Trance-Architektur 3: Warum es keine Trance von der Stange gibt

Zwei Menschen bekommen denselben Satz zu hören und bei einem bewegt sich etwas. Der Unterschied liegt nicht am Satz.
Es gibt eine Vorstellung von Hypnose nach der es die richtigen Worte gibt. Man sagt sie in der richtigen Reihenfolge auf und dann passiert etwas. Wer diese Worte kennt der kann es und wer sie nicht kennt eben nicht. Diese Vorstellung ist bequem und sie verkauft auch ziemlich gut und sie ist trotzdem falsch. Du kannst denselben sorgfältig gebauten Satz zwei Menschen sagen und beim ersten verändert sich die Atmung und beim zweiten passiert überhaupt nichts. Der Satz war in beiden Fällen Wort für Wort identisch. Der Unterschied lag woanders.
Erickson hat genau hier angesetzt
Milton Erickson gilt vielen als der Begründer der modernen Hypnotherapie und sein eigentlicher Beitrag wird dabei erstaunlich oft übersehen. Er hat keine überlegenen Formulierungen gefunden und auch keine geheime Technik. Er hat aufgehört davon auszugehen dass dieselbe Intervention für alle Menschen passt. Stattdessen hat er beobachtet worauf ein bestimmter Mensch tatsächlich reagiert. Der eine spricht auf Bilder an und der andere auf Körperempfindungen und wieder einer braucht eine Geschichte statt einer direkten Ansprache. Diese Unterschiede sind nicht klein und sie entscheiden darüber ob überhaupt etwas passiert. Das klingt heute selbstverständlich und in der Praxis ist es die anspruchsvollste Anforderung der ganzen Arbeit. Es bedeutet nämlich dass der eigene Plan jederzeit nachrangig ist gegenüber dem was gerade im Raum geschieht.
Eine Suggestion ist ein Angebot und kein Befehl. Deshalb gibt es auch keine falsche Reaktion darauf sondern nur Information.
Eine Trance ist ein Gespräch und kein Vortrag
Wenn du eine gute Trance von außen beobachtest dann siehst du jemanden sprechen und jemanden mit geschlossenen Augen dasitzen. Es sieht ziemlich einseitig aus. Tatsächlich läuft die ganze Zeit ein Austausch in beide Richtungen. Dein Körper antwortet nämlich fortlaufend und zwar völlig unabhängig davon ob du das willst oder überhaupt merkst. Du atmest anders als vor einer Minute. Deine Schultern stehen tiefer. Es gibt eine kleine Bewegung die du nicht gemacht hast. Nichts davon ist für sich genommen spektakulär und zusammen ergibt es eine Antwort.
Diese Antworten zu lesen ist der Teil der Arbeit den niemand sieht und er entscheidet über fast alles. Ein Satz der nicht ankommt wird nicht einfach lauter wiederholt sondern durch einen anderen ersetzt der an anderer Stelle andockt. Wenn auch das nicht greift dann wechselt der ganze Kanal. Deshalb ist es ein gutes Zeichen wenn dein Gegenüber während einer Trance die Richtung wechselt. Es bedeutet dass jemand dich liest statt sein Programm abzuspulen.
Warum das Vorgespräch so lange dauert
Viele wundern sich dass bei dieser Arbeit das Gespräch vor der eigentlichen Trance so viel Raum bekommt. Es geht dabei nicht nur um dein Anliegen und auch nicht um Vertrauensaufbau im üblichen Sinn. Es geht darum wie du denkst und sprichst und worauf du anspringst. Wenn du in Bildern erzählst dann arbeitet eine Trance später mit Bildern. Wenn du von Gefühlen sprichst dann wird sie körperlich. Wenn du gern wanderst dann führt der Weg in einer Geschichte eben über einen Weg und nicht durch ein Treppenhaus. Das klingt nach Kosmetik und es ist der Unterschied zwischen einer Erfahrung die dich betrifft und einer die an dir vorbeiläuft. Die Details aus deinem Alltag sind dabei besonders wichtig. Eine Trance die mit deiner echten Wohnungstür arbeitet wirkt anders als eine die mit irgendeiner Tür arbeitet. Dein Gehirn merkt diesen Unterschied sofort auch wenn du ihn nicht benennen kannst.
Was das für eine Reihe bedeutet
Nach der ersten Sitzung weiß ich einiges darüber worauf du reagierst. Nach der dritten entsteht daraus ein ziemlich klares Bild. Ab da muss nicht mehr gesucht werden sondern es kann vorgearbeitet werden und das verändert die mögliche Tiefe erheblich. Genau deshalb kann eine aufgebaute Reihe inhaltlich mehr leisten als acht einzelne Sitzungen bei acht verschiedenen Menschen. Nicht weil insgesamt mehr Zeit zur Verfügung steht sondern weil mit jeder Sitzung genauer gearbeitet werden kann.
Woran du einen guten Trancegeber erkennst
Es gibt ein einfaches Erkennungsmerkmal und es hat nichts mit Ausstrahlung oder einer besonderen Stimme zu tun. Achte einfach darauf ob der andere Pausen macht. Wer Pausen setzt und sie dann auch aushält der misst etwas. Wer ohne Unterbrechung durchspricht der liest einen Text vor und zwar denselben den er gestern schon vorgelesen hat. Dazwischen liegt der gesamte Unterschied zwischen einer schönen Entspannung und einer Arbeit die hinterher etwas verändert hat.
Das gilt übrigens nicht nur für Hypnose. Auch in einem normalen Gespräch erkennst du daran ob jemand dir zuhört oder nur auf seinen nächsten Einsatz wartet. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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