Milton H. Erickson – Teil 2: Es wird nichts bekämpft
- Florian Stotz

- vor 4 Tagen
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Was ein Mensch mitbringt, ist nicht das Hindernis. Es ist das Material.
In Teil eins haben wir uns das Instrument angeschaut: einen Mann, der aus Farbenblindheit Purpur machte und aus Lähmung Sinneserinnerung. Heute geht es um das Prinzip, das aus dieser Haltung folgt, und ich halte es für Ericksons eigentliches Vermächtnis. Es ist unspektakulärer als jedes Sprachmuster und wirkt tiefer als alle zusammen. Erickson nannte es Utilisation. Übersetzen lässt es sich am ehesten mit Nutzbarmachung, und in einem Satz gesagt bedeutet es: Was immer ein Mensch mitbringt, wird verwendet. Nicht überwunden, nicht umgangen, nicht wegtherapiert. Verwendet. Auch der Widerstand. Besonders der Widerstand.
Die Umkehrung
Erickson hat das Prinzip 1959 in einem Aufsatz beschrieben, der bis heute erstaunlich nüchtern klingt. Er stellt zunächst fest, wie Trance normalerweise eingeleitet wird: Der Mensch soll ruhig sitzen, einen Punkt fixieren, sich entspannen. Oder er soll die Augen schließen und innere Bilder entwickeln. All das setzt eines voraus, nämlich dass er bereit ist, ein von außen vorgeschlagenes Verhalten anzunehmen. Und dann beschreibt Erickson die Menschen, bei denen genau das nicht funktioniert. Nicht weil sie nicht hypnotisierbar wären. Sondern weil sie durch ihre Anspannung, ihre Angst, ihre Vertiefung in das eigene Verhalten schlicht nicht in der Lage sind, dieses Angebot anzunehmen. Solche Menschen, sagt er, gelten viel zu häufig als ungeeignet für Hypnose.
Seine Lösung formuliert er in einem einzigen Satz, den ich für einen der wichtigsten der gesamten Psychotherapiegeschichte halte: Die Utilisationstechniken seien im Grunde nichts weiter als eine schlichte Umkehrung des üblichen Vorgehens. Statt vom Menschen eine anfängliche Annahme und Mitarbeit zu erwarten, beginnt der Behandelnde damit, das gezeigte Verhalten anzunehmen und mitzugehen, wie widrig es auch immer erscheinen mag. Lies den letzten Halbsatz noch einmal. Wie widrig es auch immer erscheinen mag. Da steht keine Einschränkung. Kein „solange es im Rahmen bleibt". Erickson meinte das vollständig. Wie das praktisch aussieht, zeigt er an einer Reihe von Fällen. Drei davon möchte ich Dir erzählen, weil sie in ihrer Schlichtheit mehr lehren als jedes Modell.
Der Mann, der nicht sitzen konnte
Ein Mann Anfang dreißig betritt die Praxis und beginnt sofort, auf und ab zu gehen. Er erklärt, wieder und wieder, dass er es nicht aushält, still zu sitzen oder auf einer Couch zu liegen und über seine Probleme zu sprechen. Mehrere Psychiater hätten ihn deshalb weggeschickt, mit dem Vorwurf mangelnder Mitarbeit. Stell Dir den Raum vor. Ein Mann, der nicht aufhören kann zu laufen, sechs Schritte in die eine Richtung, Wendung, sechs Schritte zurück. Der Teppich, die Wand, die Wendung, die Wand, die Wendung. Und ein Therapeut, dem klar ist, dass jede Aufforderung zum Hinsetzen dieselbe Ablehnung produzieren wird wie bei allen Kollegen vorher.
Erickson unterbricht ihn mit einer Frage. Sinngemäß: Wären Sie bereit, mit mir zusammenzuarbeiten, indem Sie weiter auf und ab gehen, genau so, wie Sie es gerade tun? Der Mann ist verblüfft und antwortet, so gut ich es wiedergeben kann: Bereit? Um Himmels willen, Mann, ich muss das tun, wenn ich hierbleiben will. Und dann bittet Erickson ihn um etwas, das der Mann nicht ablehnen kann, weil es ihm nichts wegnimmt: Er möchte an dem Gehen teilnehmen, indem er es zum Teil mitlenkt. Also gibt er Anweisungen. Gehen Sie hin und her. Wenden Sie sich nach rechts. Nach links. Gehen Sie vom Stuhl weg. Gehen Sie zum Stuhl hin.
Das Tempo dieser Anweisungen entspricht zunächst exakt dem Tempo seiner Schritte. Erickson läuft nicht mit, aber er spricht mit. Und dann wird er langsamer. Kaum merklich. Und gleichzeitig ändert er die Formulierung: Wenden Sie sich jetzt nach rechts, weg von dem Stuhl, in dem Sie sitzen können. Wenden Sie sich nach links, hin zu dem Stuhl, in dem Sie sitzen können. Es wird noch langsamer. Und aus dem Stuhl, in dem er sitzen kann, wird der Stuhl, dem er sich gleich nähern wird, als wolle er sich bequem hineinsetzen. Und daraus wird der Stuhl, in dem er sich in Kürze bequem sitzend wiederfinden wird. Nach etwa fünfundvierzig Minuten sitzt der Mann und ist in Trance.
Ich möchte, dass Du siehst, was hier eigentlich geschehen ist, denn es ist nicht die Formulierungskunst. Die ist nur das Werkzeug. Das Entscheidende ist die erste Bewegung. Erickson hat dem Mann nicht abverlangt, das Gehen aufzugeben, um Hilfe zu bekommen. Er hat das Gehen zum Weg gemacht. Der Mann musste sich nicht ändern, um therapiefähig zu werden. Er war es bereits, mitsamt seinem Gehen. Und noch etwas: Das langsame Ändern des Tempos ist Pacing und Leading in seiner Reinform. Erst gehe ich mit Deinem Rhythmus mit, so genau, dass Du gar nicht merkst, dass ich da bin. Dann verändere ich meinen Rhythmus, und Deiner folgt.
Die Frau, die alles kommentieren musste
Eine Frau kommt in die Praxis und erklärt, warum alle bisherigen Therapieversuche gescheitert sind: Sie muss zwanghaft jede Kleinigkeit ihrer Umgebung wahrnehmen und kommentieren. Sie schafft es nicht, ihre eigene Geschichte zu Ende zu erzählen, weil das Bedürfnis, alles Gesehene zu benennen, übermächtig ist. Schon während sie das erklärt, unterbricht sie sich selbst mit Fragen zu Gegenständen im Raum. Erickson steigt ein. Sie fragt nach einem Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch. Er antwortet, dieser liege an der Ecke des Tisches, gleich hinter der Uhr. Ihr Blick springt zur Uhr, sie fragt drängend, wie spät es sei. Er antwortet, der Minutenzeiger stehe auf derselben Zahl wie der Tischkalender.
Merkst Du, was er tut? Jede Antwort schickt sie zum nächsten Objekt. Er bekämpft ihr Muster nicht. Er füttert es und lenkt es dabei. Dann folgt ein Wortschwall, den man verbal überhaupt nicht mehr unterbrechen kann. Also hört Erickson auf zu sprechen. Er hält ein Brieföffnermesser hoch. Sie muss es erwähnen. Er putzt seine Brille. Sie muss es kommentieren. Er legt die Brille in ihr Etui, verschiebt die Schreibunterlage, blickt zum Bücherregal, öffnet und schließt seinen Terminkalender. Zuerst schnell und in Abständen. Dann, als sie beginnt, seine stummen Impulse zu erwarten, macht er seine Bewegungen langsamer. Mit kleinen zögernden Pausen. Und dadurch wird sie langsamer. Sie wartet auf ihn.
Nach etwa vierzig Minuten kann er sie bitten, die Augen zu schließen und aus dem Gedächtnis alles zu benennen, was sie gesehen hat, und dabei in tiefen Schlaf zu gehen. Und während sie das tut, begleitet er sie: Und jetzt „Briefbeschwerer", und tiefer hinein. Und jetzt „Uhr", und noch tiefer in die Trance. Zehn Minuten später ist sie in tiefer Trance. Eine als aussichtslos geltende Klientin, deren Therapie danach reibungslos verlief. Und in jeder folgenden Sitzung genügte irgendwann eine Geste zum Stuhl. Zwei Sätze aus Ericksons Kommentar dazu sollten sich alle merken, die mit Menschen arbeiten. Der Wert dieser Vorgehensweise liege darin, dass sie den Menschen wirksam zeige, dass sie vollkommen akzeptabel sind und dass der Therapeut mit ihnen umgehen kann, unabhängig davon, wie sie sich verhalten. Und: Es macht genau das Verhalten, das den Menschen beherrscht, zum wesentlichen Teil des Weges. Das ist keine Technik. Das ist eine Botschaft über den Wert eines Menschen, die auf der Verhaltensebene ausgesprochen wird, wo sie nicht wegdiskutiert werden kann.
Ihre eigenen Worte, zurückgegeben
Ein Fall noch, weil er zeigt, wie wenig es manchmal braucht. Eine Frau kommt und erklärt, drei Jahre Psychoanalyse hätten nichts gebracht, ein Jahr Hypnotherapie sei ein totaler Verlust gewesen, sie sei nicht einmal in Trance gegangen. Sie könne sich schlicht nicht vorstellen, in Trance zu gehen. Sie wisse ja nicht einmal, was eine Trance sei. Erickson nimmt genau das. Er wiederholt, mit minimalen Zusätzen, ihre eigenen Worte. Sie können sich wirklich nicht vorstellen, was eine Trance ist. Darauf sie: Nein, kann ich nicht, was ist es? Er: Ja, was ist es? Sie: Ein psychischer Zustand, nehme ich an. Er: Ein psychischer Zustand, nehmen Sie an, was noch? Sie: Ich weiß es nicht. Er: Sie wissen es wirklich nicht. Und so weiter, Runde um Runde, bis sie von selbst müde sagt. Und entspannt. Und schläfrig. Erickson greift diese Worte auf und legt eine Kleinigkeit dazu. Und irgendwann sagt sie: meine Augen. Und er: ja, Ihre Augen, wie? Und sie: sie wirken verschwommen. Und er: verschwommen, schließen sich.
Sie geht in Trance. Nicht weil er etwas mit ihr gemacht hätte, sondern weil er ihr nichts vorgesetzt hat, was von ihr selbst hätte verteidigt werden müssen. Erickson erklärt den Effekt selbst: Gerade bei ängstlichen Menschen vermittelt dieses Vorgehen die Überzeugung, dass sie sicher sind, dass nichts mit ihnen gemacht und ihnen nichts aufgezwungen wird. Wenn Du eine einzige Sache aus diesem Artikel praktisch mitnehmen willst, dann diese: Nimm den ersten Satz, den ein Mensch sagt, und arbeite damit. Nicht mit dem, was Du gerne hättest, dass er sagt.
Wenn das Symptom die Lösung ist
Jetzt wird es unbequemer, und ich finde, das gehört dazu, wenn wir professionell über diesen Mann sprechen wollen. Erickson hat Symptome nicht nur toleriert. Er hat sie manchmal ausdrücklich erhalten, umgebaut oder verschoben, statt sie zu entfernen. Er nannte das Symptomsubstitution, Symptomtransformation und Symptomlinderung, und er unterschied das sehr scharf von Symptomentfernung. Sein Argument: Wenn ein Symptom für einen Menschen eine Funktion erfüllt und die Lebensumstände sich nicht ändern lassen, dann ist die Entfernung des Symptoms keine Hilfe. Sie erzeugt nur das nächste.
Ein Beispiel, das genau das zeigt. Ein Fabrikarbeiter kommt nach einer kleinen Verletzung mit einer Lähmung des rechten Arms, für die es keine körperliche Ursache gibt. In der Vorgeschichte findet Erickson etwas Aufschlussreiches. Vor Jahren war per Hypnose eine Lähmung des linken Beins entfernt worden, kurz darauf lähmte der linke Arm. Auch der wurde per Suggestion geheilt, kurz darauf das rechte Bein. Auch das geheilt, und jetzt der rechte Arm. Vier Symptome, viermal erfolgreich entfernt, und der Mann ist keinen Schritt weiter. Das ist die klinische Anschauung dafür, warum Erickson dieses Vorgehen für einen Irrweg hielt.
Bei einem anderen Mann, einem neunundfünfzigjährigen Arbeiter, der nach vierunddreißig Jahren kurz vor der Rente stand und mit einem gelähmten Arm im Krankenhaus lag, ging Erickson noch weiter. Zusammen mit zwei Kollegen inszenierte er eine ausführliche Untersuchung samt erfundener Diagnose und einem präzise vorhergesagten Krankheitsverlauf: Die Schulter werde sich lösen, das dabei entstehende Gefühl werde ins Handgelenk wandern, der Ellbogen werde frei, und zurückbleiben werde eine Ermüdbarkeit des Handgelenks, spürbar, aber bei der Arbeit erträglich. Der Verlauf trat genau so ein. Der Mann kehrte an die Arbeit zurück, vollendete sein fünfunddreißigstes Jahr und ging mit voller Rente. Danach verschwand die Symptomatik vollständig.
Erickson selbst nennt das Vorgehen in seinem Bericht farcenhaft und hält gleichzeitig fest, was es für den Menschen geleistet hat. Ich erzähle Dir das nicht, damit Du es nachmachst. Ich erzähle es Dir, weil ich es für unredlich halte, Erickson nur in seiner eleganten Version zu präsentieren. Hier wurde einem Menschen etwas vorgespielt. Nach heutigem Verständnis von Aufklärung und Einwilligung wäre das nicht vertretbar, und ich würde es nicht tun. Was bleibt und was zeitlos ist, ist die Frage dahinter: Was leistet dieses Symptom für diesen Menschen in diesem Leben, und was passiert, wenn ich es ihm wegnehme, ohne die Leistung zu ersetzen? Diese Frage stelle ich mir bei jedem Menschen, der mit einem Muster zu mir kommt, das er loswerden will. Und erstaunlich oft ist die ehrliche Antwort: Das Muster hält gerade etwas zusammen.
Der Junge, der nur wissen musste, an welchem Tag
Ein Zwölfjähriger wird von seinen verzweifelten Eltern fast gewaltsam in die Praxis gebracht. Groß für sein Alter, ein Meter achtundsiebzig, siebenundsiebzig Kilo, größer als seine Mutter und fast so groß wie sein Vater. Beschrieben wird er als mürrisch, rebellisch, stur, faul, unkooperativ, und er nässt jede Nacht seines Lebens das Bett ein. Ericksons erste Maßnahme richtet sich nicht an den Jungen, sondern an die Eltern: Sie sollen mindestens ein halbes Jahr lang jedes Interesse an der Therapie aufgeben. Keine Nachfrage. Kein Zeigen von Anteilnahme. Die morgendliche Bettkontrolle wird der Haushaltshilfe übertragen. Dann kommt der Junge herein und erklärt, er wolle kein Gespräch, er sei müde genug zum Schlafen und würde lieber nach Hause gehen. Ericksons Antwort: Er könne den Zweck dieses Gesprächs zunichtemachen, indem er absichtlich einschläft und nicht zuhört.
Der Junge nimmt das als Herausforderung an und geht damit in Trance. Was Erickson dann sagt, ist eine Meisterleistung. Er beginnt damit, dass die Eltern unvernünftig seien. Sie wollten sofort ein dauerhaft trockenes Bett, und das sei schlicht unvernünftig. Der Junge sei viel zu beschäftigt gewesen, um das zu lernen. Er habe schließlich einen großen, kräftigen Körper aufgebaut, mit mächtigen Muskeln, und das habe eine ungeheure Menge Energie gekostet. Da sei keine Energie übrig geblieben für unwichtige Dinge wie ein trockenes Bett oder Rasenmähen. Aber er sei jetzt bald fertig mit dem Wachsen, fast größer als sein Vater, und dann werde all diese Kraft für anderes frei. Und dann der eigentliche Zug: Er erwarte keineswegs ein dauerhaft trockenes Bett in diesem Monat, es sei ja erst Anfang Januar. Er erwarte auch nicht eine einzige trockene Nacht in dieser Woche, das sei viel zu früh. Was ihn aber wirklich verwirre, sei die Frage, ob es nächste Woche am Mittwoch oder am Donnerstag sein werde.
Der Junge weiß es nicht. Erickson weiß es nicht. Niemand weiß es. Und genau darin liegt die Falle, die keine ist. Die Frage lautet nicht mehr ob, sondern nur noch wann. Erickson beschreibt das an anderer Stelle selbst. Der Junge sei in einem Bezugsrahmen gewesen, in dem es darum ging, in welcher Nacht es passieren würde. Das ist eine therapeutische Doppelbindung, und wir werden sie in Teil drei sprachlich genau auseinandernehmen. Für heute reicht die Beobachtung, worauf sie gebaut ist: Sie nutzt die Sturheit des Jungen, seinen Stolz auf den eigenen Körper und seinen Widerstand gegen die Eltern. Alles, was an ihm als Problem beschrieben wurde, wird zum Baumaterial.
Auf seine eigene Weise
Ein letzter Fall, und er hat einen bitteren Beigeschmack, den ich nicht wegschreiben will. Ein zweiundzwanzigjähriger frisch verheirateter Mann kommt mit der Bitte, sein rücksichtsloses Fahren zu korrigieren. Gleichzeitig zweifelt er, ob er hypnotisierbar ist, und zweifelt sogar daran, ob es überhaupt nötig ist. Er habe schließlich Stuntfahren gelernt, er wisse, wie man Autos absichtlich zu Schrott fährt und unversehrt aussteigt. Der einzige Grund sei, dass seine Frau immer mitfährt. In Trance bestätigt er die Notwendigkeit, erzählt von hundertvierzig Stundenkilometern auf der Geraden und über hundert auf Bergstraßen. Und auf die Frage, was Erickson für ihn tun solle, sagt er: gar nichts. Er müsse selbst damit aufhören. Und er müsse es auf seine eigene Weise tun, und nur auf seine eigene Weise.
Erickson greift genau diesen Satz und gibt ihn ihm zurück. Immer wieder, in verschiedenen Formulierungen, ohne die Bedeutung zu ändern, als posthypnotische Suggestion. Er kommentiert das selbst: Die Erklärung eines Menschen anzunehmen und sie ihm in Form posthypnotischer Suggestionen zurückzugeben, sei oft ein höchst wirksames therapeutisches Vorgehen, weil es ihm das Gefühl gibt, seinen eigenen Absichten verpflichtet zu sein. Vier Wochen später kommt der Mann triumphierend zurück. Er hat es auf seine eigene Weise getan. Er hatte sein Auto überholt, war allein auf eine Bergstraße gefahren, ausdrücklich ohne seine Frau, und hatte auf einer langen Geraden ein letztes Mal aufgedreht. Bei etwa hundertvierzig verlor er die Kontrolle. Er konnte gerade noch aus dem Wagen springen, mit leichten Prellungen, bevor der Wagen den Hang hinunterstürzte. Den langen Fußweg nach Hause verbrachte er mit dem einen Gedanken: Du hast es auf Deine eigene Weise getan.
Danach kaufte er ein neues Auto und fuhr vernünftig. Auch drei Monate später noch. Zwei Dinge daran sind bemerkenswert. Erstens: Etwas in diesem Mann hat dafür gesorgt, dass seine Frau nicht dabei war. Zweitens: Erickson hat ihm nichts vorgeschrieben, und genau deshalb konnte das Unbewusste einen Weg wählen, den kein Therapeut je hätte verordnen dürfen. Ich finde diesen Fall lehrreich, aber ich finde ihn nicht schön. Er zeigt die Grenze des Prinzips. Wenn Du einem Menschen die Wahl seines Weges vollständig überlässt, wählt er manchmal einen, bei dem Dir übel wird. Utilisation ist kein Freibrief für Sorglosigkeit. Sie verlangt ein sehr genaues Gespür dafür, wo die Selbstregulation eines Menschen tragfähig ist und wo Du schützend eingreifen musst.
Warum das auch ohne Trance funktioniert
Ein Missverständnis will ich noch ausräumen. Utilisation braucht keine formale Trance. Erickson beschreibt einen Jungen, der Nägel kaut, und dem er vorschlägt, einen einzigen Fingernagel lang wachsen zu lassen, um endlich einen Nagel zu haben, an dem es sich zu knabbern lohnt, während er sich an den anderen neun frustriert. Kein Ritual, keine Induktion. Und Erickson merkt in seinem Kommentar an, dass keine formale Trance eingeleitet wurde, dass die hohe Aufmerksamkeit des Jungen aber auf das hindeutete, was man die alltägliche Trance nennen könnte, jenen Zustand, den jede fesselnde Tätigkeit oder jedes fesselnde Gespräch erzeugt.
Das ist eine der folgenreichsten Beobachtungen seiner Arbeit. Trance ist kein Sonderraum, den ein Fachmann betreten lässt. Sie ist ein alltäglicher Zustand, in den Menschen ständig gehen: beim Autofahren, beim Zuhören, beim In-die-Ferne-Schauen. Erickson hat es an einer Stelle sehr genau formuliert. Wörter wie versuchen, erkunden, sich vorstellen, spüren erzeugen bei Menschen jenen entrückten Blick, der die alltägliche Trance kennzeichnet. Wer das einmal wirklich sieht, arbeitet anders. Du wartest nicht mehr auf den Moment, in dem die Arbeit beginnt. Du merkst, dass sie mit dem ersten Satz begonnen hat.
Was Du davon üben kannst
Nimm den ersten Satz. Im nächsten Gespräch, in dem jemand Dir sagt, warum etwas bei ihm nicht funktionieren wird: Widersprich nicht. Wiederhole seine Aussage mit einer minimalen Erweiterung und gib sie ihm zurück. „Ich kann das nicht." Darauf Du: „Sie können das noch nicht, und Sie wissen noch nicht, wann." Achte darauf, wie anders das Gespräch weitergeht.
Geh die Bewegung mit, bevor Du sie änderst. Wenn jemand schnell und aufgeregt spricht, sprich zuerst schnell. Dann werde langsamer. Nicht in einem Schritt, sondern über zwei, drei Minuten. Beobachte, ob er mitkommt. Das ist der Kern dessen, was der laufende Mann in Ericksons Praxis gelernt hat, ohne es zu merken.
Frag das Symptom nach seiner Leistung. Bei jedem Muster, das Du oder ein anderer loswerden will: Was hält dieses Muster gerade zusammen? Wovor schützt es? Was würde fehlen, wenn es morgen weg wäre? Diese Frage ersetzt kein Handwerk, aber sie verhindert eine Menge Schaden. Wenn Du dazu tiefer einsteigen willst, findest Du in meinem Artikel über die Pioniere der Persönlichkeitsentwicklung die Verbindung zu Virginia Satirs Gedanken, dass hinter jedem schwierigen Verhalten ein Selbstschutz steht.
Was im nächsten Teil kommt
Utilisation ist die Haltung. Die Sprache ist ihr Werkzeug, und erst jetzt, mit dieser Haltung im Rücken, ergibt sie überhaupt Sinn. In Teil drei nehmen wir eine tatsächliche Induktion Satz für Satz auseinander, mit Ericksons eigenem Kommentar dazu. Präsuppositionen, eingebettete Aufforderungen, therapeutische Doppelbindungen, das Ja-Set, die Verknüpfung von Wahrem mit Gewünschtem. Nicht als Katalog, sondern als Beobachtung dessen, wie diese Dinge in einem laufenden Gespräch ineinandergreifen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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