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Die Sehnsucht des Gehirns 2: Warum wir Sinn suchen

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 4 Tagen
14 Min. Lesezeit

Über Bedeutung und Glauben, über das Nichtwissen und darüber, warum ein voll gelebtes Leben das Loslassen leichter macht.


Im ersten Teil dieser Serie ging es um die Ekstase, also um jene Momente, in denen wir aus uns heraustreten und ganz im Erleben aufgehen. Doch jeder Mensch kennt auch das Gegenstück. Nach dem Fest kommt der Morgen danach, die Musik ist verstummt und die Menschen sind nach Hause gegangen. Und manchmal taucht genau in dieser Stille eine Frage auf, die leiser ist als jeder Bass und trotzdem tiefer geht. Wozu das alles? Unser Gehirn sucht nicht nur nach Intensität. Es sucht auch nach Bedeutung. Wir wollen verstehen, warum wir hier sind und was unser Leben zusammenhält. Und wir wollen einen Halt, der uns trägt in einer Existenz, über die wir letztlich sehr wenig wissen.


Ein Gehirn, das Geschichten erzählt


Der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga hat mit Patienten gearbeitet, bei denen die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften durchtrennt worden war. Dabei machte er eine verblüffende Entdeckung. Wenn man der rechten Hirnhälfte eine Anweisung gab und die Patienten danach handelten, erfand die linke Hirnhälfte sofort eine plausible Erklärung für das Verhalten. Die Patienten glaubten diese Erklärung, obwohl sie frei erfunden war. Gazzaniga nannte diesen Teil unseres Gehirns den Interpreter.


Diese Entdeckung zeigt etwas sehr Grundlegendes über uns. Unser Gehirn ist eine Maschine, die Sinn erzeugt. Es kann kaum anders, als Muster zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und Geschichten zu erzählen. Wir sehen Gesichter in Wolken und erkennen Absichten hinter Zufällen. Und wir fragen bei jedem Schicksalsschlag nach dem Warum. Wer meinen Artikel über Perspektiven gelesen hat, kennt diese Eigenschaft unseres Geistes. Sie kann uns in enge Geschichten führen. Sie ist aber auch der Ursprung unserer Fähigkeit, unserem Leben eine Bedeutung zu geben.


Der Wille zum Sinn


Kaum jemand hat die Bedeutung von Sinn so eindringlich beschrieben wie der Wiener Psychiater Viktor Frankl. Er überlebte mehrere Konzentrationslager und beobachtete dort, dass Menschen, die einen Sinn in ihrem Leben sahen, oft widerstandsfähiger waren als andere. Daraus entwickelte er die Logotherapie, die den Willen zum Sinn als die tiefste Motivation des Menschen versteht. Frankl zitierte gern einen Gedanken von Nietzsche, nach dem derjenige, der ein Warum zum Leben hat, fast jedes Wie erträgt.


Die moderne Forschung bestätigt diesen Gedanken in vielen Studien. Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erleben, sind im Durchschnitt zufriedener, gesünder und widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Sinn entsteht dabei selten durch große Antworten. Meist entsteht er im Kleinen, in Beziehungen, in einer Aufgabe, die uns erfüllt, oder in dem Gefühl, für etwas Größeres als uns selbst da zu sein. Die bekannteste Langzeitstudie zu diesem Thema läuft seit 1938 an der Harvard University. Die Harvard Study of Adult Development begleitet Menschen über ihr ganzes Leben hinweg. Ihr heutiger Leiter Robert Waldinger fasst das wichtigste Ergebnis in einem Satz zusammen. Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. Nicht Ruhm oder Reichtum gaben den Menschen in dieser Studie am Ende ihres Lebens Halt, sondern die Verbindung zu anderen Menschen.


Glaube als Halt


Für viele Menschen ist der Glaube eine der wichtigsten Quellen von Sinn und Halt. Das kann eine Religion sein, eine spirituelle Praxis oder das Vertrauen in etwas Größeres, das sich nicht in Worte fassen lässt. Der Neurowissenschaftler Andrew Newberg von der University of Pennsylvania hat die Gehirne von meditierenden buddhistischen Mönchen und betenden Franziskanerinnen untersucht. Er fand heraus, dass in tiefen spirituellen Momenten Bereiche weniger aktiv werden, die für unsere räumliche Orientierung und die Grenze zwischen Ich und Welt zuständig sind. Die Menschen beschrieben diese Momente als ein Gefühl der Einheit mit etwas Größerem.


Was solche Erfahrungen letztlich bedeuten, kann die Hirnforschung nicht beantworten. Sie kann nur zeigen, was im Gehirn geschieht, und nicht, ob es dahinter etwas gibt. Doch eines wird deutlich. Der Mensch scheint so gebaut zu sein, dass er nach Verbindung mit etwas Größerem sucht. Ob man das Gott nennt, das Leben, das Universum oder einfach das Geheimnis, darf jeder Mensch für sich entscheiden.


Das Wissen um das Nichtwissen


Hier kommen wir zu einer der schwierigsten Wahrheiten unserer Existenz. Über die letzten Fragen wissen wir eigentlich nichts. Wir wissen nicht, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Wir wissen nicht, was Bewusstsein letztlich ist. Und wir wissen nicht, was nach dem Tod geschieht. Wir haben Glaubensüberzeugungen, Theorien und Hoffnungen, aber kein sicheres Wissen. Die Weisheitstraditionen der Welt haben dieses Nichtwissen nicht als Mangel gesehen, sondern als Tor. Sokrates wird der berühmte Gedanke zugeschrieben, dass er wisse, dass er nichts wisse. Der Buddha weigerte sich bewusst, auf bestimmte metaphysische Fragen zu antworten, etwa ob die Welt ewig ist oder was mit einem Erwachten nach dem Tod geschieht. Er verglich solche Fragen mit einem Mann, der von einem vergifteten Pfeil getroffen wurde und sich weigert, ihn herausziehen zu lassen, bevor er weiß, wer ihn abgeschossen hat.


Im Zen gibt es den schönen Ausdruck des Nicht-Wissen-Geistes, eine Haltung offener Neugier, die nicht sofort nach einer Antwort greift. Den Moment so anzunehmen, wie er ist, und dabei zu wissen, dass man über die Existenz im Grunde nichts weiß, ist für viele Menschen unfassbar schwierig. Die Psychologie spricht von einer Intoleranz gegenüber Ungewissheit. Unser Gehirn als Sinnmaschine möchte die Lücke unbedingt füllen. Dieses Annehmen braucht deshalb meist Zeit, Erfahrungen und Einsichten. Es geschieht selten durch einen Gedanken allein, sondern eher durch Erlebnisse, die uns diese Wahrheit auf allen Ebenen spüren lassen, wie ich es in meinem Artikel über Körper, Herz und Geist beschrieben habe.


Die Angst, die alles antreibt


Der amerikanische Kulturanthropologe Ernest Becker hat 1973 ein Buch geschrieben, das bis heute nachwirkt. In »Die Überwindung der Todesfurcht« vertrat er die These, dass ein großer Teil unserer Kultur ein Versuch ist, mit dem Wissen um unsere Sterblichkeit umzugehen. Wir bauen Denkmäler, gründen Familien, verfolgen Karrieren und halten an Weltanschauungen fest, um etwas zu schaffen, das uns überdauert. Drei Sozialpsychologen haben Beckers Gedanken später in der sogenannten Terror-Management-Theorie wissenschaftlich überprüft. Es waren Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski. In vielen Experimenten zeigten sie, dass Menschen ihre eigene Weltanschauung stärker verteidigen, wenn man sie zuvor an ihren eigenen Tod erinnert hat.


Die Angst vor dem Tod wirkt also oft im Verborgenen und beeinflusst unser Denken und Handeln, ohne dass wir es merken. Und selbst wer tiefe Einsichten gewonnen oder besondere Erfahrungen gemacht hat, steht vor dieser Schwelle meist nicht völlig gelassen. Der Übergang zwischen Leben und Tod bleibt für fast alle Menschen eine sehr intensive Angelegenheit. Das ist kein Versagen, sondern zutiefst menschlich. Gelassenheit vor dem Tod ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist eher ein Weg, den man immer wieder neu geht.


Ehrfurcht und das kleine Selbst


Es gibt einen Zustand, der Ekstase und Sinn auf besondere Weise verbindet. Der Psychologe Dacher Keltner von der University of California in Berkeley erforscht seit vielen Jahren die Ehrfurcht. Damit ist das Gefühl gemeint, das uns überkommt, wenn wir vor etwas Gewaltigem stehen. Das kann ein Sternenhimmel sein, ein Gebirge, die Geburt eines Kindes oder ein Musikstück, das uns zu Tränen rührt. Keltner hat herausgefunden, dass Ehrfurcht ein Gefühl des kleinen Selbst erzeugt. Wir fühlen uns als Teil von etwas viel Größerem. Und paradoxerweise macht uns dieses Gefühl nicht ängstlich, sondern ruhiger, großzügiger und verbundener mit anderen Menschen. Ehrfurcht ist vielleicht die sanfteste Form, das Nichtwissen nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Wunder.


Was Menschen am Lebensende hilft


Eindrückliche Ergebnisse zu diesem Thema kommen aus einem unerwarteten Bereich. An der Johns Hopkins University in Baltimore und an der New York University wurden 2016 zwei Studien mit Krebspatienten veröffentlicht, die unter starker Angst und Depression angesichts ihrer Erkrankung litten. Sie erhielten in einem sorgfältig begleiteten therapeutischen Rahmen eine einmalige Dosis Psilocybin. Bei der Mehrheit der Teilnehmer nahmen Angst und Depression deutlich ab, und viele berichteten noch Monate später von mehr Frieden und Sinn. Besonders stark war die Wirkung bei jenen, die eine Erfahrung tiefer Verbundenheit erlebt hatten.


Diese Ergebnisse sind keine Empfehlung für einen eigenen Konsum. Die Studien fanden unter strengster medizinischer Kontrolle statt, und solche Substanzen sind in Deutschland bis auf eng begrenzte Ausnahmen verboten. Doch sie zeigen etwas, das weit über die Substanz hinausreicht. Was Menschen angesichts des Todes Frieden schenkt, ist vor allem die Erfahrung, mit etwas Größerem verbunden zu sein, und das Gefühl, dass das eigene Leben Bedeutung hatte.


Ein ungelebtes Leben macht den Abschied schwer


Der amerikanische Psychiater Irvin Yalom hat sich wie kaum ein anderer mit der Angst vor dem Tod beschäftigt. In seinem Buch »In die Sonne schauen« beschreibt er eine Beobachtung aus vielen Jahrzehnten therapeutischer Arbeit. Die Angst vor dem Tod ist oft dort am größten, wo das Gefühl eines ungelebten Lebens am stärksten ist. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht wirklich gelebt zu haben, klammert sich besonders verzweifelt daran fest.


Darin steckt eine tröstliche und zugleich herausfordernde Botschaft. Wer sein Leben mit allen Sinnen lebt und erfährt, dem fällt es vermutlich leichter, es eines Tages loszulassen. Damit sind die intensiven Momente der Ekstase gemeint, von denen der erste Teil dieser Serie handelte. Gemeint sind aber auch die stillen Momente der Verbundenheit, die Freundschaften, die Liebe, die Natur und die kleinen Augenblicke des Alltags. Wer gut gegessen hat, steht leichter vom Tisch auf. Schon der französische Philosoph Michel de Montaigne schrieb, dass Philosophieren heißt, sterben zu lernen. Gemeint ist nicht eine düstere Beschäftigung mit dem Ende. Gemeint ist ein Leben, das sich seiner Endlichkeit bewusst ist und gerade deshalb jeden Tag voller auskostet.


Die Sehnsucht nach Verwandlung


Wer Menschen in Zeremonien, Retreats oder Therapien begegnet, die nach außergewöhnlichen Erfahrungen suchen, bemerkt fast immer dasselbe. Die Menschen wollen eine Transformation. Ein Schweizer Psychiater, den ich im ersten Teil dieser Serie bereits erwähnt habe, hat dafür eine sehr kluge Erklärung gegeben. Das Leben bringt von sich aus nur wenige große Verwandlungen mit sich. Die Pubertät ist eine solche Zeit, in der sich Körper, Gefühle und Identität radikal verändern. Später können Krankheiten oder Schicksalsschläge ähnlich tiefgreifend wirken. Doch dazwischen liegen oft lange Lebensabschnitte, in denen alles normal läuft. Wir sind gesund, wir arbeiten, und irgendwie bleiben wir am gleichen Ort stehen. Die Welt um uns herum verändert sich aber weiter, und auch wir verändern uns innerlich. Irgendwann entsteht dann das Bedürfnis, etwas zu ändern.


Der Psychiater nannte dafür ein schönes Beispiel. Stell Dir einen Schuhverkäufer vor, der seine Arbeit viele Jahre lang hervorragend gemacht hat. Eines Tages möchte er seinen Horizont erweitern und etwas Neues erleben. Er sucht nach dem, was der Psychiater eine andere Zentrierung nennt, also nach einem neuen Mittelpunkt in seinem Leben. Dafür gibt es viele beliebte Techniken der Transformation, etwa Schwitzhütten. Der Unterschied zu einem Saunabesuch liegt dabei nicht in der Hitze, sondern im Anspruch. In die Sauna geht man, um zu entspannen. In die Schwitzhütte geht man mit dem Anspruch, verändert wieder herauszukommen. Dabei sollten wir zwei Bedürfnisse unterscheiden, die oft verwechselt werden. Das eine ist das Bedürfnis nach Veränderung, also nach einer neuen Richtung oder einem erweiterten Horizont. Das andere ist das Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein und in etwas aufzugehen, das über das eigene Ich hinausreicht. Beides ist zutiefst menschlich, doch es sind qualitativ verschiedene Sehnsüchte. Wer ehrlich spürt, welche von beiden ihn gerade antreibt, findet leichter den passenden Weg.


Wie verschieden diese Sehnsüchte sein können, zeigt ein weiterer Trend, den der Psychiater beschreibt. Beim sogenannten Microdosing nehmen Menschen regelmäßig sehr kleine Mengen von Substanzen wie LSD ein, die keinen Rausch auslösen sollen. Hier sucht niemand das Aufgehen in etwas Größerem oder das Loslösen vom eigenen Ich. Es geht um Optimierung, um Produktivität und bessere Ideen. Vom dionysischen Rausch, also von der ekstatischen Hingabe, ist hier nichts mehr übrig. Der Trend kommt vor allem aus dem Silicon Valley, wo Psychedelika schon seit den Sechzigerjahren zur Steigerung der Kreativität eingesetzt werden. Der Psychologe James Fadiman, der heute als einer der bekanntesten Microdosing-Forscher gilt, gab damals Ingenieuren LSD und untersuchte, ob sie technische Probleme anschließend kreativer lösten.


Ob Microdosing tatsächlich wirkt, ist allerdings sehr fraglich. Die Studienlage ist uneinheitlich, und in sorgfältig kontrollierten Studien zeigt sich ein großer Teil der berichteten Wirkung auch bei Menschen, die unwissentlich ein Placebo genommen haben. Hinzu kommen offene Fragen zur Sicherheit. Fachleute diskutieren, ob eine dauerhafte Einnahme Fibrosen begünstigen kann, also krankhafte Gewebeveränderungen etwa an den Herzklappen. Bemerkenswert ist auch, dass manche Forscher inzwischen an Substanzen arbeiten, die die heilsame Wirkung von Psychedelika entfalten sollen, ohne einen transzendenten oder ekstatischen Zustand auszulösen. Selbst innerhalb der Psychiatrie spalten sich hier die Lager. Manche Psychiater sehen in Psychedelika eine neue Tiefendimension für die Psychotherapie, viele ihrer Kollegen stehen ihnen dagegen sehr skeptisch gegenüber.


Große Köpfe, Substanzen und die Logik des Kontexts


Es wäre unehrlich, so zu tun, als hätten bewusstseinsverändernde Substanzen in der Geschichte des menschlichen Denkens keine Rolle gespielt. Einige der großen Köpfe, die Bedeutendes geleistet haben, haben solche Substanzen genutzt und offen darüber gesprochen. Sigmund Freud experimentierte in jungen Jahren mit Kokain und schrieb 1884 sogar eine begeisterte Abhandlung darüber, bevor die Risiken bekannt wurden. Der Schriftsteller Aldous Huxley beschrieb seine Erfahrungen mit Meskalin in dem berühmten Buch »Die Pforten der Wahrnehmung«. Der Biochemiker Kary Mullis, der 1993 den Nobelpreis für die Entwicklung der PCR-Methode erhielt, sagte in Interviews, dass LSD ihm geholfen habe, auf seine bahnbrechende Idee zu kommen. Auch Steve Jobs bezeichnete seine Erfahrungen mit LSD als eines der wichtigsten Dinge in seinem Leben.


Die Doppelhelix und die Kunst des Zusammensetzens


Eine besonders faszinierende Geschichte betrifft die Entdeckung der DNA-Doppelhelix im Jahr 1953. Der Psychiater aus dem erwähnten Gespräch weist dabei auf einen spannenden Punkt hin. Die entscheidenden Daten waren damals bereits vorhanden, vor allem durch die Röntgenaufnahmen der Chemikerin Rosalind Franklin. Es ging also nicht darum, etwas Neues zu messen. Es ging darum, die vorhandenen Informationen richtig zusammenzusetzen und zu deuten. Genau das soll Francis Crick nach einer verbreiteten Erzählung unter dem Einfluss von LSD gelungen sein. Und zwar nicht im Sinne von Microdosing, sondern in einem echten psychedelischen Zustand, in dem sein Gehirn die Informationen auf eine neue Weise verknüpfen konnte. Die Geschichte ist deshalb so reizvoll, weil sie genau zu dem passt, was die moderne Hirnforschung über Psychedelika herausgefunden hat. Unter ihrem Einfluss kommunizieren Hirnregionen miteinander, die sonst kaum in Kontakt stehen. Das Gehirn wird vorübergehend weniger festgelegt und offener für ungewöhnliche Verbindungen.


Zur Ehrlichkeit gehört allerdings der Hinweis, dass diese Geschichte historisch nicht belegt ist. Sie geht im Wesentlichen auf einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 2004 zurück, der sich auf eine Aussage aus zweiter Hand stützt. Ob Crick zum Zeitpunkt der Entdeckung überhaupt schon LSD genommen hatte, ist unter Historikern umstritten. Doch auch wenn die Anekdote nicht stimmen sollte, enthält sie eine wahre Erkenntnis. Große Entdeckungen entstehen oft nicht durch neue Daten, sondern durch einen neuen Blick auf das, was längst vor uns liegt. Und dieser neue Blick lässt sich auf vielen Wegen gewinnen, durch Meditation, durch einen Spaziergang, durch einen Traum oder durch ein Gespräch mit einem Menschen, der die Welt ganz anders sieht. Wer meinen Artikel über Noam Chomsky gelesen hat, erinnert sich an den Besucher von einem anderen Planeten, der erst durch einen neuen Standpunkt die Muster erkennt.


Die Logik des Kontexts


Hier lohnt sich ein Blick auf den Anthropologen Gregory Bateson, der selbst Ende der Fünfzigerjahre in Kalifornien an Experimenten mit LSD beteiligt war. Bateson hat uns gelehrt, dass Verhalten immer in seinem Kontext verstanden werden muss. Was isoliert betrachtet merkwürdig oder sogar krankhaft erscheint, ergibt im Zusammenhang mit seiner Umgebung oft einen Sinn. Das Silicon Valley ist ein extrem kompetitiver Ort, an dem man sich durchsetzen muss und an dem gute Ideen über Erfolg und Scheitern entscheiden. In einer solchen Umgebung erscheint es fast folgerichtig, dass Menschen nach Mitteln wie LSD greifen, die ihnen einen Vorsprung versprechen und helfen sollen, sich zu behaupten. Und weil die ganze Welt auf diesen Ort schaut, verbreiten sich solche Trends schnell global.


Mit Batesons Blick schließt sich auch der Kreis zum ersten Teil dieser Serie. Die Ersatzsysteme, von denen László Németh spricht, ergeben im Kontext eines Lebens ebenfalls einen Sinn. Menschen tun unter bestimmten Umständen und in bestimmten Umgebungen das, was ihnen hilft zu bestehen. Das macht diese Wege nicht automatisch gut oder gesund. Aber es lädt uns ein, nicht vorschnell zu urteilen, sondern nach dem Kontext zu fragen. Welche Umgebung bringt dieses Verhalten hervor? Und welche Umgebung würde einen gesünderen Weg ermöglichen? Zur Ehrlichkeit gehört aber auch die andere Seite. Wir hören von den Nobelpreisträgern und Visionären, die von Substanzen profitiert haben. Von den vielen Menschen, denen dieselben Substanzen geschadet haben, hören wir dagegen kaum etwas. Die Psychologie nennt diese Verzerrung den Überlebensfehler. Und auch bei den Berühmten bleibt offen, ob die Substanz ihre Leistung ermöglicht hat oder ob sie ohnehin außergewöhnliche Köpfe waren. Wer daraus eine Empfehlung ableitet, zieht einen Schluss, den die Beweislage nicht trägt.


Zwischen Ich und Wir


Batesons Blick auf den Kontext lässt sich noch weiter ausdehnen, nämlich auf unsere ganze Gesellschaft. Nicht nur das Silicon Valley prägt die Menschen, die dort leben. Auch der Druck unserer westlichen Kultur und die Art, wie unsere Umgebung aufgebaut ist, formen unser Denken und Fühlen. Viele Einflüsse führen dazu, dass Menschen im Westen eher auf sich selbst zentriert sind. Dazu gehören der ständige Wettbewerb, die sozialen Medien und eine Arbeitswelt, die den Einzelnen und seine Leistung in den Mittelpunkt stellt. Die Kulturpsychologie hat diesen Unterschied gut untersucht. Die Psychologen Hazel Markus und Shinobu Kitayama beschrieben schon 1991, dass Menschen in westlichen Kulturen sich eher als unabhängiges Ich verstehen. In vielen asiatischen Kulturen sehen sich Menschen dagegen eher als Teil eines Netzes von Beziehungen. Der Harvard-Anthropologe Joseph Henrich ist sogar noch weiter gegangen. In seinem Buch über die seltsamsten Menschen der Welt zeigt er, wie ungewöhnlich stark die westliche Psychologie auf das Individuum ausgerichtet ist, verglichen mit dem größten Teil der Menschheitsgeschichte.


Selbst Ideale, die auf den ersten Blick ganz harmlos und positiv klingen, können Ausdruck dieser Selbstzentriertheit sein. Der Satz »Ich will mich entfalten« ist ein gutes Beispiel dafür. Natürlich ist es wertvoll, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und ein Leben nach den eigenen Wünschen zu führen. Doch wenn die Selbstentfaltung zum einzigen Maßstab wird, dreht sich irgendwann alles nur noch um das eigene Ich. Auch die Sehnsucht nach Transformation, die Retreats und das Microdosing stehen dann manchmal im Dienst einer Selbstoptimierung, die den Menschen noch tiefer in sich selbst hineinzieht, statt ihn für andere zu öffnen. Vielleicht liegt genau hier ein Grund, warum viele Menschen in tiefen Bewusstseinszuständen eine so starke Verbundenheit erleben. Wenn das Ich für einen Moment zurücktritt, wird spürbar, wie sehr wir mit anderen Menschen und mit der Natur verbunden sind. Auch der Psychiater aus dem Gespräch spricht von einer Tiefendimension, die solche Erfahrungen der Psychotherapie geben können. Doch diese Verbundenheit muss nicht von einer Substanz abhängen. Sie kann auch in der Meditation, in der Natur, in einer echten Begegnung oder in einem Akt der Hilfsbereitschaft entstehen.


In meinem Artikel über das glücklich Sein und den französischen Mönch Matthieu Ricard, der seit vielen Jahren den Dalai Lama als Übersetzer begleitet, habe ich über eine Frage geschrieben, die hier wieder auftaucht. Was ist Altruismus, und was ist Egoismus? Ricard hat dem Altruismus ein ganzes Buch gewidmet und darin gezeigt, dass echtes Wohlwollen für andere nicht bedeutet, sich selbst aufzugeben. Wer sich selbst vernachlässigt, kann anderen auf Dauer kaum etwas geben. Und wer nur an sich selbst denkt, wird trotz allen Erfolgs selten wirklich glücklich. Es geht also nicht darum, das Ich zu bekämpfen oder sich ganz für andere aufzuopfern. Es geht um eine Waagschale, in der beides seinen Platz hat. Auf der einen Seite liegen die Fürsorge für sich selbst, die eigenen Ziele und das eigene Wachstum. Auf der anderen Seite liegen das Mitgefühl, die Großzügigkeit und der Beitrag für andere Menschen. Wenn diese Waagschale im Gleichgewicht ist, nährt das eine das andere. Gerade in einer Gesellschaft, die uns ständig in Richtung Ich zieht, braucht es manchmal eine bewusste Entscheidung, das Gewicht auf die andere Seite zu legen. Vielleicht ist das die eigentliche Transformation, nach der so viele Menschen suchen. Gemeint ist nicht eine noch bessere Version des eigenen Ichs, sondern ein Ich, das sich wieder als Teil eines größeren Wir erlebt.


Was Du daraus mitnehmen kannst


Lebe mit allen Sinnen. Schmecke Dein Essen bewusst, spüre den Wind auf Deiner Haut und höre wirklich hin, wenn ein Mensch zu Dir spricht. Jeder bewusst erlebte Moment ist ein Stück gelebtes Leben.


Pflege Deine Beziehungen. Die Harvard-Studie zeigt eindeutig, dass Verbindung zu anderen Menschen der wichtigste Halt in unserem Leben ist. Investiere Zeit in die Menschen, die Dir wichtig sind.


Suche die Ehrfurcht. Geh unter den Sternenhimmel, auf einen Berg oder ans Meer. Lass Dich von Musik, Kunst oder einem besonderen Menschen berühren. Ehrfurcht macht das Selbst klein und das Herz weit.


Übe das Nichtwissen. Wenn Dein Geist nach einer endgültigen Antwort verlangt, versuche einmal ganz bewusst, bei der Frage zu bleiben. Ich weiß es nicht, und das ist in Ordnung. Dieser Satz kann eine erstaunliche Ruhe schenken.


Erinnere Dich an Deine Endlichkeit. Viele Traditionen kennen die Praxis, sich regelmäßig an den eigenen Tod zu erinnern, nicht aus Angst, sondern aus Dankbarkeit. Frag Dich ab und zu, ob Du heute so gelebt hast, wie Du leben möchtest.


Zum Schluss


Unser Gehirn sucht Ekstase, und es sucht Sinn. Auf den ersten Blick scheinen das zwei völlig verschiedene Sehnsüchte zu sein. Doch vielleicht sind es zwei Seiten derselben Bewegung. In der Ekstase treten wir aus uns heraus und erleben das Leben in seiner ganzen Intensität. In der Suche nach Sinn kommen wir zu uns zurück und fragen, was all das bedeutet.


Eine endgültige Antwort werden wir vermutlich nie finden. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Vielleicht liegt der Sinn nicht in einer Antwort, sondern im Leben selbst, wenn wir es mit offenen Sinnen und offenem Herzen erfahren. Wer so lebt, kann vielleicht eines Tages mit einem Gefühl von Dankbarkeit loslassen, weil er wirklich da gewesen ist. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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