Schicht für Schicht zu Dir selbst

Warum es sich lohnt sogar die guten Gefühle zu hinterfragen und wohin dieser Weg Dich am Ende führt.
Die meisten Menschen hinterfragen sich nur dann, wenn es ihnen schlecht geht. Wenn wir traurig sind oder wütend oder enttäuscht, dann fragen wir uns irgendwann woher dieses Gefühl eigentlich kommt. Doch kaum jemand kommt auf die Idee ausgerechnet ein gutes Gefühl zu hinterfragen. Warum sollte man sich auch fragen, weshalb man sich heute so wunderbar fühlt? Genau in dieser ungewöhnlichen Frage liegt eine erstaunliche Tiefe verborgen. Dieser Artikel nimmt Dich mit auf eine Reise, die bei einem ganz alltäglichen guten Gefühl beginnt und Schicht für Schicht tiefer führt. Am Ende steht kein Problem und keine Diagnose, sondern etwas viel Wertvolleres.
Eine Woche Frühjahrsputz im Kopf
Stell Dir vor, Du nimmst Dir für eine Woche etwas ganz Besonderes vor. Du hinterfragst konsequent und mit aller Entschiedenheit jeden Gedanken und jedes Gefühl, das in Dir auftaucht. Du fragst Dich bei Ärger nach seinem Ursprung und bei Unruhe nach ihrem Grund, und Du stellst diese Frage auch bei Freude und Zufriedenheit. Eine solche Woche wirkt wie ein gründlicher Frühjahrsputz in Deinem Inneren. Vieles, das sich über Jahre unbemerkt angesammelt hat, kommt plötzlich ans Licht und darf betrachtet werden. Und gerade die guten Gefühle führen dabei oft zu den überraschendsten Entdeckungen.
Die erste Schicht: Warum fühle ich mich gut?
Stell Dir vor, Du wachst an einem Morgen auf und fühlst Dich richtig gut. Statt dieses Gefühl einfach hinzunehmen, fragst Du Dich ganz neugierig, woher es eigentlich kommt. Vielleicht merkst Du dann, dass Dir am Vortag mehrere Menschen Komplimente gemacht haben. Daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Jeder Mensch freut sich über echte Komplimente, und ein echtes Kompliment ist etwas Wunderbares. Wenn ein Mensch etwas an Dir wahrgenommen hat und es Dir ehrlich sagt, dann ist das ein schönes Geschenk zwischen zwei Menschen.
Die zweite Schicht: Was passiert, wenn es ausbleibt?
Doch nun gehst Du einen Schritt weiter und stellst Dir eine unbequeme Frage. Was passiert eigentlich mit Dir, wenn diese Komplimente einmal ausbleiben? Wie fühlst Du Dich an einem Tag, an dem Dich niemand lobt und niemand Deine Arbeit bemerkt? Vielleicht stellst Du dabei fest, dass Du Dich vor allem wegen der Anerkennung gefreut hast die hinter den Komplimenten stand. Anerkennung ist für sich genommen erst einmal nur ein Wert, und viele Menschen schätzen diesen Wert sehr. Doch Du spürst vielleicht schon, dass hier noch mehr verborgen liegt.
Die dritte Schicht: Wo spielt Anerkennung in meinem Leben eine Rolle?
Jetzt gräbst Du eine Schicht tiefer und schaust Dir Dein Leben mit dieser Frage im Hinterkopf an. Wo spielt Anerkennung eigentlich überall eine Rolle für Dich? Und plötzlich beginnt sich ein Muster abzuzeichnen, das Dir vorher nie aufgefallen ist. Vielleicht bemerkst Du, dass Du so viel arbeitest, damit andere Menschen Dich für Deinen Fleiß bewundern. Vielleicht engagierst Du Dich in Deiner Freizeit für andere Menschen und genießt dabei vor allem die Worte, wie toll es doch sei was Du alles leistest. Vielleicht bist Du in Deiner Familie immer derjenige der für alle da ist, und Du lebst ein Stück weit von dem Satz, wie schön es sei dass man sich immer auf Dich verlassen kann. Diese Dinge sind wertvoll, und niemand muss aufhören fleißig oder hilfsbereit zu sein. Doch wenn derselbe Antrieb in so vielen Bereichen auftaucht, dann hast Du gerade ein Muster in Deinem Leben entdeckt.
Die vierte Schicht: Bin ich damit wirklich glücklich?
Nun stellt sich eine ehrliche Frage, die Du Dir mit großer Sorgfalt beantworten darfst. Bist Du mit diesem Muster wirklich glücklich? Wenn die Antwort ja lautet, dann ist das wunderbar und Du darfst es genau so weiterleben. Doch an dieser Stelle lauert eine feine Falle. Wir neigen dazu zu glauben, dass etwas wahr und richtig sein muss wenn es sich gut anfühlt. Das gute Gefühl ist auch wirklich da und existiert, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur, ob dieses Gefühl Dir die ganze Wahrheit über Dich erzählt oder ob Du Dich gerade ein wenig selbst betrügst.
Die fünfte Schicht: Woher kommt dieses Muster?
Jetzt geht die Reise noch eine Schicht tiefer, und hier wird es oft sehr berührend. Vielleicht erkennst Du, dass Dir schon früh beigebracht wurde wie wichtig es ist Anerkennung von anderen Menschen zu bekommen. Vielleicht hast Du als Kind gelernt, dass Du vor allem dann geliebt wirst wenn Du etwas leistest. Vielleicht führt Dich die Spur aber auch zu schmerzhaften Erfahrungen aus Deiner Vergangenheit. Für viele Menschen war gerade die Schulzeit eine sehr intensive Zeit, in der es unter Kindern manchmal sehr verletzend zuging. Solche Erfahrungen können einen Menschen tief prägen und ihn bis heute begleiten. Und vielleicht merkst Du an dieser Stelle, dass Du vieles aus einem Gefühl der Minderwertigkeit heraus tust, weil Du Dich damals gefragt hast wie Du für andere nützlich sein kannst. Wer meinen Artikel über Selbstreflexion und Schemata gelesen hat, erkennt hier die alten Spielregeln wieder, die wir in unserer Kindheit gelernt haben. Und falls auf dieser Reise sehr schmerzhafte Erinnerungen auftauchen, dann ist es ein Zeichen von Selbstfürsorge sich dafür professionelle Begleitung zu suchen.
Die tiefste Schicht: Zurück in Kontakt mit Dir selbst
Viele Wege der Selbsterkenntnis hören genau an dieser Stelle auf. Man hat ein altes Muster gefunden und eine schmerzhafte Erfahrung als Ursache entdeckt, und dann bleibt man bei dieser Erkenntnis stehen. Doch die Reise darf hier noch weitergehen, denn das eigentliche Ziel liegt noch eine Schicht tiefer. Wenn Du das Muster und seine Ursache wirklich gefühlt und angenommen hast, geschieht oft etwas Wundervolles. Du blickst hinter all das und bemerkst, dass die Anerkennung im Leben zwar schön ist und Du sie trotzdem nicht mehr brauchst. Du bist wieder mit Dir selbst in Kontakt gekommen und kannst Dich in Deinem eigenen Sein wahrnehmen und spüren. Dieser Kontakt zu Dir selbst ist eine Form von Energie, die Dir niemand geben und niemand nehmen kann. Genau hierhin möchte diese Reise Dich führen. Sie soll nicht bei Deinen alten Verletzungen enden und auch nicht bei Deinen Werten oder Deinem Verhalten. Sie soll Dich zu dem Punkt führen, an dem Du ganz bei Dir selbst ankommst.
Warum Tiefe Zeit braucht
Eine solche Reise lässt sich nicht an einem Nachmittag abschließen. Manchmal brauchst Du für eine einzige Schicht mehrere Tage, weil Dein Unterbewusstsein die Fragen in Ruhe verarbeiten möchte. Viele Erkenntnisse tauchen dann ganz unerwartet auf, etwa beim Spazierengehen oder kurz vor dem Einschlafen. Hilfreich ist es, wenn Du Dir für diese Arbeit bewusst Zeit und Stille schenkst. In der Stille hörst Du die leisen Antworten, die im Lärm des Alltags oft untergehen. Und mit jeder Schicht wirst Du ein wenig vertrauter mit Dir selbst.
Eine Übung für Deine nächste Woche
Wenn Du diese Reise selbst antreten möchtest, kannst Du mit einer einfachen Frage beginnen. Nimm Dir jeden Abend ein gutes Gefühl des Tages vor und frage Dich, woher es kam. Schreibe die Antwort auf und frage dann noch einmal nach, was hinter dieser Antwort steht. Gehe auf diese Weise jeden Abend ein paar Schichten tiefer, ohne Dich unter Druck zu setzen. Am Ende der Woche kannst Du Dir anschauen, welche Muster sich wiederholen und welche Antwort Dich am meisten berührt hat. Vielleicht entdeckst Du dabei einen Antrieb, der Dein ganzes Leben geprägt hat und den Du nun liebevoll loslassen darfst.
Zum Schluss
Ein gutes Gefühl ist ein Geschenk, und trotzdem kann es eine Tür zu einer tiefen Selbsterkenntnis sein. Wer seine Gefühle Schicht für Schicht hinterfragt, entdeckt die Muster hinter seinem Verhalten und die Geschichten hinter seinen Mustern. Und am Ende dieser Reise wartet etwas, das kein Kompliment der Welt ersetzen kann.
Vielleicht fragst Du Dich heute Abend einmal, warum Du Dich heute gut gefühlt hast. Und vielleicht führt Dich diese kleine Frage an einen Ort in Dir, an dem Du schon lange nicht mehr gewesen bist. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈
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