Erwachsene Liebe

Warum wahre Liebe frei lässt, trotzdem trägt und kaum an Bedingungen geknüpft ist.
Es gibt einen Gedanken über die Liebe, der auf den ersten Blick widersprüchlich klingt und doch zu den tiefsten Wahrheiten gehört, die wir über sie lernen können. Liebe bedeutet auch, den anderen gehen zu lassen, wenn ihn etwas anderes glücklicher machen würde. Die meisten von uns haben ein anderes Bild von Liebe gelernt. In Liedern, Filmen und Romanen heißt Liebe oft festhalten, kämpfen und den anderen nie wieder loslassen. Doch eine Liebe, die festhält, verwechselt den anderen Menschen leicht mit einem Besitz. Eine erwachsene Liebe dagegen sieht im anderen einen eigenständigen Menschen mit eigenen Wünschen, eigenen Träumen und einem eigenen Weg.
Liebe ist kein Besitz
Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat in seinem Buch »Die Kunst des Liebens« beschrieben, was Liebe für ihn ausmacht. Er verstand sie nicht als ein Gefühl, in das man hineinfällt, sondern als eine Fähigkeit und eine Haltung. Zu dieser Haltung gehören für Fromm Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Erkenntnis. Besonders schön ist dabei seine Beschreibung der Achtung. Das Wort Respekt kommt vom lateinischen respicere, was so viel bedeutet wie hinschauen. Respekt heißt, den anderen so zu sehen, wie er wirklich ist, und zu wünschen, dass er auf seine eigene Weise wachsen und sich entfalten kann.
Daraus ergibt sich eine einfache und zugleich anspruchsvolle Konsequenz. Wer liebt, schränkt den anderen nicht in seiner Freiheit ein und nicht in dem, was ihm wichtig ist. Er nimmt es an, auch wenn es ihm selbst manchmal schwerfällt. Denn eine Liebe, die nur so lange besteht, wie der andere unseren Vorstellungen entspricht, ist eher ein Handel als eine Liebe.
Wenn sich Wege trennen
Diese Haltung kann sehr schmerzhaft sein. Den anderen frei zu lassen, kann bedeuten, dass sich Wege trennen. Manchmal trennen sie sich nur vorübergehend, etwa wenn einer für eine Zeit ins Ausland geht oder einen Lebensabschnitt allein gestalten möchte. Manchmal trennen sie sich auch für immer. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie erwachsen eine Liebe ist. Es geht darum, den anderen wirklich auf seinen Weg gehen zu lassen und gleichzeitig zu schauen, ob beide Wege irgendwo zusammen tragen.
Existiert zwischen zwei Menschen eine echte Verbindung? Wenn es diese Verbindung wirklich gibt dann trägt sie, ganz gleich was passiert. Sie überdauert Entfernungen, Pausen und Veränderungen, und manchmal führt sie zwei Wege nach langer Zeit wieder zusammen. Das bedeutet allerdings nicht, an einer Hoffnung festzuhalten, die längst nicht mehr trägt. Eine echte Verbindung zeigt sich darin, dass beide sie spüren und beide sie wollen. Wenn nur einer festhält, ist es keine gemeinsame Verbindung mehr, sondern eine Sehnsucht. Auch das loszulassen, gehört zur erwachsenen Liebe, und zwar gegenüber dem anderen ebenso wie gegenüber sich selbst.
Den Weg des anderen fördern
Eine erwachsene Liebe geht noch einen Schritt weiter, als den anderen nur gehen zu lassen. Sie nimmt den anderen in dem ernst, was er möchte und was er will. Und wenn sie merkt, dass er etwas wirklich will, dann unterstützt sie ihn sogar auf diesem Weg. Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan, deren Selbstbestimmungstheorie ich in meinem Artikel über Fokus und Desire beschrieben habe, haben ihre Forschung auch auf Liebesbeziehungen übertragen. Menschen fühlen sich in ihrer Beziehung umso wohler und verbundener, je mehr der Partner ihre Eigenständigkeit unterstützt. Das klingt zunächst paradox. Doch wer sich frei fühlt, bleibt aus eigenem Wunsch und nicht aus Pflicht, und genau das macht eine Bindung stark.
Was aber, wenn wir sehen, dass der Weg des anderen ihm schaden könnte? Dann gehört es ebenfalls zur Liebe, das offen auszusprechen. Entscheidend ist dabei die Art. Wir können unsere Sorge teilen, ohne dem anderen den Weg zu verbauen. Wir können ihm unsere Sicht anbieten und ihm Raum geben, selbst darüber nachzudenken. Ein Satz wie »Ich mache mir Sorgen, und ich möchte Dir sagen warum, aber es ist Deine Entscheidung« öffnet einen solchen Raum. Wer meinen Artikel über Perspektiven gelesen hat, kennt dieses Prinzip. Menschen öffnen sich, wenn sie sich nicht verteidigen müssen.
Bei sich bleiben und trotzdem verschmelzen
Eine der größten Herausforderungen jeder Beziehung liegt in einem scheinbaren Widerspruch. Wir wollen dem anderen ganz nah sein und dabei trotzdem wir selbst bleiben. Der amerikanische Paartherapeut David Schnarch hat dafür den Begriff der Differenzierung geprägt, der ursprünglich auf den Familientherapeuten Murray Bowen zurückgeht. Gemeint ist die Fähigkeit, sich mit einem anderen Menschen tief zu verbinden, ohne sich selbst darin zu verlieren. Menschen mit wenig Differenzierung geraten in Beziehungen oft in eines von zwei Extremen. Entweder sie verschmelzen so sehr mit dem anderen, dass sie ihre eigenen Wünsche und Grenzen aufgeben. Oder sie halten so viel Abstand, dass echte Nähe gar nicht entstehen kann. Eine erwachsene Liebe findet den Weg dazwischen. Man bleibt ganz bei sich und kann gleichzeitig mit dem anderen verschmelzen.
Besonders deutlich zeigt sich das in der Sexualität. In der körperlichen Begegnung können zwei Menschen für einen Moment ganz ineinander aufgehen, und genau das macht sie so kostbar. Doch diese Hingabe gelingt am tiefsten, wenn beide sich selbst gut spüren und sich sicher genug fühlen, sich fallen zu lassen. Wer mehr darüber lesen möchte, findet in meiner Serie über Sexualität und Hingabe hier viele Gedanken dazu.
Authentisch und verletzlich sein
Erwachsene Liebe braucht Mut. Sie bedeutet, authentisch zu sein und den anderen wissen zu lassen, was man fühlt. Sie bedeutet, wirklich in Begegnung zu treten, statt sich hinter einer Rolle zu verstecken. Und sie bedeutet, sich verletzlich zu zeigen. Die amerikanische Forscherin Brené Brown hat viele Jahre lang untersucht, was Menschen in tiefen Beziehungen verbindet. Ihr wichtigstes Ergebnis lautet, dass Verletzlichkeit der Ursprung von Nähe ist. Wer seine Ängste, seine Unsicherheiten und seine Sehnsüchte zeigt, gibt dem anderen die Möglichkeit, ihn wirklich zu sehen. Ohne dieses Risiko bleibt jede Beziehung an der Oberfläche. Dazu gehört auch, stets wertschätzend und bewusst mit dem anderen umzugehen. Wertschätzung zeigt sich selten in großen Gesten. Meist zeigt sie sich im Kleinen, in einem aufmerksamen Blick, in echtem Zuhören und in der Dankbarkeit für die vielen Dinge, die im Alltag schnell selbstverständlich werden.
Rahmen und Freiraum
Wie sieht eine solche Beziehung im Alltag aus? Eine gesunde Beziehung braucht beides, einen Rahmen und einen Freiraum. Es gibt gewisse Regeln, auf die sich beide gemeinsam verständigt haben und an die sich beide halten. Und innerhalb dieses Rahmens gibt es viel Freiraum, in dem jeder sein eigenes Leben gestalten kann. Der britische Psychiater John Bowlby, der Begründer der Bindungsforschung, hat dafür ein wunderbares Bild gefunden. Er sprach von einer sicheren Basis. Ein Kind, das sich bei seinen Eltern sicher fühlt, traut sich, die Welt zu erkunden, weil es weiß, dass es jederzeit zurückkehren kann. Die Bindungsforschung hat später gezeigt, dass dieses Prinzip auch für erwachsene Liebesbeziehungen gilt. Ein Partner, der eine sichere Basis bietet, hält den anderen nicht fest. Er macht ihn mutig genug, in die Welt hinauszugehen.
Diese Haltung lässt sich auch wunderbar auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern übertragen. Die Entwicklungspsychologin Diana Baumrind hat verschiedene Erziehungsstile untersucht und herausgefunden, dass Kinder am besten gedeihen, wenn ihre Eltern Wärme mit klaren Strukturen verbinden. Sie setzen verlässliche Grenzen und respektieren gleichzeitig die wachsende Eigenständigkeit des Kindes. Es ist dieselbe Balance aus Rahmen und Freiraum, die auch eine erwachsene Liebesbeziehung trägt.
Liebe ohne Bedingungen
Erwachsene Liebe knüpft sich nicht an Bedingungen. Sie sagt nicht »Ich liebe Dich, wenn Du so bist, wie ich Dich haben möchte«. Sie sagt »Ich liebe Dich, so wie Du bist, und ich wünsche Dir, dass Du der Mensch werden kannst, der Du sein möchtest«. Bedingungslos zu lieben, heißt allerdings nicht, alles hinzunehmen. Man kann einen Menschen von Herzen lieben und trotzdem für sich selbst einstehen. Wenn eine Beziehung von Abwertung, Kontrolle oder Gewalt geprägt ist, dann gehört es zur Liebe zu sich selbst, Grenzen zu ziehen und notfalls zu gehen. Wer Gewalt in einer Beziehung erlebt, findet zum Beispiel beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 116 016 rund um die Uhr Unterstützung. Bedingungslose Liebe bezieht sich auf den Menschen und nicht auf jedes Verhalten.
Niemand ist perfekt
Zu einer erwachsenen Liebe gehört auch die Erkenntnis, dass niemand von uns perfekt ist. Wir alle tragen Muster in uns, die wir in unserer Kindheit und in früheren Beziehungen gelernt haben. Und manchmal geraten wir in diese alten Muster, obwohl wir es eigentlich besser wissen. Wir werden eifersüchtig, ziehen uns zurück oder reagieren heftiger, als die Situation es verlangt. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, diese Muster zu erkennen, sie zu reflektieren und sich entschuldigen zu können. Doch hier taucht eine spannende Frage auf. Hat das überhaupt mit Schuld zu tun, wenn jemand etwas unbewusst getan hat? Wer aus einem alten Muster heraus handelt, tut das selten mit böser Absicht. Er reagiert so, wie er es einmal gelernt hat. Vielleicht hilft hier die Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld blickt zurück und fragt, wer etwas falsch gemacht hat. Verantwortung blickt nach vorne und fragt, was wir jetzt tun können. Auch wenn wir etwas unbewusst getan haben, können wir die Verantwortung für die Wirkung übernehmen, die es auf den anderen hatte.
Und genau deshalb ist eine Entschuldigung eine so gesunde Geste. Sie ist kein Schuldeingeständnis, das uns klein macht. Sie ist ein Zeichen dafür, dass uns der andere wichtig ist. Der amerikanische Paarforscher John Gottman hat in jahrzehntelanger Forschung herausgefunden, dass stabile Paare keineswegs weniger streiten als andere. Der Unterschied liegt darin, dass sie nach einem Konflikt wieder aufeinander zugehen. Gottman nennt das Reparaturversuche. Eine Entschuldigung, eine Berührung oder ein versöhnliches Wort bringen das Gleichgewicht in die Beziehung zurück.
Rosarote Brille oder echte Begegnung
Eine besondere Herausforderung zeigt sich schon ganz am Anfang, in der Kennenlernphase. Viele Menschen tragen ein fertiges Bild davon im Kopf, wie Liebe aussehen soll. Dieses Bild ist geprägt von romantischen Filmen, Liedern und Geschichten, die unsere Kultur seit Generationen erzählt. Das ist völlig in Ordnung, denn solche Bilder prägen, wie wir denken, was wir uns wünschen und was uns wichtig ist. Doch sie bergen eine Gefahr. Viele Menschen verwechseln Liebe mit dem, was sie sich im Kopf vorstellen.
Vielleicht kennst Du das aus eigener Erfahrung. Man lernt einen Menschen kennen und mag ihn sofort sehr. Und dann beginnt der Kopf zu arbeiten. Man denkt an ihn, malt sich gemeinsame Momente aus und stellt sich vor, wie es mit ihm sein könnte. Wenn man sich zu sehr in diese Gedanken hineinsteigert, entstehen Gefühle, die in der echten Begegnung so gar nicht da sind. Die amerikanische Psychologin Dorothy Tennov hat diesen Zustand schon in den Siebzigerjahren untersucht und Limerenz genannt. Gemeint ist eine Verliebtheit, die sich vor allem aus Fantasie, Sehnsucht und dem ständigen Kreisen der Gedanken um den anderen speist.
Das Tückische daran ist, dass solche Gefühle den anderen Menschen eher erdrücken können. Er spürt eine Intensität, die nicht aus der gemeinsamen Zeit gewachsen ist, sondern aus einem Bild, das jemand anderes von ihm entworfen hat. Er wird dann nicht als der Mensch gesehen, der er wirklich ist, sondern als Projektionsfläche für fremde Wünsche. Und kein Mensch kann einem Bild auf Dauer gerecht werden. Dasselbe gilt für viele Idealvorstellungen, die wir mit uns herumtragen. Manche Menschen haben ein sehr genaues Bild davon, wie eine Familie aussehen muss, um wirklich eine Familie zu sein. Doch spätestens wenn Kinder da sind, die einen eigenen Willen haben, zeigt sich, dass das Leben sich selten an unsere Vorstellungen hält. Ein solches Ideal ist bei genauer Betrachtung sogar ein recht egoistisches Motiv, denn es dreht sich um die eigene Vorstellung und nicht um die Menschen, mit denen wir tatsächlich leben. Selbst die Idee der bedingungslosen Liebe kann zu einem solchen Ideal werden, wenn wir sie als fertiges Bild verstehen, statt sie in jeder Begegnung neu zu leben.
Ein gesünderer Weg liegt darin, im Entstehungsprozess verankert zu sein, also in der Gegenwart statt im Kopf. Eine Beziehung entsteht nicht aus einem Plan, sondern aus vielen echten Begegnungen. Sie wächst mit jedem Gespräch, jedem gemeinsamen Erlebnis und jedem Moment, in dem sich zwei Menschen wirklich zeigen. Wer darauf vertraut, muss nicht vorauseilen und nichts erzwingen. Er kann schauen, was zwischen zwei Menschen tatsächlich entsteht. Dafür hilft ein ehrlicher Realitätscheck. Fühle ich das gerade wegen des Menschen, der mir gegenübersitzt? Oder fühle ich es wegen der Geschichte, die ich mir über ihn erzähle? Wie viel von dem, was ich empfinde, ist in unseren Begegnungen wirklich gewachsen? Diese Fragen nehmen der Verliebtheit nichts von ihrem Zauber. Sie helfen nur dabei, den anderen klarer zu sehen. Wer meinen Artikel über Fokus und Desire gelesen hat, erinnert sich an das Bild vom Dschungel, den man nur durch viele Begegnungen wirklich kennenlernt, und an die Vorsicht vor vorschnellen Etiketten. Das gilt für negative Etiketten ebenso wie für die schönsten Idealbilder.
Den Unterschied zwischen rosaroter Brille und echter Begegnung zu erkennen, ist ein Prozess, den man erst lernen darf. Niemand beherrscht ihn von Anfang an, und fast jeder hat sich schon einmal in ein Bild statt in einen Menschen verliebt. Doch mit jeder Erfahrung wächst die Fähigkeit, den anderen so zu sehen, wie er ist. Und genau dort beginnt die erwachsene Liebe, nämlich in der Begegnung mit einem wirklichen Menschen statt mit unserer Vorstellung von ihm.
Zum Schluss
Erwachsene Liebe ist keine Liebe ohne Gefühle, ohne Leidenschaft oder ohne Sehnsucht. Sie ist eine Liebe, die all das umfasst und trotzdem frei lässt. Sie verbindet Nähe mit Freiheit, Verschmelzung mit Eigenständigkeit und einen gemeinsamen Rahmen mit dem Freiraum für zwei eigene Wege. Und sie beginnt schon beim Kennenlernen, dort, wo wir den Mut haben, die rosarote Brille abzusetzen und einem echten Menschen zu begegnen.
Vielleicht ist das die schwierigste und zugleich schönste Aufgabe der Liebe. Wir halten den anderen nicht fest, sondern halten zu ihm. Wir lassen ihn seinen eigenen Weg gehen und vertrauen darauf, dass eine echte Verbindung trägt, ganz gleich, wohin dieser Weg führt. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



Kommentare