Was ist Zen?
- Florian Stotz

- 16. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Aug.
Form ist Leere, Leere ist Form.
Vor einiger Zeit widmete ich mich den Überlieferungen von Dōgen Zenji, der von 1200 bis 1253 lebte und einer der großen japanischen Zen-Meister war. Dōgen war ein Meister der Metapher, und mit ihr umging er den kritischen Verstand seiner Schüler und berührte den Ursprungskern des Seins. Seine Worte im Shōbōgenzō wirken bis heute so stark, dass sie den eingeengten Geist zerschneiden wie ein scharfes Schwert. In einem einzigen Satz kann er mehrere Erkenntnisse zugleich zugänglich machen. Für das, was ich davon erfahren durfte, bin ich dankbar, und als Zen-Schüler gebe ich es inzwischen weiter.
Verwirrte Geister nehmen ihre eigene Verwirrung nicht wahr
Eines Tages kam ein Zen-Schüler zu einem Meister und bat ihn um die Kraft seiner Lehre. Der Meister sagte: Geh hinaus in die weite Welt. Wandere, übe Zazen, beobachte Dein Herz und Deinen Geist. Kehre zurück, wenn Du bereit bist. Der Schüler ging fort. Er wanderte durch lebendige Gebirgsketten, meditierte an moosbewachsenen Wänden bei Wasserfällen, fastete mit Stille im Geist und rang an manchen Tagen mit seinen Gedanken. Schließlich kehrte er zurück und sprach: Meister, das Leben ist reines Leiden. Und doch habe ich erkannt, dass es jenseits des Leidens einen Weg gibt. Der Meister schwieg und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, wieder hinauszugehen.
Der Schüler zog erneut seines Weges. Er wanderte durch kühle Steppen, meditierte auf goldenen Sandkörnern, erlangte Meisterschaft über seinen Geist und haderte an vielen Tagen mit dem Sturm der Gefühle in seinem Herzen. Dann kehrte er zurück und sprach: Meister, alles ist leer. Nichts hat ein festes Selbst. Der Meister schwieg und bedeutete ihm erneut, wieder hinauszugehen. Der Schüler zog wieder fort, und es vergingen Jahre, bis er zurückkam und sprach: Meister, auch die Leere ist leer. Der Meister schwieg, und der Schüler wusste, was zu tun war.
Er begann durch ein cyanblaues Meer des Lebens zu schwimmen, kam auf einer Insel unter einer Palme an, setzte sich nieder, blickte in den Himmel und meditierte über den Satz: Leere ist Form, Form ist Leere. Nach einiger Zeit kehrte er zum Meister zurück und sagte: Der Himmel ist blau. Da nickte der Meister und sagte: Genau.
Was Zen ist, wenn Zen selbst nicht Zen ist
Zen ist nicht das Denken und auch nicht das Nichtdenken. Zen ist nicht die Leere und auch nicht die Fülle. Zen ist nicht die Antwort und auch nicht die Frage. Zen ist nicht das, was Du erwartest, und nicht das, was Du ablehnst. Sag mir nicht, was Zen ist. Zeig mir, wie Du Deine Tasse Tee hältst. Zen ist nichts, was sich in Begriffe oder Konzepte fassen ließe. Es ist das unmittelbare, unverstellte Erleben des Augenblicks, jenseits der Kategorien von ist und ist nicht, und es öffnet einen Moment im Mysterium des Seins. Du willst wissen, was Zen ist? Dann übe Dich im Zazen (auch: im stillen Sitzen) und berichte mir danach, was Du für Zen hältst.
Die Wirklichkeit ist über alle Formen erhaben und zeigt sich zugleich in ihnen
Wie oft zeigst Du im Alltag mit dem Finger auf den Mond und hältst Deinen Finger für den Mond? Da läufst Du durch Dein Leben und verwechselst die Halluzinationen Deines Geistes mit der Wirklichkeit. Vielleicht begegnest Du einem Menschen, und auf einmal beginnen Deine inneren Energien zu schwingen. Während sie schwingen, kommt Bewegung in Deinen Körper, in Dein Herz, in Deinen Geist, und Deine Seele findet sich in einem Tanz des Frühlings wieder. Ein Frühling, in dem die Spatzen in Harmonie mit dem Wind singen, in dem blühende Rosen aus der Erde ihren honigsüßen Duft in die Luft wirbeln, in dem das funkelnde Wasser eines Springbrunnens den frischen Wind beflügelt und im Zentrum Deines Herzens das lodernde Feuer der Liebe erglüht. Auf einmal trägt Dich der Wind der Veränderung, und Du bist im Zustand Deines Seins.
Für einen Moment bist Du im Hier und Jetzt. Dann versuchst Du, diese Veränderung festzuhalten, und beginnst damit schon wieder, Dich vom Augenblick zu trennen, um in Geist, Herz und Körper alles Mögliche zu halluzinieren. Wie großartig dieser Mensch doch ist, den Du noch nicht einmal kennengelernt hast. Zuerst erkennst Du die wahre Buddha-Natur, und kurz darauf nimmst Du mit Deiner Buddha-Natur schon einen Buddha der Illusion wahr. Reicht es denn nicht, eine wahre Buddha-Natur erkannt zu haben und die Möglichkeit zu besitzen, sie näher kennenzulernen? Ist nicht alles Buddha-Natur, und ist nicht allein Deine Bewertung die Illusion, also das, was Du für Buddha hältst und was nicht?
Nach einiger Zeit des Kennenlernens bricht dann das Chaos Deiner Illusionen über Dich herein. So vieles hast Du Dir ausgemalt, was diesen Menschen zum Buddha macht, und nun enttäuscht er Dich auch noch. Gekränkt willst Du Deine eigene Torheit nicht anerkennen, weil doch der andere Dich getäuscht habe. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Sei nicht der Narr, der die Rose pflückt. Nimm sie einfach wahr. Manche wollen wissen, was der Zustand des Zen ist. Wäre ich jetzt bei Dir, würde ich Dir sagen, Du sollst aus Deinem Schlaf erwachen, und Dir mit einem Holzstock auf den Kopf klopfen. Das ist Zen.
Zen ist, wenn Körper, Herz und Geist still werden und der Wind der Veränderung sich als Tanz auf dem Spiegelbild der Seele ereignet, während das Bewusstsein dies wahrnimmt. Plötzlich spürt man einen tiefen Frieden und eine unendliche Stille im eigenen Sein. Du bist zugleich innen und außen. Vögel schwingen durch die Lüfte, und in diesem Augenblick fließen Tränen wie Juwelen aus dem tiefsten Sein in die Augen. Und während Du diese Juwelen wahrnimmst, kannst Du die gesamte Existenz als Ewigkeit des Seins erfahren. Und kaum ist dieser Augenblick vorbei, beginnt der eigene Geist schon wieder, sich seine Vorstellungen von Zen zu machen. Manche Menschen haben ohnehin die wildesten Vorstellungen von Erleuchtung. Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen. Alles, was Du zu suchen glaubst, ist längst in Dir. Du willst wissen, was Zen ist? Zen ist die größte Lüge aller Zeiten, und zugleich ist Zen die Wahrheit.
Die Ehrlichkeit ist im Zen ein wesentliches Element, und zwar die Ehrlichkeit sich selbst wie anderen gegenüber. Sie ist ein scharfes Schwert und will mit Weisheit und Achtsamkeit geführt werden. Veränderung geschieht dort, wo Du dieses Schwert sanft und genau ansetzt.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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