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Vier Ohren und ein Missverständnis

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
8. Sept.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.

Die Kommunikationsmodelle von Friedemann Schulz von Thun und wie Du sie im Alltag nutzt.


Gestern unterhielt ich mich mit einer tollen Frau die ich näher kennenlerne. Wir waren an jenem Punkt des Abends, an dem ein Gespräch leicht wird und man einander die Bälle zuspielt. Irgendwann erzählte Sie etwas, ich machte dazu eine Bemerkung, und sie konterte spielerisch: Das ist doch nur die Sachebene. Ich musste aus zwei Gründen lachen. Erstens hatte sie recht. Und zweitens hatte sie in genau diesem Satz auf allen vier Ebenen zugleich gesendet, und die Sachebene war die unwichtigste davon. Also sagte ich ihr sie möge sich gut überlegen, mit wem sie sich mit mir als Kommunikationstrainer auf dieses Feld begibt. Was danach kam, war einer der schöneren Abende der letzten Wochen. Und zugleich ein gutes Beispiel für etwas, das im Ernstfall erheblich weniger vergnüglich ist. Denn dieselbe Verwechslung begegnet mir in Trainings und in Gesprächen immer wieder, nur eben ohne das Lachen. Zwei Menschen streiten über eine Sache, über eine Uhrzeit, Aufgabe oder Satz der gefallen ist. Beide bringen gute Argumente. Beide haben aus ihrer Sicht recht. Und trotzdem wird es schlimmer statt besser, je länger sie sprechen. Der Grund dafür ist einfach und wird selten benannt. Der Konflikt liegt nicht dort, wo er ausgetragen wird. Er wird auf der Sachebene verhandelt, und er lebt auf der Beziehungsebene. Auf der Sachebene ist er deshalb nicht lösbar, ganz gleich, wie gut die Argumente sind. Friedemann Schulz von Thun, Psychologe und einer der einflussreichsten Kommunikationswissenschaftler des deutschsprachigen Raums, hat dafür Modelle entwickelt, die genau diese Verwechslung sichtbar machen. Vier davon stelle ich Dir heute vor, jeweils mit einem Weg, sie sofort anzuwenden.


Das Kommunikationsquadrat: Du sendest immer auf vier Seiten


Jede Äußerung enthält vier Botschaften zugleich. Wer spricht, sendet auf vier Seiten. Wer hört, hört mit vier Ohren:


  • Der Sachinhalt. Worüber ich informiere. Der Hörer fragt sich: Wie ist der Sachverhalt zu verstehen?

  • Die Selbstkundgabe. Was ich von mir zu erkennen gebe. Der Hörer fragt sich: Was ist das für einer, und was ist gerade mit ihm los?

  • Die Beziehungsseite. Wie ich zu Dir stehe. Der Hörer fragt sich: Wie redet der mit mir, und wen glaubt er vor sich zu haben?

  • Der Appell. Wozu ich Dich veranlassen möchte. Der Hörer fragt sich: Was soll ich jetzt tun, denken oder fühlen?


Das bekannteste Beispiel dafür spielt an einer Ampel. Der Beifahrer sagt: Du, da vorne ist grün. Sachlich heißt das, dass die Ampel grün ist. Die Selbstkundgabe lautet, dass er es eilig hat. Auf der Beziehungsseite steht, dass die Fahrerin offenbar Hilfe beim Fahren braucht. Und der Appell lautet schlicht: Fahr los. Der Streit, der daraus entsteht, dreht sich nie um die Ampel. Er dreht sich um die Beziehungsseite und wird auf der Sachseite ausgetragen, wo er nicht lösbar ist.


Die vier Ohren und warum eines von ihnen zu groß ist


Genauso wichtig wie die vier Seiten ist die andere Richtung. Denn jeder Mensch hört mit allen vier Ohren, und bei den meisten ist eines davon überentwickelt:


  • Das Sach-Ohr. Es gibt eine sachliche Antwort auf ein emotionales Anliegen. Der andere fühlt sich nicht gemeint und wird lauter.

  • Das Beziehungs-Ohr. Alles wird auf sich bezogen. Aus einer Nachfrage wird ein Vorwurf. Es entsteht Empfindlichkeit und ein Leben in ständiger Rechtfertigung.

  • Das Appell-Ohr. Aus jeder Bemerkung wird eine Aufgabe. Man übernimmt Verantwortung, die einem niemand übergeben hat.

  • Das Selbstkundgabe-Ohr. Alles wird zur Auskunft über den anderen, was schnell psychologisierend und bisweilen überheblich wirkt. Der Sachgehalt geht dabei verloren.


Und noch etwas gehört dazu, weil es fast alle Missverständnisse erklärt: Wenn Wort und Ton auseinandergehen, glaubt der Empfänger fast immer dem Ton. Der Sender bemerkt dabei oft nicht einmal, dass er zwei Dinge gleichzeitig gesagt hat.


Eine Übung, um Dein eigenes Ohr zu finden

Nimm einen Satz, der Dich zuletzt getroffen hat. Hör ihn innerlich noch einmal, genau so wie damals, mit der Stimme, dem Ton, der Lautstärke. Und dann hör ihn ein zweites Mal, diesmal auf dem Selbstkundgabe-Ohr. Was sagt dieser Satz über den Zustand dessen, der ihn gesprochen hat? Nimm dafür die Stimme etwas leiser und schieb sie zwei Meter weiter weg, so als würdest Du jemanden beobachten, der etwas über sich verrät. Dritter Durchgang, das Beziehungs-Ohr: Was hält er von mir? Vierter Durchgang, das Appell-Ohr: Wozu will er mich bringen? Und dann prüf, welcher Durchgang die stärkste Reaktion in Dir ausgelöst hat. Das ist Dein bevorzugtes Ohr. Und damit hast Du die Information, an welcher Stelle Du in Konflikten regelmäßig zu viel hörst.


Der Teufelskreis: Konflikte haben keinen Anfang


Das zweite Modell erklärt, warum manche Auseinandersetzungen jahrelang laufen, ohne dass jemand böse wäre. Zwischenmenschliche Konflikte haben keinen Anfang. Beide reagieren auf das Verhalten des anderen und erzeugen damit genau jenes Verhalten, auf das sie reagieren. Der Kreis hat vier Stationen. Der eine zeigt ein Verhalten. Der andere deutet es innerlich. Aufgrund dieser Deutung zeigt er sein eigenes Verhalten. Und das wiederum deutet der Erste und sieht sich in seiner Annahme bestätigt. Je fordernder sie auftritt, desto abweisender wird er. Je abweisender er wird, desto fordernder muss sie auftreten. Beide haben aus ihrer Sicht recht, und beide erleben sich als Opfer. Genau das hält den Kreis am Laufen, denn wer sich als reagierend erlebt, sieht keinen Grund, das eigene Verhalten zu verändern. Vier Dinge helfen aus diesem Kreis heraus:


  • Den Kreis sehen. Allein die Einsicht in die Kreisförmigkeit entwertet die Schuldfrage.

  • Vom Reagierenden zum Handelnden werden. Das eigene Verhalten als Ursache zu begreifen ist keine Schuldübernahme. Es ist Zugriff.

  • Die eigene Deutung prüfen. Verhält sich der andere auch bei Dritten so? Wenn nicht, ist es der Kreis und nicht sein Charakter.

  • Über das Muster sprechen. Rede über den Kreis statt über die Sache, und ohne den Vorwurf, der andere habe angefangen.


Eine Übung mit drei Plätzen

Leg Dir drei Plätze im Raum fest. Deine Sicht, seine Sicht und die eines Unbeteiligten. Geh zuerst auf Deinen Platz und dann auf seinen, und nimm dort wirklich seine Sicht ein. Danach geh auf den dritten Platz und zeichne von dort aus den Kreis auf ein Blatt: vier Pfeile für Dein Verhalten, seine Deutung, sein Verhalten und Deine Deutung. Und dann stell die einzige Frage, die weiterführt: An welcher dieser vier Stellen könnte ich als Erster etwas anders machen, ohne darauf zu warten, dass er anfängt?


Das Innere Team: Unentschieden ist keine Schwäche


Das dritte Modell richtet den Blick nach innen. Denn in einem Menschen meldet sich selten nur eine Stimme. Wer sich unentschieden fühlt, ist nicht schwach. Er hat eine Mehrheitslage. Innere Widersprüche werden hier nicht als Störung behandelt, sondern als Mitglieder eines Teams. Jede Stimme hat ein berechtigtes Anliegen. Was fehlt, ist nicht Eindeutigkeit, sondern Führung, also jemand, der die Sitzung leitet. Diese Sitzung läuft in fünf Schritten:


  • Erstens, die Stimmen benennen. Wer meldet sich hier? Alle, auch die unbequemen.

  • Zweitens, jede einzeln anhören. Was hat sie zu sagen, und worum sorgt sie sich?

  • Drittens, die freie Aussprache. Lass die Stimmen aufeinander reagieren. Hier zeigen sich Bündnisse und Gegnerschaften.

  • Viertens, die Verhandlung. Was will jede genau, und was wäre für sie annehmbar? Das Oberhaupt leitet, statt zu entscheiden.

  • Fünftens, die gemeinsame Haltung. Am Ende steht keine siegreiche Fraktion, sondern eine Haltung, die die wesentlichen Anliegen berücksichtigt.


Der praktische Grund dahinter ist bemerkenswert nüchtern. Unterdrückte Stimmen verschwinden nicht. Sie melden sich später als Zögern, als Groll oder als Sabotage der eigenen Entscheidung. Wer sie vorher gehört hat, handelt geschlossener, selbst wenn er sich gegen sie entscheidet.


Eine Übung mit Raum und Stimme

Setz Dich mit einer offenen Frage hin und lass die Stimmen kommen. Frag bei jeder: Wo sitzt sie, links, rechts, vorn oder hinten? Wie klingt sie, wie schnell, wie laut? Und klingt eine davon wie jemand aus Deinem Leben? Dann verteil sie im Raum. Für jede Stimme ein Platz auf dem Tisch, markiert mit einem Gegenstand. Und dann geh sie einzeln durch und sprich jeweils aus ihrer Position, laut und nicht im Kopf.


Die räumliche Trennung macht denselben Unterschied wie bei der Arbeit mit dem Träumer und dem Kritiker. Solange alle gleichzeitig reden, gewinnt die lauteste. Getrennt hörst Du auch die leise. Und die hat oft das wichtigste Anliegen. Für Gespräche folgt daraus übrigens eine sehr brauchbare Redeform. Statt eine widersprüchliche Haltung zu glätten, kannst Du sie offenlegen: Ein Teil von mir würde gern zustimmen, ein anderer sieht ein Problem. Das ist ehrlicher und meist überzeugender als eine erzwungene Eindeutigkeit.


Das Wertequadrat: Jede Tugend braucht eine Schwester


Das vierte Modell ist mein liebstes, weil es eine Verwechslung auflöst, an der unzählige Beziehungen scheitern. Jede Tugend braucht eine Schwestertugend im Gegensatz, sonst entgleist sie. Das Quadrat macht sichtbar, warum Gegensätze zusammengehören und wohin Entwicklung führt. Oben links steht der Wert, um den es geht, etwa Sparsamkeit. Oben rechts steht die Schwestertugend, die ihn im Gleichgewicht hält, also Großzügigkeit. Unten rechts steht, was aus der Tugend ohne Gegengewicht wird, nämlich Geiz. Und unten links steht die Übertreibung der Schwester, also Verschwendung. Ein paar Beispiele, an denen Du es sofort wiedererkennst:

Wert

Schwestertugend

Entgleisung des Werts

Entgleisung der Schwester

Vertrauen

Vorsicht

Naivität

Misstrauen

Nähe

Distanz

Klammern

Kälte

Konsequenz

Flexibilität

Sturheit

Beliebigkeit

Ehrlichkeit

Taktgefühl

Verletzende Offenheit

Verschleierung

Disziplin

Nachsicht

Härte gegen sich

Verwahrlosung

Klarheit

Behutsamkeit

Schroffheit

Unverbindlichkeit

Daraus ergeben sich drei Anwendungen, und jede einzelne ist im Alltag Gold wert.


  • Die Entwicklungsrichtung bestimmen. Wer eine Tugend überzieht, entwickelt sich nicht durch mehr davon, sondern durch die Schwestertugend. Der Sture braucht Flexibilität und nicht mehr Konsequenz. Die Richtung führt immer diagonal nach oben.

  • Konflikte entschärfen. Im Streit werfen sich zwei Menschen gegenseitig die Entgleisung vor. Sichtbar zu machen, dass beide je eine Tugend vertreten, verwandelt einen Streit über Charakter in eine Frage der Balance.

  • Kritik brauchbar formulieren. Statt eine Eigenschaft abzuwerten, benenne den fehlenden Gegenpol. Das ist annehmbar, weil es die vorhandene Stärke nicht in Frage stellt.


Eine Übung für Dich selbst

Such Dir eine Situation, in der Du Dich unwohl verhalten hast oder in der Du kritisiert wurdest. Stell sie Dir vor, die Szene, den Raum, den Moment, und geh durch Deine eigenen Augen hinein:


  • Erstens: In welcher Ecke stehe ich hier? Meist erkennt man sich in einer der beiden unteren wieder. Benenne sie.

  • Zweitens: Welcher Wert steckt darunter? Auch eine Entgleisung hat einen Kern, der in Ordnung ist. Sag ihn Dir laut.

  • Drittens: Welche Schwestertugend fehlt? Stell Dir jemanden vor, der sie verkörpert, jemanden aus Deinem Leben oder eine erdachte Figur. Sieh sie Dir genau an. Wie steht sie da, wie spricht sie, welches Tempo hat sie?

  • Viertens: Geh in diese Figur hinein. Übernimm ihre Haltung, ihr Tempo, ihren Ton. Und lauf die Situation von dort aus noch einmal durch. Was sagst Du jetzt, was tust Du?

  • Fünftens: Komm zurück und spür nach. Was ist anders? Das Körpergefühl am Ende ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob Du es wieder tun wirst.


Und eine Übung für einen Konflikt

Nimm zwei Blätter. Auf das erste zeichnest Du Dein Wertequadrat, auf das zweite seines. Trag ein, was er Dir vorwirft, und finde heraus, welche Ecke das ist. Und dann trag ein, was Du ihm vorwirfst. Meist zeigt sich dabei dasselbe Bild: Beide stehen jeweils oben in ihrem eigenen Quadrat und sehen den anderen unten. Und daraus wird eine völlig andere Frage als die nach dem Recht. Welchen Wert vertritt er, wenn ich seine Kritik freundlich lese? Und fehlt mir davon gerade etwas?


Was diese vier Modelle zusammen ergeben


Wenn Du sie nebeneinanderlegst, erkennst Du eine gemeinsame Bewegung. Das Quadrat zeigt Dir, dass eine Nachricht mehr enthält, als gesagt wurde. Die vier Ohren zeigen Dir, dass Du mehr hörst, als gesagt wurde. Der Teufelskreis zeigt Dir, dass Du an dem beteiligt bist, was Du erleidest. Und das Wertequadrat zeigt Dir, dass hinter dem, was Dich am anderen stört, meist eine Tugend liegt. Vier Wege, und alle führen an dieselbe Stelle. Weg von der Frage, wer recht hat, hin zu der Frage, was hier eigentlich geschieht.


Über Kommunikation zu lesen ist leicht, im Streit ein Ohr zu wechseln ist etwas anderes. Deshalb lohnt keine dieser Übungen als einmaliger Versuch, sondern nur als eine Aufmerksamkeit, die Du über Wochen mit Dir trägst. Vielleicht beginnst Du in den nächsten Tagen mit einer einzigen Frage, immer dann, wenn ein Gespräch kippt: Auf welcher Seite streiten wir gerade und auf welcher liegt das Thema?


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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