NLP-Grundannahme Nummer 7: Es gibt einen Kontext, in dem jedes Verhalten nützlich ist
- Florian Stotz

- 3. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Deine Lebenserfahrungen bilden das Fundament für Deinen weiteren Lebensweg.
Wenn ich über mehrere Jahre auf meine Vergangenheit zurückschaue, stelle ich immer wieder fest, wie oft ich Erfahrungen gesammelt habe, die ich im damaligen Moment nicht machen wollte. Heute erweisen sich genau diese als besonders wertvoll, weil sie mich auf meinen Weg geführt haben. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch hier ist, um etwas Bestimmtes zu lernen, das sich nur durch das Leben selbst lernen lässt. Diese Haltung stammt überwiegend aus dem Yoga und dem Hinduismus. Ob sie einer Wahrheit entspricht, spielt in diesem Augenblick keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist etwas anderes: Du weißt nie, wofür Deine Erfahrungen eines Tages gut sind.
Es gibt einen Kontext, in dem jedes Verhalten nützlich ist
Vielleicht kennst Du jene Tage, an denen Du innerlich damit beschäftigt bist, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie Du es Dir vorgestellt hast. Und möglicherweise klingt es dann in Dir: Schon wieder etwas falsch gemacht. Solche Gedanken werden zu Spiralen, und plötzlich läuft ein großer interner Dialog. Dass Du Dich dabei schlecht fühlst, ist das eine. Es geschieht allerdings noch etwas anderes: Du führst Dich selbst in eine Sackgasse. Denn was für Dich falsch ist, verschließt Dir die geistige Offenheit, überhaupt etwas zu verändern. Nimm einmal an, in Deinem Leben läuft etwas nicht nach Plan. Oder stell Dir vor, Du malst Dir aus, dass etwas in Deiner Zukunft nicht klappen könnte, und entscheidest Dich schon vorab dagegen, es zu versuchen. Beide Wege führen zum selben Ergebnis, nämlich dazu, in den bekannten Mustern zu bleiben. Wenn Du immer wieder dasselbe denkst und tust, erlebst Du auch immer wieder Ähnliches. Wer etwas anderes will, braucht deshalb zuerst eine andere Perspektive. Und eine davon ist die heutige Grundannahme.
Worüber sprichst Du in Deinem Alltag?
In vielen Gesprächen ist mir aufgefallen, wie gern und wie viel Menschen darüber sprechen, wie viele Fehler sie machen. Wie etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Wie sie sich selbst im Weg stehen. Wie sie schon wieder falsch gehandelt haben. Im Modell des NLP geht es weniger darum, ein Verhalten sofort zu bewerten, als darum, den Rahmen zu verändern, in dem Du es betrachtest. Genau das heißt Reframing. Ein Verhalten, das Dich bisher nicht an Dein Ziel gebracht hat, kann trotzdem ein wichtiger Stein auf dem Weg Deines Lebens sein. Statt also zu sagen, es sei falsch gewesen, könntest Du sagen: Ich weiß noch nicht, wofür das gut ist. Allein dieser Satz öffnet Raum.
Vielleicht erinnerst Du Dich an eine Situation, in der Du von anderen bewertet wurdest. Vielleicht galtst Du als laut, als stur oder als schwierig. In einem bestimmten Zusammenhang, etwa in der Schule, mag das unpassend gewesen sein. Es bedeutet aber nicht, dass Dein Verhalten an sich falsch war. Genau dieselben Eigenschaften können in einem anderen Umfeld zu Deinen größten Stärken werden. Ausdrucksstärke bringt Dich im Beruf weit. Beharrlichkeit führt Dich zu einem Ziel. Direktheit verschafft Dir Klarheit. Es sind oft dieselben Verhaltensweisen. Nur anders benannt und in einem anderen Zusammenhang bewertet.
Was Reframing im Inneren verändert
Beim Reframing veränderst Du nicht das Verhalten, sondern die Bedeutung, die Du ihm gibst. Aus einem „zu viel" wird ein „stark ausgeprägt". Aus einem Problem wird eine Ressource. Und mit dieser Verschiebung verändert sich auch Deine Wahrnehmung. Wenn Dich also jemand kritisiert oder Du Dich selbst kritisierst, kannst Du innerlich damit beginnen, das Bild zu drehen. Stell Dir mehrere Situationen vor, in denen genau dieses Verhalten sinnvoll gewesen wäre. Dann verliert die Kritik ihre Schwere und wird zu dem, was sie eigentlich ist: eine Information über einen bestimmten Zusammenhang und nicht über Deinen Wert als Mensch.
Die meisten Menschen sortieren ihre Vergangenheit in gut und schlecht. Wie wäre es, eine Prise Unterscheidung hineinzubringen? Denn vielleicht liegen in den sogenannten schlechten Erfahrungen einzelne Elemente, die Dich geprägt, gestärkt und etwas Wichtiges gelehrt haben.
Sobald Du diese Perspektive einnimmst, verschiebt sich etwas. Du bleibst nicht mehr in dem Gefühl, dass Dir das nicht hätte passieren dürfen, sondern bewegst Dich hin zu der Frage, was Du daraus mitnehmen kannst.
Nutze vergangene Momente des Leids als Türöffner für Deine persönliche Entwicklung
Wenn Du einmal innehältst, gab es gewiss Momente, in denen Du gelitten hast. Vielleicht magst Du Dir dann diese Frage stellen: Was wollte ich in dieser Situation nicht sehen oder nicht lernen? Diese Frage ist nicht immer angenehm, und sie öffnet eine Tür. Denn sobald Du den Lernanteil erkennst, verändert sich Dein Verhältnis zu dem Erlebnis. Es verliert an Schwere und bekommt eine neue Aufgabe. Und sie hat eine Grenze, die ich klar benennen möchte. Diese Frage gehört dorthin, wo Du selbst einen Anteil an dem hattest, was geschehen ist. Sie gehört nicht dorthin, wo ein Mensch Dir Gewalt angetan oder Dich verraten hat, denn dort gibt es nichts, was Du hättest sehen sollen. Wer diese Frage an der falschen Stelle stellt, verwandelt eine Wunde in einen Vorwurf gegen sich selbst.
Diese Perspektive bedeutet also nicht, dass plötzlich alles gut ist. Sie macht Dich beweglicher. Und genau darum geht es, denn wenn etwas nicht funktioniert, hast Du immer noch die Möglichkeit, etwas anderes zu tun, wie es eine weitere Grundannahme hier sagt. Statt in einem Weg-von steckenzubleiben, kannst Du fragen: Was wäre jetzt ein sinnvoller nächster Schritt? Welche Möglichkeiten habe ich? Die meisten Menschen reagieren auf Kritik mit Rückzug. Sie fühlen sich angegriffen, machen dicht und entwickeln Strategien, um ähnliche Situationen künftig zu meiden. Doch Wachstum entsteht selten im Vermeiden. Es entsteht dort, wo Du beginnst, Dich beweglich zu machen, auch wenn es ungewohnt ist. Dann kannst Du neue Dinge ausprobieren, anstatt sie zu zerdenken. Ein Gespräch führen, anstatt es zu meiden. Eine Einladung annehmen, anstatt sie aufzuschieben. Neue Erfahrungen machen, anstatt in alten Mustern zu bleiben. Und mit jeder Erfahrung wächst Dein Gespür dafür, was für Dich funktioniert und was nicht.
Wider dem Gehorsam, ein Gedanken an Arno Gruen
Der Psychoanalytiker Arno Gruen, der von 1923 bis 2015 lebte, beschreibt in seinen Büchern „Wider den Gehorsam" und „Der Verrat am Selbst" eine unbequeme These. Gehorsam sei nicht harmlos, sondern eine Wurzel von Entfremdung und Gewalt. Viele Menschen lernen bereits als Kinder,
die eigenen Gefühle zu unterdrücken
sich an Erwartungen anzupassen
brav zu sein, um Liebe und Anerkennung zu bekommen
Das führt in den meisten Fällen zu einem Verrat am eigenen Selbst. Wenn ein Kind bemerkt, dass es so, wie es wirklich ist, nicht liebenswert zu sein scheint, beginnt es, sich selbst abzulehnen, sich mit Autoritäten zu verbinden und den Gehorsam über die Echtheit zu stellen. Und genau hier entsteht nach Gruen die Grundlage für blinden Gehorsam, für Mitläufertum und schließlich für Grausamkeit. Denn wer sich selbst nicht mehr spürt, verliert auch sein Mitgefühl.
Er stellt dabei zwei Reihen gegenüber. Auf der einen Seite den Gehorsam mit Anpassung, Angst vor Ablehnung, Funktionieren und Kontrolle. Auf der anderen die Lebendigkeit mit Echtheit, Mut zur Wahrheit, Fühlen und Beziehung. Ein Mensch, der gut funktioniert, ist eben nicht zwangsläufig ein gesunder Mensch. Sein Ansatz ist dabei nicht nur seelenkundlich, sondern beinahe existenziell:
Gesellschaften belohnen häufig den Gehorsam.
Der Einzelne verliert dabei seine innere Wahrheit.
Und es entstehen Systeme, in denen Unmenschlichkeit möglich wird.
In seinen Büchern zieht Gruen dafür auch geschichtliche Ereignisse heran, etwa den Totalitarismus, um zu zeigen, wohin blinder Gehorsam führen kann. Und er lädt seine Leser dazu ein, wieder Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden, Autoritäten zu hinterfragen und den eigenen inneren Impulsen zu vertrauen. Nicht aus Auflehnung um der Auflehnung willen, sondern zur Rückverbindung mit sich selbst. Diese Rückverbindung kannst Du heute beginnen, indem Du Dir neue Erfahrungen erlaubst und sanft mit Dir bist, wenn wieder einmal etwas nicht klappt.
Die Essenz
Tu das, was Dir in einem Augenblick sinnvoll erscheint. Wenn es wirkt, wunderbar. Wenn nicht, hast Du etwas gelernt und kannst Deinen Kurs über Dein Denken und Dein Handeln neu bestimmen. Genau darin liegt Entwicklung. Und vielleicht auch die Freiheit, Dein Leben bewusster, selbstbestimmter und glücklicher zu gestalten.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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