Stoische Impulse – Teil 1
- Florian Stotz

- vor 4 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Was in Dir arbeitet, will angenommen werden.
Seit einiger Zeit schreibe ich am Morgen. Kein Tagebuch und keine Planung, sondern Selbstbetrachtungen im Sinne der Stoa, also Sätze an mich selbst und nicht an einen Leser. Marc Aurel ist römischer Kaiser und Stoiker gewesen und hat seine Aufzeichnungen genau so geführt, vermutlich ohne je an eine Veröffentlichung zu denken. Dass wir sie heute lesen können, ist ein Zufall der Geschichte. Mit diesem Beitrag beginne ich eine Reihe. Ich teile darin jeweils einen Teil dessen, was am Morgen entstanden ist, und ich teile bewusst nur einen Teil. Das meiste bleibt im Heft, weil es dort hingehört und weil nicht alles was hilfreich ist auch geteilt werden muss. Was hier steht, steht hier, weil ich beim Lesen gemerkt habe dass darin etwas liegt das über mich hinausreicht. Heute Morgen war das so, als ich folgende Worte schrieb: "Während die glühende Sonne am Morgen über den Gebirgsketten mit ihren Sonnenstrahlen mein Gesicht wärmt, beginne ich zu reflektieren. Erinnere dich an den Moment im Winter auf dem höchsten Punkt eines Berges mit Gepäck. Ein Moment der zustande kam, weil du Verantwortung für dich selbst übernommen hast." So steht es in meiner Handschrift und so lasse ich es stehen. Der Rest der Seite bleibt bei mir.
Der Tag, an dem ich aufgeräumt habe
An diesem Tag habe ich altes losgelassen und aufgeräumt, dort wo es nötig war. Nicht als Vorsatz und nicht nach Plan, sondern weil der Moment gekommen war und ich es gespürt habe. Dabei ist mir etwas aufgefallen das ich vorher nur geahnt hatte. Themen, die in uns liegen, verlangen danach angeschaut und umgesetzt zu werden. Sie warten nicht höflich ab, bis Du Zeit für sie hast. Ich kenne das an einem eigenen Beispiel gut genug, um darüber schreiben zu können. Es gibt ein Vorhaben das mir seit Monaten im Kopf sitzt, und ich tue es nicht, obwohl ich es tun will. Jeder Tag an dem ich es nicht tue macht das Vorhaben nicht kleiner. Er macht es lauter.
Stell Dir einen Fluss vor, der auf ein Wehr trifft. Das Wasser hört nicht auf zu fließen, nur weil es aufgehalten wird. Es steigt. Es sucht die Ränder ab, es drückt gegen das Holz, und irgendwann steht es so hoch dass es entweder überläuft oder die Konstruktion nachgibt. Der Fluss ist dabei nicht wütend und er hat keine Absicht. Er tut nur, was Wasser tut. Ich nenne das den Stau vor dem Wehr, und ich glaube dass in jedem von uns mindestens einer davon steht.
Warum das nicht Faulheit ist
Die meisten Menschen legen sich dafür eine harte Erklärung zurecht. Sie nennen es Faulheit, Disziplinlosigkeit oder mangelnden Willen, und sie kämpfen dann gegen sich selbst an. Das ist verständlich, weil zwei völlig verschiedene Zustände von außen fast gleich aussehen. Der eine Mensch tut etwas nicht, weil es ihm gleichgültig ist. Bei ihm ist kein Druck, kein Wiederkehren, keine Unruhe am Abend. Der andere Mensch tut etwas nicht, obwohl es ihn nicht loslässt. Von außen betrachtet sitzen beide auf dem Sofa. Innen ist der Unterschied so groß wie zwischen einem trockenen Bachbett und einem angestauten Fluss. Wenn Du also seit Wochen an dasselbe denkst und es nicht tust, dann ist das kein Beweis Deiner Schwäche. Es ist ein Beweis dafür, dass da etwas ist. Gleichgültigkeit klopft nicht.
Was Du erst noch lernst
An dieser Stelle liegt bei vielen Menschen Scham, und die gehört mit in diesen Text. Manche Themen, die in uns klopfen, sind Dinge die andere längst können. Jemand übt mit Mitte dreißig, offener auf fremde Menschen zuzugehen. Jemand lernt, einen Konflikt auszuhalten ohne innerlich zu erstarren. Für den Nachbarn ist beides seit seiner Jugend selbstverständlich und er würde vermutlich nicht verstehen, was daran zu üben sein soll. Von außen wirkt das seltsam, und genau deshalb wird so vieles nie begonnen. Nicht weil es schwer wäre, sondern weil das Anfangen sichtbar macht dass man an dieser Stelle noch nicht ist. Das ist der eigentliche Preis und er wird selten laut ausgesprochen.
Meiner Erfahrung nach ist das schlicht eine Frage der Reihenfolge. Jeder Mensch hat einen Weg hinter sich der ihm bestimmte Dinge früh geschenkt und andere vorenthalten hat. Auf demselben Bergpfad geht der eine zwei Kehren weiter oben und der andere zwei Kehren weiter unten. Wer weiter oben steht, ist deshalb nicht der bessere Wanderer. Er ist früher losgegangen. Dazu kommt, dass sich fast alles davon üben lässt, bewusst wie unbewusst. Was am Anfang wie eine fremde Rolle wirkt, wird durch Wiederholung zur Gewohnheit und irgendwann zur Selbstverständlichkeit, über die niemand mehr nachdenkt. Nicht die Begabung entscheidet, sondern die Wiederholung.
Was die Alten dazu gewusst haben
Die Stoa hat für den ersten Schritt eine klare Werkzeugkiste. Epiktet ist ein ehemaliger Sklave und späterer Lehrer gewesen und hat die Unterscheidung geprägt, die den Kern dieser Schule ausmacht: Es gibt Dinge die in unserer Macht stehen und Dinge die es nicht tun, und die gesamte Ruhe eines Menschen hängt davon ab, ob er beides auseinanderhalten kann. Marc Aurel hat diesen Gedanken in seinen Notizen immer wieder gegen sich selbst gewendet. Er hat sich sinngemäß ermahnt, nicht länger darüber zu reden was ein guter Mensch sei, sondern einer zu sein.
Die westliche Psychologie hat für den Druck selbst eine Beschreibung gefunden. Bluma Zeigarnik ist eine russische Psychologin gewesen und hat gezeigt, dass unerledigte Aufgaben im Gedächtnis deutlich präsenter bleiben als erledigte. Der nach ihr benannte Effekt (auch: die erhöhte Erinnerungsleistung an Unabgeschlossenes) erklärt sehr gut, warum das eine Vorhaben ständig zurückkommt während hundert erledigte Dinge längst verschwunden sind. C. G. Jung ist der Begründer der Analytischen Psychologie und hat den Gedanken weitergetrieben. Was im Inneren nicht bewusst wird, so seine Beobachtung, begegnet einem später im Äußeren und wird dann für Schicksal gehalten.
Im Zen gibt es dafür keine Erklärung, sondern eine Praxis. Dōgen ist der Begründer des Sōtō-Zen in Japan und hat den Begriff Gyōji geprägt (auch: die beständige, tägliche Übung). Bei ihm ist die Übung kein Mittel zu einem späteren Zweck. Sie ist das Ziel selbst, jeden Tag neu vollzogen. Nicht die richtige Methode entscheidet, sondern die Regelmäßigkeit. Was diese Stimmen verbindet, ist eine gemeinsame Bewegungsrichtung. Alle drei führen vom Denken weg und in das Tun hinein. Die Stoa nennt es Handeln, die Psychologie nennt es Abschluss, das Zen nennt es Übung. Gemeint ist dasselbe.
Was danach zurückkommt
Der interessanteste Teil beginnt meiner Erfahrung nach erst, nachdem die Sache getan ist. Ich habe Erleichterung erwartet und ein wenig Stolz. Beides kommt auch, aber es ist nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist eine Ruhe die sich über den ganzen Tag legt und mit dem erledigten Thema selbst nichts mehr zu tun hat. Ich nenne das die wiederhergestellte Kongruenz (auch: die Übereinstimmung zwischen dem was Du willst und dem was Du tust). Solange beides auseinanderläuft, arbeitet ein Teil von Dir ständig daran den Widerspruch zu verwalten. Diese Arbeit läuft unbewusst und Du bemerkst sie nicht als Anstrengung. Du bemerkst sie als diffuse Gereiztheit, als unruhigen Schlaf, als eine Ungeduld die zu den äußeren Umständen gar nicht passt. Sobald der Widerspruch fällt, wird diese Kraft frei. Sie war die ganze Zeit gebunden.
Dabei lohnt sich eine Unterscheidung, die ich lange übersehen habe. Es gibt die Ruhe der Erschöpfung, die entsteht wenn nichts mehr geht. Und es gibt die Ruhe der Übereinstimmung, die entsteht wenn nichts mehr gegeneinander läuft. Von außen wirkt ein Mensch in beiden Zuständen still. Innen ist der eine leer und der andere geordnet. Und dann geschieht etwas mit dem Fluss vom Anfang. Wird das Wehr geöffnet, dann schießt das Wasser zunächst mit Wucht hindurch, weil sich über Wochen viel angesammelt hat. Kurz darauf sinkt der Pegel und der Fluss läuft wieder in seinem alten Bett. Er ist nicht schneller geworden und nicht stärker. Er ist wieder er selbst.
Zwei Sätze über andere Menschen
Eine gute Freundin hat heute einen Satz gesagt der mich seither begleitet. Menschen versuchen im Kern ihr Bestes zu geben, egal was. Ich finde den Satz schön und ich merke gleichzeitig, dass er mir zu glatt wird sobald ich ihn absolut nehme. Stell ihn einmal neben seinen Gegensatz. Der eine Mensch sagt sich, dass am Ende jeder nur seinen Vorteil sucht. Der andere sagt sich, dass jeder immer sein Bestes gibt. Die beiden Sätze wirken wie Gegenteile und in ihrer Wirkung sind sie dasselbe. Beide sind fertig, bevor der andere den Mund aufgemacht hat. Beide sind eine Wand vor dem Menschen der vor Dir steht. Die eine ist schwarz gestrichen und die andere golden, und durch keine von beiden siehst Du hindurch. Der Zyniker wird nie enttäuscht, weil er nichts erwartet. Der Wohlwollende wird nie enttäuscht, weil er alles im Voraus verzeiht. Beide sparen sich das Hinsehen.
Tragfähig finde ich einen dritten Satz, der erklärt ohne zu entschuldigen. Jeder Mensch handelt aus dem, was ihm in diesem Moment zur Verfügung steht. Das nimmt niemandem die Verantwortung für die Folgen ab und es macht sein Verhalten trotzdem verstehbar. Dieser Satz urteilt nicht vorher. Er schaut hin. Und dann gibt es eine Beobachtung, die ich nicht beweisen kann und die meiner Erfahrung nach stimmt. Wer im anderen das Beste sucht, findet öfter etwas davon. Nicht weil er sich etwas einredet, sondern weil Menschen häufig das zeigen was man ihnen zutraut. Das ist kein Grund naiv zu werden. Es ist ein Grund, mit der eigenen Erwartung sorgfältig umzugehen.
Fragen für Deinen Morgen
Diese Reihe soll Dir nicht mein Leben zeigen, sondern Dir Deines zurückgeben. Deshalb steht am Ende jedes Teils etwas, das Du an Dir selbst prüfen kannst:
Frage Dich, was seit Wochen in Deinem Kopf wohnt: Nimm nicht die lange Liste und nicht die offenen Aufgaben aus dem Beruf. Nimm das eine Thema, das immer wieder kommt, obwohl es niemand von Dir verlangt. Genau dieses eine ist gemeint. Du weißt vermutlich schon beim Lesen, welches es ist.
Prüfe, ob es in Deiner Macht liegt: Manches was drückt, kannst Du nicht bewegen, und dann ist die Aufgabe eine andere. Sie heißt dann annehmen und nicht handeln. Wenn es aber in Deiner Hand liegt und Du es trotzdem nicht tust, dann steht der Stau vor Deinem eigenen Wehr und niemand außer Dir kann es öffnen.
Mach heute den kleinsten möglichen Schritt: Nicht den ganzen Plan und nicht die perfekte Ausführung. Eine Seite, ein Anruf, eine Schublade, zehn Minuten. Der Druck fällt nicht, wenn Du fertig wirst. Er fällt in dem Moment, in dem Du anfängst.
Halte fest, was Du dabei erkennst: Schreib es am Morgen auf, in Deiner eigenen Handschrift und an Dich selbst gerichtet. Nicht für andere und nicht schön. Ein Satz genügt, wenn er wahr ist.
Prüfe den Satz, den Du über andere schon fertig hast: Denk an einen Menschen, mit dem es gerade schwierig ist. Welches Urteil über ihn steht in Dir schon fest, bevor er heute ein Wort gesagt hat. Und was würdest Du an ihm sehen, wenn dieses Urteil für eine Stunde nicht gälte.
Über solche Themen zu reden ist leicht, sie anzugehen ist etwas anderes. Die Erkenntnis allein hat noch keinen Stau gelöst. Wenn das, was da klopft, allerdings deutlich größer ist als ein liegengebliebenes Vorhaben, wenn es also an alte Verletzungen rührt oder schwer auf Deiner Stimmung liegt, dann gehört es in Begleitung und nicht in eine Morgenroutine. Diese Grenze zu kennen gehört mit zur Sache.
Mit diesen Worten schließen wir den ersten Teil dieser Reihe bewusst mit einem für Dich erweiterten Wissen ab.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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