Die Arbeitsweise von Zen-Meistern
- Florian Stotz

- 29. März
- 6 Min. Lesezeit
Wie Kōan-Geschichten von Zen-Meistern zur Bewusstseinserweiterung verwendet werden.
Als Zen-Schüler beschäftige ich mich intensiv mit den unterschiedlichsten Schriften von Zen-Meistern. Einer dieser Zen-Meister ist Dōgen Zenji, dessen Lehren unter anderem im Shōbōgenzō festgehalten worden sind. Im heutigen Artikel möchte ich Dir einen Einblick in die Arbeitsweise von Zen-Meistern geben. Ein wichtiger Aspekt dieser Arbeitsweisen von Zen-Meistern sind unter anderem Kōan-Geschichten. Viele Kōan-Geschichten haben bestimmte Muster, welche den Zen-Schüler durch den Zen-Meister zu einem Erwachen führen sollen.
Was sind Kōan-Geschichten?
Ursprünglich bedeutet Kōan als Begriff so viel wie ein "öffentlicher Fall". Im chinesischen Zen bezogt sich dies auf ein bedeutsames und bestätigtes Ereignis, bei dem ein Zen-Schüler seine wahre Natur erkannte. Zur Zeit von Dōgen Zenji wurde der Begriff Kōan zunehmend gleichgesetzt mit einer spirituellen Frage. Diese spirituelle Frage verkörpert genau das, was Zen-Schüler und Menschen allgemein davon abhält, ihre ursprüngliche Natur unmittelbar zu erfahren. Meist ist es ein spiritueller Zweifel, der Menschen dazu bringt "nach unten zu schauen", sich also im Denken zu verlieren anstatt direkt wahrzunehmen. Kōan-Geschichten sind daher meist Berichte darüber, wie der Zweifel eines Zen-Schülers aufgelöst wurde.
Beim Lesen eines Dialogs einer Kōan-Geschichte ist es entscheidend, nicht nur auf die Frage des Zen-Schülers zu achten, sondern auch auf die geistige Haltung des Fragenden. Denn jede Frage entsteht immer aus einem bestimmten inneren Zustand heraus. Wenn man also versteht wer fragt, und manchmal auch wann und wo, wird klar was eigentlich gefragt wird. Die Antwort des Zen-Meisters ist nämlich niemals absolut oder allgemein gültig, sondern immer auf den inneren Zustand des Fragenden abgestimmt. In einigen Zen-Schriften wird dies als "zwei Pfeile, die sich in der Luft treffen" beschrieben:
Der Zen-Schüler glaubt dabei zu wissen, worauf er zielt und schießt seinen "Pfeil" des Denkens ab
Der Zen-Meister lenkt diesen Pfeil ab und bringt damit den gedanklichen Zug des Zen-Schülers zu einem Entgleisen
Gleichzeitig zeigt der Zen-Meister mit seinem eigenen "Pfeil" eine neue Richtung im spirituellen Weg des Zen-Schülers auf
Manchmal kehren sich die Rollen zwischen dem Zen-Meister und dem Zen-Schüler sogar um. Der Zen-Meister stellt eine Frage oder fordert den Zen-Schüler auf, aus einem Zustand jenseits des dualistischen Denkens zu antworten. Wenn ein Zen-Schüler wirklich erwacht ist, dann antwortet er nicht aus dem unterscheidenden (auch: dualistischen) Verstand, sondern aus dem Geist der Meditation. Im obigen Beispiel stehen die zwei Pfeile für die Einheit ihres Geistes. Diesen Geist der Meditation habe ich bisher als Zen Zustand definiert.
Die Muster von Kōan-Geschichten als Arbeitsweise von Zen-Meistern
Die meisten Kōan-Geschichten folgen meist bestimmten Mustern, die auch aus Kombinationen aus verschiedenen Mustern zusammengesetzt werden können. Viele dieser Kōan-Geschichten beinhalten mindestens eines der drei folgenden Muster.
1. Der durchtrennende Impuls
Stell Dir einmal vor, dass ein Zen-Schüler eine Frage an einen Zen-Meister stellt. Diese Fragen entstehen meist aus einem dualistischen Denken heraus. Der Zen-Meister antwortet nicht logisch oder philosophisch, sondern er tut oder sagt etwas, das direkt durch die dualistische Verwirrung des Zen-Schülers wie ein scharfes Schwert hindurchschneidet. Die Antwort des Zen-Meisters entspringt keiner intellektuellen Analyse, sondern einem Bewusstsein jenseits des Denkens. Sobald der Zen-Schüler reif ist, kommt es zu einem plötzlichen Erkennen des Zen-Schülers, welches auch als Erwachen der eigenen Natur bezeichnet wird.
Manchmal wird dieses Erwachen nicht einmal direkt durch den Zen-Meister ausgelöst, sondern durch ein scheinbar banales Ereignis wie das Sehen von Pfirsichblüten oder das Geräusch eines Steins, der auf Bambus trifft. Wie diese indirekte Art und Weise eine Erkenntnis im Zen-Schüler ohne den Zen-Meister zu erwecken funktioniert, kannst Du in meinen Workshops hautnah selbst erfahren.
2. Die lenkende Konfrontation
Manchmal beginnt ein Zen-Meister das Gespräch mit seinem Zen-Schüler. Die Fragen des Zen-Meisters können im Gespräch oft oberflächlich oder beiläufig wirken, obwohl sie eine tiefere Absicht haben. Die tiefere Absicht dahinter ist, den Schüler mit seinem eigentlichen inneren Problem zu konfrontieren. Sollte der Zen-Schüler sein eigentliches Problem nicht erkennen, bleibt der Zen-Meister so lange dran, bis entweder ein Durchbruch geschieht oder klar wird, dass der Zen-Schüler noch nicht bereit ist.
3. Die Prüfung des Erwachten
In diesem Kontext begegnet der Zen-Meister einem Zen-Schüler der bereits erwacht ist. Dabei kommen die Antworten eines erwachten Zen-Schülers nicht mehr aus dem dualistischen Denken. Dies ist ein Kriterium, anhand dessen der Zen-Meister die Echtheit eines erwachten Zustands erkennen kann. Durch dieses Kriterium erhält der Zen-Meister eine klare Bestätigung über den erwachten Zustand des Zen-Schülers.
Spirituelle Probleme verstehen und zur Auflösung bringen
Um das spirituelle Problem eines Zen-Schülers zu erkennen, ist es hilfreich auf die Art zu achten, wie der Zen-Meister ihn anspricht:
"Der strenge Mönch" wäre jemand, der sich zu sehr anstrengt
"Der gelehrte Gelehrte" wäre jemand, der sich im Wissen verstrickt hat
Die Antworten des Zen-Schülers spiegeln das spirituelle Problem wider, bis sich seine Perspektive wandelt. Nach einem Erwachen drückt sich dieser Wandel oft in einem daraufhin geschriebenen Gedicht des Zen-Schülers aus. Fast schon wie eine Art Ritual, welches das Erwachen in geschriebener Form endgültig in der Wirklichkeit manifestiert. Meistens wirken die Handlungen eines Zen-Meisters oft rätselhaft oder sogar widersprüchlich. Das liegt meist daran, dass sie nicht geplant sind, aus dem meditativen Geist entstehen, frei von Dualität sind und aus Mitgefühl hervorgehen. Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte von Nansen und der Katze, in der ein Zen-Meister scheinbar gegen seine eigenen Regeln verstößt, um etwas Tieferes zu lehren.
Die Lehren eines Zen-Meisters finden in unterschiedlichen Kontexten statt. Bei einem Teishō handelt es sich um einen klassischen Vortrag eines Zen-Meisters vor der Gemeinschaft (Sangha). Stell Dir einmal vor, Du sitzt mit vielen Zen-Schülern in einem Raum, und dann beginnt der Zen-Meister möglicherweise damit aus einer Tiefe heraus zu sprechen. Dabei kommentiert er meist einen Kōan, spricht frei und spontan aus dem Moment heraus und zielt nicht darauf ab, dass du verstehst, sondern dass etwas in Dir kippt. Ein Teishō ist damit kein klassischer Vortrag, sondern eher ein energetischer Impuls der Deinen Verstand unterläuft und direkt auf Erfahrung abzielt. Eine Möglichkeit ist hier unter anderem die Verwendung von Metaphern. Weitere Kontexte sind das Dokusan bzw. Sanzen, ein privates Gespräch alleine mit dem Zen-Meister, und ein Shōsan als formelle Frage-Antwort-Situation vor einer Gruppe anderer Zen-Schüler, meist mit Kōans.
Der Zen-Meister ist in diesen Kontexten klar erkennbar. Der Fragende wird oft einfach als Mönch anstatt als Zen-Schüler bezeichnet, welcher als jüngerer Schüler in Ausbildung beim Zen-Meister ist. Viele der Dialoge zwischen Zen-Meister und Zen-Schüler finden in einer formellen Prüfung statt, dem sogenannten Shōsan, bei dem Zen-Schüler ihre Fragen stellen und damit ihren aktuellen inneren Zustand widerspiegeln. Die Antworten des Zen-Meisters sind oft mehrschichtig und sprechen nicht nur den Fragenden, sondern alle Anwesenden an.
Den Buddhaweg gehen
Den ganzen Kosmos erleuchten zu wollen während man noch an einem festen Ich festhält ist eine Täuschung. Sich selbst zu erkennen und dadurch alles mit voranzubringen ist ein Erwachen. Ein tiefes Erwachen über die eigene Täuschung ist das, was Buddhas ausmacht. Doch auch im Zustand des Erwachens kann man noch in Verblendung gefangen sein. Es gibt Menschen die über ihr Erwachen hinaus erwachen, und solche die in ihrer Verblendung gefangen bleiben. Wenn Buddhas wirklich Buddhas sind, dann brauchen sie sich selbst nicht als solche wahrzunehmen. Und doch tragen sie dabei die Gewissheit ihrer wahren Natur in sich.
Da wir sowohl einen Körper als auch einen Geist besitzen, klammern wir uns oft an Formen und Klänge. Damit verstricken wir uns in der Welt und sind nicht wie ein Spiegelbild des Mondes im Wasser eines Sees. Wann immer wir eine Seite sehen, bleibt die andere Seite im Dunkeln. Den Weg zur Buddhaschaft zu lernen bedeutet das wahre Selbst zu erkennen. Das wahre Selbst zu erkennen bedeutet das Selbst zu vergessen. Das Selbst zu vergessen bedeutet eins mit dem Universum zu werden. Und eins zu werden bedeutet sowohl den eigenen Körper und Geist als auch den der anderen Menschen loszulassen. Die Spuren dieser Erfahrung verblassen zwar mit der Zeit, doch ihr Echo wirkt lange nach. Wer den Buddhaweg sucht ist zunähcst weit davon entfernt. Doch sobald jemand ihn wirklich empfangen hat, kehrt derjenige in seinen ursprünglichen Zustand zurück.
Stell Dir jemanden vor, der auf einem Boot sitzt, auf das weite Ufer schaut und glaubt, dass sich das Ufer bewegt. Wenn derjenige jedoch auf das Boot schaut erkennt er, dass sich das Boot bewegt. Genauso ist es mit dem Geist. Wenn Du Dich von Deinen Wahrnehmungen treiben lässt, glaubst Du an ein festes Selbst. Wenn Du allerdings nach innen schaust erkennst Du, dass es kein festes Selbst im ganzen Universum gibt. Ein Stück Holz wird zu Asche und kann nicht wieder Holz werden. Doch das bedeutet nicht, dass Asche einfach die Zukunft des Holzes ist. Holz ist Holz im Moment seines Seins. Asche ist Asche im Moment ihres Seins. Beide haben ihre Wirklichkeit jenseits von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart.
Im Zen-Buddhismus spricht man davon, dass Leben zu Tod und Tod zu Leben wird. Dinge entstehen nicht und Dinge vergehen nicht, denn das Leben ist eine Situation und der Tod eine andere Situation. Schließlich wird der Winter auch nicht zum Frühling, und der Frühling nicht zum Sommer. Die Jahreszeiten sind bestimmte Zustandsformen im Hier und Jetzt mit fließenden Übergängen. Mit einem fließenden Übergang bedanke ich mich für Deine Aufmerksamkeit und wünsche Dir viel Spaß mit dem heutigen energetischen Impuls an Dich.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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