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Gute Gefühle und gesunde Beziehungen

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • vor 5 Tagen
  • 12 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Nähe und Liebe zu schenken, ohne sie an Bedingungen zu knüpfen.


Es gibt eine Fähigkeit, die selten benannt wird, obwohl fast alles davon abhängt: einem anderen Menschen ein gutes Gefühl machen zu können. Nicht durch Komplimente, nicht durch gute Laune, nicht durch das Aufsagen netter Dinge. Sondern dadurch, dass man wahrnimmt, wo jemand gerade steht, und ihn von dort aus begleitet. Das klingt banal und ist es überhaupt nicht, denn dieselbe Fähigkeit kippt bei einem einzigen Grad Abweichung ins Künstliche. Und künstlich merkt jeder Mensch. Über diesen schmalen Grat will ich heute aufklären, und über das, was auf der anderen Seite liegt: nicht nur gute Gefühle, sondern gesunde Beziehungen und Achtsamkeit in der Begegnung. Einer meiner damaligen Lehrer sagte einmal: "Eine gesunde Beziehung basiert auf der Basis von Angeboten und übereinstimmenden Erwartungen".


Wie ein gutes Gefühl tatsächlich entsteht


Der häufigste Fehler in Begegnungen ist der Sprung. Jemand kommt erschöpft zur Tür herein, und man begrüßt ihn mit Begeisterung. Jemand erzählt von etwas Schwerem, und man antwortet mit einem Lichtblick. Jemand ist gereizt, und man wird betont freundlich. Das ist gut gemeint und funktioniert fast nie, weil zwischen dem, wo der andere gerade ist, und dem, wohin man ihn haben will, eine Lücke klafft, die er selbst überspringen müsste. Und niemand springt. Was funktioniert, ist eine Bewegung. Erst gehe ich dorthin, wo Du bist. Ich nehme wahr, in welchem Zustand Du ankommst, und ich passe mich diesem Zustand an: im Tempo, in der Stimme und in dem worüber ich rede. Und dann verändere ich mich langsam. Nicht in einem Schritt. Von Gefühl zu Gefühl und in kleinen Übergängen, die jeder für sich noch nachvollziehbar sind.


Von erschöpft zu ruhig. Von ruhig zu wach. Von wach zu interessiert. Von interessiert zu leicht. Und irgendwann sitzen zwei Menschen zusammen, die beide in einem guten Zustand sind, und keiner von beiden könnte sagen, wann genau das passiert ist. Das ist kein Trick. Das ist im Grunde nur die Beobachtung, dass Zustände sich übertragen und dass Übertragung Kontakt braucht. Wer sofort dort steht, wo er hin will, hat keinen Kontakt. Wer den Weg mitgeht, hat ihn.


Und genau hier solltest Du sehr genau hinschauen


Denn ab hier gibt es zwei Wege, und sie sehen von außen fast gleich aus. Der eine ist echt. Ich nehme Dich wahr, ich gehe mit, ich freue mich, wenn es leichter wird und ich freue mich wirklich. Der andere ist gemacht. Ich führe Dich in ein gutes Gefühl, weil ich etwas davon habe. Weil ich gemocht werden will. Weil ich möchte, dass die Begegnung angenehm bleibt. Weil ich Unbehagen nicht aushalte.


Der Unterschied liegt nicht in der Technik. Er liegt in der Frage, für wen Du es tust. Und Menschen spüren das. Nicht immer bewusst, oft erst hinterher, aber sie spüren es. Es gibt dieses eigentümliche Gefühl nach einer Begegnung, in der alles nett war und trotzdem etwas fehlt. Das ist meistens genau das: Da war jemand freundlich zu Dir, aber niemand war bei Dir. Deshalb ist mir die Abgrenzung so wichtig. Andere Menschen in gute Gefühle zu bringen ist etwas völlig anderes, als alles gut zu machen.


Wenn ein Thema im Raum steht


Alles gut zu machen, wenn nicht alles gut ist, ist keine Freundlichkeit. Es ist eine Form von Alleinlassen. Wenn zwischen zwei Menschen etwas steht und beide tun so, als sei nichts, dann ist das Thema nicht weg. Es ist nur unter der Oberfläche, wo es weiterarbeitet und dabei alles andere färbt. Jedes Gespräch wird ein bisschen anstrengender. Jede Nähe ein bisschen dünner. Und irgendwann weiß niemand mehr, warum es eigentlich nicht mehr fließt.


Ein Thema anzusprechen bedeutet nicht, es breitzutreten. Es bedeutet, es zu benennen. Ein Satz genügt oft: "Ich habe den Eindruck, da steht etwas zwischen uns. Ich merke, dass mich das gestern beschäftigt hat." Und dann Raum lassen. Meiner Erfahrung nach entsteht Nähe genau an dieser Stelle, nicht in den harmonischen Momenten. Harmonie ist schön, aber sie beweist nichts. Was etwas beweist, ist die Erfahrung, dass man miteinander auch durch eine Unstimmigkeit kommt, ohne dass jemand geht.


Auch die schweren Gefühle aushalten


Damit hängt eine zweite Fähigkeit zusammen, und ich halte sie für die anspruchsvollere: mit den unangenehmen Gefühlen eines anderen Menschen umgehen zu können. Die meisten von uns können das nicht besonders gut. Wenn jemand traurig ist, tröstet man. Wenn jemand wütend ist, beschwichtigt man. Wenn jemand verzweifelt ist, sucht man nach Lösungen. Und all das sieht aus wie Zuwendung, ist aber häufig etwas anderes: der Versuch, das Gefühl zum Aufhören zu bringen, weil man es selbst schwer aushält.


Ein Mensch merkt, ob Du sein Gefühl aushältst oder ob Du es loswerden willst. Und davon hängt ab, wie viel er Dir zeigt. Wer Verletzlichkeit zeigt, geht ein Risiko ein. Er stellt in diesem Moment fest, was mit dem passiert, was er da hinlegt. Wird es aufgenommen? Wird es weggeredet? Wird es repariert? Wird es benutzt? Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, ob es jemals wieder passiert. Also: aushalten. Nichts lösen. Nicht aufheitern. Dabeibleiben. Und wenn Du etwas sagst, dann etwas, das die Erfahrung des anderen stehen lässt, statt sie zu korrigieren.


Gesehen werden


Jetzt zu dem, was ich für das eigentliche Bedürfnis halte, unter allen anderen. Menschen wollen gesehen werden. Nicht bewundert. Nicht bestätigt. Nicht verstanden im Sinne von analysiert. Gesehen. Wahrgenommen in dem, was sie tatsächlich sind, und zwar so, dass sie merken, dass es angekommen ist. Es gibt einen Zustand, in dem ein Mensch einfach sein kann. Das Gesicht wird weicher, die Schultern sinken, die Augen bekommen etwas Klares. Das ist kein Glück im Sinne von Aufregung. Es ist Entspannung. Und sie entsteht dann, wenn jemand aufhören darf, sich darzustellen, weil er merkt, dass er ohnehin gesehen wird. Diesen Zustand kann man einem Menschen schenken. Und es kostet nur eines: dass Du aussprichst, was Du wahrnimmst.


Das machen erstaunlich wenige Menschen. Wir denken ständig etwas Gutes über andere und sagen es nicht. Wir finden etwas an jemandem bemerkenswert und behalten es für uns. Meistens aus einer Mischung aus Gewohnheit und leiser Scheu. Dabei geht es gar nicht um Komplimente. Ein Kompliment bewertet:"Du siehst gut aus, das hast Du gut gemacht." Was ich meine, ist etwas anderes: eine Beschreibung: "Mir fällt auf, dass Du immer zuerst fragst, wie es dem anderen geht, bevor Du von Dir erzählst. Du wirst wach, wenn es um dieses Thema geht, das habe ich schon dreimal gesehen. Ich mag, wie ernst Du Dinge nimmst, die anderen egal sind." Das ist kein Lob. Das ist der Beweis, dass Du hingeschaut hast. Und deshalb wirkt es viel tiefer.


Helfen ist nicht immer lieben


Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich am deutlichsten werden will, weil ich diesen Fehler selbst gemacht habe und lange gebraucht habe, ihn zu verstehen. Es gibt eine Haltung, die aussieht wie Liebe und keine ist: das ständige Helfen. Wenn Du einen Menschen immer wieder auffängst. Immer wieder entgegenkommst. Immer wieder etwas gibst, was er sich eigentlich selbst geben müsste. Wenn Du seine Themen mitträgst, seine Entscheidungen abfederst, seine Unsicherheiten ausgleichst. Was passiert dann? Er lernt es nicht von innen heraus. Er bekommt es von außen, von Dir. Und solange er es von Dir bekommt, gibt es keinen Grund und keine Gelegenheit, es in sich selbst zu entwickeln.


Das Perfide daran ist, dass Du damit gegen Deinen eigenen Willen handelst. Denn was Du eigentlich willst, ist doch, dass dieser Mensch auf eigenen Beinen steht. Und genau das verhinderst Du, indem Du ihm die Beine ersetzt. Es nimmt einem Menschen das Gefühl, eigenständig zu sein. Und das ist ziemlich zerstörerisch, auch wenn es sich für beide Seiten zunächst gut anfühlt. Für den einen wie Fürsorge. Für den anderen wie Geborgenheit. Ich sage nicht, dass man einander nicht unterstützen soll. Natürlich soll man das. Der Unterschied liegt darin, ob Deine Unterstützung jemanden stärker macht oder ob sie ihn dabei belässt, wo er ist. Und diese Frage kann man sich ehrlich stellen: Wird dieser Mensch durch das, was ich tue, unabhängiger von mir, oder abhängiger?


Es gibt Menschen, die die zweite Variante bewusst herstellen. Darüber will ich hier gar nicht schreiben; das führt in Dynamiken, die ein eigenes Thema sind. Mir geht es um die vielen, die es gut meinen und trotzdem genau das tun.


Nähe und Liebe ohne Bedingung


Der Kern der ganzen Sache lässt sich in einer Unterscheidung fassen, die für mich zentral geworden ist. Es gibt Liebe, die gibt, weil sie voll ist. Und es gibt Liebe, die gibt, weil sie leer ist. Die zweite sieht oft großzügiger aus. Sie gibt viel, sie gibt schnell, sie gibt drängend. Aber sie gibt, um etwas zu bekommen und deshalb fühlt sie sich für den Empfänger erdrückend an, ohne dass er sagen könnte, warum. Da ist etwas, das gebraucht wird. Da liegt eine Rechnung, die nie ausgesprochen wird und trotzdem im Raum steht.


Die erste ist ruhiger. Sie gibt, ohne zu fragen, was zurückkommt. Sie ist einfach da. Und deshalb kann man sie annehmen, ohne dabei etwas zu schulden. Nähe zu schenken, ohne sie an Bedingungen zu knüpfen, das ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Und sie beginnt nicht beim anderen, sondern bei einem selbst. Wer mit sich im Reinen ist, kann Nähe geben, ohne dass sie eine Forderung enthält. Wer es nicht ist, gibt Nähe und meint Nachfrage. Für diese Prüfung gibt es ein paar Fragen, die unbequem sind und die deshalb funktionieren: Wann ziehe ich mich zurück und was löst das aus? Wann entziehe ich Wärme, ohne es auszusprechen? Wann halte ich den Raum, und wann mache ich ihn enger? Und was hoffe ich eigentlich, dass zurückkommt? Diese Fragen beantwortet man nicht einmal und dann ist es erledigt. Man stellt sie sich immer wieder, in konkreten Situationen, direkt nachdem sie passiert sind.


Und wenn jemand das bei Dir tut


Bis hierhin ging es darum, was Du gibst. Jetzt drehe ich das um, weil dieselbe Fähigkeit auch auf Dich gerichtet werden kann und nicht immer aus guten Gründen. Ich sage vorweg, was mir wichtig ist: Die meisten Menschen, die Dir ein gutes Gefühl machen, wollen Dir schlicht ein gutes Gefühl machen. Wer in jeder Freundlichkeit eine Absicht wittert, macht sich das Leben eng und verliert Begegnungen, die echt gewesen wären. Misstrauen zerstört genauso viel wie Naivität, es sieht nur klüger aus.


Aber es gibt eine Variante, in der gute Gefühle eine Investition sind. Jemand baut Nähe auf, weil er etwas von Dir will: Deine Zeit, Deine Fähigkeiten, Dein Netzwerk, Deinen Körper, Deine Aufmerksamkeit oder Deine Bestätigung. Und wenn er hat, was er wollte, oder wenn klar wird, dass er es nicht bekommt, verschwindet die Wärme. Manchmal von einem Tag auf den anderen. Das ist eine Form von Missbrauch, auch wenn sie selten so genannt wird. Ein Mensch wurde als Ressource behandelt. Woran erkennst Du es? Nicht daran, dass Du den anderen durchschaust, das gelingt selten und führt meistens zu Ungerechtigkeit. Sondern daran, dass Du bei Dir nachspürst:


  • Achte auf das Tempo. Echte Verbindung verträgt Zeit. Sie muss nicht schnell gehen, weil sie nichts erreichen will. Wenn Intensität und Nähe in keinem Verhältnis dazu stehen, wie lange und wie gut Ihr Euch tatsächlich kennt, ist das kein Beweis für irgendetwas, aber es ist ein Grund, langsamer zu werden statt schneller.

  • Achte auf den Unterschied zwischen geschmeichelt und gesehen. Schmeichelei beschreibt ein Bild von Dir. Gesehenwerden beschreibt Dich. Das eine fühlt sich angenehm an und lässt Dich leicht angespannt zurück, weil das Bild ja gehalten werden muss. Das andere entspannt.

  • Achte darauf, was passiert, wenn Du nein sagst. Das ist der zuverlässigste Test, den ich kenne. Echte Zuwendung übersteht ein Nein. Sie wird vielleicht enttäuscht, aber sie bleibt. Instrumentelle Zuwendung kühlt ab, nicht immer laut, oft nur ein Grad und beim nächsten Mal wieder ein Grad.

  • Achte darauf, wie es Dir hinterher geht. Das ist der eigentliche Prüfstein, und er funktioniert auch dann, wenn Du gar nichts durchschaust. Nach echten Begegnungen fühlst Du Dich weiter. Nach den anderen ein bisschen kleiner, ein bisschen schuldig, ein bisschen abhängig von der nächsten Portion Wärme. Und irgendwann merkst Du, dass Du etwas leistest, damit die Zuwendung bleibt. Diesen letzten Punkt halte ich für den wichtigsten, weil er nichts von Dir verlangt, was Du nicht ohnehin kannst. Du musst niemandem in den Kopf schauen. Du musst nur bereit sein, Deinen eigenen Zustand ernst zu nehmen, auch wenn er Dir gerade unbequem ist.


Und wenn es doch passiert ist: Der Rückzug am Ende macht rückwirkend nicht alles unwahr. Das ist der Teil, der am meisten schadet, weil Menschen danach an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln. Was Du gefühlt hast, hast Du gefühlt. Was Du gegeben hast, hast Du gegeben. Es sagt etwas über Dich, dass Du dazu in der Lage warst. Was es nicht bedeutet ist, dass Du das nächste Mal weniger geben solltest, nur genauer hinspüren wem.


Wenn Intensität mit Liebe verwechselt wird


Es gibt noch eine Dynamik, die ich ansprechen möchte, weil sie viel häufiger vorkommt, als darüber gesprochen wird. Manche Menschen brauchen intensive Gefühle. Und zwar nicht bestimmte Gefühle, sondern intensive. Ob sie gut oder schlecht sind, ist dabei zweitrangig. Streit und Versöhnung. Rückzug und Wiederannäherung. Eifersucht, Sehnsucht, große Nähe, plötzliche Distanz. Was zählt, ist der Ausschlag. Das hat mit Liebe nichts zu tun, auch wenn es sich so anfühlt.


Was da eigentlich läuft, ist meistens etwas Altes. Wenn ein Mensch Nähe früh nur in Verbindung mit Anspannung erlebt hat, dann ist Anspannung für sein System das Signal, dass gerade Verbindung stattfindet. Ruhe wird dann nicht als Frieden gelesen, sondern als Abwesenheit. Als Desinteresse. Als Vorstufe von Verlassenwerden. Deshalb kann eine gesunde Beziehung sich für so jemanden zunächst langweilig anfühlen. Das ist einer der schwierigsten Sätze in diesem Artikel, und ich halte ihn für einen der wichtigsten. Wenn Ruhe sich falsch anfühlt, sagt das nichts über die Beziehung. Es sagt etwas darüber, woran ein Nervensystem sich gewöhnt hat.


Und es gibt eine Verwechslung, die daraus fast zwangsläufig folgt: Intensität wird als Beweis für Tiefe gelesen. So intensiv war es noch nie, also muss es die Richtige sein. Aber Intensität beweist nicht Liebe. Sie beweist, dass etwas Altes berührt wurde. Das kann derselbe Mensch sein, das kann aber auch eine alte Wunde sein, die zufällig getroffen wurde. Ein ziemlich zuverlässiges Erkennungszeichen ist der Rhythmus. Wenn die schönsten Momente regelmäßig unmittelbar auf die schlimmsten folgen, dann ist nicht die Nähe das, was gesucht wird, sondern die Versöhnung. Und Versöhnung braucht Streit, sonst gibt es sie nicht. Das ist der Grund, warum dieselben Auseinandersetzungen mit wechselnden Partnern wiederkehren.


Den Trigger bemerken und innerlich regulieren


Und jetzt kommt der Teil, der für mich echte Reife beschreibt, weil er nichts vom anderen verlangt, sondern etwas von einem selbst:


  • Erstens: den Trigger überhaupt bemerken. Das Erkennungsmerkmal ist nicht der Inhalt, sondern das Verhältnis. Deine Reaktion ist größer als die Situation. Jemand antwortet später als sonst, und in Dir geht etwas los, das mit einer verspäteten Nachricht nichts zu tun hat. Diese Lücke zwischen Anlass und Reaktion ist das Signal. Sie ist körperlich spürbar, meistens bevor der erste Gedanke da ist. Enge im Brustkorb, Hitze, ein Drang, sofort etwas zu tun.

  • Zweitens: regulieren, bevor Du reagierst. Regulieren heißt nicht unterdrücken. Es heißt, dem Gefühl seinen Raum zu lassen und der Handlung nicht. Ausatmen. Die Füße spüren. Nicht sofort schreiben. Nicht sofort anrufen. Und wenn Du im Gespräch bist, ist der ehrlichste Satz oft der einfachste: Ich brauche einen Moment. Diese Pause ist die eigentliche Fähigkeit. Alles andere folgt daraus. Denn im getriggerten Zustand redest Du nicht mit dem Menschen vor Dir, sondern mit einer alten Situation, die zufällig dasselbe Gesicht trägt.

  • Drittens: die Kommunikation anpassen. Wenn Du wieder bei Dir bist, kannst Du sagen, was tatsächlich ist, statt was die alte Geschichte Dir eingibt. Und manchmal ist das Ehrlichste, den Trigger selbst zu benennen: "Ich merke, dass ich stärker reagiere, als die Situation hergibt. Ich glaube, das gehört nicht ganz hierher." Ein Satz wie dieser verändert eine Beziehung mehr als jede Diskussion über den ursprünglichen Anlass. Er nimmt dem anderen die Schuld für etwas, das nicht seine ist, und er zeigt, dass Du unterscheiden kannst zwischen dem, was jetzt passiert, und dem, was früher passiert ist.


Das ist übrigens nichts, was gegen starke Gefühle spricht. Ich mag intensive Menschen. Der Unterschied ist nur, ob Du ein Gefühl hast oder ob das Gefühl Dich hat. Und es geht auch in die andere Richtung. Wenn Dein Gegenüber getriggert ist, besteht Deine Aufgabe nicht darin, mitzugehen. In einer Eskalation ist der ruhigere Mensch nicht der kältere, sondern der, der den Raum hält. Das fühlt sich für den anderen im Moment manchmal nicht liebevoll an. Es ist es trotzdem.


Die Landkarte des anderen


Ein letzter Gedanke, und er ist der, der mir am meisten Freude macht. Jeder Mensch hat eine innere Landkarte. Seine Art, die Welt zu ordnen, seine Vorlieben, seine Selbstverständlichkeiten, seine blinden Flecken. Und wenn zwei Menschen sich begegnen, treffen zwei Landkarten aufeinander, die an vielen Stellen nicht übereinstimmen. Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen.


Die erste ist, an der eigenen Landkarte festzuhalten und sie über die andere zu legen. Also das verstehe ich überhaupt nicht. Wie kann man nur so leben. Ich würde das nie machen. Das ist der Normalfall, und es ist der langweiligste Zustand, in dem zwei Menschen sein können, weil dabei nichts passiert außer Vergleich. Die zweite ist, neugierig zu werden. Interessant. Was gibt Dir das? Was fasziniert Dich daran? Und dann wirklich zuzuhören, nicht um zu antworten, sondern um einzutauchen.


Das ist meiner Erfahrung nach eine der schönsten Erfahrungen, die man mit Menschen machen kann: sich für einen Moment in der Welt eines anderen zu verlieren, dort etwas zu finden, von dem man nicht wusste, dass es existiert, und dann wieder ganz bei sich anzukommen bereichert. Und es geht in beide Richtungen. Genauso wichtig ist es, den anderen in die eigene Welt einzuladen. Zu erzählen, was Dich bewegt, was Du erlebt hast, wofür Du brennst. Nicht als Selbstdarstellung, sondern als Angebot. Denn ein Mensch kann nur dort in Verbindung gehen, wo etwas ist, mit dem er sich verbinden kann. Zwei Landkarten, die sich gegenseitig erkunden. Und beide kommen mit Schätzen zurück, von denen sie vorher nichts wussten.


Was Du üben kannst


Geh mit, bevor Du führst. Wenn Dir das nächste Mal jemand in einer bestimmten Stimmung begegnet: Widersteh dem Impuls, sofort etwas aufzuhellen. Bleib zwei, drei Minuten dort, wo er ist. Und dann fang an, Dich langsam zu verändern.


Sprich aus, was Du wahrnimmst. Sag einem Menschen diese Woche einen Satz darüber, was Du an ihm wahrgenommen hast. Keine Bewertung, eine Beobachtung. Und dann schweig und schau, was passiert.


Prüfe Dein Helfen. Nimm eine Beziehung, in der Du viel gibst, und stell die Frage ehrlich: Wird dieser Mensch durch mich unabhängiger oder bequemer? Beide Antworten sind erlaubt. Nur die Frage nicht zu stellen ist keine Option.


Werde neugierig statt urteilend. Beim nächsten Mal, wenn Du bei jemandem denkst das verstehe ich nicht, ersetze den Gedanken durch eine Frage. Was gibt ihm das? Und dann hör wirklich zu.


Spür nach, wie es Dir hinterher geht. Nicht während der Begegnung, sondern eine Stunde danach. Weiter oder enger? Freier oder verpflichtet? Das ist keine Analyse des anderen. Es ist eine Information über Dich, und sie ist zuverlässiger als jede Einschätzung seiner Absichten.


Am Ende läuft das alles auf eines hinaus. Menschen ein gutes Gefühl zu machen ist keine Technik, sondern eine Folge. Sie stellt sich ein, wenn Du wirklich da bist mit dem Angenehmen und mit dem Unangenehmen, mit Deiner Aufmerksamkeit und mit Deiner Ehrlichkeit. Alles andere ist Freundlichkeit, und Freundlichkeit ist hier meist zu wenig.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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