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Worte, die man schmecken kann

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 4 Tagen
7 Min. Lesezeit

Was Hypnose wirklich ist, wie sie wirkt und wie man sie Schritt für Schritt aufbaut.


Wenn Menschen das Wort Hypnose hören, denken viele an eine Bühnenshow. Ein Mann im Anzug schwingt ein Pendel und Menschen aus dem Publikum gackern wie Hühner. Mit dem, was Hypnose wirklich ist, hat dieses Bild wenig zu tun. Hypnose ist kein Schlaf und kein Kontrollverlust. Sie ist ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, in dem unsere Vorstellungskraft besonders lebendig wird. Diesen Zustand kennst Du aus Deinem Alltag. Du fährst eine vertraute Strecke mit dem Auto und kommst an, ohne Dich an die Fahrt zu erinnern. Du liest ein spannendes Buch und hörst nicht, dass jemand Deinen Namen ruft. Oder Du schaust aus dem Fenster und versinkst für einen Moment in Gedanken. Der amerikanische Psychiater Milton Erickson, der die moderne Hypnotherapie geprägt hat, nannte solche Momente Alltagstrance. Hypnose nutzt diese natürliche Fähigkeit unseres Geistes ganz bewusst.


Jedes Wort ist eine Suggestion


Hypnose bedeutet im Kern, mit Worten Sinneserfahrungen im Geist eines anderen Menschen zu erschaffen. Und weil unser Gehirn kaum zwischen einer lebendigen Vorstellung und einem echten Erlebnis unterscheidet, reagiert der Körper auf diese Worte. Jedes Wort, das wir sprechen, ist deshalb eine Suggestion. Das gilt nicht nur in der Hypnose, sondern in jedem Gespräch. Wenn Du einem Menschen sagst, dass er sich keine Sorgen machen soll, dann muss sein Gehirn sich die Sorgen zuerst vorstellen, um sie dann zu verneinen. Wenn Du ihm dagegen sagst, dass er sich ruhig und sicher fühlen darf, dann entsteht genau dieses Gefühl. Worte erschaffen Wirklichkeit, zumindest die innere.


Daraus ergibt sich eine spannende Frage. Wie reich sind Deine Worte? Wie sinnlich kannst Du beschreiben? Je mehr Sinne Deine Sprache anspricht, desto intensiver kann ein anderer Mensch sich etwas vorstellen und fühlen, und desto tiefer kann er auf eine Reise gehen. Dabei zeigt sich noch etwas. Wie wir die Welt wahrnehmen, spiegelt sich in der Art, wie wir sprechen. Ein Mensch, der achtsam durch die Welt geht und Farben, Klänge, Gerüche und Berührungen bewusst wahrnimmt, spricht ganz anders als einer, der nur durch die Welt eilt. Wer seine eigene Wahrnehmung schult, schult deshalb auch seine Sprache.


Erst erklären, dann erleben


Wie baut man eine Hypnose auf? Ein Fehler, den viele Anfänger machen, liegt darin, sofort mit der Hypnose zu beginnen. Viel wirksamer ist ein anderer Weg. Am Anfang steht die Vorbereitung. Man erklärt dem Menschen, was ihn erwartet und was er erleben könnte. Man nimmt ihm die Ängste, die das Bild von der Bühnenshow hinterlassen hat. Und man lässt ihn wissen, was er sich erlauben darf, nämlich zu entspannen, Bilder entstehen zu lassen und einfach zu beobachten, was geschieht. Schon in dieser Erklärung stecken die ersten Suggestionen. Im NLP nennen wir das einen Pre-Frame, also einen Rahmen, der vorher gesetzt wird.

Dann folgt ein besonders eleganter Schritt. Man sagt den Menschen, dass man jetzt noch gar nicht mit der Hypnose anfängt, sondern erst einmal etwas erklärt. Und während man erklärt, beginnt die Hypnose bereits. Man spricht über das Thema, um das es gehen soll, und lässt dabei ein kleines Beispiel einfließen, wie Hypnose funktioniert. Die Menschen sind entspannt, weil sie glauben, dass es noch gar nicht losgeht. Und genau deshalb sind sie offen. Erst danach sagt man: Das war Hypnose. Und dann erklärt man, was gerade geschehen ist. Dieser Moment ist oft verblüffend, denn die Menschen haben gerade etwas erlebt, ohne es zu bemerken. Und sie haben erfahren, dass Hypnose nichts Unheimliches ist, sondern etwas ganz Natürliches. Dadurch öffnen sie sich für die tiefere Erfahrung, die danach kommt.


Eine kleine Erfahrung zum Mitlesen


Diese Demonstration habe ich einmal in einem Workshop als kleine Kostprobe für Teilnehmer verwendet, die noch keine Erfahrung mit Hypnose hatten. Ich möchte Dich einladen, sie jetzt selbst zu erleben. Du musst dafür nichts tun, außer weiterzulesen und die Worte einfach wirken zu lassen. Vielleicht liest Du die nächsten Zeilen etwas langsamer als gewöhnlich:


Während Du diese Zeilen liest, kannst Du bemerken, wie Deine linke Hand irgendwo ruht, vielleicht auf Deinem Oberschenkel, vielleicht auf dem Tisch. Und Du kannst Dir vorstellen, wie Du diese linke Hand langsam öffnest, ganz entspannt, mit der Handfläche nach oben. Und in diese offene Hand legt sich jetzt ein Apfellolli. Du kannst sein kleines Gewicht spüren und den dünnen Stiel zwischen Deinen Fingern. Schau ihn Dir an. Die Oberfläche glitzert, denn sie ist mit feinem Zucker überzogen, kleine Kristalle, die im Licht funkeln. Und darunter schimmert das helle Grün eines frischen Apfels. Vielleicht kannst Du schon den Duft wahrnehmen, diese Mischung aus Süße und frischer Säure, wie wenn Du an einem Herbsttag durch einen Obstgarten gehst. Und jetzt führst Du den Lolli langsam zu Deinem Mund. Du legst ihn auf Deine Zunge und spürst zuerst den Zucker, der sich körnig und süß auf Deiner Zunge ausbreitet und langsam schmilzt. Und dann beißt Du vorsichtig hinein. Du hörst dieses leise Knacken und spürst, wie die Hülle bricht, und plötzlich breitet sich die Säure eines frischen Apfels in Deinem Mund aus, so wie damals, als Du zum ersten Mal in einen grünen Apfel gebissen hast. Dieses saure Prickeln an den Seiten Deiner Zunge. Und vielleicht bemerkst Du gerade, wie sich in Deinem Mund ein wenig mehr Speichel sammelt als noch vor einem Moment.


Und? Ist Dir das Wasser im Mund zusammengelaufen? Vielleicht hast Du sogar geschluckt oder das Gesicht ein wenig verzogen bei der Säure. Das war Hypnose.


Was gerade geschehen ist


Es gibt in Deiner Hand keinen Lolli und in Deinem Mund keinen Apfel. Und trotzdem hat Dein Körper reagiert, als gäbe es sie. Dein Gehirn hat die Worte in Bilder, Gerüche, Geschmäcker und Empfindungen übersetzt, und Dein Körper hat darauf mit Speichel geantwortet. Die Psychologie kennt dieses Phänomen schon seit dem 19. Jahrhundert und spricht vom Carpenter-Effekt. Eine lebendige Vorstellung löst eine körperliche Reaktion aus.


Das Geheimnis liegt dabei in drei Dingen. Erstens in der sinnlichen Sprache, die möglichst viele Sinne gleichzeitig anspricht, also das Sehen, das Riechen, das Schmecken, das Hören und das Fühlen. Zweitens in der Anknüpfung an Erfahrungen, die wir alle schon gemacht haben. Jeder von uns hat schon einmal in einen sauren Apfel gebissen, und genau diese Erinnerung wird aktiviert. Und drittens in einer kleinen Beobachtung am Ende, die das Erlebte bestätigt. Wenn Du liest, dass sich vielleicht mehr Speichel sammelt, dann achtest Du darauf, und schon geschieht es. Wenn wir den Geist auf diese Weise berühren, berühren wir also immer auch den Körper. Das zeigt, wie viel Kraft in gutem Erzählen liegt und warum Geschichten so tief wirken können.


Die tiefere Hypnose


Wenn die Menschen auf diese Weise erlebt haben, wie Hypnose funktioniert, sind sie offen für eine tiefere Erfahrung. Dann geht man in die eigentliche Arbeit, und zwar zu dem Thema, das man vorher im Pre-Frame angekündigt hat. Zuerst führt man den Menschen in eine tiefere Entspannung. Dann holt man Ressourcen hervor, also Erinnerungen an Momente, in denen er sich stark, sicher, geliebt oder frei gefühlt hat. Hier kommt das Milton-Modell ins Spiel, also die kunstvoll vage und gleichzeitig suggestive Sprache, die Milton Erickson entwickelt hat und die dem Unbewussten Raum lässt, eigene Bilder zu finden. Mit den Submodalitäten macht man die Bilder heller, größer und näher. Man lässt den Menschen zunächst aus der Distanz auf eine Erinnerung schauen und dann in sie hineingehen, bis er das Gefühl von damals wieder im Körper spürt. Im NLP nennen wir das Dissoziation und Assoziation.


Einer der wirkungsvollsten Schritte besteht darin, Verknüpfungen zu schaffen. Man verbindet einen belastenden Gedanken mit einer positiven Sinneserfahrung oder mit einem positiven Gedanken. Wenn dann der belastende Gedanke wieder auftaucht, kommt das positive Bild gleich mit. So entsteht eine Kette aus drei Gliedern, nämlich dem alten Gedanken, der positiven Empfindung und dem neuen, hilfreichen Gedanken. Wer meinen Artikel über Rekonsolidierung kennt, erkennt hier das Prinzip wieder.


Suggestionen, die bleiben


Im nächsten Schritt kommen die posthypnotischen Suggestionen. Das sind Suggestionen, die auch nach der Hypnose weiterwirken sollen. Damit sie wirken, knüpft man sie an Auslöser im Leben des Menschen. Das können Erinnerungen sein oder Momente in der Zukunft, bestimmte Menschen, Orte, die Natur oder alltägliche Dinge wie das Öffnen einer Tür oder ein Blick in den Himmel.


Der Vorteil liegt darin, dass der Mensch in diesem Moment bereits in einem positiven Zustand ist. Dieser Zustand wird nun mit den Auslösern verbunden. Eine Regel hat sich dabei bewährt. Man wiederholt dieselbe Suggestion mindestens dreimal, aber jedes Mal mit anderen Worten. So baut man Schritt für Schritt eine neue innere Haltung auf, ohne dass es eintönig wird. Das Unbewusste hört die Botschaft von verschiedenen Seiten und nimmt sie umso tiefer auf.


Die Kraft des Glaubens


Wie wichtig der Glaube für all das ist, zeigt sich besonders in schwierigen Momenten. Stell Dir vor, Du hast über lange Zeit einen Anker trainiert, also eine kleine Geste, die Dich in einen ruhigen und sicheren Zustand bringt. Und dann kommt ein Moment, in dem ein Gefühl Dich fast überwältigt. Gerade dann flüstert der Verstand oft, dass das jetzt sowieso nicht helfen wird. Wer in diesem Moment trotzdem an seinem Anker festhält, erlebt häufig, dass er ihn hindurchträgt. Er wirkt, weil wir an ihn glauben.


Der Glaube an das, was wir tun, ist deshalb mehr als ein netter Zusatz. Wer glaubt, dass er einen Weg gehen kann, geht ihn mit einer ganz anderen Kraft. Gleichzeitig gehört eine wichtige Unterscheidung dazu. Glaube bedeutet nicht, sich irgendetwas einzureden. Es geht darum zu wissen, was in unserer Hand liegt und was nicht. Den eigenen Zustand können wir in den meisten Fällen beeinflussen. Andere Menschen können wir dagegen nicht kontrollieren. Wir können nur unseren Beitrag zu einer guten Begegnung leisten.


Ein Wort zur Verantwortung


Hypnose ist ein mächtiges Werkzeug, und gerade deshalb braucht es Verantwortung. Gute Hypnose geschieht immer mit dem Einverständnis des anderen Menschen. Man erklärt vorher, was man vorhat, und der Mensch kann jederzeit unterbrechen oder aus der Trance herauskommen. Gerade weil Suggestionen so tief wirken, sollte man sie mit Achtsamkeit und Respekt einsetzen. Und bei psychischen Erkrankungen wie Psychosen, schweren Traumata oder starker Dissoziation gehört Hypnose in die Hände erfahrener Therapeuten, wie ich es in meiner Serie über psychische Erkrankungen beschrieben habe.


Zum Schluss


Hypnose ist keine Magie. Sie ist die Kunst, mit Worten Erfahrungen zu erschaffen. Und weil jedes Wort eine Suggestion ist, betrifft diese Kunst nicht nur Hypnotiseure, sondern jeden von uns, in jedem Gespräch, mit jedem Satz, den wir zu einem anderen Menschen oder zu uns selbst sagen.


Vielleicht hast Du vorhin den Apfel auf Deiner Zunge geschmeckt. Und vielleicht fragst Du Dich jetzt, welche Bilder Du mit Deinen eigenen Worten in anderen Menschen erschaffst. Und welche Bilder Du in Dir selbst erschaffst, jeden Tag aufs Neue. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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