Leid als Beginn tiefgründiger Persönlichkeitsentwicklung
- Florian Stotz

- 31. Aug. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Nov. 2025
Im Leid innewohnend schlummert ein Smaragd des Seins.
In den letzten Monaten habe ich mich mit aktiver Imagination und Traumdeutung auseinandergesetzt. Einer der Bücher welches ich studierte ist von Robert Johnson und lautet „Bilder der Seele“. Im Buch zitiert Robert Johnson, ein Schüler Carl Gustav Jungs, einen Satz von Carl Gustav Jung: „Gerade dort, wo Du am meisten erschreckst und leidest liegt Deine größte Chance zur Persönlichkeitsentwicklung“. Schon die alten Yogis wussten um dieses vermeintliche Geheimnis und beschrieben es in den Yoga-Sutras mit der Wurzel des Leids.
Was ist die Grundwurzel des Leids?
Während meiner tiefen Auseinandersetzung mit dem Yoga bin ich damals auf ein Yoga Sutra gestoßen, welches aus Sicht des Yoga die Grundwurzel allen Leids definiert. Ein Yoga Sutra ist ein Lehrsatz und wird mit dem Wort „Faden“ übersetzt. Weiterhin wird im Yoga aufeinander aufbauend Lehrsatz für Lehrsatz nacheinander erklärt. Du kannst die Yoga-Sutras wie einen roten Faden eines Gesamttextes verstehen. Im Yoga gibt den Begriff Klesa (क्लेश), der als „Leidensursache“ übersetzt werden kann. Es gibt laut Yoga fünf Leidensursachen:
Avidya: Unwissenheit und ein „falsches“ Erkennen der Wirklichkeit
Asmita: Ich-Bewusstsein und Ego-Anhaftung („Ich bin das“)
Raga: Anhaftung und Begierde
Dvesha: Abneigung und Hass
Abhinivesha: Angst vor dem Tod und das Festhalten am Leben
Als Grundwurzel allen Leids der Klesas wird im Yoga das Avidya definiert. Avidya bedeutet, dass wir durch Unwissenheit die Wirklichkeit falsch wahrnehmen: das Vergängliche für ewig, das Unreine für rein, das Schmerzvolle für Freude und das Nicht-Selbst (auch: Anatman) für das Selbst (Atman). Wenn Du Dir Avidya als die Wurzel eines Baums vorstellst, wird Asmita zum Stamm, Raga zu Ästen, Dvesha zu den Blättern und Abhinivesha zu den Früchten des Baums.
Sich bei Leid nicht verändern zu wollen, ist oft ein Weg in tieferes Leid
Als Zen-Schüler und Trainer setze ich mich mit vielen Modellen im Rahmen der persönlichen Entwicklung auseinander. Auf meinem Lebensweg ist mir oft aufgefallen, dass viele Menschen lieber Leiden anstatt bewusst ihr Leid aufzulösen. Einer der Gründe ist, weil das Leid immerhin etwas bekanntes ist, und das Neue unbekannt. Für eine gewisse Zeit in meinem Leben arbeitete ich in Heidelberg bei einer Stadtwerke. Einer der Manager versuchte mich mit Spielchen aus meiner Balance zu werfen, weil er mich als potenzielle Bedrohung seines Postens sah. Er erhielt Hilfe durch eine Arbeitskollegin, die für mich offensichtlich an Depressionen litt. Eines Tages kommentierte sie zum Thema Persönlichkeitsentwicklung: „Persönlichkeitsentwicklung? Das ist noch schlimmer als Videospiele!“. Für mich war die Erkenntnis spannend, dass Menschen mit einem großen Ego jegliche Auflösung von eigenen Themen an sich selbst vehement ablehnen. Aus meiner Perspektive war hier unter anderem ein Abwehrmechanismus am Werk, den ich spannend finde. Ich vermute, dass dieser Abwehrmechanismus dazu dient das eigene Leid nicht bewusst spüren zu müssen. Damit bleibt das Leid im Leben weiterhin unbewusst bestehen. Aus meiner Perspektive macht es mehr Sinn das eigene Leid aufzulösen. Im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung entsteht damit vor allem eine höhere Flexibilität, beispielsweise in einem emphatischen Umgang mit anderen Menschen.
Das größte Kompliment erhielt ich im Unternehmen von einem der Manager als er zu mir sagte: „Du bist einfach unberechenbar!“. Ich erkannte in der Aussage, dass meine Flexibilität die Manager überforderte. Vor allem, als sich mehr Menschen zu mir bekennten und meine Meinung über ein positives für- und miteinander im Unternehmen befürworteten. Aus meiner Perspektive ist ein positives für- und miteinander im Unternehmen ein Schlüssel für ein erfolgreiches Unternehmen. Heute noch bin ich fest davon überzeugt, dass einigen der Manager die Persönlichkeitsentwicklung sehr gut tun würde. Doch was, wenn man bereits davon überzeugt ist die heilige Maria zu sein, welche gleichzeitig die Kreuzzüge führt? Die Ignoranz zu glauben im Leben nichts mehr Lernen zu können, ist ein Kreuzzug gegen sich selbst. Als ich einst auf einer Wanderung mit einer guten Freundin war, begegneten wir einem Christuskreuz. Daraufhin sagte ich: "Wie oft nageln sich viele Menschen tagtäglich selbst ans Kreuz, in dem sie mit sich selbst und anderen Menschen schlecht umgehen?". Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein bewusster Weg, sich selbst und andere Menschen deutlich weniger ans Kreuz zu nageln.
Was ist Persönlichkeitsentwicklung?
Meiner Erfahrung nach ist die Persönlichkeitsentwicklung ein Prozess, der sich in jedem Menschen leise abspielt. Ob Du es willst oder nicht, Deine Veränderung ist wie ein fließender Fluss ein natürlicher Bestandteil Deines Lebens. Einige Menschen lassen sich vom Leben treiben, während andere Menschen bewusst ihre Themen reflektieren und auflösen. Das Wort Persönlichkeitsentwicklung besteht unter anderem aus dem Wort „Person“ (lat. persona, für Theatermaske). Ich selbst definiere die Persönlichkeitsentwicklung als ein entwickeln von aufgesetzten Masken, wodurch nach und nach der eigentliche Kern sichtbar wird.
Einige Menschen vergleichen die Persönlichkeitsentwicklung mit der Arbeit eines Bildhauers, der Schicht um Schicht einen rohen Edelstein bearbeitet, bis daraus eine Gestalt hervortritt. Der rohe Edelstein bist dabei Du selbst. Das Meißeln des rohen Edelsteins ist nicht immer angenehm, manchmal schmerzhaft und ein anderes Mal fordernd. Schicht um Schicht tritt das hervor, was schon immer in Dir verborgen lag. Als die drei Säulen der Persönlichkeitsentwicklung werden die Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstveränderung betrachtet:
Selbsterkenntnis ist klares Wahrnehmen: „Wer bin ich? Was sind meine Stärken? Was sind meine Muster? Was sind meine Grenzen?“
Selbstakzeptanz ist eine bedingungslose Selbstannahme: „Ich darf mich und meine Schattenseiten lieben“
Selbstveränderung ist die schöpferische Kraft, das bewusste Formen, ein Einüben neuer Wege und das Verlassen alter Komfortzonen
Der Prozess Deiner Persönlichkeitsentwicklung macht Dich nicht zu einem anderen Menschen, sondern zu dem Menschen, der Du im Kern bist. Im wahrsten Sinne des Wortes ist Dein Ich wandelbar. Der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung schenkt Dir innere Stärke, Unabhängigkeit, Resilienz (auch: Belastbarkeit) und viele weitere Qualitäten welche Dich auch in Lebenskrisen tragen.
Emotionale Intelligenz: Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung
Wie Du erkennen kannst, steckt in dem Wort der Persönlichkeitsentwicklung eine große Menge an Informationen. Je nachdem mit wem Du sprichst, wirst Du vermutlich auch eine andere Definition zum Wort der Persönlichkeitsentwicklung erhalten. Ein Narr ist, wer sich darüber streitet und glaubt recht zu haben. Ich finde, der Erfolg eines Heilers, Therapeuten, Trainers oder in welcher beruflichen Rolle auch immer ein Mensch sein mag, bemisst sich an dem folgenden Kritierium: „Das Ergebnis zählt“.
In meiner Artikelserie „Die Reise aus dem emotionalen Gefängnis“ geht es vor allem darum, dass Du ganz nebenbei die emotionale Intelligenz erweiterst. Die emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren. Dies gilt auch dafür, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen auf diese Gefühle eingehen zu können. Der Begriff der emotionalen Intelligenz wurde 1990 von den Psychologen Peter Salovey und John Mayer geprägt. Sie beschrieben die EQ – die Abkürzung für emotionale Intelligenz – ursprünglich als die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu nutzen, zu verstehen und zu regulieren. Daniel Goleman, studierte und promovierte in Psychologie an der Harvard Universität. Er hat die Idee von Peter Salovey und John Mayer in den 1990er durch sein Buch „Emotional Intelligence“ populär gemacht. Er entwickelte sein eigenes Modell mit fünf Kernkompetenzen der emotionalen Intelligenz:
Selbstwahrnehmung: Die Fähigkeit, eigene Emotionen, Stärken, Schwächen, Motivationen, Werte und Ziele zu kennen. Sprich ein Bewusstsein dafür zu haben, wie Emotionen das eigene Verhalten beeinflussen
Selbstregulation: Emotionen zu kontrollieren oder umzulenken, impulsive Reaktionen zu steuern und flexibel auf veränderte Umstände zu reagieren
Motivation: Intrinsische Motivation, also angetrieben zu sein durch Leidenschaft, Zielstrebigkeit und das Bestreben, sich selbst zu verbessern, allerdings nicht nur durch äußere Belohnungen
Empathie: Die Gefühle anderer zu erkennen und darauf angemessen zu antworten. Sich also in andere hineinfühlen können, andere Menschen emotionalen dort abzuholen wo sie sind und wenn angemmesen in bereicherndere emotionale Zustände zu führen
Soziale Kompetenz: Fähigkeiten wie Kommunikation, Beziehungsaufbau, Konfliktlösung und andere soziale Interaktionen bewusst gestalten zu können
Das Thema der Persönlichkeitsentwicklung beinhaltet viele Themen und verschiedene Perspektiven. Zur Persönlichkeitsentwicklung zähle ich auch sich selbst Ruhe von den inneren Themen zu genehmigen. Ohnehin findet die Persönlichkeitsentwicklung in jedem Moment Deines Lebens statt, allerdings ist der Entwicklungsverlauf unter anderem an die Intensität der Veränderungsbereitschaft geknüpft. Leid entsteht meist dann, wenn Du Dich gegenüber Veränderungen wehrst die schon längst überfällig geworden sind.
Welchen Lebensweg möchtest Du gehen?
Es liegt an Dir selbst, ob Du Dich bewusst mit Deinen Themen auseinandersetzen willst, oder ob Du Dich im Leben umhertreiben lässt. Viele Menschen berichten davon, dass sie bei Nahtoderfahrungen den „Film ihres Lebens“ noch einmal gesehen haben. Die großen Momente wie die eigene Geburt, das erste Mal als Baby zu krabbeln, als Kind das Fahrradfahren zu lernen, die erste große Liebe, der größte Trennungsschmerz, die Heirat und eigene Kinder sowie alt geworden zu sein sind einiger dieser großen Momente. Ich behaupte, sowohl die Momente des Leids als auch die Momente des Glücks bilden am Ende Deines Lebens den großen, farbigen Kinofilm als Geschichte Deines gelebten Seins.
Auf dem Weg Deiner Persönlichkeitsentwicklung wirst Du Deine Schattenseiten erkennen, Komfortzonen verlassen, vielleicht Menschen verlassen die Dir nicht gut tun und Ablehnung spüren. Doch genau darin liegt eine mögliche Metamorphose: Wie ein Phönix aus der Asche fliegst Du aus dem Leid heraus, in eine Dir bisher noch neue und unbekannte Freiheit. Damit ist Persönlichkeitsentwicklung für mich unter anderem auch die Verwandlung von Avidya, der Unwissenheit als Grundwurzel des Leids aus dem Yoga, in reine Klarheit.
Zum Abschluss möchte ich Dir eine Übung mitgeben, die ich als Zen-Schüler durch mein Studium des Zen in Theorie und Praxis entdeckt habe:
Nimm Dir vor Deine Gedanken über den Tag bewusst wahrzunehmen
Sollte in Deinem Geist ein negativer Gedanke aufkommen, beginnst Du Deine Augen zu schließen, Dich auf Dein Herz zu konzentrieren und in Deinem Herzen das Gefühl von Mitgefühl entstehen zu lassen
Richte Deine Konzentration weiterhin auf das Gefühl von Mitgefühl im Herzen, bis Dein ganzes Herz davon gefüllt ist
Lass in Deinem Geist folgenden Gedanken entstehen: "Ich erkenne diese negativen Gedanken als Hinweis meines weiteren Wachstums an, denn es ist nur ein Gedanke"
Nun beginnst Du damit in Deinem Herzen das Gefühl von Dankbarkeit zu spüren. Beginne damit den negativen Gedanken von innen heraus so zu verändern, dass daraus ein positiver Gedanken entsteht
Zuletzt lässt Du ein Gefühl von Liebe in Deinem Herzen entstehen
Ich wünsche Dir auf Deinem Lebensweg möglichst viele Erkenntnisse und Wandlungen, welche Dein Leben klarer werden lassen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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