Eine Landkarte, viele Länder: Was Ubiquitous Language wirklich bedeutet

Über gemeinsame Sprache im Team und die Landkarten in Deinem Kopf und warum sie erst beim Gehen genau werden.
Wenn in einem Unternehmen zwei Abteilungen über einen „Kunden“ sprechen, dann meinen sie oft gar nicht dasselbe. Für den Vertrieb ist ein Kunde jemand, der gerade einen Vertrag unterschreibt. Für die Abrechnung ist es eine Verbrauchsstelle mit Zählerständen und Rechnungen und für den Kundenservice ein Mensch am Telefon mit einer Frage. Alle drei benutzen dasselbe Wort und reden doch über drei verschiedene Dinge. Solange das niemand bemerkt, entstehen Missverständnisse, die Zeit und Nerven und manchmal auch viel Geld kosten.
Was Ubiquitous Language bedeutet
Der Softwareentwickler Eric Evans hat für dieses Problem 2003 in seinem Buch „Domain-Driven Design“ einen Begriff geprägt, der seitdem in vielen Teams verwendet wird. Ubiquitous Language bedeutet übersetzt so viel wie allgegenwärtige Sprache. Gemeint ist eine gemeinsame Sprache, die Fachleute und Entwickler gleichermaßen sprechen und die überall gleich verwendet wird, im Gespräch und in der Dokumentation genauso wie im Code.
Evans hat dabei etwas Wichtiges erkannt, das oft übersehen wird. Eine solche Sprache gilt immer nur innerhalb eines bestimmten Rahmens, den er einen begrenzten Kontext nennt. Innerhalb dieses Rahmens hat jedes Wort genau eine Bedeutung, doch im nächsten Kontext darf dasselbe Wort etwas ganz anderes heißen. Der Fehler entsteht also nicht dadurch, dass Wörter mehrere Bedeutungen haben. Er entsteht dadurch, dass niemand klar sagt, in welchem Kontext man sich gerade befindet.
Eine große Landkarte mit vielen Sprachkarten
Alfred Korzybski hat den berühmten Satz geprägt, dass die Landkarte nicht das Gebiet ist. Unsere Worte sind also nie die Wirklichkeit selbst, sondern nur ein Abbild davon, das immer etwas weglässt. Wer diesen Gedanken vertiefen möchte, findet hier im Blog einen eigenen Artikel über Korzybski. Man kann dieses Bild noch einen Schritt weiterdenken. Vielleicht trägt jeder Mensch nicht nur eine einzige Landkarte in sich, sondern eine große Karte, in der viele kleinere Sprachkarten liegen. Im Beruf benutzt du eine andere Sprachkarte als im Privaten und in einem eigenen Projekt wieder eine andere als im Gespräch mit Freunden. Jede dieser Karten hat ihre eigenen Wörter und Begriffe und vor allem ihre eigenen Erfahrungen, die du mit diesen Wörtern verbindest.
Je sauberer und klarer jede einzelne Karte gezeichnet ist, desto besser lassen sich die Karten miteinander verbinden. Es ist, als würdest du aus vielen kleinen Ländern nach und nach einen ganzen Kontinent bauen, auf dem du dich frei bewegen kannst. Dann weißt du auch an jeder Grenze, welche Sprache auf der anderen Seite gesprochen wird.
Nicht nur die Worte, sondern das Bild dahinter
Eine gemeinsame Sprache entsteht nicht schon dadurch, dass du die Wörter deines Gegenübers übernimmst. Erst wenn du auch eine innere Vorstellung davon hast, was diese Wörter für den anderen bedeuten, sprecht ihr wirklich dieselbe Sprache. Das ist ein hoher Anspruch und gleichzeitig eine der spannendsten Fähigkeiten in der Kommunikation. Hilfreich sind dabei einige einfache Fragen:
Mit wem spreche ich gerade und in welchem Kontext befinden wir uns?
Welche Wörter benutzt mein Gegenüber häufig und was meint er damit?
Habe ich zu diesen Wörtern ein eigenes inneres Bild, das Bild meines Gegenübers oder nur den Klang?
Bedeutet dieses Wort im Kontext des anderen dasselbe wie in meinem?
Die Karte entsteht beim Gehen
Nun könnte man meinen, dass sich eine gute Landkarte vor allem am Schreibtisch zeichnen lässt. Man plant und denkt nach und sammelt Ressourcen, bis die Karte vollständig wirkt. Doch eine Karte, die nie mit dem Gelände verglichen wurde, bleibt eine Vermutung. Erst wenn du losgehst und die Landschaft wirklich erkundest, merkst du, wo der Weg anders verläuft als gedacht.
Deshalb ist Handeln ein Teil des Kartenzeichnens und nicht das, was erst danach kommt. Du gehst durch das Gelände und sammelst Erfahrungen, dann hältst du inne und reflektierst, was du gesehen hast. Danach zeichnest du deine innere Karte neu und genauer als zuvor. Dieser Kreislauf hört nie ganz auf, und mit jeder Runde werden deine Karten tiefer und feiner. Für Teams gilt dasselbe, denn auch eine Ubiquitous Language wird nicht einmal festgelegt und dann abgeheftet. Sie wächst mit jedem sichtbar gewordenen Missverständnis und mit jedem Begriff, der sich im Projekt an der Wirklichkeit bewähren muss.
Sieh es vor dir
Stell dir einen großen Tisch vor, auf dem eine alte Landkarte ausgebreitet liegt. Darauf sind viele kleine Länder in unterschiedlichen Farben gezeichnet, jedes mit eigenen Namen für seine Flüsse und Berge. Manche Grenzen sind noch mit Bleistift skizziert und an manchen Stellen ist das Papier noch weiß. Neben dem Tisch stehen deine Wanderschuhe, an denen noch Erde vom letzten Weg klebt. Jedes Mal, wenn du zurückkommst, ziehst du eine Bleistiftlinie mit Tinte nach und füllst eine weiße Stelle mit Farbe. Und ganz langsam wächst aus den vielen Ländern ein Kontinent, auf dem du dich zu Hause fühlst.
In drei Schritten zu einer gemeinsamen Sprache
1. Benenne den Kontext. Sag zu Beginn eines Gesprächs, in welchem Rahmen ihr gerade sprecht, und klärt die wichtigsten Begriffe für genau diesen Rahmen.
2. Frag nach dem Bild hinter dem Wort. Wenn ein Begriff wichtig ist, dann frag, was dein Gegenüber konkret darunter versteht. Halte die Antwort fest, damit alle dasselbe Bild vor Augen haben.
3. Geh los und zeichne nach. Prüfe deine Begriffe im Handeln und schau nach jedem Projekt, wo deine Karte vom Gelände abweicht. Dann zeichne sie neu und genauer als zuvor.
Was bleibt
Die Landkarte ist nicht das Gebiet, doch eine gut gezeichnete Karte hilft dir, sicher durch das Gebiet zu gehen. Je mehr Länder du kennst und je sauberer ihre Grenzen gezogen sind, desto leichter verstehst du die Menschen, die in ihnen zu Hause sind. Und weil sich jede Karte erst beim Gehen bewährt, lohnt es sich, die Schuhe anzuziehen und loszugehen. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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