gleich aussehen. Ein Mensch, der drei Wochen brennt, wirkt entschlossener als einer, der drei Jahre lang jeden Morgen dasselbe tut. Der erste erzählt eine Geschichte, der zweite hat keine. Ich nenne das den Sturzbach und die Quelle. Der Sturzbach kommt nach dem Gewitter, er reißt Geröll mit sich und man hört ihn bis ins Dorf. Nach zwei Tagen liegt sein Bett trocken. Die Quelle gibt wenig, sie macht kein Geräusch und niemand spricht über sie. Sie ist trotzdem der Grund, warum das Tal grün ist. Wer sich mit dem Sturzbach verwechselt, hält jede stille Woche für einen Rückschritt. Wer die Quelle in sich kennt, muss nicht laut sein, um zu wirken. Und dann gibt es die zweite Verwechslung. Viele halten Stärke für Unerschütterlichkeit. Sie glauben, ein starker Mensch habe keine Angst und keine dunklen Tage. Das ist verständlich, denn genau dieses Bild wird uns verkauft. Es ist aber falsch, und es macht einsam.


Ein Profi, der über seine Angst spricht


DJ Shipley ist ein ehemaliger Angehöriger der Naval Special Warfare Development Group, besser bekannt als SEAL Team Six, und er lehrt heute Mindset (auch: Haltung) und Führung für Militär, Polizei und Zivilisten. In einem öffentlichen Gespräch über mentale Gesundheit sagt er sinngemäß, dass die Menschen von ihm vieles erwarten, nur keine Verletzlichkeit. Er sagt trotzdem, dass er fehlerhaft ist. Er sagt, dass er vieles selbst verbockt hat. Er sagt, dass er Angstzustände kennt und depressive Phasen ebenfalls. Der einzige Unterschied zwischen ihm und den meisten sei, dass er aktiv daran arbeitet. Das hat mich getroffen, weil es die Haltung ist, die ich in meiner eigenen Arbeit für die tragfähigste halte. Kein Meister, der von oben erklärt. Ein Mensch mit Erfahrung, der beschreibt, was er gesehen hat, und den Rest der eigenen Prüfung überlässt.


Sein zentraler Begriff lautet Be a Pro, also Profi sein in dem, was Du tust. Er meint damit nicht, der Beste zu sein. Er meint, die eigene Sache auf einem Niveau auszuführen, das man nicht übersehen kann. Ob Du Bäcker bist, Analyst oder Trainer, spielt für ihn keine Rolle. Wenn ein solcher Mensch einen Raum betritt, verändert sich der Raum. Alle im Raum werden ein Stück besser, weil er da ist. Der zweite Begriff heißt Steady Pressure, also gleichmäßiger Druck. Nicht härter, sondern länger. Sein Maßstab ist bewusst niedrig gesetzt. Habe ich eine Wiederholung mehr gemacht als letzte Woche. Bin ich einen Tag erfahrener als gestern. Kein großer Sprung, sondern gerade genug, um auf Kurs zu bleiben. Er sagt, er müsse nicht den Everest besteigen. Er müsse nur jeden Morgen einen Grund haben, schnell aufzustehen. Die westliche Forschung beschreibt denselben Mechanismus.


Anders Ericsson hat mit dem Konzept der Deliberate Practice (auch: absichtsvolles Üben) gezeigt, dass Können aus wiederholter Arbeit an der eigenen Grenze entsteht, nicht aus Talent. BJ Fogg hat in seiner Verhaltensforschung nachgewiesen, dass winzige, verlässlich ausgeführte Handlungen stabiler sind als große Vorsätze. Und Dōgen Zenji, der Begründer des Sōtō-Zen, hat vor achthundert Jahren das Gleiche in einem Satz gesagt. Übung und Erwachen sind nicht zwei Dinge. Das Sitzen ist nicht der Weg zum Ziel, das Sitzen ist bereits das Ziel. Shikantaza (auch: nur sitzen) verspricht kein Ergebnis in der Zukunft. Es geschieht jeden Morgen wieder. Nicht die Methode, sondern die Regelmäßigkeit.


Die eine Frage, die fast jeden Fehler löst


Der stärkste Gedanke in diesem Gespräch ist ein anderer. Shipley sagt, dass jeder größere Fehler seines Lebens durch eine einzige Frage vermeidbar gewesen wäre. Nützt das, was ich gerade tue, meiner Gruppe. Danach geht er die Liste durch. Nützt es meinem Team, wenn ich betrunken Auto fahre. Nein. Nützt es meiner Familie, wenn ich bis vier Uhr morgens unterwegs bin. Nein. Schadet es damit auch meiner Arbeit. Ja. Also lasse ich es. Das wirkt banal und ist es nicht. Solange Du fragst, ob Du gerade Lust hast, verlierst Du gegen Deinen eigenen Impuls. Der Impuls ist in diesem Moment immer lauter als Deine Absicht. Sobald Du fragst, ob es dem dient, wofür Du stehst, wird die Antwort objektiv. Und Objektivität ist gegen Impulse immun. Deine Gruppe muss dabei kein Team sein. Sie kann Deine Familie sein, Dein Freundeskreis, Deine Klienten oder der Mensch, der Du in fünf Jahren sein willst. Wichtig ist nur, dass Du sie benennen kannst. Wer für niemanden steht, hat keinen Maßstab. Und wer keinen Maßstab hat, verhandelt jeden Abend neu.


Wie sich Stärke wirklich zeigt


Jetzt kommt der Teil, den ich an dieser Haltung am meisten schätze. Shipley spricht öffentlich über seine eigene mentale Gesundheit, und er tut es genau deshalb, weil niemand es von ihm erwartet. Er war einmal der einzige Mensch auf seiner Insel. Er möchte nicht, dass ein anderer dort ebenfalls sitzt. Sein Rat, wie man so etwas sagt, ist entwaffnend einfach. Man sagt es einfach. Ohne Vorrede, ohne Rahmung, ohne Entschuldigung danach. Und dann geschieht fast immer dasselbe. Der andere sagt, dass es ihm genauso geht. Ich habe das in Gruppen oft gesehen. Ehrlichkeit ist ansteckend wie Gähnen. Der erste Satz ist immer der teuerste, und alle folgenden sind fast umsonst.


Dazu kommt eine Beobachtung, die vieles einordnet. Drama bleibt Drama, unabhängig davon, welches Abzeichen jemand trägt. Was einem Menschen mit sechs Jahren geschehen ist, wirkt beim Elitesoldaten genauso weiter wie bei der Grundschullehrerin. Der Rang schützt nicht. Er verbirgt nur besser. Und hier gehört ein klarer Satz hin. Wenn das, was Du in Dir trägst, tiefer geht als ein zäher Monat, dann ist eine Morgenroutine eine gute Ergänzung und eine schlechte Alternative. Suche Dir zusätzlich einen Menschen, der dafür ausgebildet ist. Beides gleichzeitig ist immer möglich.


Vom Verstehen zum Verkörpern


Es folgt der Teil, an dem sich entscheidet, ob dieser Artikel etwas verändert. Nimm Dir davon eine Sache und nicht fünf:


  • Setze eine Zeit, kein Ziel. Ziele scheitern an der Stimmung, Zeiten nicht. Steh sieben Tage lang zur selben Uhrzeit auf, auch am Wochenende. Das ist der einzige Punkt, der alle anderen trägt. Ohne ihn ist der Rest Zufall.

  • Sammle sechs kleine Siege vor zehn Uhr. Sechs Zusagen an Dich selbst, die Du auch an einem schlechten Tag hältst. Aufstehen, sitzen, Körper, kalt duschen, ein Gang, der erste Termin. Wer um zehn Uhr sechs Zusagen gehalten hat, betritt den Tag als jemand, der Zusagen hält. Die Frage nach Deinem Charakter ist dann schon beantwortet.

  • Stelle vor jeder Entscheidung die eine Frage. Dient das, was ich gleich tue, dem, wofür ich stehe. Wenn nein, dann nicht. Ohne Diskussion mit Dir selbst und ohne den abendlichen Aushandlungsapparat.

  • Halte zwei Regler und schalte den Rest ab. Du hast zwei Hände. Wer drei Dinge gleichzeitig anfasst, bringt die Last ins Pendeln. Alles andere läuft weiter, es bekommt nur Deine Aufmerksamkeit nicht. Das ist ein Unterschied.

  • Gib dem eine Stimme, was Du verbirgst. Einmal pro Woche ein Satz, der Dich etwas kostet, zu einem Menschen, dem Du vertraust. Kein Ausschütten, sondern ein wahrer Satz. Und dann still bleiben und schauen, was im Raum passiert.


Über Haltung zu reden ist leicht. Sie zu verkörpern ist etwas anderes. Der Unterschied zwischen einem Menschen, der das alles verstanden hat, und einem, der es lebt, sind nicht dreißig Bücher. Es sind dreißig Morgen.


Und irgendwann bemerkst Du, dass die anderen Deinen Takt gehen, ohne dass Du je darüber gesprochen hättest. Ein Takt überträgt sich durch die Füße, nicht durch die Ohren. Ich wünsche Dir viel Erfolg auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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