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Du bist mehr als Dein Zustand

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 4 Tagen
11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden

Du bist der Erschaffer Deines Seins. Über Körper, Herz und Geist, über die Seele und das Bewusstsein das wählt.


Es gibt eine Erkenntnis, die sich im Leben vieler Menschen immer wieder bestätigt. Wer den Mut hat, durch den Schmerz und die Angst hindurchzugehen, erlebt oft die größten Veränderungen seines Lebens. Auf diesem Weg entdecken viele Menschen ein Potenzial in sich, das sie nie für möglich gehalten hätten. Die meisten Menschen versuchen Schmerz und Angst zu vermeiden, und das ist nur menschlich. Doch die tiefsten Veränderungen geschehen selten dort, wo wir ausweichen. Sie geschehen dort, wo wir hindurchgehen. Wer meinen Artikel über Angst kennt, erkennt hier das Prinzip der Exposition wieder. Die Angst wird nicht kleiner, wenn wir sie meiden. Sie wird kleiner wenn wir erleben, dass wir sie durchstehen können.


Körper, Herz, Geist, Seele und das Selbst


Es gibt ein einfaches Modell, das vieles erklärt. Das Körperbewusstsein, das Gefühl im Herzen und die Imagination im Geist führen gemeinsam zu einem seelischen Zustand. Und das eigene Bewusstsein, also das Selbst, kann diesen seelischen Zustand wahrnehmen und verändern. Dieses Modell hat vier Ebenen, die ich etwas genauer beschreiben möchte.


Die ersten drei Ebenen sind die, aus denen unser Erleben entsteht. Da ist der Körper mit allem, was wir spüren. Dazu gehören unsere Haltung und unsere Atmung genauso wie die Spannung oder Entspannung in unseren Muskeln. Da ist das Herz mit allem, was wir fühlen, mit Freude und Angst, mit Liebe und Trauer. Und da ist der Geist mit allem, was wir denken und uns vorstellen. Dazu gehören die Bilder und inneren Filme in unserem Kopf und die Geschichten, die wir uns erzählen. Wenn diese drei Ebenen zusammenkommen und sich miteinander verbinden, entsteht daraus die vierte Ebene, nämlich die Seele. Mit der Seele ist hier unser seelischer Zustand gemeint, also unsere psychische Verfassung in diesem Moment. Die Seele ist gewissermaßen die Summe dessen, was wir im Kopf tragen, im Herzen fühlen und im Körper spüren. Sie ist immer eine Repräsentation dieser drei Ebenen. Deshalb verändert sich die Seele, sobald sich eine dieser Ebenen verändert.


Und über der Seele gibt es noch etwas anderes, das man das Bewusstsein oder das Selbst nennen kann. Wir haben also nicht nur eine Seele, sondern es gibt etwas, das neben und über der Seele existiert und sie betrachten kann. Es ist der stille Beobachter, von dem viele spirituelle Traditionen sprechen. Das Bewusstsein nimmt wahr, in welchem Zustand sich die Seele gerade befindet. Und es kann wählen. Es kann entscheiden, worauf es seine Aufmerksamkeit richtet, welche Gedanken es nährt und welche Erinnerungen es hervorholt. Es kann sagen: Ich bin jetzt präsent in diesem Moment. Was möchte ich gerade denken? Möchte ich mich an einen glücklichen Moment meines Lebens erinnern? Das bedeutet, dass Du mehr bist als Dein Zustand. Du hast einen Zustand, aber Du bist auch derjenige, der diesen Zustand wahrnimmt. Und weil Du ihn wahrnehmen kannst, kannst Du ihn auch verändern.


Jeder Gedanke verändert den Körper


Der indische Yogi Sadhguru bringt dieses Modell in einem Satz wunderbar auf den Punkt. Er sagt sinngemäß, dass der Geist ein mächtiges Instrument ist und dass jeder Gedanke und jedes Gefühl, das wir erschaffen, die Chemie unseres Körpers verändert. Das sind wahre Worte. Denn genau hier zeigt sich, wie eng die Ebenen des Modells miteinander verbunden sind. Was im Geist geschieht, bleibt nicht im Geist. Ein sorgenvoller Gedanke lässt den Körper Stresshormone ausschütten, noch bevor irgendetwas Bedrohliches passiert ist. Die Erinnerung an einen geliebten Menschen kann dagegen Wärme in der Brust und Ruhe im Atem auslösen. Auch die Forschung zum Placebo-Effekt zeigt seit Jahrzehnten, wie stark Erwartungen und innere Bilder auf den Körper wirken. Wer meinen Artikel über Hypnose gelesen hat, hat das vielleicht sogar selbst erlebt. Ein Apfellolli, den es gar nicht gab, hat dort vielen Lesern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ein paar Worte haben ein Bild erschaffen, und dieses Bild hat die Chemie im Mund verändert.


Das Schöne daran ist, dass dieser Weg in beide Richtungen führt. Wenn unsere Gedanken den Körper verändern, dann verändert auch der Körper unsere Gedanken. Eine aufrechte Haltung, ein tiefer Atem oder ein Lächeln wirken zurück auf das Herz und den Geist. Und so verändert sich die Seele, ganz gleich auf welcher Ebene wir beginnen. Wichtig ist nur, dass das Bewusstsein wach genug ist, um den ersten Schritt zu wählen. Warum Erkenntnis allein nicht reicht Vielen Menschen ist das alles bekannt. Sie haben Bücher gelesen und Vorträge gehört. Sie wissen theoretisch, dass sie ihren Zustand beeinflussen können. Und trotzdem verändert sich nichts. Woran liegt das?


Die Antwort liegt darin, dass es nicht nur die Erkenntnis braucht, sondern die Erfahrung. Gemeint ist eine Erfahrung, die auf den drei Ebenen gleichzeitig stattfindet. Der Körper muss sie spüren, das Herz muss sie fühlen und der Geist muss sie sich vorstellen. Erst wenn diese drei Komponenten gleichzeitig präsent sind und mit etwas Bestimmtem verschmelzen, verändert sich die Seele wirklich. Und wenn das einmal geschehen ist, kommt man davon nicht mehr weg. Die Erkenntnis ist dann nicht nur ein Gedanke, sondern ein verankerter Seelenzustand. Das erklärt auch, warum Veränderung so oft in intensiven Momenten geschieht. Sie geschieht in einem Moment großer Angst, die wir durchstehen, in einem Moment tiefer Freude oder in einer tiefen Meditation. In solchen Momenten sind Körper, Herz und Geist gleichzeitig ganz da.


Manche Lasten lassen sich nicht wegerklären


Es gibt einen Satz, der dem persischen Mystiker Rumi zugeschrieben wird. Sei still, denn nur die Hand Gottes kann die Lasten Deines Herzens von Dir nehmen. Auch dieser Satz ist wahr, und er ergänzt den vorherigen Gedanken auf eine sehr tiefe Weise. Manche Lasten lassen sich durch keine Erklärung der Welt auflösen. Wir können verstehen, woher ein Schmerz kommt, und wir können ihn tausendmal analysieren. Trotzdem liegt er weiter auf unserem Herzen. Unser Verstand möchte jedes Problem lösen, indem er darüber nachdenkt. Doch beim Herzen kommt er oft nicht weiter, weil das Herz eine andere Sprache spricht. Das erste Wort in Rumis Satz ist deshalb so wichtig. Sei still. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir den Mund halten sollen. Gemeint ist auch die Stille im Inneren, also das Verstummen des kommentierenden Geistes, der unaufhörlich deutet, bewertet und plant. Wer meinen Artikel über Matthieu Ricard gelesen hat, kennt diese Erfahrung. In dem Moment, in dem der Geist zur Ruhe kommt, wird etwas anderes spürbar.


Was Rumi die Hand Gottes nennt, darf jeder Mensch für sich selbst deuten. Für den einen ist es Gott. Für den anderen ist es das Leben selbst, die Gnade oder die heilende Kraft des Unbewussten, mit der wir in der Hypnose arbeiten. Gemeinsam ist all diesen Deutungen eine Erkenntnis. Nicht alles liegt in der Hand unseres kontrollierenden Verstandes. Manches heilt erst dann, wenn wir aufhören es zu erzwingen und uns etwas Größerem anvertrauen. Darin liegt ein schönes Paradox, auf das ich weiter unten noch zurückkomme. Wir sind die Erschaffer unseres Zustands, und gleichzeitig gibt es Dinge, die wir nur loslassen können. Vielleicht besteht die eigentliche Kunst darin, beides zu erkennen. Das Bewusstsein über der Seele kann wählen, worauf es seine Aufmerksamkeit richtet. Und manchmal ist die klügste Wahl, still zu werden und geschehen zu lassen.


Außergewöhnliche Bewusstseinszustände


Manche Menschen suchen intensive Erfahrungen auch in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen. Das kann eine sehr tiefe Meditation sein, ein langes Fasten oder intensives Atmen. Auch bewusstseinsverändernde Substanzen gehören dazu, über die ich in meinem Artikel über Zustand, Scham und Rekonsolidierung ausführlicher geschrieben habe. Was solche Erfahrungen bieten können, ist vor allem ein neuer Standpunkt. Plötzlich sieht man das eigene Leben und die eigenen Muster von außen, auch den Zustand, in dem man jahrelang gelebt hat. Man fragt sich, in welchem Zustand man da eigentlich so lange gesteckt hat. Und weil man diese Perspektive einmal gewonnen hat, kann man sie nicht mehr vergessen.


Die Forschung zu psychedelisch unterstützten Therapien zeigt, dass solche Erfahrungen bei manchen Menschen mit hartnäckigen Erkrankungen Veränderungen anstoßen können. Das betrifft etwa schwere Depressionen oder Traumafolgen, bei denen andere Methoden nicht geholfen haben. Entscheidend scheint dabei zu sein, dass die Menschen bewusst bei sich bleiben und das Erlebte danach sorgfältig integrieren. Die Substanz öffnet eine Tür, aber hindurchgehen und das Erlebte in das eigene Leben tragen muss der Mensch selbst.


Ein umstrittener Blick auf Drogen


In der Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens spricht Olivia Röllin mit dem amerikanischen Neurowissenschaftler Carl Hart. Hart forscht an der Columbia University in New York zu Drogen und spricht offen darüber, dass er selbst regelmäßig Substanzen konsumiert, darunter auch Heroin und Kokain. In seinem Buch »Drug Use for Grown-Ups« vertritt er die These, dass die meisten Drogenkonsumenten nicht abhängig werden. Viele Schäden entstehen nach seiner Ansicht weniger durch die Substanzen selbst als durch Verbote, verunreinigte Ware und schwierige Lebensumstände. Und er fordert, dass Erwachsene das Recht haben sollten, ihr Bewusstsein selbst zu verändern.


Bemerkenswert an diesem Gespräch ist vor allem, wie reflektiert Hart mit dem Thema umgeht. Er spricht nicht von Rausch oder Flucht, sondern von Verantwortung und Selbstkenntnis und von einem Leben, das er trotz seines Konsums erfolgreich führt. Gleichzeitig ist seine Haltung sehr umstritten, und es ist wichtig, auch die andere Seite zu benennen. Viele Suchtforscher und Ärzte widersprechen ihm deutlich. Sie weisen darauf hin, dass Substanzen wie Heroin und Kokain ein hohes Abhängigkeitspotenzial haben und dass gerade durch verunreinigte Ware jedes Jahr viele Menschen sterben. Die persönliche Erfahrung eines privilegierten Wissenschaftlers lässt sich außerdem nicht einfach auf Menschen übertragen, die in einer Krise stecken oder eine Veranlagung zur Sucht haben. Wer meinen Artikel über Sucht gelesen hat, weiß, wie schmal dieser Grat sein kann.


Aus diesem Gespräch bleibt vor allem eine Frage. Wie bewusst gehen wir mit unserem eigenen Zustand um? Was einen Menschen schützt, ist weniger die Substanz oder ihr Fehlen. Es ist die Fähigkeit, bewusst und ehrlich bei sich zu bleiben und die eigenen Grenzen zu kennen. Deshalb hier eine sehr deutliche Einordnung. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände durch Substanzen sind kein Allheilmittel und nicht für jeden geeignet. Sie gehören in einen geschützten Rahmen mit erfahrener Begleitung, und bei einer Veranlagung zu Psychosen können sie großen Schaden anrichten. Viele dieser Substanzen sind in Deutschland verboten. Und vieles von dem, was solche Erfahrungen zeigen können, lässt sich auch nüchtern erreichen, durch Meditation, Hypnose und Therapie und durch die bewusste Arbeit mit dem eigenen Zustand.


Stimmen in der Stille


In sehr tiefen Bewusstseinszuständen berichten manche Menschen von einer erstaunlichen Erfahrung. Sie sitzen in einem stillen Raum, und mit offenen Augen ist nichts zu hören. Wenn sie aber ganz tief nach innen gehen, hören sie plötzlich Klänge, Stimmen oder Musik, die gar nicht im Raum sind. Das lädt zum Nachdenken über Menschen ein, die in einer Psychose Stimmen hören. Der entscheidende Unterschied liegt in der Einsicht. Wer in einem tiefen Bewusstseinszustand etwas hört, weiß in aller Regel, dass diese Klänge aus seinem eigenen Geist kommen. Er kann zwischen innen und außen unterscheiden. Hier zeigt sich wieder das Bewusstsein, das über der Seele steht und sie betrachten kann. Einem Menschen in einer akuten Psychose fehlt dagegen genau diese Einsicht. Für ihn sind die Stimmen Teil der äußeren Wirklichkeit.


Diese Überlegung kann ein tiefes Mitgefühl wecken. Wer ahnt, wie wirklich solche inneren Klänge wirken können, versteht, wie beängstigend es sein muss, sie nicht als eigene zu erkennen. Wie ich in meinem Artikel über Psychosen beschrieben habe, haben solche Erkrankungen allerdings auch starke biologische Ursachen. Sie lassen sich nicht einfach durch eine Veränderung der Perspektive auflösen und brauchen fachärztliche Behandlung. Bei sich sein als Wurzel des Glücks Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist zugleich eine sehr einfache. Die Wurzel jedes Glücks liegt darin, bei sich selbst sein zu können. Was fühle ich gerade? Was denke ich? Was geht mir durch den Kopf? Wie fühlt sich mein Körper an?


Das klingt leicht und ist doch schwer. Denn bei sich zu sein, kann sich unangenehm anfühlen. Deshalb rennen wir von einer Aufgabe zur nächsten und lenken uns mit Arbeit und Vergnügen ab, mit anderen Menschen und mit Beziehungen. All das kann wunderschön sein, wenn wir es bewusst genießen. Doch wenn es zur Flucht vor uns selbst wird, verlieren wir die Verbindung zu dem Ort, an dem das Glück eigentlich zu Hause ist. Vielleicht meint Rumi genau das, wenn er uns rät still zu werden. Wenn diese Verbindung wieder da ist, verändert sich etwas Grundlegendes. Man fühlt sich nicht unbedingt euphorisch oder überglücklich. Man fühlt sich einfach mit sich selbst verbunden und präsent. Dieses Gefühl ist oft wertvoller als jeder Höhenflug, denn es braucht keinen äußeren Anlass und verschwindet nicht, sobald der Anlass vorbei ist.


Welches Leben willst Du führen?


Aus dieser Verbindung heraus stellen sich ganz neue Fragen. Was möchte ich mit mir anfangen? Welche Erfahrungen möchte ich machen? Welche Momente möchte ich teilen? Wie möchte ich leben, handeln und fühlen? Unser Leben ist kurz, und in jeder Lebenssituation müssen wir entscheiden, worauf wir unseren Fokus richten. Manche Menschen entscheiden sich für das Reisen. Sie verdienen Geld, um die Welt zu sehen und immer neue Eindrücke zu sammeln. Andere entscheiden sich für Verwurzelung und bauen an einem festen Ort eine Familie oder ein eigenes Unternehmen auf. Keiner dieser Wege ist besser als der andere. Wichtig ist nur, dass wir uns bewusst für einen Weg entscheiden, statt uns einfach treiben zu lassen.


Und auch wenn wir uns für einen Weg entschieden haben, müssen wir nicht starr daran festhalten. Wer verwurzelt lebt, kann trotzdem immer wieder neue Welten entdecken. Wer reist, kann trotzdem einen Ort haben, an dem er zu Hause ist. Vielleicht liegt das Glück in der Balance zwischen beidem, zwischen dem Entdecken des Neuen und einem Alltag, mit dem wir zufrieden sind. Es geht nicht nur darum, ein Leben zu haben. Es geht darum, froh zu sein, dass wir ein Leben haben.


Ich bin der Erschaffer meines Seins


Viele Menschen erleben ihren Geist so, als würden die Dinge einfach mit ihnen geschehen. Sie sagen Sätze wie »Ich kann nichts dagegen tun« oder »So bin ich eben«. Doch wir haben viel mehr Einfluss, als wir denken. Wir treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen darüber, was wir essen und wohin wir gehen und mit wem wir sprechen. Genauso kann unser Bewusstsein entscheiden, worauf es seine Aufmerksamkeit richtet und welchen Gedanken es Raum gibt. Und wenn Sadhguru recht hat, dann verändert jede dieser Entscheidungen sogar die Chemie unseres Körpers.


All das lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den Du Dir zu eigen machen kannst. Ich bin der Erschaffer meines Seins. Mit dem Sein ist Dein eigener Zustand gemeint, also wie Du Dich gerade fühlst, was Du glaubst und was Du Dir zutraust. Die Vergangenheit hat Dich zu einem bestimmten Zustand geführt. Aber in diesem Moment entscheidest Du, was Du damit machst. So verstanden ist Glück eine Entscheidung, eine tägliche Entscheidung, präsent zu sein. Und hier schließt sich der Kreis zu Rumi. Erschaffer des eigenen Seins zu sein, bedeutet nicht, alles kontrollieren zu müssen. Zu dieser Kraft gehört auch die Weisheit, die Lasten loszulassen die sich nicht wegdenken lassen. Manchmal erschaffen wir unseren Zustand, indem wir handeln. Und manchmal erschaffen wir ihn, indem wir still werden.


Dieser Gedanke ist allerdings kein Vorwurf an Menschen, denen es gerade schlecht geht. Nicht alles liegt in unserer Kontrolle. Unsere Gesundheit hängt auch von Dingen ab, die wir nicht beeinflussen können, und andere Menschen können wir nicht steuern. Ein Mensch in einer schweren Depression kann sich nicht einfach für Glück entscheiden, und er verdient Behandlung statt guter Ratschläge. Doch für viele von uns gibt es im Alltag mehr Spielraum, als wir nutzen. Diesen Spielraum zu entdecken, ist vielleicht das größte Geschenk, das wir uns selbst machen können.


Wenn Frieden sich verdächtig anfühlt


Manche Menschen erleben etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt. Nach einer langen und schwierigen Zeit kehrt endlich Ruhe in ihr Leben ein, und statt sich zu entspannen werden sie unruhig. Der Frieden fühlt sich nicht wie eine Erleichterung an, sondern eher wie die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Dahinter steckt dasselbe Prinzip, das wir bei den verknüpften Gefühlen gesehen haben. Wenn auf friedliche Phasen im Leben immer wieder plötzlich Chaos gefolgt ist, dann verknüpft das Gehirn den Frieden selbst mit der Gefahr. Die Ruhe wird zum Auslöser, weil sie in der Erinnerung das Vorzeichen für den nächsten Einbruch war. Der Geist beginnt dann nach Gründen zu suchen, warum es gerade so friedlich ist. Er fragt sich, ob das wirklich stimmen kann, und sucht nach Hinweisen dafür, dass bald wieder etwas passiert. Er findet auch fast immer etwas, denn wer nach Belegen für eine Befürchtung sucht, wird in jeder Situation irgendeinen Hinweis entdecken.


Die Psychologen Michelle Newman und Sandra Llera haben dieses Phänomen untersucht und sprechen von Kontrastvermeidung. Wer erlebt hat, wie schmerzhaft der Sturz aus einem friedlichen Zustand in eine Krise sein kann, bleibt lieber dauerhaft ein wenig angespannt. So fällt der nächste Absturz weniger tief, doch der Preis dafür ist hoch, denn echte Entspannung wird so kaum noch möglich. Der erste Schritt liegt darin dieses Muster überhaupt zu erkennen. Wenn Du merkst, dass Dich ausgerechnet die Ruhe unruhig macht, dann darfst Du Dich fragen ob Du gerade auf die Gegenwart reagierst oder auf eine alte Erfahrung. Mit jeder friedlichen Phase, die Du bewusst wahrnimmst und die nicht in ein Chaos mündet, entsteht eine neue Erfahrung. So kann das Gehirn Schritt für Schritt lernen, dass Frieden auch einfach Frieden sein darf.


Zehn Sekunden


Wenn Du diesen Gedanken für Dich ausprobieren möchtest, dann lade ich Dich zu einer kleinen Übung ein, die ich in meinem Artikel über Matthieu Ricard beschrieben habe. Nimm Dir jede Stunde zehn Sekunden reiner Aufmerksamkeit. Schau Dich um und frage Dich, ob die Menschen um Dich herum glücklich sind. Dann spür in Dich hinein und frage Dich, ob Du selbst glücklich bist. Und dann frage Dich, wann Du das letzte Mal sehr glücklich warst, und geh ganz in diese Erinnerung hinein.


Vielleicht spürst Du dabei, wie sich Dein Atem verändert und wie eine leise Wärme in Deiner Brust entsteht. Das ist die Chemie Deines Körpers, die gerade auf einen einzigen Gedanken antwortet. Nur zehn Sekunden, jede Stunde, jeden Tag. Denn das Glück findet nicht irgendwann statt. Es ist hier und jetzt und fließt durch uns hindurch, sobald wir still werden und es zulassen. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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