Ziel oder Option? Warum die klügste Antwort beides ist

Aktualisiert: vor 2 Tagen
Wie du lernst in Optionen zu denken, und warum Ziele und Optionen im Leben wie im Unternehmen zusammengehören.
Es war ein später Nachmittag im Herbst und draußen in der Saunalandschaft lag die Luft schon kühl auf der Haut. Zwischen ein paar Palmen führten steinerne Wege durch weiche Wiesen, und links davon lag ein Becken, in Marmorstein eingebettet, dessen Boden in einem tiefen Blau schimmerte. Das Wasser darin war warm, beinahe vierzig Grad, und so reich an Mineralien, dass es sich wie Seide um den Körper legte. Über der Oberfläche stieg leiser Dampf in die kühle Luft und verlor sich zwischen den Palmenblättern. Eine Freundin und ich lehnten nebeneinander am Beckenrand, mit dem Rücken am warmen Stein und das Wasser reichte uns bis zum Kinn. Unsere Füße ließen wir vor uns im Wasser treiben, langsam und schwerelos, als gehörten sie schon dem Becken. Als wir darauf kamen, dass es im Leben aufs Timing ankommt, drehte sie den Kopf ein wenig zu mir, und ihre Stimme kam ganz ruhig über das Wasser: „Timing ist alles.“ Ich suchte nach einem Gegenargument und fand keines. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Situationen fielen mir ein, in denen es genau darauf ankam. Der Satz sank in mich hinein wie die Wärme des Wassers, und dann sprachen wir über etwas anderes.
Was ein Gespräch bewirken kann
Monate später saß ich in einem Management-Meeting. Die entscheidende Information lag längst auf dem Tisch und alle im Raum kannten sie. Was fehlte war nicht das Wissen. Es fehlte der richtige Moment, um es einzusetzen. Und genau in diesem Moment kam der Satz aus dem warmen Becken zurück. Ich wartete den passenden Augenblick ab und brachte die Information genau dann ein, als der Raum bereit dafür war. Die Entscheidung die daraus entstand, war die richtige. Natürlich ist „Timing ist alles“ eine Verallgemeinerung. Aber sie hat mir geholfen und sie zeigt etwas, worum es in diesem Artikel geht: Manche Gedanken nimmst du auf, ohne zu wissen wofür du sie einmal brauchen wirst. Sie liegen still in dir wie eine Option, die auf ihren Moment wartet. Wer lernt solche Optionen zu sammeln und im richtigen Augenblick zu nutzen, hat bereits begonnen in Optionen zu denken.
Schau einen Moment auf deine Hand. Sie kann zwei Dinge, die auf den ersten Blick ganz gegensätzlich sind. Sie kann sich zur Faust schließen und etwas festhalten, bis nichts anderes mehr hineinpasst. Und sie kann sich öffnen und dabei alles empfangen, was auf sie zukommt. Beides ist nützlich, und beides kann dir im Weg stehen. Die meisten Menschen kennen nur eine dieser beiden Gesten und wenden sie überall an. Die Faust steht für das klassische Ziel. Du weißt, was du willst, du hältst daran fest und gehst den Weg, bis du angekommen bist. In Unternehmen nennt man das Management by Objectives, also Führen über Ziele. Die offene Hand steht für das Denken in Optionen. Du hast eine Richtung, aber du klammerst dich nicht an einen einzigen Weg, sondern hältst mehrere Wege locker in der Hand. Im Unternehmen heißt das Management by Options, worüber ich hier bereits einen Artikel verfasst habe. Die eigentliche Kunst liegt nicht darin, eine dieser Gesten zu beherrschen. Sie liegt darin zu erkennen, welche Geste die Situation gerade verlangt.
Wann die Faust trägt
Es gibt Vorhaben, bei denen ein festes Ziel genau das Richtige ist. Du willst zum Beispiel bis zum Sommer zehn Kilometer am Stück laufen oder bis zum Monatsende deine Steuererklärung abgeben. Der Weg dorthin ist bekannt und andere Menschen sind ihn schon unzählige Male vor dir gegangen. Hier darfst du getrost die Hand schließen und so lange draufhalten, bis du es geschafft hast. Ein solches Ziel trägt aber nur dann, wenn es wirklich ein Ziel ist und kein frommer Wunsch. Dafür braucht es vier Dinge, die du dir vorher klarmachen solltest. Es muss klar sein, damit du weißt, was genau anders sein soll. Es muss messbar sein, damit du am Ende erkennst, ob du angekommen bist. Es muss erreichbar sein und darf dich ruhig fordern, ohne dabei utopisch zu werden. Und es braucht Teilziele mit einem Datum, an denen du unterwegs merkst, ob du noch auf Kurs bist.
Ein einfacher Test hilft dir dabei, das zu überprüfen. Stell dir vor, dass zwei Menschen am Stichtag unabhängig voneinander auf dein Ergebnis schauen. Würden beide zum selben Urteil kommen, ob du dein Ziel erreicht hast? Wenn ja, dann ist dein Ziel klar genug formuliert und du kannst loslegen. Könnten die beiden darüber streiten, dann hast du nur eine Absicht formuliert und noch kein Ziel.
Warum ein Ziel allein nicht reicht
Vielleicht kennst du Menschen, die wunderschöne Pläne schreiben und trotzdem nie losgehen. Ihr Ziel ist klar und ihre Teilziele sind sauber notiert, doch am Ende bleibt alles auf dem Papier. Was ihnen fehlt, ist nicht der Plan, sondern das Vertrauen in sich selbst. In der Psychologie nennt man das Selbstwirksamkeit und meint damit die innere Überzeugung, etwas aus eigener Kraft bewirken zu können. Wer dieses Vertrauen nicht in sich trägt, traut sich den ersten Schritt nicht zu und dann nützt auch der beste Plan wenig.
Und dann gibt es das Gegenteil, nämlich Menschen voller Energie und Selbstvertrauen, die losrennen und rennen und rennen und trotzdem nirgendwo ankommen. Ihnen fehlt nicht der Mut, sondern die Richtung, in die sie ihre Kraft lenken können. Beides gehört zusammen wie zwei Hände, die gemeinsam etwas tragen. Klarheit gibt dir die Richtung und Selbstwirksamkeit gibt dir die Kraft, diese Richtung auch zu gehen. Wenn du an deinem Vertrauen arbeiten willst, dann schneide deine Teilziele so klein, dass dir der erste Erfolg schnell gelingt. Nichts stärkt das Zutrauen in dich selbst so sehr wie die eigene Erfahrung, dass du etwas geschafft hast.
Wann die offene Hand gefragt ist
Nun gibt es aber auch Vorhaben, bei denen niemand den Weg kennt. Vielleicht willst du dich beruflich neu ausrichten oder etwas Eigenes aufbauen oder du stehst gerade an einer Weggabelung deines Lebens. Hier verändert jeder Schritt, den du gehst, die Landschaft vor dir. Wer in solchen Lagen die Faust zu früh schließt, hält oft an einem Bild fest, das längst nicht mehr zur Wirklichkeit passt. Drei Fragen helfen dir dabei zu erkennen, in welcher Lage du dich gerade befindest:
Gibt es für dein Vorhaben eine erprobte Lösung, der du folgen kannst?
Wissen erfahrene Menschen schon im Voraus, wie es geht?
Reagieren andere Menschen oder die Umstände so auf dein Handeln, dass sich die Lage dadurch selbst verändert?
Lautet die Antwort auf die dritte Frage ja, dann öffne die Hand und denk nicht mehr nur in Zielen, sondern in Optionen. Das bedeutet allerdings nicht, dass du dich einfach treiben lässt. Ein Segler hat seinen Hafen immer im Blick, auch wenn er seinen Kurs nach dem Wind wählt. Die Richtung bleibt also bestehen und nur der Weg dorthin wird beweglich.
Möglichkeit, Alternative, Chance, Option
Im Alltag benutzen wir diese Wörter oft so, als würden sie dasselbe bedeuten. Bei genauerem Hinsehen beschreiben sie aber vier Stufen, die aufeinander aufbauen. Am Anfang steht die Möglichkeit, also der Gedanke, dass in einer Situation etwas geschehen könnte. Kommen weitere Möglichkeiten hinzu, dann hast du Alternativen und damit mehrere Wege, die nebeneinander liegen. Eine Chance ist die Alternative, bei der sich ein Einsatz wahrscheinlich lohnt. Zur Option wird eine Chance aber erst dann, wenn du etwas für sie getan hast. Durch diese Vorleistung erwirbst du ein Recht, das du nutzen kannst und nicht nutzen musst:
Möglichkeit: Was wäre denkbar?
Alternative: Was gäbe es noch?
Chance: Was davon lohnt sich?
Option: Worauf habe ich mir schon einen Anspruch erarbeitet?
Ihren Ursprung hat diese Idee in der Finanzwelt, wo eine Option aus fünf Bausteinen besteht, die sich erstaunlich gut auf das eigene Leben übertragen lassen. Zu jedem Baustein gehört eine Frage, mit der du eine Entscheidung in wenigen Minuten durchleuchten kannst.
Vorleistung: Was an der Börse die Optionsprämie ist, ist im Leben der kleine Einsatz, den du vorab erbringst. Was habe ich bereits investiert und was müsste ich noch investieren?
Anrecht: Aus dem Optionsrecht wird der Anspruch, den du dir mit dieser Vorleistung erworben hast. Worauf genau habe ich dadurch Anspruch und ist das wirklich eindeutig?
Aktuelle Situation: Der Tageskurs des Basiswerts entspricht der Lage, in der du dich gerade befindest und die sich jeden Tag verändern kann. Wie ist die Lage ohne jedes Wunschdenken und wohin entwickelt sie sich?
Richtiger Zeitpunkt: Der Ausübungstermin wird zu dem Moment, in dem du dein Recht tatsächlich nutzt. Wann wäre der richtige Moment und welcher Druck treibt mich gerade?
Chance und Nutzen: Der Gewinn bei Ausübung ist der Nutzen, den du aus deiner Option ziehst, wenn Lage und Zeitpunkt zusammenpassen. Was bringt es konkret und für wen und wie sicher ist das?
Zusammen ergeben diese fünf Fragen einen kleinen Optionscheck, der sich für das eigene Nachdenken ebenso eignet wie für ein Teammeeting. Die älteste überlieferte Geschichte über eine solche Option erzählt Aristoteles vom griechischen Philosophen Thales von Milet. Thales sah anhand der Sterne schon im Winter eine reiche Olivenernte voraus und zahlte den Besitzern der Ölpressen eine kleine Anzahlung, mit der er sich das Recht auf ihre Nutzung zur Erntezeit sicherte. Als die Ernte tatsächlich reich ausfiel, wollten alle gleichzeitig pressen und Thales konnte die Pressen zu seinem Preis weitervermieten. Wäre die Ernte schlecht gewesen, hätte er nur seine kleine Anzahlung verloren und wäre zu nichts weiter verpflichtet gewesen. In dieser Geschichte stecken alle fünf Bausteine: Die Anzahlung war seine Vorleistung und das Nutzungsrecht sein Anrecht, die Aussicht auf die reiche Ernte bildete die aktuelle Situation, die Erntezeit war der richtige Zeitpunkt und das Weitervermieten brachte ihm den Nutzen.
Darin liegt der Kern des Optionsdenkens. Wer nur Möglichkeiten sammelt, bleibt beim Träumen stehen und hat am Ende nichts in der Hand. Wer dagegen in die richtige Chance einen kleinen Einsatz steckt, hält eine echte Option in der Hand und kann später frei entscheiden. Ein Gespräch mit einem möglichen Kunden oder ein kleiner Probelauf sind solche Vorleistungen, die aus einer losen Idee ein Recht machen.
Was kluge Investoren über Optionen wissen
Der Investor Warren Buffett hat sein Handwerk bei Benjamin Graham gelernt, der als Vater der wertorientierten Geldanlage gilt. Graham prägte den Begriff der Sicherheitsmarge und meinte damit einen Puffer zwischen dem gezahlten Preis und dem tatsächlichen Wert eines Unternehmens. Wer deutlich unter dem errechneten Wert kauft, hat einen Spielraum für eigene Fehler und begrenzt so seinen möglichen Verlust schon im Voraus. Buffett und sein langjähriger Partner Charlie Munger haben diesen Gedanken weitergeführt, indem sie jede Entscheidung wie eine Wette mit zwei Seiten betrachteten. Auf der einen Seite steht, was du mit welcher Wahrscheinlichkeit gewinnen kannst, und auf der anderen, was du mit welcher Wahrscheinlichkeit verlieren kannst. Eine gute Entscheidung ist für sie eine, bei der der mögliche Gewinn deutlich größer ist als der vorher festgelegte und verkraftbare Verlust. Dann darfst du auch einmal verlieren, weil die Summe vieler solcher Entscheidungen über die Zeit für dich arbeitet. Erfolg ist deshalb weniger ein einzelner großer Wurf als die Summe vieler richtiger Entscheidungen.
Munger hat noch etwas betont, das für das Optionsdenken mindestens genauso wichtig ist. Er empfahl, sich in vielen Fachgebieten auszukennen und sich so ein ganzes Gitter an Denkmodellen aufzubauen, statt die Welt nur durch die Brille eines einzigen Fachs zu sehen. Er griff dafür gern das Bild auf, dass für jemanden mit nur einem Hammer jedes Problem wie ein Nagel aussieht. Wer dagegen viele Felder kennt, sieht in derselben Situation mehr Möglichkeiten und erkennt schneller, welche davon eine echte Chance ist. Wissen aus einem Bereich in einen anderen zu übertragen ist damit selbst eine der reichsten Quellen für neue Optionen. Das alles ist keine Anlageempfehlung, sondern eine Denkweise, die im Beruf und im eigenen Leben genauso trägt wie an der Börse.
Kein Entweder-oder: Warum Unternehmen beides brauchen
Gerade in Unternehmen wird oft so diskutiert, als müsste man sich für eine Seite entscheiden. Die einen schwören auf klare Jahresziele mit Kennzahlen und Kontrolle, während die anderen feste Ziele für starr halten und lieber flexibel bleiben wollen. Beide Seiten haben recht, allerdings jeweils nur für einen Teil der Wirklichkeit. Wer sich auf eine Seite festlegt, denkt schwarz-weiß und übersieht, dass die Wirklichkeit eines Unternehmens viel bunter ist.
Ein Unternehmen hat fast immer beide Arten von Lagen gleichzeitig. Da ist zum einen das laufende Geschäft mit bekannten Abläufen und Kunden, die man seit Jahren kennt. Hier wirken klare Ziele mit Meilensteinen hervorragend, denn der Weg ist bekannt und jeder weiß, woran Erfolg zu erkennen ist. Und da sind zum anderen die neuen Felder wie ein neuer Markt oder ein neues Produkt oder eine Veränderung, die noch niemand im Haus erlebt hat. Wer hier zu früh harte Ziele setzt, verleitet Menschen unter Druck zur erstbesten Strategie, obwohl sie eigentlich erst einmal lernen müssten. In solchen Lagen wirken Optionen besser, also mehrere kleine Versuche mit begrenztem Einsatz und fester Laufzeit.
Die beiden Ansätze sind deshalb keine Gegner, sondern zwei Phasen derselben Bewegung. Die offene Hand sucht und probiert aus, und sobald sich eine Option bewährt hat, schließt sich die Hand zur Faust. Aus der Option wird dann ein Ziel mit klaren Teilzielen, Verantwortlichen und Terminen. Wenn sich die Lage später wieder verändert, öffnet sich die Hand erneut für neue Optionen. Ein Unternehmen, das beides beherrscht, ist zugleich verlässlich und beweglich und das gilt für einen Menschen genauso.
Die Geschichte vom Fischer am Fluss
An einem breiten Fluss, der langsam durch eine Ebene mit grau und silbern schimmernden Weiden zog, kam am frühen Morgen ein junger Mann mit einer Angel und einem einzigen festen Vorsatz an. Er wollte genau an der tiefsten Stelle unter der alten Brücke den größten Fisch des Flusses fangen und hielt die Angel so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Stunde um Stunde warf er an derselben Stelle aus und Stunde um Stunde blieb das Wasser still. Draußen im Fluss blitzte dabei immer wieder etwas Silbernes auf, doch er bemerkte es nicht. Ein Stück flussabwärts saß ein alter Fischer auf einem flachen Stein. Vor ihm lagen auf einem Tuch seine Schnur und seine Haken, sein Netz und ein kleiner Kessel, und jedes Ding lag an seinem Platz wie das Glied einer Kette. Er nahm ein Glied nach dem anderen in seine rissigen Hände und prüfte es genau, und wo die Schnur dünn geworden war, knüpfte er sie langsam neu.
Als der junge Mann sich irgendwann zu ihm setzte, sagte der Alte leise: „Der Fisch geht nie am stärksten Knoten verloren, sondern immer am schwächsten.“ Dann legte der Alte drei Leinen aus, nämlich eine im ruhigen Wasser und eine an der Kante der Strömung und eine im Schatten der Weiden. Danach legte er seine Hände offen auf die Knie und hielt die Handflächen nach oben, als wolle er den Morgen selbst empfangen. Es war kein müdes Warten, sondern ein wachsames Lauschen wie bei jemandem, der einen vertrauten Namen erwartet. Als sich die Leine im Schatten der Weiden leise straffte, bewegte er sich ohne Hast und ohne Zögern. Seine Hand schloss sich genau in dem Augenblick, in dem es Zeit war. Kurz darauf lag der Fisch schwer und kühl und glänzend im Gras. Die beiden anderen Leinen holte der Alte ohne Bedauern ein und rollte sie für einen anderen Tag auf. Der junge Mann schaute lange auf die offenen Hände des Alten und dann auf seine eigene Faust, die noch immer die Angel umklammerte. Und zum ersten Mal an diesem Morgen öffnete er seine Hand.
Sieh es vor dir
Vielleicht magst du für einen Moment die Augen schließen, nachdem du diese Zeilen gelesen hast. Stell dir den breiten und ruhigen Fluss vor und hör sein tiefes, gleichmäßiges Murmeln, das nie ganz aufhört. Sieh die drei Leinen, die an drei verschiedenen Stellen ins Wasser tauchen und jede an ihrem eigenen Ort auf ihren Moment warten. Und spür dabei, wie deine eigenen Hände warm und offen auf deinen Knien liegen und die Handflächen nach oben zeigen. Achte darauf, wie leicht sich das anfühlt, wenn nichts festgehalten werden muss. Dann stell dir vor, wie sich eine der Leinen ganz leise strafft und sich deine Hand in genau diesem Augenblick ruhig und entschieden schließt. Merk dir dieses Gefühl der offenen Hand, die wartet und der Faust, die im richtigen Moment zugreift.
Schritt für Schritt in Optionen denken
Wenn du das nächste Mal vor einem Vorhaben stehst, bei dem du den Weg nicht kennst, kannst du der Haltung des Fischers in sieben Schritten folgen:
Lies zuerst den Fluss. Kläre mit den drei Fragen von oben, ob du ein festes Ziel brauchst oder dich besser von Option zu Option bewegst. Ein einfaches Vorhaben verdient die Faust und ein unübersichtliches Vorhaben verdient die offene Hand.
Lege deine Dinge auf das Tuch. Bevor du nach neuen Wegen suchst, schau dir in Ruhe an, was du bereits mitbringst. Frag dich, wer du bist und was du kannst und weißt, wen du kennst und was du zur Verfügung hast. Je mehr Felder du kennst, desto mehr Möglichkeiten wirst du in derselben Lage entdecken. Wer gut erklären kann, findet seine nächsten Wege meist dort, wo Erklären gebraucht wird und nicht in einem völlig fremden Feld.
Schau auf das Aufblitzen im Fluss.Sammle zuerst alle Möglichkeiten, die aus dem wachsen, was du mitbringst, und kombiniere sie mit neuen Menschen oder neuen Formen. Die besten Möglichkeiten liegen selten weit weg und meistens gleich neben dem, was du schon kannst. Wenn du feststeckst, dann frag dich, was jemand ohne jedes Vorwissen in deinem Thema versuchen würde. So entstehen aus einer einzelnen Möglichkeit mehrere Alternativen, zwischen denen du wählen kannst.
Finde die Stellen, an denen es sich lohnt.Nicht jede Alternative ist eine Chance, und deshalb lohnt sich ein prüfender Blick auf jede einzelne. Frag dich, ob sie anderen Menschen wirklich nützt und ob du sie mit deinem Können tragen kannst. Wäge dabei ab, wie viel du höchstens verlieren kannst und wie viel du im besten Fall gewinnst. Eine besonders gute Chance erkennst du daran, dass sie dir weitere Wege eröffnet wie eine Tür, hinter der noch mehr Türen liegen.
Leg deine Leinen aus.Eine Chance wird erst zur Option, wenn du einen kleinen Einsatz für sie leistest. Das kann ein Gespräch sein oder ein Probelauf oder ein erster Kontakt, der dir die Tür einen Spalt weit öffnet. Halte diesen Einsatz bewusst so klein, dass du ihn auch verlieren könntest, ohne Schaden zu nehmen. Dann hältst du drei Leinen im Wasser und hast das Recht auf einen Fang ohne jede Pflicht.
Knüpf den schwächsten Knoten neu.Jede Option führt nur über eine Kette von Schritten zum Ergebnis. Schreib diese Glieder auf und schau ehrlich hin, welches davon am dünnsten ist. Genau dort investierst du zuerst, auch wenn dir ein anderes Glied mehr Freude macht.
Gib dir Zeit und entscheide dann bewusst.Leg fest, wie lange du eine Option ausprobierst, zum Beispiel für drei Monate. Leg auch vorher fest, woran du am Ende erkennst, ob du sie ausbaust oder loslässt. Sonst entscheidest du hinterher nur noch nach deinem Gefühl. Geh vor der Entscheidung den Optionscheck mit seinen fünf Fragen durch, damit du nicht aus Druck heraus handelst. Und wenn sich eine Leine strafft, dann schließ die Hand und mach aus der Option ein Ziel mit klaren Teilzielen, das du entschlossen verfolgst.
Denk dabei an den Satz aus dem warmen Becken, denn die richtige Option allein reicht nicht aus. Wenn du sie im falschen Moment ausspielst, verpufft sie zu früh oder ist zu spät schon verfallen. Beobachte deshalb die aktuelle Situation so aufmerksam, wie ein Anleger den Tageskurs an der Börse verfolgt. Frag dich dann nicht nur nach der richtigen Leine, sondern auch danach, ob der Moment zum Einholen gekommen ist. Was du loslässt, ist dabei nicht verloren, denn du rollst die Leine einfach für einen anderen Tag auf. Vielleicht wird sie genau dann wieder wichtig, wenn dein Weg eine neue Biegung nimmt.
Was bleibt
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass dir die Bilder schon jetzt vertraut sind. Da ist das warme Becken mit dem Satz, der auf seinen Moment gewartet hat. Da sind die Faust für das klare Ziel und die offene Hand für die vielen Optionen, die keine Gegner sind und einander ablösen. Da ist der Fischer, der seine Glieder prüft und den schwächsten Knoten neu knüpft. Da sind die drei Leinen an drei verschiedenen Orten und der Augenblick, in dem sich die Hand ruhig schließt, weil die Zeit gekommen ist.
Wann immer du künftig an einem Vorhaben festhältst, das dich nicht weiterbringt, dann schau auf deine Hand. Sie weiß bereits ganz genau, was in diesem Moment zu tun ist. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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