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Der schnelle Weg führt an einen anderen Ort

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • 22. Aug.
  • 10 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.

Erfüllung im Bett entsteht nicht aus mehr Können, sondern aus einer anderen Art, in einem Körper zu sein.


Es gibt eine Bewegung, die fast alle Menschen beim Sex machen, ohne sie je bemerkt zu haben. Sie geht in eine Richtung: schneller, fester, angespannter und dem Höhepunkt entgegen. Es fühlt sich richtig an, weil es die einzige Bewegung ist, die man kennt. Und genau diese Bewegung ist der Grund, warum so viele Begegnungen an der Oberfläche bleiben, obwohl beide sich mehr wünschen. Denn der schnelle Weg führt nicht früher an denselben Ort. Er führt an einen anderen. Wer den langsamen Weg nie gegangen ist, kann gar nicht wissen, was dort liegt, und wird ehrlich behaupten, dort sei nichts. Der heutige Artikel beschreibt beide Wege, für die Frau und für den Mann und er beschreibt, was auf dem langsamen Weg möglich wird. Wenn Du beim Lesen den Impuls spürst, das alles sei viel zu langsam, dann ist das keine Kritik an dem Text, sondern schon die erste Beobachtung über Dich selbst.


Was bewusste Sexualität eigentlich meint


Auf der weiblichen Seite stütze ich mich dabei vor allem auf die jahrzehntelange Arbeit von Deborah Sundahl, auf der männlichen auf andere Autoren zur bewussten männlichen Sexualität. So verschieden diese Wege sind, sie führen zur selben Einsicht, die sich durch alles Folgende zieht. Es geht langsamer, nicht schneller, über Entspannung, nicht über Anspannung, über Wahrnehmung, nicht über Technik. Bewusste Sexualität ist kein neues Repertoire an Stellungen und Kniffen. Sie ist eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, weg vom Ergebnis, hin zu dem, was gerade tatsächlich geschieht. Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Liebhaber liegt nämlich nicht im Können. Er liegt in der Frage, wessen Erfahrung gerade im Mittelpunkt steht, und ob man merkt, wenn sich die Antwort darauf ändern muss. Das klingt unspektakulär, und es ist doch die ganze Sache.


Der Denkfehler, der fast überall gemacht wird ist, dieses Wissen als Werkzeugkasten zu behandeln, mit dem man etwas an einem anderen Menschen bewirkt. Sundahl beschreibt in ihrer Arbeit Frauen, die durch den Ehrgeiz ihrer Partner erschöpft wurden, nicht beglückt. Der Mann hatte seinen Stolz in die Häufigkeit gelegt, statt in die Aufmerksamkeit. Bewusste Sexualität dreht diese Richtung um. Sie fragt nicht, was ich bei jemandem schaffe, sondern was zwischen uns entstehen darf, wenn keiner mehr etwas schaffen muss.


Acht Faktoren, auf denen erfüllende Sexualität steht


Es gibt acht Faktoren, welche für eine erfüllende Sexualität eine wichtige Rolle einnehmen. Sie gelten für die Frau und für den Mann und keiner von ihnen ist eine Technik im engeren Sinne:


  • Langsamkeit: Sie ist keine spirituelle Empfehlung, sondern eine körperliche Notwendigkeit. Das Schwellgewebe füllt sich über Minuten, nicht über Sekunden, und vor dieser Füllung ist dort wenig zu spüren. Wer zu früh reibt, erzeugt Druck statt Empfindung und schließt genau den Zugang, den er öffnen wollte.

  • Sicherheit: Ein Körper, der beobachtet und bewertet wird, hält fest. Ein Körper, der sich sicher fühlt, lässt los. Gemeint ist dabei etwas Genaues, nämlich die Gewissheit, dass alles willkommen ist, was auftaucht. Nicht nur die Lust, sondern auch das Lachen, die Tränen, das Bedürfnis anzuhalten.

  • Wahrnehmung vor Technik: Die brauchbarste Frage im Moment ist nicht, wie halte ich etwas zurück oder wie mache ich etwas richtig, sondern schlicht, wo ist die Erregung gerade. Wer das spürt, braucht die meisten Kniffe nicht mehr.

  • Der Atem: Er ist der Hauptschalter. Angehaltener Atem ist Anspannung, und diese Anspannung geht direkt in den Beckenboden. Ausatmen im entscheidenden Moment ist deshalb wirksamer als jede Muskelübung.

  • Der Beckenboden: Er ist bei beiden Geschlechtern das übersehene Organ und entscheidet über Durchblutung, Empfindungsfähigkeit und Kontrolle. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen zu schwach und zu fest. Ein verspannter Beckenboden gehört gelöst, nicht trainiert, und wer im Becken Schmerz kennt, klärt das zuerst ab.

  • Die Entkopplung von Ejakulation und Orgasmus: Das ist der Satz, an dem das ganze Gebäude hängt. Ejakulation und Höhepunkt sind zwei verschiedene Vorgänge, bei der Frau wie beim Mann, und genau in dieser Trennung liegt der ganze Möglichkeitsraum.

  • Die Sprache: Zwei Menschen können die gesamte Anatomie kennen und trotzdem scheitern, weil sie im entscheidenden Moment nicht sprechen können. Eine Einladung wirkt anders als eine Ankündigung, und dieselbe Information, erotisch gesagt statt direktiv, führt statt zu prüfen.

  • Die Absichtslosigkeit: Beide Fähigkeiten, um die es gleich geht, scheitern am selben Zustand, nämlich am Zusehen. Sobald ein Ziel gesetzt wird, wird aus einer Begegnung eine Prüfung. Und an einer Prüfung kann man scheitern.


Diese acht sind kein Programm, das man abarbeitet. Sie sind eher der Boden, auf dem alles Weitere überhaupt erst wächst.


Was für die Frau zählt: der Erregungsaufbau


Bei der Frau entscheidet fast alles über die Zeit davor. Sundahl prüft vor jeder Technik drei Dinge, und das ist der Grund, warum ihr Ansatz besser trägt als die üblichen Anleitungen. Sie behandelt das Ausbleiben nicht als Technikproblem.


Das Erste ist die innere Haltung. Wenn erhebliche Vorbehalte da sind, Scham oder das Gefühl, unter Druck gesetzt zu werden, dann wird nicht angefangen. Ein erzwungener Versuch baut nur zusätzliche Hürden auf. Das Zweite ist der Beckenboden, der weder zu schwach noch zu fest sein sollte, und beides ist in Wochen veränderbar, nicht in einer Nacht. Das Dritte ist schlicht der richtige Zeitpunkt im Zyklus. Wenn eine Frau nach zehn Versuchen nichts erlebt, hat sie oft mit verspanntem Beckenboden, in der falschen Phase und unter den Augen ihres Partners geübt. Die Vorbedingungen sind nicht das Vorgeplänkel, sie sind die eigentliche Arbeit.


Der Erregungsaufbau selbst gehorcht einer Anatomie, die man kennen sollte. Es gibt zwei verschiedene Nervenbahnen, und sie fühlen sich völlig unterschiedlich an. Der Nervus pudendus versorgt die äußere Klitoris und meldet eine scharfe, elektrische, schnell ansprechbare Empfindung. Der Nervus pelvicus versorgt die tieferen Strukturen und trägt eine diffuse, langsam anlaufende, stark emotional getönte Empfindung. Die schnelle Bahn baut schneller auf als die tiefe. Wer zu schnell zum Ziel geht, bekommt deshalb strukturell die oberflächennahe Variante, nicht weil er etwas falsch macht, sondern weil er der schnelleren Bahn folgt.


Hier hilft ein Bild. Der Aufbau der weiblichen Erregung ist wie eine Flut, keine Pumpe. Man kann eine Pumpe schneller betätigen und bekommt mehr heraus. Eine Flut lässt sich nicht beschleunigen, sie steigt in ihrem eigenen Tempo, und alles, was man tun kann, ist, ihr nicht im Weg zu stehen. Das Schwellgewebe füllt sich, die Gebärmutter hebt sich, die Scheide verlängert sich, und erst wenn das geschehen ist, wird tiefe Berührung überhaupt angenehm. Vorher ist dort wenig zu finden, und genau das ist der Grund, warum ein ganzer Körperbereich als unauffindbar gilt. Er ist nicht unauffindbar. Er war nur noch nicht gefüllt.


Und dann ist da die Sache mit dem Loslassen. Sundahls durchgängigste Beobachtung über Jahrzehnte ist nicht anatomisch, sondern zwischenmenschlich. Frauen lassen los, wenn sie sich sicher fühlen, und sonst nicht. Die Reaktion des Partners im entscheidenden Moment wiegt dabei schwerer als jede Berührung. Sie dokumentiert Frauen, die nach einer ablehnenden Reaktion jahrelang verschlossen blieben, nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil sie sich unerwünscht fühlten. Und sie dokumentiert das Gegenteil, Frauen, deren Empfindsamkeit zurückkam, sobald ein Partner sie willkommen hieß. Das ist kein romantischer Zusatz. Es ist die Bedingung, unter der der Körper sich öffnet.


Für den Mann folgt daraus eine unbequeme Umkehrung des Instinkts. Wenn eine Frau das Thema anspricht, ist der Impuls fast immer, sofort etwas auszuprobieren. Der bessere Weg ist, erst zurückzufragen. Sie sendet in dem Moment ein Signal zum Reden, nicht zum Handeln. Wer das verwechselt, produziert eine erste Erfahrung, in der sich beide gescheitert fühlen.


Was für den Mann zählt: Ausdauer und die Kunst zu genießen


Der männliche Höhepunkt wird als ein Ereignis erlebt. Körperlich sind es zwei, die so eng aufeinanderfolgen, dass sie verschmelzen. Zuerst kommen die rhythmischen Kontraktionen, das eigentliche Lustgefühl, und erst danach die Emission, der Austritt der Flüssigkeit. Die Emission während des Höhepunkts zu bemerken, wäre wie das Vibrieren eines Telefons zu spüren, während man einen Presslufthammer bedient. Wer die zweite Phase weglässt, verliert also fast nichts an Empfindung. Und gewinnt alles an Fortsetzbarkeit. Der eigentliche Gewinn ist dabei nicht die Anzahl, sondern das Ausbleiben der Refraktärzeit, jener Phase nach der Ejakulation, in der Erektion, Erregbarkeit und meist auch das Interesse einbrechen. Ohne Emission fällt dieser Einbruch weg, die Erregung bleibt auf einem hohen Plateau, und von dort aus kann sie mehrfach in Höhepunkte münden.


Die Kernanleitung passt auf eine Postkarte. Stimulieren. Aufhören, ein bis vier Bewegungen bevor es zu spät ist. Vollständig entspannen und den Höhepunkt kommen lassen, statt ihn zu holen. Und wiederholen. Die goldene Regel dabei lautet, vor dem Höhepunkt zu entspannen, nicht danach. Das ist der kontraintuitive Kern, denn die gewohnte männliche Bewegung geht in die entgegengesetzte Richtung. Der Höhepunkt ist ein Zyklus aus Spannung und Entladung, und die Entladung braucht ein Nachlassen, kein weiteres Anziehen. Es ist wie in der Musik. Der Schlag baut die Spannung auf, aber es ist die Stille zwischen den Schlägen, die sie auflöst.


Der wichtigste Begriff für den Mann ist der berstende Druck. Kein Muskel der Welt hält gegen einen Druck, der bereits aufgebaut ist. Der Kampf gegen die Ejakulation im letzten Moment ist deshalb schon verloren, bevor er beginnt. Die Arbeit findet nicht in der letzten Sekunde statt, sondern fünf, zehn, zwanzig Minuten früher. Was den Druck aufbaut, ist die schnelle gleichförmige Reibung an der empfindlichsten Stelle, die zielgerichtete Erwartung und der Neuheitsreiz, den auch bloße Fantasie erzeugt. Was ihn abbaut, ist das Gegenteil, nämlich Präsenz, Vertrautheit, Langsamkeit und Zuwendung. Die brauchbare Formulierung dazu ist beobachtbar und braucht keine Esoterik: Erregung, die auf einen Reiz gerichtet ist, zieht sich zusammen. Erregung, die auf einen Menschen gerichtet ist, verteilt sich.


Der Beckenboden ist dabei ein Regler, keine Klemme. Als Notbremse funktioniert er, aber wer ihn hart und lange zusammenzieht, verhindert mit der Emission auch jeden Höhepunkt und baut zusätzliche Spannung auf, statt sie zu lösen. Gemeint ist eine leichte, gleichmäßige Grundspannung, die man ohnehin schon beherrscht. Genauso hältst Du gerade jetzt mühelos Urin zurück, ohne maximale Anstrengung. Es braucht keine Kraft, solange kein Druck da ist. Und wenn Kraft nötig wird, ist das die Rückmeldung, dass zu viel Druck aufgebaut wurde.

Bleibt der wirksamste und am meisten unterschätzte Teil, die Verlagerung der Aufmerksamkeit.


Wohin die Aufmerksamkeit geht, dorthin verlagert sich die Empfindung, und was nicht an einer Stelle konzentriert ist, drängt dort auch nicht auf Entladung. Man muss dafür an keine Energie glauben. Es genügt zu wissen, dass gelenkte Aufmerksamkeit die Wahrnehmung körperlicher Empfindungen nachweislich verändert, denn das ist die Grundlage jeder Schmerztherapie, jeder Körperreise und jeder Trance. Drei Wege gibt es. Von der Lust zur Zuwendung, indem man den Blick hebt und wahrnimmt, wen man da vor sich hat. Von der einen Stelle in den ganzen Körper, wofür die freie Hand auf dem Brustbein ein sofort wirksamer Anker ist. Und von innen nach außen, zur Partnerin hin, weil die Selbstbeobachtung nachlässt, die den Druck mit erzeugt. Es ist derselbe Mechanismus, der Lampenfieber auflöst, sobald man aufhört, sich beim Reden zuzusehen.


Wer eine Sitzpraxis hat, wird all das erkennen. Einem starken Impuls nicht zu folgen, ohne ihn zu bekämpfen, ist die Grundbewegung des Zazen. Nicht Unterdrückung, nicht Nachgeben, sondern das Dritte, das Beobachten, während es vorübergeht. Die gesamte männliche Praxis hier ist die Anwendung dieser einen Fertigkeit auf ein anderes Objekt. Und selbst wenn der trockene Höhepunkt nie eintritt, hast Du drei Dinge erworben, die die Sache für sich genommen schon wert sind: einen funktionierenden Beckenboden, ein feines Gespür für die eigene Erregungskurve und die Gewohnheit, langsam zu sein. Das ist kein Trostpreis. Das ist der eigentliche Gewinn.


Das Sitzen, in dem nichts getan wird


In mehreren Traditionen ist eine Form beschrieben, die von außen nach nichts aussieht und von innen die anspruchsvollste ist. Yab-Yum heißt sie im tibetischen Buddhismus, Karezza in der westlichen Fassung, die Alice Bunker Stockham 1896 formulierte. Zwei Menschen sitzen einander zugewandt, verbunden, aufrecht, die Arme umeinander, die Stirn kann sich berühren. Die Augen bleiben offen, der Blick wird gehalten, nicht angestrengt, sondern beiläufig, wie man in eine Flamme schaut. Der Atem findet einen gemeinsamen Rhythmus. Und dann geschieht nichts. Zehn Minuten, zwanzig, länger.


Was dabei geschieht, ist trotzdem eine Menge. Die Erregung hört auf, eine Linie zu sein, und wird zu einer Bewegung, die kommt und geht und wiederkommt, jedes Mal anders. In dem Moment, in dem beide wissen, dass nichts erreicht werden soll, hört die Bewertung auf. Und genau dann wird die Empfindung intensiver, nicht schwächer. Das ist die Pointe, die alle Traditionen an dieser Stelle machen. Diese Form ist deshalb nicht die spirituelle Zugabe zum Handwerk, sondern dessen Trainingsraum. Für den Mann ist sie die reinste Übung überhaupt, hohe Erregung bei minimaler Stimulation und vollständiger Entspannung. Für die Frau ist sie die Situation maximaler Sicherheit bei maximaler Zeit. Für beide ist sie die eine Situation, in der man aufhört, sich beim Sex zuzusehen.


Es braucht keine ganze Zeremonie, um das zu üben. Es gibt kleinere Formen, die in jeden Alltag passen. Nach dem Ende einfach verbunden liegen bleiben, fünf Minuten, ohne aufzustehen und ohne zum Telefon zu greifen. Mitten in der Bewegung anhalten, zehn Atemzüge nichts tun, dann weiter. Sich anziehen umarmen und atmen, ohne dass etwas daraus folgen soll, was die Verbindung zwischen Berührung und Erwartung löst, die in vielen Beziehungen der eigentliche Grund für das Nachlassen von Zärtlichkeit ist.


Wo dieses Wissen aufhört


So sehr all das trägt, es hat klare Grenzen, und die zu kennen gehört zur Sache dazu. Wiederkehrender Schmerz beim Verkehr gehört gynäkologisch abgeklärt, denn Endometriose, Zysten oder Entzündungen lösen sich nicht durch Technik. Anhaltende Beschwerden, Druck oder Schmerz im Beckenboden gehören in die Beckenboden-Physiotherapie, bei Männern wie bei Frauen, und werden bei Männern praktisch nie angesprochen, obwohl sie häufig sind. Deutlich nachlassende Erektionshärte gehört ärztlich untersucht, weil sie ein früher Marker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein kann. Und die tiefere Arbeit an Blockaden nach belastenden Erfahrungen gehört nicht ohne fachliche Begleitung in eine Partnerschaft, weil das, was dabei auftauchen kann, kein Terrain für Laien ist, auch nicht für gut gemeinte. Ein Techniktraining löst kein Beziehungsthema und keine seelische Verletzung. Das ist keine Schwäche dieses Weges, sondern die Bedingung, unter der er verantwortbar bleibt.


Dazu kommt eine Ehrlichkeit, die man selten hört. Anatomische Verschiedenheit ist real. Manche Frauen empfinden an der vorderen Scheidenwand wenig, und das ist keine Blockade, kein Trauma und kein Trainingsdefizit, sondern eine andere Konstellation. Und multiple Höhepunkte sind auch unter Männern, die es versuchen, nicht die Regel. Wer eine Fähigkeit beschreibt, muss deshalb im selben Atemzug beschreiben, dass ihr Ausbleiben normal ist. Sonst produziert man mit der Aufklärung genau das Gefühl von Unzulänglichkeit, das man beseitigen wollte. Ein Mensch, der weder das eine noch das andere kann, hat kein Defizit. Er hat eine andere Sexualität, mehr nicht.


Was es einem Leben gibt


Bleibt die Frage, die am Anfang stand. Warum sollte man sich darauf einlassen. Die schwächsten Antworten sind mehr Höhepunkte, mehr Energie, bessere Gesundheit, und ausgerechnet die werden zuerst gegeben. Die tragfähigen Antworten stehen woanders.


Bewusste Sexualität macht aus einem Ereignis eine Landschaft. Sex mit einem festen Ziel hat eine einzige Form, Aufstieg, Höhepunkt, Ende. Sobald das Ende nicht mehr an einem Punkt hängt, kann eine Begegnung viele Formen annehmen. Sie kann lange ruhig sein und dann heftig werden, sie kann ganz ruhig bleiben, sie kann ohne Höhepunkt enden und trotzdem vollständig sein. Der Gewinn ist nicht mehr davon, sondern mehr Arten davon. Sie löst außerdem ein sehr altes Missverhältnis, das in langen Beziehungen auf beiden Seiten klagt, nämlich das Zeitproblem. Seine Zeit wird länger, ihre Zeit wird kürzer, und beide bewegen sich aufeinander zu. Und sie verändert, was Berührung bedeutet, weil Berührung nichts mehr ankündigen muss und dadurch wieder frei wird. Das ist vermutlich der praktisch größte Effekt dieser ganzen Praxis, und er hat mit Höhepunkten überhaupt nichts zu tun.


Am Ende läuft alles auf dieselbe Fertigkeit hinaus, die auf dem Kissen, auf der Matte, im Gespräch und im Ring trainiert wird. Wahrnehmen, was gerade ist, statt zu verfolgen, was sein soll. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet der Bereich, der als der ungeübteste des Lebens gilt, dieselbe Fertigkeit verlangt wie alle anderen. Und dass sie dort besonders schwer ist, weil der Sog so stark ist. Was übrig bleibt, wenn man alle Überzeugungsarbeit abzieht, ist erstaunlich schlicht und ziemlich anspruchsvoll. Zeit nehmen. Hinschauen. Nicht bewerten. Nicht zielen. Und wissen, was man da eigentlich berührt. Das Ziel ist nämlich nicht der Höhepunkt und nicht die Ejakulation. Das Ziel ist die Bewegung dorthin.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈







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