Milton H. Erickson – Teil 4: Die Geschichte, die etwas anderes tut
- Florian Stotz

- vor 3 Tagen
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Joe hatte kein Interesse an endlosen Bemerkungen über eine Tomatenpflanze. Joe wollte schmerzfrei sein.
In den ersten drei Teilen haben wir uns von außen nach innen gearbeitet: erst die Wahrnehmung und der Zustand des Mannes, dann die Haltung, aus der er arbeitete, dann die Sprache Satz für Satz. Heute verlassen wir den Satz. Denn Ericksons eigentliche Meisterschaft lag eine Ebene darüber, in Erzählungen, die scheinbar von etwas ganz anderem handeln und die genau deshalb ankommen. Ich erzähle Dir dazu zwei Fälle. Der erste ist verblüffend. Der zweite hat mich beim Lesen zum ersten Mal seit Langem an einem Fachtext innehalten lassen.
Der Mann, der nicht warten konnte
Ein zweiundsechzigjähriger Landwirt im Ruhestand kommt in die Praxis. Achtklassige Schulbildung, aber ausgesprochen klug und belesen. Und zutiefst unglücklich, voller Groll, Bitterkeit und Verzweiflung. Seit etwa zwei Jahren muss er alle dreißig Minuten Wasser lassen. Der Drang ist schmerzhaft, er ist unkontrollierbar, und wenn er ihm nicht nachgibt, nässt er sich ein. Tag und Nacht. Er kann nicht mehr richtig schlafen, nicht mehr richtig essen, und er muss sich immer in Reichweite einer Toilette aufhalten. In die Praxis bringt er eine Aktentasche mit, darin drei Ersatzhosen.
Über hundert Ärzte hat er konsultiert. Vierzig Blasenspiegelungen, unzählige Röntgenaufnahmen, Tests ohne Ende. Immer wieder die Auskunft, die Blase sei völlig normal. Und zu oft der Satz, das sei alles nur in seinem Kopf, er solle aufhören, Ärzte zu belästigen. Kein einziges Mal hat ihm jemand vorgeschlagen, psychiatrische Hilfe zu suchen. Nach zwei irreführenden Büchern über Selbsthypnose war er bei drei Bühnenhypnotiseuren, die ihm alles versprachen und bei denen nichts geschah. Er hatte über Suizid nachgedacht. Ein Tankwart hatte ihm geraten, es bei diesem Psychiater aus dem Sonntagsblatt zu versuchen. Er beendet seine Geschichte, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sagt herausfordernd, sinngemäß: Und jetzt psychiatrisieren und hypnotisieren Sie mich und heilen Sie diese verdammte Blase.
Während der Mann erzählte, hatte Erickson mit scheinbar rapter Aufmerksamkeit zugehört und dabei ein wenig mit den Händen gespielt und Gegenstände auf dem Schreibtisch verschoben. Zu diesem Spielen gehörte, dass er die Schreibtischuhr vom Patienten wegdrehte. Halte kurz an. Der ganze Fall dreht sich um Zeit. Und bevor ein Wort über Therapie gefallen ist, hat Erickson dem Mann beiläufig die Uhr aus dem Blick genommen.
Dann beginnt er zu reden. Über eine Tomatenpflanze. Und zwischen die Sätze über die Tomatenpflanze legt er, in kurzen Einwürfen, etwas ganz anderes: Man könnte ja denken, die Blase müsse alle fünfzehn Minuten geleert werden statt alle halbe … Stunde … Nicht schwer, das zu denken … Eine Uhr kann nachgehen … oder vorgehen … sich um eine Minute irren … sogar um zwei, fünf … oder alle halbe Stunde denken … so wie Sie es getan haben … vielleicht waren es manchmal fünfunddreißig, vierzig Minuten … möchte gern eine Stunde daraus machen … was macht das für einen Unterschied … fünfunddreißig, sechsunddreißig Minuten, einundvierzig, fünfundvierzig … fünfzig Minuten, sechzig Minuten, einfach Minuten … wer eine halbe Stunde warten kann, kann auch eine Stunde warten … ich weiß es … Sie lernen gerade …
Und weiter: Sie haben ein halbes Jahrhundert Übung im Warten hinter sich … Sie können das alles nutzen … warum nicht … es wird Sie wahrscheinlich selbst überraschen … warum überraschen Sie sich nicht zu Hause … nichts ist besser als eine Überraschung … Zum Schluss sinngemäß: Sagen Sie, warum vergessen Sie nicht einfach, worüber ich geredet habe, und behalten es hinten in Ihrem Kopf. Guter Ort dafür, da kann es nicht verlorengehen. Vergessen Sie die Tomatenpflanze. Und warum machen Sie nicht einen schönen gemütlichen Spaziergang nach Hause und denken dabei an gar nichts?
Eine Woche später kommt der Mann aufgeregt zurück. Er hatte zu Hause den Fernseher eingeschaltet mit dem festen Vorsatz, das Wasserlassen so lange wie möglich hinauszuzögern. Er sah einen zweistündigen Film und trank in den Werbepausen zwei Gläser Wasser. Dann beschloss er, noch eine Stunde dranzuhängen. Und dann merkte er plötzlich, dass er wirklich musste. Er schaute auf die Uhr: Vier Stunden. Er lehnt sich zurück und strahlt. Und dann, mitten in der Bewegung, beugt er sich erschrocken vor und sagt sinngemäß: Jetzt fällt mir alles wieder ein. Ich habe bis eben keinen Gedanken daran verschwendet. Ich hab das komplett vergessen. Sagen Sie mal, Sie müssen mich hypnotisiert haben. Sie haben die ganze Zeit über das Wachsen einer Tomatenpflanze geredet, und ich habe versucht, den Sinn davon zu verstehen, und das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich nach Hause gelaufen bin. Wenn ich es recht bedenke, war ich über eine Stunde in Ihrem Büro und eine Stunde unterwegs. Es waren gar keine vier Stunden, es waren mindestens sechs. Und das ist noch nicht alles. Das war vor einer Woche. Ich hatte seitdem keinerlei Probleme mehr. Habe gut geschlafen. Musste nachts nicht raus.
Was da eigentlich passiert ist
Erickson nannte das die Interspersal-Technik, das Einstreuen. Rossi hat es später zweistufige Kommunikation genannt, und diese Beschreibung trifft es gut: Ein allgemeiner Zusammenhang bindet die bewusste Aufmerksamkeit, während einzelne Wörter, Wendungen oder Sätze innerhalb dieses Zusammenhangs woanders ankommen und dort ihre Wirkung entfalten. Erickson selbst hat das in seinem Aufsatz von 1966 sehr nüchtern erklärt, und es lohnt sich, seine Formulierung ernst zu nehmen. Die Technik an sich, schreibt er sinngemäß, diene keinem anderen Zweck, als die Aufmerksamkeit zu sichern und zu binden, dadurch einen empfänglichen und reaktionsbereiten Zustand zu erzeugen und den Menschen so in die Lage zu versetzen, von seinen nicht oder nur teilweise genutzten Möglichkeiten zu profitieren. Die eigentliche Therapie ergebe sich aus der Führung der Fähigkeiten des Menschen selbst.
Und er beschreibt genau, warum das Einstreuen wirksamer ist als das direkte Sagen: Die Menschen hören die therapeutischen Suggestionen und verstehen sie. Aber bevor sie damit hadern oder sie in Frage stellen können, wird ihre Aufmerksamkeit schon wieder vom Fortgang der Erzählung eingefangen. Das ist der ganze Mechanismus. Nicht Magie. Timing. Und die technische Umsetzung kennst Du bereits aus Teil drei: die analoge Markierung. Die eingestreuten Teile werden mit leicht veränderter Betonung gesprochen. Im Originaltext des Aufsatzes sind sie kursiv gesetzt, und Erickson merkt ausdrücklich an, dass diese Kursivierung eine geringfügig andere Intonation abbildet.
Der Fall Joe
Und jetzt der Fall, wegen dem dieser Artikel existiert. Joe war Florist. Er hatte als Junge angefangen, Blumen zu verkaufen, sparte seine Pfennige, kaufte mehr Blumen, verkaufte sie, kaufte irgendwann ein kleines Stück Land, zog dort Blumen mit großer Sorgfalt, freute sich an ihrer Schönheit, wollte sie mit anderen teilen und wurde am Ende der führende Blumenhändler einer großen Stadt. Er liebte jeden Aspekt dieses Geschäfts. Er war außerdem ein guter Ehemann, ein guter Vater, ein guter Freund und ein geschätztes Mitglied seiner Gemeinde.
Dann entfernte ein Chirurg an einem Septembertag eine Wucherung an Joes Wange. Der Befund lautete bösartig. Die eingeleitete Behandlung wurde rasch als zu spät erkannt. Man teilte Joe mit, dass ihm etwa ein Monat bleibe. Mitte Oktober bat ein Angehöriger Erickson dringend, es mit Hypnose zu versuchen, weil die Betäubungsmittel kaum noch halfen. Erickson sagte widerwillig zu und stellte eine Bedingung: Alle Medikamente sollten am Tag seines Kommens um vier Uhr morgens abgesetzt werden. Die behandelnden Ärzte stimmten zu.
Kurz bevor Erickson vorgestellt wurde, erfuhr er, dass Joe schon das Wort Hypnose nicht ertragen konnte. Eines von Joes Kindern war Assistenzarzt für Psychiatrie an einer bekannten Klinik und hielt nichts davon; das Team dort hatte ihn darin bestärkt. Was Erickson dann vorfand, beschreibt er ohne Beschönigung. Ein großer Teil von Joes Gesicht und Hals fehlte durch Operation, Geschwürbildung und Gewebszerfall. Ein Luftröhrenschnitt war gelegt worden, Joe konnte nicht sprechen. Er verständigte sich über Bleistift und Papierblöcke, von denen viele bereitlagen. Alle vier Stunden Morphin oder Pethidin, dazu schwere Sedierung. Er schlief kaum. Ständig sprang er aus dem Bett und schrieb Notizen, manche über sein Geschäft, manche über seine Familie, viele davon Beschwerden und Forderungen nach weiterer Hilfe.
Erickson beschreibt auch, warum Joe so wütend war, und ich finde diese Beobachtung außerordentlich menschlich. Joe verstand nicht, warum die Ärzte ihre Sache nicht so gut machen konnten wie er die seine. Wenn in seinem Geschäft etwas schieflief, sorgte er dafür, dass es in Ordnung kam. Warum taten die Ärzte das nicht? Erfolg, hart erarbeitet und verdient, war das Grundprinzip seines Lebens gewesen. Seine Lage war für ihn ein Versagen. Nach der Vorstellung schrieb Joe: Was wollen Sie? Erickson begann sinngemäß so: Joe, ich möchte gern mit Ihnen sprechen. Ich weiß, dass Sie Florist sind, dass Sie Blumen ziehen. Ich bin auf einer Farm in Wisconsin aufgewachsen, und ich habe es geliebt, Blumen zu ziehen. Das tue ich immer noch. Ich hätte also gern, dass Sie in diesem bequemen Sessel Platz nehmen, während ich mit Ihnen spreche. Ich werde Ihnen eine Menge Dinge sagen, aber es wird nicht um Blumen gehen, denn über Blumen wissen Sie mehr als ich. Das ist nicht, was Sie wollen.
Und dann spricht er über einen Tomatensamen. Wie man ihn in die Erde legt. Wie man hoffen kann, dass daraus eine Pflanze wird, die durch ihre Frucht Zufriedenheit bringt. Wie der Samen Wasser aufsaugt, ohne große Schwierigkeit, wegen des Regens, der Frieden und Behagen bringt und die Freude des Wachsens. Wie ein winziges Würzelchen austritt. Wie die Pflanze so langsam wächst, dass man es nicht sehen und nicht hören kann, aber wachsen tut sie. Die ersten blattähnlichen Dinge am Stiel. Die feinen Härchen. Dass diese Härchen der Tomatenpflanze sicher ein sehr gutes Gefühl geben, ein sehr behagliches, wenn man sich eine Pflanze als fühlend denken kann. Und dass es so behaglich ist, einer Pflanze beim Wachsen zuzusehen, ohne das Wachsen zu sehen, ohne es zu fühlen, sondern einfach zu wissen, dass alles besser wird für diese kleine Tomatenpflanze.
Ich habe die Stellen absichtlich nicht markiert. Lies den Absatz noch einmal und schau, wie oft Wörter wie Behagen, Frieden, Ruhe, Wohlgefühl, besser vorkommen, eingebettet in eine Erzählung, in der sie zur Pflanze gehören. Irgendwann kam Joes Frau auf Zehenspitzen ins Zimmer, mit einem Blatt Papier, auf dem stand: Wann fangen Sie mit der Hypnose an? Erickson schaute nicht hin. Sie musste ihm das Blatt direkt vor die Augen halten, und damit auch vor Joes. Erickson sprach unbeirrt weiter über die Tomatenpflanze. Und Joes Frau sah, als sie ihren Mann anschaute, dass er sie nicht sah. Dass er nicht wusste, dass sie da war. Sie zog sich sofort zurück.
Später gab es eine Unterbrechung. Die Schwester wurde gerufen, wischte Joe den Schweiß von der Stirn, wechselte die Verbände, gab ihm über die Sonde etwas Eiswasser. Danach ließ Joe sich zu seinem Sessel zurückführen, griff nach Bleistift und Papier und schrieb zwei Worte: Reden, reden. Erickson kommentiert das mit einer Nüchternheit, die mich beeindruckt. Joe habe kein wirkliches Interesse an sinnlosen, endlosen Bemerkungen über eine Tomatenpflanze gehabt. Joe habe Schmerzfreiheit gewollt, Behagen, Ruhe, Schlaf. Und weil das für ihn das Wichtigste war, habe er ein zwingendes Bedürfnis gehabt, in diesem Geplapper etwas zu finden, das für ihn von Wert war. Und dieser Wert war da, so gesprochen, dass Joe ihn buchstäblich aufnehmen konnte, ohne es zu bemerken.
Die posthypnotischen Suggestionen wurden ganz behutsam gegeben, eingelegt in die detaillierte Beschreibung des Wachsens: "Sie wissen, Joe. Die Fülle des Behagens kennen, jeden Tag. Immer nur ein Tag nach dem anderen." Als Erickson an jenem Abend ging, schüttelte Joe ihm herzlich die Hand. Er hatte keine Beschwerden mehr, schien keine quälenden Schmerzen zu haben und wirkte zufrieden.
Was danach geschah, und was es lehrt
Etwa einen Monat später wurde Erickson erneut gerufen, und was er erfuhr, ist ein Lehrstück über Handwerk und Anmaßung. Im Krankenhaus hatte sich herumgesprochen, dass Joe hypnotisiert worden war. Assistenzärzte, Stationsärzte und Oberärzte kamen der Reihe nach vorbei, um Joes Empfänglichkeit auszunutzen. Sie machten dabei jeden Fehler, den ungeschulte Amateure mit abergläubischen Vorstellungen von Hypnose machen können. Joe war außer sich. Aber er wusste, dass Erickson nichts von dem getan hatte, was diese Leute taten. Und genau diese Unterscheidung ermöglichte es ihm, alles zu behalten, was er gewonnen hatte, ohne dass seine wiederkehrende Abneigung gegen Hypnose ihm im Weg stand.
Nach einigen Tagen verließ Joe das Krankenhaus und ging nach Hause. Eine Schwester blieb ständig bei ihm, hatte aber relativ wenig zu tun. In diesem Monat zu Hause nahm er sogar an Gewicht und Kraft zu. Schmerzschübe kamen selten, und wenn, ließen sie sich mit Aspirin oder einer geringen Dosis Pethidin auffangen. Beim zweiten Besuch achtete Erickson peinlich genau darauf, keine Handbewegung zu machen, die man auch nur entfernt für eine hypnotische Geste hätte halten können, wie das Klinikpersonal es getan hatte. Er sprach stattdessen von unserem Besuch im Oktober und sagte beiläufig, er habe damals über eine Tomatenpflanze gesprochen, und es sei fast, als könne er gerade jetzt wieder über eine Tomatenpflanze sprechen. Damit war die gesamte Erfahrung wieder da.
Joe bestand darauf, das Mittagessen zu überwachen: ein Steak, gegrillt unter seinen wachsamen Augen im Garten neben dem Pool. Vier Menschen, die es genossen, zusammen zu sein, und Joe war offensichtlich sehr glücklich. Danach führte er stolz seine Pflanzen vor, viele davon selten, alle von ihm selbst gesetzt. Seine Frau lieferte die lateinischen und die deutschen Namen, und Joe freute sich besonders, wenn Erickson eine seltene Pflanze erkannte und etwas dazu sagte. Und das war keine gespielte Aufmerksamkeit, Erickson zog selbst gern Pflanzen. Zu Weihnachten kam eine Grußkarte von Joe und seiner Familie. In einem beigelegten Brief schrieb Joes Frau, die Hypnose wirke gut, aber Joes Zustand verschlechtere sich. Anfang Januar war er schwach, aber ohne Beschwerden. Ihre Worte am Ende: Joe starb ruhig am 21. Januar.
Erickson ist in seiner Bewertung zurückhaltend, und ich finde diese Zurückhaltung angemessen. Er hält fest, dass Vorhersagen über die verbleibende Lebenszeit bei einer tödlichen Erkrankung höchst fragwürdig sind. Joes körperlicher Zustand im Oktober habe nicht viel versprochen. Dass die Linderung der Symptome und die Freiheit von starken Medikamenten seine Lebensspanne verlängert und zugleich eine tatsächliche körperliche Besserung ermöglicht hätten, sei durch seinen Zustand zu Hause und seine Gewichtszunahme deutlich belegt. Und dass Joe bis Ende Januar lebte, zeuge von der Entschlossenheit, mit der er den Rest seines Lebens so angenehm wie möglich lebte, mit derselben Kraft, mit der er sein Leben und sein Geschäft aufgebaut hatte. Aus einem Monat wurden drei. Und was in diesen drei Monaten passierte, waren ein Garten, ein Steak am Pool, seltene Pflanzen und eine Familie.
Warum eine Geschichte über eine Pflanze bei einem Menschen ankommt
Der Mechanismus dahinter hat einen Namen, und Bandler und Grinder haben ihn beschrieben: die transderivationale Suche. Wenn Du einen Satz hörst, in dem nicht steht, um wen es geht, dann stellt etwas in Dir die Verbindung selbst her. Du hörst eine Aussage über einen Menschen, und irgendetwas in Dir prüft, ob sie auf Dich zutrifft. Das geschieht automatisch und vorbewusst. Es ist derselbe Vorgang, mit dem Du überhaupt verstehst. Sprache ist immer unvollständig, und Verstehen heißt, das Fehlende aus der eigenen Erfahrung zu ergänzen. Genau diese Lücke nutzt Erickson. Wenn er sagt, dass die Härchen der Pflanze ihr sicher ein sehr behagliches Gefühl geben, dann sucht in Joe etwas nach einer Referenz für Behagen. Und die einzige Referenz, die Joe hat, ist Joes eigener Körper.
Deshalb spricht Erickson auch von der Pflanze als wäre sie ein Mensch. An einer Stelle sagt er es fast unverblümt: Es sei so angenehm, an eine Pflanze zu denken, als wäre sie ein Mann. Die Brücke ist gebaut, ohne dass Joe sie hätte überqueren müssen. Er stand längst drüben. Und deshalb ist es auch kein Zufall, dass es ausgerechnet eine Pflanze war. Joe hatte sein ganzes Leben damit verbracht, Dinge wachsen zu lassen. Der Ausgangsstoff der Metapher kam vollständig aus Joes eigener Welt. Das ist Utilisation aus Teil zwei, jetzt in erzählerischer Form.
Der doppelte Auftrag
Ein kleiner Baustein aus demselben Aufsatz, den Du sofort im Alltag verwenden kannst. Erickson erklärt, warum ein zusammengesetzter Auftrag oft leichter angenommen wird als zwei einzelne. Sein Beispiel: Eine Mutter sagt sinngemäß, Johnny, wenn Du Dein Fahrrad wegräumst, geh doch gleich rüber und mach das Garagentor zu. Das klingt nach einer einzigen Aufgabe, bei der ein Teil den anderen erleichtert. Zwei getrennte Bitten dagegen, etwa räum das Fahrrad weg und mach dann bitte das Garagentor zu, sind zwei Dinge, zu denen man je einzeln später Nein sagen kann.
Und dann kommt Ericksons eigentliche Beobachtung. Was genau würde Johnny denn ablehnen, wenn die Aufgaben verbunden sind? Dass er das Fahrrad nicht wegräumt? Dass er nicht zur Garage geht? Dass er das Tor nicht schließt? Allein der Aufwand, herauszufinden, wogegen man sich eigentlich wehrt, wirkt bereits als Hemmschwelle. Ich mag dieses Beispiel, weil es zeigt, wie wenig zwischen Ericksons therapeutischer Arbeit und ganz gewöhnlicher menschlicher Kommunikation liegt. Er hat nichts erfunden. Er hat gesehen, was ohnehin passiert, und es geordnet.
Vom Muster zum Format
Wenn Du die vier Teile dieser Serie nebeneinanderlegst, siehst Du eine Struktur, die sich unterrichten lässt. Zuerst braucht es Information, denn der Mensch muss verstehen, worum es geht, sonst arbeitet sein bewusster Verstand gegen alles Weitere. Dann braucht es eine Geschichte, in der das Thema vorkommt, ohne dass es beim Namen genannt wird; sie schafft Abstand und Erlaubnis zugleich. Dann braucht es eine Metapher, deren Struktur der Struktur des Anliegens tatsächlich entspricht, nicht ein hübsches Bild, sondern eine Entsprechung. Und schließlich braucht es die Trancereise, in der aus dem Verstandenen ein Erlebtes wird.
Genau diesen Vierschritt habe ich für meine eigene Arbeit ausformuliert und nenne ihn das MYTH-Format. Er ist mein Versuch, das, was Erickson intuitiv und situativ tat, in eine Form zu bringen, die sich unterrichten und wiederholen lässt, ohne dabei zur Schablone zu werden. Denn genau das war Ericksons eigene Warnung: Standardverfahren waren ihm ein Gräuel, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Eine Form ist kein Widerspruch dazu, solange sie das Individuelle trägt statt es zu ersetzen. Ein Sonett ist eine feste Form, und trotzdem sind keine zwei Sonette gleich.
Was Du davon üben kannst
Erzähl von etwas anderem. Nimm ein Thema, über das Du mit jemandem sprechen willst, und finde einen Gegenstand aus seiner Welt, an dem sich dasselbe zeigen lässt. Nicht aus Deiner. Bei einem Gärtner eine Pflanze, bei einem Handwerker ein Werkstück, bei einer Musikerin ein Stück. Erzähl davon. Und beobachte, wann sein Gesicht sich verändert.
Achte auf die Lücke. Formuliere einen Satz absichtlich ohne Bezug. Nicht: "Du kannst ruhiger werden", sondern: "Manche Menschen merken irgendwann, dass die Ruhe schon da war." Das erste ist eine Behauptung über den anderen, die er prüfen kann. Das zweite ist eine Lücke, die er füllt.
Verbinde zwei Aufträge. Wenn Du das nächste Mal um zwei Dinge bitten willst, verbinde sie zu einem Satz, in dem das eine das andere trägt. Und schau, wie viel seltener Du eine Diskussion bekommst.
Am Ende der Serie
Vier Teile, und der Bogen war Absicht: Wahrnehmung, Haltung, Sprache, Erzählung. In dieser Reihenfolge, weil sie in dieser Reihenfolge trägt. Ein Mann, dem Farben fehlten, wählte Purpur. Ein Junge, der gelähmt im Bett lag, sah über einen schräg gestellten Spiegel einen Sonnenuntergang und übersah dabei die halbe Welt. Ein Therapeut ging mit einem Menschen mit, der nicht aufhören konnte zu laufen, bis der Mensch von selbst saß. Und ein Sterbender, der das Wort Hypnose nicht hören konnte, bekam drei zusätzliche Monate mit seinem Garten, weil jemand ihm vom Wachsen einer Tomatenpflanze erzählte.
Das Erstaunliche an Erickson ist nicht, dass er ein Zauberer war. Das Erstaunliche ist, dass er keiner war. Alles, was er tat, ist beschreibbar, lernbar und überprüfbar. Was ihn von den meisten unterscheidet, ist nicht ein Geheimnis, sondern eine Entscheidung: Er hat den Menschen vor sich ernster genommen als seine eigene Methode. Und das, finde ich, ist etwas, das jeder von uns morgen früh anfangen kann.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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