Wenn die Lösung das Problem ist

Manchmal hält gerade das was wir gegen ein Problem tun es am Leben und Veränderung beginnt erst dort wo wir damit aufhören.
Paul Watzlawick erzählt in seiner Anleitung zum Unglücklichsein eine kleine Geschichte, die ich in meinen Trainings immer wieder verwende. Ein Mann will ein Bild aufhängen und hat keinen Hammer. Also beschließt er, sich einen beim Nachbarn zu leihen. Doch auf dem Weg kommen ihm Zweifel. Vielleicht will der Nachbar ihn gar nicht hergeben, vielleicht hat er ihn neulich schon so knapp gegrüßt, vielleicht hält er sich für etwas Besseres. Mit jedem Schritt wächst die Empörung über eine Kränkung, die noch gar nicht stattgefunden hat. Als der Nachbar die Tür öffnet und freundlich Guten Tag sagt, schreit der Mann ihn an, er solle seinen Hammer doch behalten. Wir lachen über diese Geschichte, weil wir uns darin erkennen. Der Mann hat nicht mit dem Nachbarn gesprochen, sondern mit seiner eigenen Landkarte von ihm. Und genau dort endet diese kleine Reihe über vier Denker der Kommunikation. Alfred Korzybski hat gezeigt dass die Landkarte nicht das Gebiet ist. Gregory Bateson hat gezeigt dass wir Teil der Kreise sind die wir erleben. Noam Chomsky hat gezeigt was auf dem Weg vom Gedanken zum Satz verloren geht. Paul Watzlawick hat aus all dem etwas gemacht, das man im Leben anwenden kann. Er ist der Einzige der vier, der wirklich jeden Tag mit Menschen gearbeitet hat, die etwas verändern wollten.
Der Philologe aus Villach
Watzlawick wurde 1921 im österreichischen Villach geboren. Er studierte in Venedig Philologie und Philosophie, ließ sich am C.-G.-Jung-Institut in Zürich zum Analytiker ausbilden und unterrichtete eine Zeit lang in El Salvador. 1960 holte ihn Don Jackson an das Mental Research Institute in Palo Alto, wo Bateson die geistige Atmosphäre geprägt hatte. Dort entstand 1967 zusammen mit Janet Beavin und Don Jackson das Buch, das im Deutschen Menschliche Kommunikation heißt und bis heute in fast jeder Ausbildung vorkommt.
Es lohnt sich zu sehen was dieses Buch eigentlich wollte. Es ist kein Ratgeber für bessere Gespräche. Es ist der Versuch einer Lehre davon, was Kommunikation bei Menschen bewirkt. Und hier liegt der Unterschied zu den anderen drei Denkern dieser Reihe. Die Sprachwissenschaft unterscheidet zwischen der Struktur von Sätzen, ihrer Bedeutung und ihrer Wirkung. Chomsky hat sich mit der Struktur beschäftigt, Korzybski mit der Bedeutung und Watzlawick mit der Wirkung. Bateson ist der Kreis, der alle drei verbindet.
Ein Satz, der zu oft falsch zitiert wird
Man kann nicht nicht kommunizieren. Das ist vermutlich der berühmteste Satz der Kommunikationspsychologie, und er wird fast immer etwas zu groß verstanden. Viele hören darin dass alles immer eine Botschaft sei. Watzlawick war genauer. Der Satz gilt dort, wo zwei Menschen einander wahrnehmen können. In dieser Situation hat jedes Verhalten Mitteilungscharakter und weil es kein Nicht-Verhalten gibt, kann man sich der Mitteilung nicht entziehen.
Das heißt aber nicht dass jedes Verhalten eine Absicht enthält. Und es heißt schon gar nicht, dass alles was jemand in Dein Schweigen hineinliest auch Deine Botschaft war. Diese Unterscheidung ist mir wichtig, weil sie in Beziehungen echten Schaden verhindert. Du bist für die Wirkung Deines Verhaltens mitverantwortlich, aber nicht für jede Geschichte die ein anderer daraus macht. Der Mann mit dem Hammer hätte seinem Nachbarn sonst ernsthaft vorwerfen können, was der in Gedanken alles gesagt hat.
Fünf Eigenschaften jedes Gesprächs
Die fünf Axiome von Watzlawick sind kein vereinfachtes Modell wie das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun. Sie beschreiben Eigenschaften, die in jedem Gespräch wirken, ob wir sie bemerken oder nicht. Das erste kennst Du schon. Das zweite sagt, dass jede Mitteilung einen Inhalt hat und zugleich eine Aussage über die Beziehung trifft. Und die Beziehung entscheidet darüber, wie der Inhalt verstanden wird. Das ist Batesons zweite Etage aus dem letzten Artikel, nur jetzt als Werkzeug formuliert. Ein Kannst Du mal das Fenster zumachen? ist von Deiner Partnerin etwas anderes als von Deinem Chef, obwohl die Worte gleich sind.
Das dritte Axiom betrifft die sogenannte Interpunktion, also die Frage wer angefangen hat. Dazu gleich mehr. Das vierte sagt, dass wir auf zwei Arten kommunizieren. Die eine arbeitet mit Worten und ist präzise im Inhalt, die andere arbeitet mit Tonfall, Blick und Körper und ist stark in der Beziehung. Wenn beide sich widersprechen, glauben wir fast immer dem Körper. Das fünfte Axiom stammt direkt aus Batesons Schismogenese. Beziehungen sind entweder ebenbürtig, dann spiegeln beide einander, oder ergänzend, dann führt einer und der andere folgt. Beides ist gesund, solange es sich nicht in eine Richtung aufschaukelt.
Wer den Anfang setzt, hat recht
Das klassische Beispiel ist ein Paar. Sie nörgelt, weil er sich zurückzieht. Er zieht sich zurück, weil sie nörgelt. Beide beschreiben dieselbe Abfolge, aber jeder setzt den Anfang so, dass sein eigenes Verhalten nur die Antwort auf das Verhalten des anderen ist. Und beide haben recht, jeweils innerhalb ihrer eigenen Zeichensetzung. Deshalb lässt sich dieser Streit nicht durch Argumente gewinnen. Es ist kein Streit über Tatsachen, sondern über die Frage wo man den Punkt setzt.
Watzlawick hat gezeigt dass dieses Muster in kleinen und großen Systemen gleich ist, bis hin zum Wettrüsten zwischen Staaten. Die Struktur lautet immer: Ich reagiere nur und Du hast angefangen. Für Konfliktgespräche folgt daraus ein überraschender Schritt. Man gibt die Frage nach dem Anfang ausdrücklich auf. Nicht als faulen Kompromiss, sondern weil sie nicht zu beantworten ist. Ich sage in solchen Momenten gern: Wir klären heute nicht wer angefangen hat, wir beschreiben stattdessen den Kreis. Dann zeichne ich ihn auf, mit vier oder fünf Stationen und ohne Anfangspunkt. Und es bleibt nur noch eine Frage, die eine Frage der Freiheit ist und nicht der Schuld: An welcher Stelle könnte einer von uns etwas anderes tun?
Bestätigung, Verwerfung und Entwertung
In jeder Begegnung bietet ein Mensch eine Vorstellung von sich selbst an. Darauf gibt es nach Watzlawick drei mögliche Antworten. Die erste ist die Bestätigung. Sie sagt nicht dass der andere inhaltlich recht hat, sondern dass er als der wahrgenommen wird, der er zu sein beansprucht. Watzlawick hielt sie für eine der wichtigsten Bedingungen seelischer Gesundheit. Die zweite ist die Verwerfung, also ich sehe Dich anders. Das tut weh, setzt aber voraus dass der andere existiert. Mit einer Verwerfung kann man streiten.
Die dritte Antwort ist die Entwertung, und sie ist die schwerste Verletzung. Der andere wird weder bestätigt noch verworfen, sondern übergangen. Man wechselt das Thema, antwortet nicht oder redet an ihm vorbei. Die Botschaft lautet dann nicht Du irrst Dich, sondern Du bist nicht da. Gegen einen Widerspruch kann man argumentieren, gegen die eigene Nichtexistenz nicht. Wenn Du je auf eine wichtige Nachricht keine Antwort bekommen hast, kennst Du dieses Gefühl.
Was ist und was es bedeutet
Watzlawick unterscheidet zwischen einer Wirklichkeit erster und einer zweiter Ordnung. Die erste ist das was sich messen und prüfen lässt. Das Meeting begann um neun und die Nachricht kam um 22:14 Uhr. Die zweite ist die Bedeutung, die wir dem geben. Dass Pünktlichkeit Respekt bedeutet oder dass eine Nachricht so spät am Abend etwas heißt. Über die erste Ordnung kann man sich einigen. Über die zweite kann man nur ins Gespräch kommen.
Diese Unterscheidung erklärt, warum gut gemeinte Ratschläge so oft danebengehen. Jemand sagt Ich habe das Gefühl, ich schaffe das nicht. Und die Antwort lautet Aber Du hast doch schon drei ähnliche Projekte geschafft. Das ist eine sachlich richtige Antwort auf der ersten Ebene, auf eine Aussage der zweiten Ebene. Sie stimmt und trifft trotzdem nichts. Wer die beiden Ebenen kennt, antwortet zuerst dort wo gesprochen wurde und wechselt erst später, bewusst und angekündigt.
Wenn die Lösung das Problem ist
Jetzt kommen wir zum Herzstück, lies hier gern etwas langsamer. In seinem Buch Lösungen, das er zusammen mit John Weakland und Richard Fisch schrieb, unterscheidet Watzlawick zwei Arten von Veränderung. Veränderung erster Ordnung geschieht innerhalb eines Systems und lässt das System selbst unberührt. Veränderung zweiter Ordnung verändert das System. Sein Bild dafür ist ein Albtraum. Im Traum kannst Du rennen, kämpfen oder Dich verstecken, und nichts davon beendet den Traum. Es gibt nur eine Veränderung zweiter Ordnung und die heißt aufwachen. Aufwachen ist keine Handlung im Traum, sondern ein Verlassen der Ebene.
Daraus folgt sein berühmtester Gedanke: Oft ist die Lösung das Problem. Wer schlecht einschläft, strengt sich an einzuschlafen und die Anstrengung hält ihn wach. Wer spontaner sein will, plant seine Spontaneität und macht sie damit unmöglich. Ein Team, dem Vertrauen fehlt, führt mehr Kontrollen ein und zerstört damit den Rest des Vertrauens. Watzlawick nennt das mehr desselben. Besonders tückisch sind Aufforderungen wie: "Sei spontan", "Vertrau mir" oder "Entspann Dich doch einfach". Sie verlangen dass etwas freiwillig geschieht und jeder Gehorsam zerstört genau das Verlangte. In der Sexualität kennen viele das als Lust, die umso fester ausbleibt, je mehr man sie herbeiwünscht.
Die wichtigste Frage, die ich aus diesem Gedanken mitgenommen habe, ist einfach: Wie oft hast Du das schon versucht? Wenn die Antwort lautet ständig und immer intensiver, dann ist Deine Lösung vermutlich Teil des Problems. Dann geht es nicht darum sie besser zu machen, sondern etwas grundsätzlich anderes zu tun.
Umdeuten ist kein Schönreden
Im NLP heißt es Reframing und es wird oft mit positivem Denken verwechselt. Watzlawick beschreibt es viel genauer. Beim Umdeuten bleiben die Tatsachen unangetastet und nichts wird beschönigt. Derselbe Sachverhalt wird nur einem anderen Rahmen zugeordnet, in den er ebenso gut gehört und in dem er anders bewertet wird. Wenn die neue Deutung nicht wirklich passt, wird sie abgelehnt, und dieses Gefühl ist ein zuverlässiger Prüfstein.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Eine gelungene Umdeutung lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Man kann nicht mehr nicht wissen dass es auch anders geht. Man kann in den alten Rahmen zurückkehren, aber nie mehr ohne den neuen zu kennen. Ein Mensch, der sich für seine Empfindsamkeit schämt, kann sie als Schwäche sehen oder als die Fähigkeit wahrzunehmen was andere übersehen. Beides ist wahr und wer die zweite Deutung einmal gespürt hat, sieht die erste nie wieder ganz so wie vorher.
Die Sprache, die verändert
1977 erschien Watzlawicks Buch Die Möglichkeit des Andersseins, gewidmet Milton H. Erickson. Es ist im deutschen Trainermarkt erstaunlich unbekannt, obwohl darin steht was ein Praktiker wirklich braucht. Seine These lautet, dass die Sprache der Erklärung und der Analyse die Ebene nicht erreicht, auf der Veränderung stattfindet. Erreicht wird diese Ebene von einer anderen Sprache, nämlich der Sprache der Bilder, der Verdichtung, der Mehrdeutigkeit und der Geschichten.
Watzlawick stützte sich dabei auf die damals beliebte Forschung zu den beiden Gehirnhälften, die heute deutlich differenzierter gesehen wird. Seine praktische Unterscheidung hat davon unabhängig Bestand. Statt jemandem zu sagen Sie überfordern sich kannst Du sagen Sie fahren im dritten Gang die Autobahn hoch und der Motor hält das, aber nicht mehr lange. Ein Bild wird nicht diskutiert, es wird erlebt. Das ist dieselbe Sprache, die Erickson in seinen Geschichten benutzte, und ich glaube dass sie der Grund ist, warum Metaphern in meiner eigenen Arbeit oft mehr bewegen als jede Erklärung.
Paradoxie mit Verantwortung
Zu den bekanntesten Werkzeugen aus Palo Alto gehören die paradoxen Interventionen. Bei der Symptomverschreibung wird ein Mensch gebeten, das unerwünschte Verhalten absichtlich herzustellen, zu einer festen Zeit und in fester Menge. Wenn ein Problem gerade deshalb bestehen bleibt, weil man gegen es kämpft, verliert es so seinen Nährboden. Diese Technik gehört allerdings in erfahrene therapeutische Hände und nicht in ein Verkaufsseminar.
Alltagstauglicher ist das Als-ob. Statt zu verändern was Du fühlst, veränderst Du für eine begrenzte Zeit was Du tust, so als wäre es schon anders. Die Wirkung entsteht nicht durch Selbsttäuschung, sondern durch die veränderten Reaktionen Deiner Umwelt, die zu Dir zurückkommen. Es ist ein Kreis im Sinne Batesons, nur an einer neuen Stelle angestoßen. Und hier schließt sich ein Bogen zu Chomskys Gedanken über Verantwortung: Je wirksamer ein Werkzeug ist, desto wichtiger wird die Frage, wofür man es einsetzt.
Was die vier Denker zusammen ergeben
Nebeneinandergelegt ergeben die vier Denker eine Art Landkarte der Verständigung. Korzybski erinnert Dich daran, dass Deine Vorstellung von einem Menschen nicht der Mensch ist. Bateson zeigt Dir, dass jedes Gespräch in einem Rahmen stattfindet und dass Du an jedem Kreis beteiligt bist, den Du erlebst. Chomsky zeigt Dir, dass zwischen dem was Du meinst und dem was Du sagst ein Weg liegt, auf dem Menschen verschwinden können. Und Watzlawick zeigt Dir, dass es am Ende nicht darauf ankommt was Du sagen wolltest, sondern was es bewirkt und wie Du etwas verändern kannst, wenn es sich festgefahren hat.
Bateson war übrigens nie ganz glücklich damit, was die Praktiker aus seinen Gedanken machten. Er misstraute jedem Ansatz, der Muster nutzt um Menschen gezielt zu steuern. Watzlawick dagegen wollte helfen und zwar konkret. Ich glaube dass beide recht hatten und dass gerade die Spannung zwischen ihnen wertvoll ist. Wer nur Bateson folgt, versteht viel und verändert wenig. Wer nur Watzlawick folgt, verändert viel und versteht manchmal zu wenig davon, was er da eigentlich tut.
Vom Verstehen zum Verkörpern
Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:
Zeichne den Kreis. Nimm einen Konflikt, der sich wiederholt, und schreib ihn als Kreis aus vier oder fünf Stationen auf, ohne einen Anfang zu markieren. Frag Dich dann wo Du etwas anders machen könntest.
Setz Deinen Anfang zwei Schritte früher. Wenn Du denkst ich habe ja nur reagiert, frag Dich worauf der andere vielleicht gerade reagiert hat.
Prüfe die Ebene. Bevor Du das nächste Mal einen Rat gibst, frag Dich ob der andere über Tatsachen gesprochen hat oder über Bedeutung.
Hör auf mit mehr desselben. Such Dir ein Problem, gegen das Du schon lange ankämpfst, und tu eine Woche lang bewusst etwas völlig anderes.
Lebe eine Woche als ob. Wähle eine Eigenschaft, die Du Dir wünschst, und handle sieben Tage lang so, als hättest Du sie schon.
Wenn Du nur eine Sache mitnimmst, dann diese Frage. Stell sie Dir immer dann, wenn Du Dich zum dritten Mal über dasselbe ärgerst: "Was tue ich gerade, das dieses Problem am Leben hält?". Damit endet diese Reihe über vier Menschen, die mein Verständnis von Kommunikation tief geprägt haben. Vielleicht gehst Du beim nächsten Mal etwas langsamer zum Nachbarn, wenn Du einen Hammer brauchst, und klingelst mit einer offenen Frage statt mit einer fertigen Geschichte.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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