Der Compulsion Blowout und die Heimat des internen Dialogs
- Florian Stotz

- 30. März
- 7 Min. Lesezeit
Ein NLP-Format zum Zwänge auflösen, mit Einsicht in das Default Mode Network und den Lehren von Shams von Tabriz.
In meinem heutigen Artikel führe ich Dich von modernen Bereichen der Neurophysiologie hin in die weiten persischen Wüsten zu Shams von Tabriz und dem NLP-Format des Compulsion Blowouts. Der Zusammenhang zwischen diesen Welten wird Dir am Ende ersichtlich werden, wenn Du jede Information wie eine Perle durch einen Faden gesteckt hast und daraus eine Perlenkette entstanden ist.
Was ist das Default Mode Network?
Das Default Mode Network (DMN) kannst Du als ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Hirnregionen verstehen. Es ist besonders aktiv, wenn Du nicht aktiv auf Deine Außenwelt fokussiert bist. Momente in denen das Default Mode Network aktiv ist sind unter anderem, wenn Du
vor Dich hin denkst
in Erinnerungen versinkst
über Dich selbst nachdenkst
Tagträume hast
innerlich Geschichten konstruierst
am grübeln bist
Du kannst Dir den Geist des Menschen wie ein ein Kino vorstellen. Wenn Du aktiv etwas tust, wie beispielsweise ein Problem zu lösen, dann schaust Du bewusst auf die Leinwand des Kinos. Doch sobald es ruhig im Geist wird, beginnt im Hintergrund meist ein Film zu laufen. Dieser Film besteht aus
Erinnerungen
inneren Dialogen (siehe auch: "interner Dialog")
Vorstellungen über die Zukunft
Bewertungen über Dich selbst und andere Menschen
Dieser innere Film ist eng mit dem Default Mode Network verbunden. Einige Bereiche im Gehirn die zum DMN gezählt werden sind Bereiche wie:
medialer präfrontaler Cortex (Selbstbezug, Identität)
posteriorer cingulärer Cortex (Selbstreflexion, Erinnerung)
Teile des Parietallappens
Diese Gehirnregionen arbeiten zusammen, wenn Du über Dich selbst nachdenkst, Dich in andere Menschen hineinversetzt oder die Vergangenheit bzw. Zukunft simulierst. Das Defualt Mode Netzwork hat positiv Funktionen wie Selbstreflexion, Sinnfindung, Kreativität und die Planung der Zukunft. Wenn des DMN zu aktiv oder unkontrolliert läuft, kann es zu Grübeln, Selbstzweifeln, Angstspiralen und gedanklichem Festhängen führen. Durch Meditation oder starker Präsenz im Moment wird das DMN oft weniger aktiv. Vermutlich war Shams von Tabriz ein Meister darin, dass DMN der Menschen zur inneren Stille zu bringen.
Wer war Shams von Tabriz und was ist seine Essenz?
Shams von Tabriz (ca. 1185 - 1247) war ein wandernder Derwisch, Mystiker und spiritueller Lehrer aus dem alten Persien. Er lebte radikale außerhalb gesellschaftlicher Normen und sein Wesen was unbequem, dirket und kompromisslos wahr. Seine größte Wirkung entfaltete er nicht durch Bücher, sondern durch Begegnungen mit anderen Menschen. Er traf unter anderem Dschalāl ad-Dīn Rūmī und verwandelte ihn von einem Gelehrten in einen ekstatischen Dichter der Liebe. Metaphorisch ausgedrückt war Shams wie ein Feuer, welches Rumi zu einer Flamme entzündete. Viele Texte die heute mit Rumi verbunden werden (z.B. der Divan-e Shams) sind eigentlich ein Echo dieser intensiven Verbindung zwischen Rumi und Shams von Tabriz.
Zur damaligen Zeit hat Shams von Tabriz nicht wie ein Professor gelehrt. Er hat Menschen erschüttert, ihre Identiät zerlegt und sie gezwungen hinter ihre eigenen masken zu schauen. Sein Karn war Liebe statt Konzept, Erfahrung statt Dogma und Wahrheit statt Anpassung. Damit Du einen Einblick in seine innere Welt bekommen kannst, findest Du im nachfolgenden eine Liste von übersetzten Aussagen von Shams von Tabriz:
"Ein Leben ohne Liebe ist nichts wert. Liebe hat keine Definition. Sie ist einfach"
"Statt Dich gegen Veränderung zu wheren, ergib Dich ihr. Woher weißt Du, dass unten nicht besser ist als oben?"
"Suche Himmel und Hölle nicht in der Zukunft. Wenn wir lieben, sind wir im Himmel. Wenn wir hasse, sind wir in der Hölle"
"Die Welt ist wie ein Berg, denn Dein Echo kommt zu Dir zurück"
"Der Teufel ist keine äußere Gestalt. Er ist eine Stimme in Dir. Wer seinen Teufel kennt, kennt seinen Gott"
"Die meisten Konflikte entstehen durch Sprache. In der Welt der Liebe hat Sprache keinen Platz"
"Es ist sinnlos zu wissen, wohin der Weg führt. Geh einfach den ersten Schritt"
Shams von Tabriz war kein Lehrer, der Dir gesagt hätte wer Du sein sollst. Er war jemand der Dich tief angeschaut hätte, um alles Unechte in Dir still werden zu lassen. Eine Lehre von Shams an Rumi wird in vielen Quellen immer wieder auf diesen Kern verdichtet: "Das was Du suchst, sucht Dich". Eine weitere Lehre könnte wie folgt übersetzt werden: "Dein Wissen ist ein Schleier. Wenn Du die Wahrheit willst, musst Du bereit sein alles loszulassen, was Du über Dich glaubst. Verlasse das Wissen, das Dich von Dir selbst trennt und tritt in das Feuer der Liebe ein". Stell Dir Shams von Tabriz so vor, dass jemand nicht kommt um Dir etwas beizubringen, sondern um alles in Dir zum Einsturz zu bringen, was Dich davon trennt wirklich zu fühlen. Dies ist einer meiner Ansätze in meinen Workshops, dass meiner Teilnehmer in ihr Herzbewusstsein eintreten, und aus dem Käfig ihres Geistes aussteigen. Eins nutzte Shams eine Art Koan, als er Rumi fragte: "Wer ist größer, Muhamamd oder Bayazid?". Diese paradoxe Frage war kein Vergleich, sondern wie ein Koan um Rumi aus seinem Verstand zu reißen. In einer Grundessenz könnte man sagen, dass Shams Rumi als erste Lektion folgendes lehrte: "Stirb als das was Du zu sein glaubst, damit Du wirst was Du bist". Eine Lektion die im wahrsten Sinne des Wortes eine schlagartige Freisetzung des wahren Seins. Auf der Verhaltensebene kann eine schlagartige Befreiung von Zwängen mit dem Compulsion Blowout aus dem Modell des NLP erreicht werden.
Was ist der Compulsion Blowout und wie wendest Du ihn als NLP-Format an?
Der Compulsion Blowout basiert auf einer einfachen und tiefgehenden Annahme. Ein Zwang entsteht nicht durch eine Situation selbst, sondern durch die Art wie die Situation innerlich repräsentiert wird. Damit ist ein inneres Bild, eine innere Stimme oder ein Gefühl gemient, welches so strukturiert wird, dass es eine Dringlichkeit erzeugt. Diese Dringlichkeit kann in Worten mit: "Ich muss das jetzt tun" übersetzt werden. Im NLP nennt man diese Struktur auch Submodalitäten, welche die feinen Untereigenschaften von Deinen Sinnen sind. Diese feinen Untereigenschaften bestimmten die Gesamtwahrnehmung Deiner inneren Bilder, Klänge, Gefühle, Gerüche und Geschmäcker. Deine inneren Bilder können zu Beispiel dunkel, strahlend, hell, farbig, kontrastreich oder nah vor Deinem geistigen Auge sein. Spannend finde ich an den Submodalitäten die ein Zwangsverhalten aufrechterhalten, dass diese Submodalitäten auf die eigenen Ziele übertragen werden können. Stell Dir einmal vor, dass Du auf einmal Erfolg haben musst? Der Compulsion Blowout jedenfalls nutzt genau diese Struktur, und treibt sie bewusst über ihre Grenzen hinaus bis sie ihre Wirkung verlieren.
Ein NLP-Format zum Zwänge zerplatzen lassen
Im nachfolgenden findest Du ein NLP-Format welches klar strukturiert ist. Ich habe das NLP-Format so formuliert, dass es einerseits Fachbegriffe aus dem NLP beinhaltet und gleichzeitig für Dich einfach praktisch anwendbar ist:
Die Zwangssituation identifizieren
Wähle zunächst eine konkrete und wiederkehrende Situation aus, in der Du ein zwanghaftes Verhalten erlebst. Wichtig ist dabei, dass die Situation klar eingrenzbar ist und der Zwang sollte reproduzierbar auftreten. Ein Beispiel: "Wenn ich anfange Schokolade zu essen, habe ich das Gefühl alles aufessen zu müssen"
Ziel des ersten Schrittes ist es, den Kontext zu definieren in dem der Zwang ausgelöst wird
Den unmittelbaren Auslöser (auch: Trigger) kurz vor dem Zwang finden
Richte Deine Aufmerksamkeit auf den Moment vor dem Zwangsgefühl
Frage Dich als nächstes folgende Fragen
Was sehe ich innerlich? (Bild)
Was höre ich innerlich? (innere Stimme, Worte)
Was fühle ich im Körper? (Gefühl, Druck, Spannung)
Identifiziere dabei den primären Trigger, welcher den Zwang einleitet. Der Trigger liegt vor Bruchteile von Sekunden vor dem bewussten Impuls
Die Treiber-Submodalität (auch: Untereingenschaft bzw. "UE") herausarbeiten
Nun untersuchst Du die feinen Untereigenschaften (Submodalitäten) dieses Triggers. Die zentrale Frage hierbei lautet: "Was genau macht den Zwang stärker?". Einige typische Treiber-Submodalitäten sind folgende:
Visuell
Wird das Bild größer?
Kommt das Bild näher?
Wird es heller oder schärfer?
Auditiv
Wird die Stimme heller?
Ist das Geräusch schneller?
Ist es eine eindringliche Stimme?
Kinästhetisch
Steigt der Druck?
Breitet sich das Gefühl aus?
Wird das Gefühl intensiver oder schneller?
Identifiziere exakt die Submodalität bzw. Submodalitäten welchen den Zwang antreiben. In diesem NLP-Format arbeitest Du nicht mit dem Inhalt selbst, sondern mit der Struktur der Erfahrung. Und die Veränderung der Struktur dieser Erfahrung führt zur Veränderung Deines subjektiven Erlebens
Blowout: Die Treiber-Submodalität extrem verstärken
Nun kommen wir zum eigentlichen Kernprozess. Nimm die identifizierte Treiber-Submodalität und beginne damit, sie systematisch zu übersteigern. Als Beispiele:
Wenn das Bild näher kommt, dann lass es extrem schnell auf Dich zurasen
Wenn die Stimme lauter wird, dann mache sie überlaut, verzerrt und übertrieben dominant
Wenn das Gefühl stärker wird, dann verstärke es über jede natürliche Grenze hinaus
Nun kommen wir zu dem zweiten Schritt der Eskalation
Das Bild bewegt sich immer schneller
Die Stimme wiederholt sich immer schneller
Der Impuls steigt sich in immer kürzeren Abständen
Am Ende ist es das Ziel, das System in eine Übersteuerung zu bringen. Dieser Prozess dauert typischerweise meist 30 bis 60 Sekunden
Test und Überprüfung
Nach der Verstärkungsphase kehrst Du bewusst zur Ausgangssituation zurück. Denke nun wieder an den ursprünglichen Kontext. Jetzt kannst Du Dir folgende Fragen stellen und Deine Reaktion beobachten:
Ist der Zwang noch da?
Hat er sich verändert?
Ist er schwächer, neutral oder verschwunden?
Mögliche Ergebnisse sind, dass der Zwang verschwunden ist und der Prozess erfolgreich war. Wenn der Zwang lediglich abgeschwächt ist dann wiederholst Du den vierten Schritt dieses NLP-Formats erneut. Sollte der Zwang unverändert sein, dann solltest Du prüfen, ob es sich um die Treiber-Submodalität gehandelt hat und dieses NLP-Format noch einmal von vorne durchgehen
Letztendlich ist ein Zwang eine überstabilisierte innere Struktur. Der Compulsion Blowout aus dem NLP destabilisiert dabei diese Struktur durch Übertreibung. Was Dich zwingt, verliert damit seine Macht wenn es übertrieben wird. Ich würde behaupten, dass Du vor diesem NLP-Format sogar erkennen solltest, dass der Zwang nicht Dein Feind ist. Er ist der Zugang zu der Stelle, in der Dein innerer Film beginnt. Und genau dort kannst Du ihn sprengen. Anstatt also auf einen Lehrer wie Shams von Trabriz zu warten, oder ein Training zu beanspruchen, kannst Du selbst initiative ergreifen und mit diesem NLP-Format einen Zwang selbst auflösen. Ich wünsche Dir viel Erfolg und Spaß mit der Anwendung des Compulsion Blowouts.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



Kommentare