Die Kunst der Optionen

Aktualisiert: vor 6 Tagen
Warum gute Führung in Möglichkeiten denkt.
Odysseus hatte für seine zehn Jahre lange Irrfahrt keinen festen Plan. Er hatte seine Heimat im Herzen und einen wachen Verstand und in fast jeder Lage mehr als nur eine Möglichkeit. Genau diese Haltung beschreibt der Managementautor Wolfgang Vieweg in seinem Buch „Free Odysseus“ als Gegenentwurf zum klassischen Zielmanagement. Sein Gedanke ist einfach und trotzdem radikal: Gute Führung baut neben klaren Zielen vor allem Optionen auf.
Wenn das Ziel zum Leuchtturm im Nebel wird
Seit Peter Drucker in den 1950er Jahren das Management by Objectives beschrieben hat, gilt die Führung über Ziele als Selbstverständlichkeit. Ziele haben auch echte Stärken, denn sie stiften Identifikation und bündeln den Fokus und mobilisieren zusätzliche Energie. In einer ruhigen und überschaubaren Welt funktionieren sie wie ein Leuchtturm bei klarer Sicht.
Die meisten Unternehmen bewegen sich heute allerdings in einer Welt voller Nebel und wechselnder Strömungen. Ein starres Ziel schneidet dort alle Chancen außerhalb des festgelegten Korridors ab. An Boni gekoppelte Ziele erzeugen außerdem Fehlanreize, weil Kennzahlen auf dem Papier plötzlich wichtiger werden als die Wirklichkeit. Selbst die Väter der Zielsetzungstheorie haben festgestellt, dass harte Ziele bei komplexen Aufgaben deutlich weniger gut wirken als bei einfachen. Ein besonders hell strahlendes Ziel lässt den Rest des Meeres umso dunkler erscheinen.
Was eine Option eigentlich ist
Eine der ältesten Geschichten über Optionen stammt von Aristoteles. Thales von Milet sah im Winter eine reiche Olivenernte voraus und sicherte sich gegen eine kleine Anzahlung das Recht auf alle Ölpressen der Gegend. Im Herbst brauchten alle Bauern gleichzeitig eine Presse und Thales vermietete sie zu seinen Bedingungen. Bei einer schlechten Ernte hätte er lediglich seine kleine Anzahlung verloren. In dieser Geschichte steckt die ganze Struktur einer Option und Vieweg zerlegt sie in fünf Bausteine:
Die Vorleistung. Ohne Vorleistung gibt es keine Option. Im Unternehmen besteht sie selten aus Geld und viel häufiger aus Zeit und Wissen und Vertrauen oder einem guten Gespräch zur richtigen Zeit.
Das Anrecht. Durch die Vorleistung entsteht ein Recht ohne Pflicht. Ich darf etwas tun und bin trotzdem nicht dazu verpflichtet.
Die aktuelle Situation. Anders als der Börsenkurs lässt sich die Lage im Unternehmen aktiv mitgestalten, zum Beispiel durch Gespräche und kluge Vorbereitung.
Der richtige Zeitpunkt. Eine Option entfaltet ihren Wert erst im passenden Moment und genau dieses Gespür für den Moment macht einen großen Teil guter Führung aus.
Die Chance und der Nutzen. Am Ende steht der Gewinn, der im besten Fall ein Vielfaches der Vorleistung beträgt.
Aus weich wird hart
Optionen im Unternehmen sind fast immer weich. Ein Satz wie „Wir könnten eventuell mehr Budget bekommen“ klingt nach einer Möglichkeit und trägt bei genauem Hinsehen kaum Gewicht. Die eigentliche Arbeit eines Managers besteht deshalb darin aus weichen Optionen harte zu machen. Dafür hilft ein einfacher Blick auf die Sprache. Jedes „könnte“ und jedes „eventuell“ und jedes „man sollte“ verrät eine weiche Stelle. Mit einer präzisen Rückfrage nach dem Wer und dem Wann und den genauen Bedingungen wird daraus Schritt für Schritt eine belastbare Zusage. Aus dem vagen Budget wird dann vielleicht eine Freigabe von zwanzig Prozent durch den Bereichsleiter nach einem erfolgreichen Pilotprojekt bis März.
Risiko und Chance als zwei Seiten einer Münze
Vieweg beobachtet bei uns Deutschen eine tief sitzende Scheu vor Risiken und ebenso vor Chancen. Unsere Schulen trainieren eher das Vermeiden von Fehlern als das Ergreifen von Gelegenheiten. Dabei sind Risiko und Chance zwei Seiten derselben Münze. Mit dem Blick allein auf die Risikoseite hält man die Münze immer mit derselben Seite nach oben. Eine Risikobetrachtung wird erst mit dem Blick auf die Chancenseite vollständig. Wir tragen schließlich Verantwortung für unser Handeln und genauso für die ungenutzten Chancen in unserer Reichweite.
Die Fähigkeiten eines guten Managers
Mit dem Optionsdenken verschiebt sich auch der Blick auf die Fähigkeiten einer guten Führungskraft. Die klassischen Tugenden bleiben wichtig und bekommen eine neue Färbung:
Planen. Ein guter Manager plant nicht nur einen einzigen Weg und hält immer mehrere erreichbare Möglichkeiten in der Hinterhand.
Organisieren. Er gestaltet die Abläufe im Team bewusst und verlässt sich nicht jedes Mal neu auf Intuition und Glück. Ein guter Prozess schlägt auf Dauer jedes chaotische Talent.
Menschenkenntnis. Er versteht die Werte und Bedürfnisse seiner Mitarbeiter und kann ihre Reaktionen deshalb gut vorwegnehmen.
Guter Umgang mit Menschen. Er setzt dieses Wissen für die Menschen ein und nicht gegen sie. Nur so entsteht Vertrauen und ohne Vertrauen gibt es keine ehrlichen Informationen.
Zielorientierung im Sinne des Unternehmens. Er behält die Richtung des Unternehmens klar im Blick und bleibt trotzdem beweglich genug für neue Chancen auf dem Weg dorthin.
Beziehungen und Netzwerk. Für Vieweg steht dieser Punkt sogar an erster Stelle. Ein gepflegtes Netzwerk ist ein Vorrat an Optionen mit längst erbrachten Vorleistungen in Form von Vertrauen und gegenseitiger Hilfe.
Gemeinsam erkunden statt verteidigen. In guten Entscheidungsrunden plädiert niemand nur für die eigene Position. Die Beteiligten untersuchen die Frage gemeinsam und fragen einander: „Was siehst du, was ich nicht sehe?“
Neugier und Lernbereitschaft. Die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer und gerade ungewöhnliche Kombinationen von Fachgebieten eröffnen Optionen mit Seltenheitswert.
Ein guter Manager ist auch ein Mentor
In meiner Welt ist ein guter Manager immer auch ein guter Mentor. Er erkennt die Stärken seiner Mitarbeiter und fördert sie und setzt sie gezielt für das Unternehmen ein. Ein Mentor geht allerdings noch einen entscheidenden Schritt weiter und macht dem Menschen seine Stärken selbst bewusst. Viele Menschen tragen Talente in sich und wissen gar nichts davon. Sie leisten in bestimmten Bereichen Außergewöhnliches und halten das für selbstverständlich. Ein Manager könnte diese unbewussten Stärken einfach still für das Unternehmen nutzen und das wäre bequem.
Ein Mentor spricht sie dagegen offen an und gibt ihnen einen Namen. Erst mit diesem Bewusstsein kann ein Mensch seine Stärken gezielt einsetzen und weiterentwickeln und auch selbstbewusst für seinen eigenen Wert eintreten, zum Beispiel im nächsten Gehaltsgespräch. Aus einer stillen Ressource wird damit ein Mensch mit einem klaren Blick auf das eigene Potenzial. Eine gute Orientierung bietet dabei das Buch „StrengthsFinder 2.0“ von Tom Rath. Es basiert auf jahrzehntelanger Forschung des Gallup-Instituts und beschreibt insgesamt 34 Talentthemen. Einige davon begegnen uns im Arbeitsalltag besonders häufig:
Achiever. Ein innerer Antrieb zu täglicher Leistung und eine tiefe Zufriedenheit über jede erledigte Aufgabe.
Learner. Eine echte Freude am Lernen selbst und am Weg vom Nichtwissen zum Können.
Strategic. Ein schneller Blick für alternative Wege und für den besten Pfad durch eine komplexe Lage.
Empathy. Ein feines Gespür für die Gefühle anderer Menschen und für ihre Sicht auf eine Situation.
Communication. Ein Talent für klare Worte und lebendige Geschichten mit großer Wirkung auf andere Menschen.
Developer. Ein Blick für das Potenzial in anderen Menschen und eine Freude an jedem ihrer Fortschritte.
Harmony. Ein Streben nach Einigkeit und ein Talent für die Suche nach gemeinsamen Grundlagen statt nach Konflikten.
Responsibility. Ein starkes Gefühl der Verpflichtung gegenüber eigenen Zusagen und eine hohe Verlässlichkeit.
Ideation. Eine Faszination für neue Ideen und für überraschende Verbindungen zwischen scheinbar getrennten Dingen.
Activator. Ein Talent für die schnelle Verwandlung von Gedanken in Taten und für das Mitreißen anderer Menschen.
Gerade die Kombination aus Mentor und Optionsmanager ist besonders wertvoll. Jede bewusst gemachte Stärke erweitert die Optionen des Menschen und zugleich die Optionen des ganzen Teams.
Optionsdenken im Alltag
Für den Einsatz am nächsten Arbeitstag braucht es keine große Theorie. Ein paar einfache Fragen genügen schon für einen anderen Blick auf das eigene Handeln:
Welche Vorleistung kann ich heute erbringen? Ein kurzes Gespräch mit einem Kollegen oder eine sauber dokumentierte Schnittstelle schafft Optionen für Situationen mit noch unbekanntem Zeitpunkt.
Wo höre ich gerade ein „könnte“? An dieser Stelle lohnt sich eine präzise Rückfrage nach den genauen Bedingungen.
Habe ich mehr als eine erreichbare Möglichkeit? Mit nur einem einzigen Weg vor Augen wird jede Verhandlung und jede Entscheidung unnötig eng.
Wer schätzt hier was und wer hat welche Alternativen? Die Harvard-Forscherinnen Julie Battilana und Tiziana Casciaro beschreiben Macht als Eigenschaft einer Beziehung und nicht als Eigenschaft einer Person. Sie entsteht aus dem Wert der eigenen Ressourcen für den anderen und aus seinen fehlenden Alternativen. Mit eigenen Alternativen in der Hinterhand lässt sich deshalb jede Verhandlung viel gelassener führen.
Vertrauen als Quelle aller Optionen
Am Ende lässt sich das ganze Optionsdenken in einer einzigen Kette zusammenfassen. Im Kern steuert ein Manager weniger die Menschen als vielmehr seine Optionen. Die Qualität dieser Optionen hängt von der Qualität seiner Informationen ab und diese Informationen hängen wiederum vom Vertrauen der Menschen um ihn herum ab.
Ein Bild dazu ist ein Fluss vom Gebirge bis zum Meer. Oben entspringt eine kleine Quelle und das ist das Vertrauen. Weiter unten sammeln sich die Bäche der Informationen und vor dem Meer verzweigt sich der Strom in ein weites Delta aus Optionen. Ein Manager mit dem Blick nur auf das Delta versteht nie den Grund für das plötzliche Versiegen des Flusses. Mit einer gepflegten Quelle gibt es dagegen am Delta immer Wasser.
Management als Kunst der Möglichkeiten
Management by Options ersetzt Ziele nicht vollständig und ergänzt sie um eine entscheidende Fähigkeit: die Beweglichkeit in einer unvorhersehbaren Welt. Wer Vorleistungen klug erbringt und weiche Optionen hart macht und Beziehungen pflegt, steht in jeder Lage mit mehr als einer Möglichkeit da und gleicht darin Odysseus auf seiner langen Reise nach Hause.
Wer diese Denkweise mit dem eigenen Führungsteam vertiefen möchte, findet in meinen personalisierten Firmenworkshops einen Rahmen zum gemeinsamen Erkunden und Ausprobieren. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



Kommentare