Ein Samenkorn braucht Boden

Jeder Mensch trägt ein großes Potenzial in sich, doch ob es wachsen kann, hängt auch davon ab, welchen Boden es findet.
Stell Dir zwei Samenkörner derselben Eiche vor. Das eine fällt auf feuchten, dunklen Waldboden. Das andere landet in einer Ritze zwischen zwei Pflastersteinen. Beide tragen denselben Bauplan in sich. Beide könnten zu einem mächtigen Baum werden. Doch nur eines bekommt die Chance dazu. Das andere wächst vielleicht trotzdem, aber krumm, klein und unter großer Anstrengung. Mit Menschen ist es nicht viel anders. Ich bin fest überzeugt, dass in jedem Menschen ein großes Potenzial steckt. Milton H. Erickson ging davon aus, dass alle Ressourcen für ein erfülltes Leben bereits in uns liegen. Doch ob sich dieses Potenzial entfalten kann, hängt nicht nur vom Menschen selbst ab. Es hängt auch vom Boden ab, auf den er fällt. Und einer der wichtigsten Bestandteile dieses Bodens ist Bildung.
Potenzial braucht Umfeld
In meinem Artikel über Noam Chomsky habe ich beschrieben, wie Kinder Sprache lernen. Sie können mehr, als ihre Umwelt ihnen beibringt. Die Fähigkeit ist also schon angelegt. Doch ohne Menschen, die mit ihnen sprechen, entfaltet sie sich nicht. Die Umwelt liefert nicht das Material, aber sie liefert den Anlass. Ohne Anlass bleibt das Angelegte stumm. Wie stark dieser Anlass wirkt, zeigen die PISA-Studien. In kaum einem anderen Industrieland hängt der Schulerfolg so stark vom Elternhaus ab wie in Deutschland. Ein Kind aus einem Akademikerhaushalt hat deutlich bessere Chancen auf das Gymnasium als ein gleich begabtes Kind aus einem Arbeiterhaushalt. Das liegt nicht an der Begabung. Es liegt an Büchern im Regal, an Gesprächen beim Abendessen und an Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen können.
Die gute Nachricht kommt aus der Entwicklungspsychologie. Die Psychologin Emmy Werner begleitete über Jahrzehnte Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwuchsen. Ein Teil von ihnen entwickelte sich trotzdem zu stabilen, zufriedenen Erwachsenen. Der wichtigste Schutzfaktor war erstaunlich einfach. Es brauchte mindestens einen Menschen, der an das Kind glaubte. Oft war das eine Lehrerin, ein Trainer oder eine Großmutter. Ein einziger guter Gärtner kann einen schlechten Boden verbessern.
Bildung ist mehr als Ausbildung
Wenn wir heute von Bildung sprechen, meinen wir oft Abschlüsse, Zeugnisse und Karrieren. Wilhelm von Humboldt verstand darunter etwas viel Größeres. Bildung war für ihn die Entfaltung aller Kräfte eines Menschen zu einem stimmigen Ganzen. Es ging nicht darum, nützliches Wissen für einen Beruf zu sammeln. Es ging darum, sich selbst zu bilden, im wörtlichen Sinn: sich eine eigene Gestalt zu geben. Ausbildung macht uns fähig für eine Aufgabe. Bildung macht uns fähig für ein Leben. Sie hilft uns, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu sehen. Sie lässt uns Meinungen prüfen und eigene Gedanken entwickeln. Ein gebildeter Mensch ist nicht der, der viel weiß. Es ist der, der gelernt hat, selbst zu denken.
Die unsichtbaren Türen
Als Kommunikationstrainer beschäftigt mich ein Aspekt besonders. Bildung prägt, wie wir sprechen und wie wir mit anderen Menschen in Kontakt treten. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nannte das den Habitus. Gemeint sind die Gewohnheiten, mit denen wir uns bewegen, sprechen und auftreten. Man erwirbt sie meist unbewusst in der eigenen Familie und Umgebung. Der Soziologe Basil Bernstein hat dazu eine spannende Beobachtung gemacht. Kinder aus verschiedenen Milieus lernen verschiedene Arten zu sprechen. Manche sprechen in kurzen Sätzen, die viel gemeinsames Wissen voraussetzen. Andere lernen, Gedanken ausführlich zu begründen und für Fremde verständlich zu machen. Keine dieser Sprechweisen ist besser als die andere. Aber in Schulen, Bewerbungsgesprächen und in vielen beruflichen Kreisen wird vor allem die zweite erwartet.
So entstehen unsichtbare Türen. Wer die Sprache und die Gepflogenheiten eines bestimmten Umfelds beherrscht, wird dort leichter verstanden und eingeladen. Wer sie nicht beherrscht, bleibt oft draußen, obwohl er vielleicht genauso klug ist. Das ist ungerecht. Gleichzeitig steckt darin eine Chance. Denn Kommunikation lässt sich lernen. Wer versteht, wie solche Türen funktionieren, kann sie sich öffnen. Das bedeutet nicht, seine Herkunft zu verleugnen. Es bedeutet, sich mehr Sprachen anzueignen, um sich in mehr Welten bewegen zu können.
Bildung als Gesundheitsfaktor
Eine Behauptung mag zunächst überraschen. Bildung ist eine der stärksten Säulen der Gesundheit. Studien zeigen das immer wieder deutlich. Menschen mit höherer Bildung leben im Durchschnitt mehrere Jahre länger als Menschen mit geringer Bildung. In Deutschland liegt der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den einkommensstärksten und den einkommensschwächsten Gruppen bei Männern sogar bei rund acht Jahren. Bildung und Einkommen hängen dabei eng zusammen.
Die Gründe sind vielfältig. Gebildete Menschen verstehen Gesundheitsinformationen besser. Sie können Beipackzettel lesen, Ärzten die richtigen Fragen stellen und Werbeversprechen kritischer prüfen. Fachleute sprechen von Gesundheitskompetenz. Sie haben oft auch Berufe mit weniger körperlicher Belastung und mehr Gestaltungsspielraum. Und sie erleben häufiger, dass sie ihr Leben selbst beeinflussen können. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit schützt vor Stress und Hilflosigkeit.
Sogar das Gehirn profitiert. Eine große Kommission der Fachzeitschrift The Lancet hat untersucht, welche Faktoren das Risiko einer Demenz beeinflussen. Geringe Bildung in jungen Jahren gehört zu den wichtigsten Faktoren, die sich verändern lassen. Wer viel lernt, baut eine Art geistige Reserve auf. Sie hilft dem Gehirn, Schäden im Alter länger auszugleichen. In meinem Artikel über Gesundheit habe ich beschrieben, wie Bewegung das Gehirn wachsen lässt. Lernen wirkt auf ähnliche Weise. Beides zusammen ist vielleicht das beste Geschenk, das wir unserem älteren Ich machen können.
Wissen muss zugänglich sein
Hier liegt der Grund, warum ich meine Artikel so schreibe, wie ich sie schreibe. Wissen gehört nicht in verschlossene Bibliotheken und teure Seminarräume. Es sollte so vielen Menschen wie möglich zugänglich sein. Jeder Artikel auf diesem Blog soll deshalb so geschrieben sein, dass jeder etwas für sich herausziehen kann. Es braucht kein Studium und kein Vorwissen. Es braucht nur Neugier.
Nicht jeder Artikel geht dabei in die tiefste Tiefe. Das kann ein Text auch gar nicht leisten. Für die wirkliche Tiefe gibt es meine Workshops und Einzeltrainings. Dort kann ich auf einzelne Menschen eingehen und Dinge erfahrbar machen, die man nicht lesen kann. Aber ich bemühe mich, in jeden Artikel genug Tiefe zu legen. So soll jeder einen echten Impuls mitnehmen, um sein Leben glücklicher und selbstbestimmter zu gestalten.
Noch nie war Wissen so leicht zugänglich wie heute. Öffentliche Bibliotheken leihen Bücher fast kostenlos aus. Universitäten stellen Vorlesungen ins Netz, und viele Podcasts erklären komplexe Themen mit großer Sorgfalt. Gleichzeitig war es noch nie so schwer, gutes Wissen von schlechtem zu unterscheiden. Auch das ist eine Form von Bildung. Man muss lernen, Quellen zu prüfen und zwischen Meinung und Erkenntnis zu unterscheiden.
Dein Gehirn ist eine Lernmaschine
Bildung endet nicht mit der Schule. Viele Menschen glauben, dass das Lernen irgendwann schwerer wird und das Gehirn ab einem bestimmten Alter festgelegt ist. Die Forschung zeigt etwas anderes. Unser Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar. Man nennt das Neuroplastizität. Jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen, verändern sich die Verbindungen zwischen unseren Nervenzellen. Der Psychologe Donald Hebb hat das schon 1949 in einem Gedanken zusammengefasst, der bis heute gilt. Nervenzellen, die gemeinsam aktiv sind, verbinden sich miteinander. Was wir wiederholen, wird zu einem festen Weg im Gehirn.
Wie sichtbar das werden kann, zeigen zwei berühmte Studien. Die Neurowissenschaftlerin Eleanor Maguire untersuchte Londoner Taxifahrer. Sie müssen Tausende Straßen auswendig lernen, bevor sie ihre Lizenz bekommen. Bei ihnen war ein Teil des Hippocampus größer als bei anderen Menschen, also genau jene Region, die für räumliches Gedächtnis zuständig ist. Und je länger sie den Beruf ausübten, desto größer war dieser Bereich. In einer anderen Studie lernten Erwachsene drei Monate lang Jonglieren. Danach war in ihrem Gehirn eine Region gewachsen, die Bewegungen im Raum verarbeitet. Das Gehirn baut sich also nach dem um, was wir von ihm verlangen.
Dabei kommt es weniger auf die Menge an als auf die Art, wie wir lernen. Schon im neunzehnten Jahrhundert entdeckte der Psychologe Hermann Ebbinghaus die Vergessenskurve. Neues Wissen geht in den ersten Stunden und Tagen schnell verloren. Wer es aber in Abständen wiederholt, verankert es viel dauerhafter. Die Forschung nennt das verteiltes Lernen. Besonders wirksam ist es, das Gelernte aktiv aus dem Gedächtnis abzurufen, statt es nur noch einmal zu lesen. Meine eigene Erfahrung ist dabei sehr ermutigend. Wenn ich etwas dreimal sauber wiederhole, mit voller Aufmerksamkeit und in kleinen Abständen, sitzt es oft schon erstaunlich fest. Sauber heißt dabei, dass jede Wiederholung bewusst und genau ist und nicht nebenbei geschieht.
Denn der zweite Schlüssel ist der Fokus. Der Neurowissenschaftler Michael Merzenich hat gezeigt, dass Aufmerksamkeit wie ein Tor für die Plastizität wirkt. Wenn wir wirklich bei der Sache sind, schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die ihm signalisieren, dass dies wichtig ist und gespeichert werden soll. Wenn wir abgelenkt lernen, bleibt dieses Signal schwach. Zehn Minuten mit voller Aufmerksamkeit bewirken deshalb oft mehr als eine Stunde mit halbem Kopf und dem Handy daneben. Und auch der Schlaf gehört dazu. In der Nacht ordnet das Gehirn, was es am Tag gelernt hat, und festigt es.
Der Zustand entscheidet
Hier kommt etwas ins Spiel, das mich in meiner Arbeit besonders fasziniert. Wie schnell wir lernen, hängt stark von dem Zustand ab, in dem wir uns befinden. Unter Stress lernt das Gehirn schlecht. Es schaltet auf Überleben und hat dann wenig Raum für Neues. In Neugier dagegen öffnet es sich weit. Der Psychologe Matthias Gruber fand, dass Menschen in einem Zustand großer Neugier besser lernen. Sie merkten sich nicht nur die Antworten, auf die sie gespannt waren. Sie merkten sich auch Dinge, die nebenbei geschahen. Neugier aktiviert das Belohnungssystem und macht das Gehirn bereit zum Speichern. Denk einmal an Kinder. Sie lernen in wenigen Jahren eine ganze Sprache, ohne Grammatikbuch und ohne Vokabelliste. Sie tun es mit Staunen, im Spiel und ohne Angst vor Fehlern. Diese Zustände sind in uns Erwachsenen nicht verschwunden. Sie sind nur verschüttet unter Leistungsdruck, Selbstzweifeln und der Erfahrung, in der Schule für Fehler bewertet worden zu sein. Und genau hier liegt eine große Chance. Denn Zustände lassen sich wieder abrufen.
In meinen Trainings arbeite ich deshalb mit Hypnose und Ankern, um diese Lernzustände bewusst zugänglich zu machen. In einer leichten Trance kommt der Körper zur Ruhe und die Aufmerksamkeit bündelt sich. Wir können dann Erinnerungen an Momente aufrufen, in denen Lernen leicht war, an kindliches Staunen, an Neugier und an das Gefühl, etwas zum ersten Mal zu verstehen. Diese Zustände lassen sich verankern, sodass man sie vor dem Lernen gezielt wieder aufrufen kann. Die Forschung zur Hypnose als Lernwerkzeug steht noch am Anfang. Doch was wir über Stress, Neugier und Aufmerksamkeit wissen, macht verständlich, warum Menschen in einem guten Zustand oft schneller und leichter lernen. Ich erlebe das immer wieder, bei Teilnehmern und bei mir selbst.
Vielleicht ist der Boden auf den Du gefallen bist, nicht der beste gewesen. Vielleicht gab es zu Hause wenig Bücher und niemand hat Dich ermutigt. Das prägt, keine Frage. Doch anders als ein Samenkorn kannst Du Deinen Boden ein Stück weit selbst verbessern. Dein Gehirn ist eine Lernmaschine, und sie wartet nur darauf, wieder angeworfen zu werden. Du kannst Dir Menschen suchen, die Dich fördern. Du kannst Bücher lesen, Kurse besuchen und Fragen stellen. Und Du kannst für andere selbst zu dem Gärtner werden, der Dir vielleicht gefehlt hat.
Vom Verstehen zum Verkörpern
Nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:
Lerne etwas Neues. Wähle ein Thema, das Dich schon lange interessiert, und widme ihm jede Woche eine Stunde.
Wiederhole sauber und mit Abstand. Geh Neues am selben Tag, am nächsten Tag und einige Tage später noch einmal durch. Ruf es dabei aus dem Gedächtnis ab, statt es nur zu lesen.
Weck Deine Neugier. Erinnere Dich vor dem Lernen an einen Moment, in dem Du als Kind etwas mit Staunen entdeckt hast, und nimm dieses Gefühl mit an den Schreibtisch.
Geh in die Bibliothek. Melde Dich in Deiner öffentlichen Bibliothek an und leih Dir ein Buch aus einem Gebiet, das Du nicht kennst.
Erweitere Deine Sprache. Achte in einem Gespräch darauf, Deine Gedanken so zu begründen, dass auch ein Fremder sie verstehen würde.
Prüfe eine Quelle. Frag Dich beim nächsten Artikel oder Video, woher die Information stammt und wer davon profitiert.
Sei ein Gärtner. Ermutige einen jungen Menschen in Deinem Umfeld, eine Frage weiterzuverfolgen oder etwas Neues auszuprobieren.
Ein Samenkorn kann sich seinen Boden nicht aussuchen. Wir Menschen können das zum Teil schon. Und wir können für andere zum Boden werden, auf dem etwas wachsen darf. Vielleicht ist das die schönste Form von Bildung: Wissen nicht nur zu besitzen, sondern es weiterzugeben. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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