Glaubenssätze und der Filter, den Du für die Welt hältst – Teil 1
- Florian Stotz

- 2. Sept. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Ein Glaubenssatz ist keine Aussage über die Welt, sondern eine Anweisung, wie Du sie zu sehen hast.
Ich habe das Modell des NLP einem Bekannten zu verdanken, und ich bin dafür bis heute froh. Von ihm stammt ein Satz, der diesem Artikel zugrunde liegt. Er sagte einmal sinngemäß: Verändere den Fokus in Deinen Glaubenssätzen, und Du veränderst Deine Realität, und damit wird vieles für Dich möglich, was vorher unmöglich schien. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, wie wörtlich dieser Satz gemeint ist. Heute geht es um beides: darum, was Glaubenssätze sind und wie man mit ihnen arbeitet, und um eine ehrliche Anmerkung zu einem Teil der NLP-Branche, die ich Dir nicht ersparen will.
Warum das teuerste NLP oft das einfachste ist
Es fällt mir auf, wie viel Geld sich mit diesem Modell verdienen lässt. Die einfachsten Techniken und Konzepte werden von manchen Anbietern zu hohen Preisen verkauft, und das ist bemerkenswert, weil vieles davon frei zugänglich ist. Ein Beispiel. Wenn Du Dir die Bücher „NLP Practitioner" und „NLP Master Practitioner" von Klaus Grochowiak kaufst, sie durcharbeitest und die Übungen mit Freunden oder Familie durchgehst, hast Du ein solides Verständnis des Modells und neue Fähigkeiten für Dein Leben. Wenn Du dann noch die Beweglichkeit besitzt, dieses Wissen tatsächlich anzuwenden, kannst Du Dir die meisten NLP-Ausbildungen in Deutschland sparen. Denn was in einer solchen Ausbildung meist vermittelt wird, ist überschaubar:
Mit einem Vortrag, ein paar Gruppenübungen und Vorführungen ist ein Tag zu einem dieser Themen schnell gefüllt. Was mir dabei fehlt, ist die Tiefe: Die wenigsten Workshops schließen mit einer Integrationstrance oder gehen über die bekannten Formate hinaus. Ich habe mich früh an Richard Bandler und an meinem Lehrer Chris Mulzer orientiert, und mich hat ein anderer Weg mehr überzeugt. Das Wissen in Geschichten verpacken, mit der Erzähltechnik der Nested Loops arbeiten, eine Demonstration zeigen, die Teilnehmer in Übungsgruppen schicken, die Geschichten am Ende schließen und den Abend mit einer Integrationstrance beschließen. Eine Präsentation Folie für Folie ist demgegenüber für mich ein Zeichen mangelnder Beweglichkeit.
Mein Vater sagte einmal, dass viele Verkäufer und Trainer wunderbare Dinge erzählen können und nur so lange großzügig sind, wie sie selbst am meisten davon haben. Diese wache, prüfende Art im Umgang mit großen Worten habe ich von ihm übernommen. Und ich behaupte, ein Mensch, über den auch in seiner Abwesenheit gut gesprochen wird, bringt in aller Regel etwas mit, das über die Worte hinausreicht.
Du kannst mehr NLP, als Du denkst
Bevor das alles zu technisch klingt: Viele Elemente des Modells lebst Du längst, ohne einen Namen dafür zu haben. Beobachte einmal, was geschieht, wenn Du mit guten Freunden unterwegs bist und ihr wie von selbst im gleichen Schritt geht. Im NLP heißt das Pacing (auch: angleichen). Oder erinnere Dich an ein Essen mit einem Menschen, der Dir wichtig ist: Du greifst zum Wasserglas, und kurz darauf tut er es Dir gleich. Das nennt man Leading (auch: führen). Beides sind ganz normale Vorgänge menschlicher Nähe. Du wirst doch nicht etwa schon Elemente eines Practitioners beherrschen, ganz ohne Zertifikat an der Wand? Je mehr meiner Artikel Du liest, desto deutlicher wirst Du bemerken, wie viel vom NLP im Alltag längst vorhanden und wie leicht der Rest zu lernen ist.
Was Glaubenssätze sind und wie sie wirken
Das Wort Glaubenssatz lässt sich durch das Wort Überzeugung ersetzen. Gemeint sind jene Überzeugungen darüber, wie die Welt funktioniert, wer wir zu sein glauben und was für uns möglich ist. Sie wirken wie Wahrnehmungsfilter und bestimmen mit, welche Informationen Du beachtest und welche Du übersiehst. Ihre Aufgabe ist zunächst eine gute: Sie stabilisieren Dein Bild von der Welt und geben Dir Orientierung. Zugleich legen sie fest, wie Du Dich verhältst, welche Fähigkeiten Du entfaltest und welche Entscheidungen Du triffst.
Oft wirken sie wie selbsterfüllende Prophezeiungen. Wer überzeugt ist zu scheitern, verhält sich unbewusst so, dass das Scheitern wahrscheinlicher wird, und liest das Ergebnis anschließend als Beweis. Wichtig ist, dass diese Kraft in beide Richtungen läuft. Zutrauen erzeugt genauso Ergebnisse wie Angst, denn wer glaubt, dass etwas gelingen kann, sieht die Gelegenheiten dazu überhaupt erst und ergreift sie. Der Filter zeigt in beide Richtungen dasselbe Verhalten, er verstärkt, was Du ohnehin erwartest. Davon deutlich zu trennen sind die reinen Angstszenarien im Kopf, die fast nie eintreten und meist nichts weiter sind als Bilder.
In einem meiner Trainings hatte eine Frau immer wieder dasselbe Problem. Sie geriet an Männer, die sie herabwürdigend behandelten, und wünschte sich nichts mehr als einen Partner, der sie liebevoll behandelt. Hätte ich diesen Wunsch mit den Werkzeugen des NLP blind zu erfüllen versucht, wäre ich am eigentlichen Thema vorbeigegangen. Eine Trainerhaltung, die ich für stimmig halte, lautet: Gib den Menschen nicht, was sie wollen, sondern was sie brauchen. Im Gespräch klang durch, dass sie sich selbst für nicht liebenswert hielt. Als ich sie fragte, ob sie sich selbst als liebenswert empfinde, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Alles, was ich dann tat, war, ihr den Raum zu geben, den sie brauchte. Sie erzählte, dass ihre Mutter sie als Kind verlassen hatte und dass sie glaubte, selbst der Grund dafür gewesen zu sein. Ich begleitete sie bei der Integration dieses Themas, und erst gegen Ende kamen einzelne Werkzeuge aus dem NLP hinzu. Einige Monate später kam sie strahlend auf mich zu. An ihrer Seite war ein Mann, der sie liebevoll behandelte.
Solche Themen berühren einen Bereich, der über reine Selbstarbeit hinausreicht. Wo ein Glaubenssatz in einer frühen Verletzung wurzelt, ist eine gute Begleitung mehr wert als jede Technik, und das Erkennen ist dort der erste Schritt, nicht der letzte. Wie Du siehst, steckt in manchen einschränkenden Glaubenssätzen das Vermögen, sich selbst im Weg zu stehen und sich Steine in den eigenen Pfad zu legen, die dort niemand hingelegt hat außer man selbst. Oft sind es Suggestionen anderer Menschen aus alten Situationen, die man irgendwann für die eigene Stimme gehalten hat. Ich habe während meiner Zeit im Schwabenland die Kehrwoche kennengelernt und dabei eine unerwartete Freude am Wegfegen entdeckt. Zu sehen, wie ein Mensch vor einem Training dasteht und wie derselbe Mensch danach strahlt, ist einer der schönsten Löhne meiner Arbeit. Es ist dasselbe Wegräumen von Steinen, nur auf einem anderen Weg.

Welche Arten von Glaubenssätzen es gibt
Wenn Du Dir angewöhnst, im Alltag genau auf Deine eigenen Worte zu hören, machst Du den ersten Kontakt mit Deinen einschränkenden Glaubenssätzen ganz allein. Dafür brauchst Du keinen Coach und keinen Therapeuten. Drei Grundstrukturen tauchen dabei besonders häufig auf.
Glaubenssätze in Bezug auf die Ursache und ihre vermeintliche Wirkung
Eine mögliche Struktur: „Weil ich …, bin ich …“
„Weil ich im Meeting nervös war, werde ich die Beförderung nicht bekommen“
"Weil meine Eltern mich kritisiert haben, bin ich nicht liebenswert."
„Weil ich einmal enttäuscht wurde, darf ich niemandem mehr vertrauen“
Glaubenssätze in Bezug auf die Bedeutung
„Dass ich ... bin, bedeutet …“
„Das ich arbeitslos bin bedeutet, dass ich im Leben versagt habe“
„Das ich Fehler mache bedeutet, dass ich dumm bin“
„Das ich verlassen wurde bedeutet, dass etwas mit mir falsch ist“
Glaubenssätze in Bezug auf die Identität
„Ich bin ...“, „Wenn ich ... will, dann ...“
„Ich bin ein Pechvogel. Warum soll ich etwas anfangen? Mir gelingt eh nichts“
„Ich bin nicht gut genug, um erfolgreich zu sein“
„Wenn ich Liebe will, dann muss ich mich für andere aufopfern“
Der Kernglaubenssatz und das Glaubenssystem
Hinter diesen einzelnen Sätzen liegen tiefere Schichten, und sie zu kennen lohnt sich, weil dort die eigentliche Arbeit beginnt. Ein Kernglaubenssatz ist die tiefste und grundlegendste Überzeugung über Dich selbst, über andere Menschen und über die Welt. Aus ihm entstehen an der Oberfläche viele kleinere, abgeleitete Sätze, und so wächst aus einer einzigen Wurzel ein ganzes Geflecht. Dieses Geflecht nennt man ein Glaubenssystem. Manchmal gibt es sogar mehrere davon, und sie können sich gegenseitig verstärken oder schwächen.
In meinen Trainings und Workshops arbeite ich unter anderem am Auflösen einschränkender Kernglaubenssätze, um damit ein ganzes einschränkendes System zum Einsturz zu bringen und Platz zu schaffen für Strategien, die ein glücklicheres und selbstbestimmteres Leben tragen. Meiner Ansicht nach sollte eine Lösung so weit wie möglich am Ursprung ansetzen und nicht an der Oberfläche. Du kannst Deine Knieschmerzen jeden Abend mit Salbe einreiben. Liegt die Ursache aber in einem falschen Laufstil, ist es klüger, den Laufstil zu ändern, damit die Schmerzen gar nicht erst entstehen.
Übungen, die Du allein gehen kannst
Zum Schluss drei Wege, die Du ohne fremde Hilfe ausprobieren kannst. Den ersten davon habe ich weiter oben schon angedeutet, mit der frischen Perspektive auf das, was man über sich glaubt.
Der Perspektivwechsel vor dem Einschlafen. Schnapp Dir ein Blatt und einen Stift und schreib auf, was Du über Dich denkst und von Dir glaubst. Wenn Du später im Bett liegst und die Augen bereits geschlossen hast, sag zu Dir selbst: Morgen betrachte ich diese Worte mit einer neuen, frischen Perspektive. Am nächsten Tag nimmst Du das Blatt und liest es mit genau dieser frischen Perspektive noch einmal.
Diese Übung ist mehr, als sie zunächst aussieht, und ihr Kern ist hypnotisch. Kurz vor dem Einschlafen ist der Zugang zum Unterbewusstsein meist offener, weil die kritische Instanz des Alltags nachlässt, jene Instanz, die Dein Unterbewusstsein tagsüber vor bestimmten Inhalten abschirmt. Ein verbreiteter Irrglaube ist dabei, das Unterbewusstsein sei mal offen und mal geschlossen. Das ist es nicht. Es ist auch am Tag Dein ständiger Begleiter, es wird nur unterschiedlich stark bewacht. Der Satz vor dem Einschlafen ist eine Autosuggestion (auch: eine Suggestion, die Du Dir selbst gibst, im Kopf oder laut ausgesprochen). Viele Profisportler nutzen genau diese Kraft, um innere Ressourcen zu wecken, und im NLP ist sie ein Baustein der Ressourcenaktivierung.
Das Zuhören beim eigenen inneren Ton. Die Autosuggestion hat eine dunkle Zwillingsschwester. Manche Menschen reden den ganzen Tag mit einer negativen Stimme in ihrem Kopf mit sich selbst, und weil diese Sätze letztlich Gedanken und damit unausgesprochene Worte sind, wirken sie wie Autosuggestionen, nur eben in die ungünstige Richtung. Es ist dieselbe Macht, die den Sportler stärkt, hier gegen den Menschen gewendet. Diese innere Stimme heißt im NLP der interne Dialog. Frag Dich einmal ehrlich, was mit Deinem Gesamtzustand geschieht, wenn Du in Deinem Kopf Tag für Tag in einem kritischen Ton zu Dir selbst sprichst. Und sei an dieser Stelle behutsam mit Dir, denn manche dieser Stimmen sind gar nicht Deine eigenen. Sie stammen von anderen Menschen aus Deiner Vergangenheit, und Du hast sie irgendwann übernommen.
Die magische Frage. Dieses Format geht auf Klaus Grochowiak zurück. Ein Glaubenssatz behauptet etwas, ohne zu sagen, woher er sein Wissen nimmt, und genau dort setzt die Frage an. Sie lautet: Woher weiß ich das? Und sie wird nicht einmal gestellt, sondern immer wieder, denn hinter jeder Antwort liegt oft ein tieferer Satz, der sogenannte Glaubenssatz hinter dem Glaubenssatz. Du kannst damit schrittweise arbeiten:
Richte Deine Aufmerksamkeit auf den Glaubenssatz, dessen tiefere Wurzel Du hinterfragen willst.
Stell Dir die Frage: Woher weiß ich das? Oder: Woher weiß ich, dass …?
Nimm Blatt und Stift und notiere die Antwort oder die Antworten.
Stell dieselbe Frage nun jeder dieser Antworten, und dann deren Antworten, so lange, bis Du einem möglichen Kernglaubenssatz auf die Schliche kommst.
Über Glaubenssätze zu lesen ist leicht, ihnen im eigenen Alltag zuzuhören ist etwas anderes. Deshalb lohnt keine dieser Übungen als einmaliger Versuch, sondern nur als eine Aufmerksamkeit, die Du über Tage mit Dir trägst.
Es zählt das Ergebnis, nicht das Zertifikat
Mit diesem Wissen hast Du, wie manche sagen würden, bereits einen Teil dessen erworben, was anderswo als Master-Wissen verkauft wird. Noch ein paar Artikel, und Du könntest Dir das Zertifikat im Grunde selbst ausstellen. Auch Richard Bandler und John Grinder, die Begründer des NLP, haben erst das Modell entwickelt und dann die Zertifikate ausgegeben, nicht umgekehrt. Was am Ende zählt, ist selten die Menge an Papieren an der Wand. Es ist das Ergebnis in einem Leben.
Dies war der erste Teil zum Thema Glaubenssätze. Im nächsten Teil gehen wir tiefer in ihre Struktur und in die Frage, wie sich ein Kernglaubenssatz nicht nur erkennen, sondern wirklich wandeln lässt. Bis dahin wünsche ich Dir viel Erfolg bei Deiner eigenen Glaubenssatzarbeit.
Bis zum nächsten Mal und Danke für Deine Zeit,
Dein Florian 🌈



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