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Das Herz als Ort der Transformation

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • 14. März
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. März

Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in Dich eintritt.


Im heutigen Artikel unternehmen wir eine Reise in die weiten persischen Wüstenwelten des Sufismus. Der Sufismus ist eine mystische und spirituelle Strömung innerhalb des Islam. Er beschäftigt sich primär mit der direkten Erfahrung des Göttlichen und nicht nur mit religiösen Regeln. Dabei setzt der Sufismus seinen Fokus primär auf den inneren Weg des Herzens. Der Weg des Herzens, das mag vor allem für die deutsche Kultur ein ungewohnter Ausdruck sein. Gerade in unserer deutschen Kultur scheint die Rationalität viel wichtiger zu sein, als mit dem Herzen zu fühlen und auf Basis der eigenen Intuition zu leben. Mein heutiger Artikel führt Dich vor allem durch eine von mir intuitiv entdeckte Methode in die tiefen Deines Herzens. Diese Methode eignet sich vor allem, um alten Schmerz zu spüren und per Herzöffnung in innere Liebe zu wandeln. Wo innere Liebe ist, hat Angst keine Macht mehr.


Die Bedeutung des Wortes Sufismus

 

Das Wort Sufismus ist eine mystische Tradition im Islam und geht auf das Wort "Sufi" zurück. Eine Deutung geht auf das arabische Wort ṣūf (صوف) zurück und bedeutet Wolle. Das Wort ṣūf (صوف) bezieht sich darauf, dass frühe spirituelle Asketen im Islam oft Wollkleidung trugen, um Bescheidenheit und Askese zu zeigen. Daher wurden Sufis auch "die Wollträger" genannt. Das Wort Sufismus bezeichnet damit die spirituelle Bewegung dieser Sufis. Eine alternative Deutung besteht zum arabischen Wort ṣafā (صفاء) für Reinheit und Klarheit. Damit würde "Sufi" symbolisch bedeuten, dass es sich um einen Menschen mit einem gereinigten Herzen handet. Unabhängig von der Wortherkunft ist ein Sufi jemand, der versucht das Herz zu reinigen, die Illusion des Ego zu durchschauen und eine direkte Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit zu machen. Damit ist der Sufismus ein innerer Weg der Transformation.


Die Entstehungsgeschichte des Sufismus


Der Sufismus entwickelte sich nicht plötzlich, sondern in mehreren Phasen. Dabei liegt im 7. Jahrhundert der Ursprung des Sufismus. Nach dem Tod des Propheten Muhammad (632 n. Chr.) begannen einige Muslime, einen besonders asketischen und spirituellen Lebensstil zu verfolgen. Sie wollten nicht nur religiöse Regeln befolgen, sondern Gott unmittelbar erfahren. Im 8. - 9. Jahrhundert erschienen erste bekannte Sufi-Lehrer wie beispielsweise Hasan al-Basri und Rabi'a al-Adawiyya. Zu diesem Zeitpunkt entstand die Idee, dass Gott nicht aus Angst verehrt wird, sondern aus Liebe. Im 10. - 12. Jahrhundert der klassischen Sufi-Lehren wurden viele Sufi-Konzepte systematisiert. Wichtige Menschen waren hierbei Al-Ghazali und Ibn Arabi, wodurch sich mehrere Sufi-Orden (auch: Tariqas) bildeten. Die Blütezeit des Sufimus entwickelte sich erst im 13. Jahrhundert, in dem einer der bekanntesten mystischen Dichter namens Jalāl ad-Dīn Rūmi lebte. Seine Gedichte über die Liebe, Herz und Gott gehören auch heute noch zu den meistgelesenen mystischen Texten der Welt.


Der Kern des Sufismus und eine Meditationsübung zur Herzöffnung


Der Weg des Sufismus lässt sich laut vielen Sufis auf eine einfache Bewegung reduzieren:


  1. Die Reinigung der Herzens

  2. Die Erinnerung an Gott (Dhikr)

  3. Die Öffnung für Liebe

  4. Das Auflösung des Ego (Fana)

  5. Das Leben aus dieser Einheit heraus


Im Sufismus ist das Herz (auch arabisch: Qalb) nicht nur ein emotionales Zentrum, sondern das Organ der Erkenntnis. Es ist ein Ort, an dem Der Mensch Gott unmittelbar wahrnimmt. Ein bekanntes Zitat aus der Sufi-Literatur lautet: "Weder Himmel noch Erde können mich fassen, aber das Herz meines liebenden Dieners kann mich fassen". Deshalb sehen viele Sufis das Herz als Ort der Transformation. Sufis betrachten inneren Schmerz (auch: Herzschmerz) als etwas, das die Schale des Egos aufbricht. Der mystische Sufi-Dichter Jalāl ad-Dīn Rūmi schrieb hierzu einst: "Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in Dich eintritt". Die Idee dahinter ist, dass Schmerz das Herz öffnet, ein geöffnetes Herz empfänglich für Wahrheit wird und die Wahrheit in die Nähe Gottes führt. Der Schmerz selbst wird also nicht verdrängt, sondern bewusst durchfühlt. Der Prozess der Herzöffnung kann wie folgt beschrieben werden:


  1. Bewusstheit: Der Schmerz wird wahrgenommen und nicht verdrängt

  2. Öffnung: Man bleibt im Herzen, ohne sich zu verschließen

  3. Transformation: Der Schmerz wird durch Liebe, Erinnerung an Gott (Dhikr) oder Hingabe verwandelt


Ein Sufi-Meister würde sagen: "Wenn Du den Schmerz nur fühlst, bleibt er Schmerz. Wenn Du ihn im Herzen hältst und Gott darin suchst, wird er zu Liebe". Viele spirituelle Traditionen gehen davon aus, dass Widerstand Leid verlängert, während bewusstes Fühlen erst Transformation ermöglicht. Eine Methode die ich intuitiv zur Herzöffnung gefunden habe geht wie folgt:


  • Finde für Dich einen bequemen Ort und setze oder lege Dich hin

  • Richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine Atmung und schließe Deine Augen

  • Für drei Minuten nutzt Du das folgende Mantra:

    • Beim Einatmen über Deine Nase sprichst Du in Deinem Geist die folgenden Worte: "There is nothing to fear, only love"

    • Bei jedem Ausatmen über Deinen Mund lässt Du ein "Huuuuu" wie einen weichen Windhauch zu Deinem Herzen vibrieren

  • Als nächstes richtest Du Deine Aufmerksamkeit auf Deine Atmung und Dein Herz

  • Nimm für die nächsten zehn Minuten einfach nur wahr und nimm an was sich Dir zeigt. Sobald sich ein Schmerz am Herzen bemerkbar macht, spürst Du diesen Schmerz für einige Minuten. Zuletzt lässt Du in Deinem Herzen das Gefühl von Liebe entstehen und ummantelst den Schmerz von außen und füllst ihn gleichzeitig von innen heraus. Um das Gefühl von Liebe in Dir entstehen zu lassen, kannst Du Dich beispielsweise an einen Moment in Deinem Leben erinnern, indem das Gefühl von Liebe stark präsent war

  • Beende diese Meditationsübung mit der Aufmerksamkeit auf Dein geöffnetes Herz


Weitere Erklärungen zur Meditationsübung und wichtige Sufi-Worte


Im Sufismus gibt es zwei Worte die ich an dieser Stelle Dir noch erwähnen möchte. Das Wort Qabd steht für die Enge des Herzens. Das Herz fühlt sich eng, schwer oder schmerzhaft an. Gefühle wir Traurigkeit, Sehnsucht, Schuld oder existenzieller Schmerz sind damit verbunden. In dieser Phase wird das Herz aufgebrochen. Der Sufi-Dichter Jalāl ad-Dīn Rūmi beschrieb dies wie folgt: "Wenn das Herz bricht, wird es weit genug, um die Wahrheit zu tragen." Das Wort Bast steht für die Weite des Herzens. Nach der Enge des Herzens kommt oft eine Phase von Weite, welche mit Frieden, Liebe, Klarheit und Verbundenheit in Zusammenhang steht. Im Sufismus gelten Enge und Weite als zwei Begegnungen desselben Prozesses, ähnlich wie das Ein- und Ausatmen.


Viele Sufis sind davon überzeugt, dass das Ego ständig versucht, das Herz zu verhärten oder zu verschließen. Der Schmerz kann dabei diese Schicht aufbrechen. Du kannst Dir das Herz wie eine Muschel vorstellen, die sich öffnet. Manchmal braucht es Druck oder Reibnung, damit sich darin eine Perle bilden kann. Es geht also darum, nicht gegen den Schmerz zu kämpfen, aber auch nicht in ihm zu versinken. Stattdessen geht es darum die Aufmerksamkeit im Herzen zu belassen, ruhig zu atmen und den Raum im Herzen zu spüren. Und genau in dem Moment, in dem Du wirklich im Herzen bleibst, wird der Schmerz zu Sehnsucht, Wärme, Liebe oder Stille. Diesen Zustand nennen viele Sufis auch Ishq (auch: eine tiefe spirituelle Liebe).


Damit wird deutlich, dass Schmerz alleine verhärtet, Liebe allein oft sentimental bleibt und Schmerz im Raum der Liebe das Herz transformiert. Der Prozess der Herzöffnung kann aus westlicher Perspektive als eine emotionale Alchemie verstanden werden, der in Kurzform auf vier wesentliche Aspekte reduziert werden kann:


  1. Den Schmerz im Herzen wahrnehmen

  2. Die Liebe im Herzen aktivieren

  3. Beide Energie im Herzen halten

  4. Spontane Entstehung von Transformation


Das "Hu" ist abgeleitet vom arabischen Wort huwa (هُوَ) und bedeutet so viel wie "Er" bzw. "der Eine". Es bezieht sich vor allem auf die göttliche Wirklichkeit selbst. Für viele Sufis ist der Atem selbst bereits Dhikr (auch: Erinnerung an Gott). Damit sollte sich für Dich erschlossen haben, warum ich diesen Laut in der Meditationsübung aufgenommen habe. Meiner Erfahrung nach ist eine starke Herzensverbindung und ein offenes Herz mit einem selbstbestimmen und glücklichen Leben verbunden. Aus einem Zustand von Liebe heraus ergeben sich auf dem eigenen Weg die meisten Herzenswünsche wie von selbst. Ich behaupte, dass der direkteste Weg für ein erfülltes Leben durch die Rückkehr und dem Verweilen im Herzem verbunden ist.


Ein letzter Blick auf andere bedeutende Sufi-Dichter


Zum Abschluss des heutigen Artikels möchte ich Dich auf zwei weitere bedeutende Dichter des Sufismus aufmerksam machen. Angefangen bei Hafiz (auch: Hāfez von Shiraz), welcher als einer der größten mystischen Dichter Persiens gilt. Ein bekanntes Gedicht von Hafiz lautet:


"Der Himmel war lange Zeit wie dunkler Stein,

bis das Licht der Liebe erschien.

Dann wurde das Herz zu einem Smaragd,

und selbst die Schlange der Angst

verlor ihre Macht vor seinem Glanz."


In der persischen Symbolik bedeutet der Smaragd vor allem Herzreinheit, spirituelle Klarheit und Schutz vor Illusion. Ein weiterer bedeutender Dichter des Sufismus war Omar Khayyam. Dieser war darüber hinaus nicht nur Dichter, sondern auch Mathematiker, Astronom und Philsoph. Seine Gedichte heißen Rubāʿīyāt (Vierzeiler). Ein typischer Vierzeiler über das Leben geht wie folgt:


"Das gestern ist vergangen und kehrt nicht zurück.

Das morgen ist noch nicht geboren.

Also fülle heute den Becher des Lebens -

denn dieser Moment ist alles, was wir wirklich haben."


Damit lädt das Gedicht vor allem dazu ein, bewusst im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Während Hafiz eher von der ekstatischen Liebe zum Göttlichen spricht, erinnert Omar Khayyam daran, dass das Leben kurz ist und der Moment kostbar. Mit meinem heutigen Artikel wollte ich Dich darauf aufmerksam machen, wie kostbar Dein Leben ist.


Danke für Deine Zeit und bis bald,

 

Dein Florian 🌈

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