Was Anziehung Dich lehren will

Aktualisiert: vor 3 Tagen
Wo es Dich hinzieht wartet meistens eine Lektion auf Dich und selten nur ein Mensch.
In meinen Einzeltrainings erzählen mir Menschen immer wieder von einer Anziehung, die sie sich selbst nicht erklären können. Manchmal ist es ein Kollege oder eine Begegnung auf einem Seminar, die seit Wochen in ihnen nachhallt. Manchmal ist es ein Mensch, bei dem sie genau wissen dass Abstand vernünftiger wäre und um den ihre Gedanken trotzdem jeden Abend kreisen. Je stärker uns Menschen etwas anzieht, desto sicherer ist es, dass es im eigenen Seelenleben gerade etwas zu lernen gibt.
Anziehung ist ein Hinweisschild und kein Urteil
Wir behandeln Anziehung gern wie ein Urteil des Lebens über den richtigen Menschen, dem wir nur noch folgen müssten. Ich verstehe sie eher als Hinweisschild an einer Weggabelung, das auf die Stelle in Dir zeigt an der gerade Bewegung entstehen will. Das Schild selbst ist nicht das Ziel und wer das verwechselt läuft einem Menschen hinterher statt dem eigenen Wachstum. Aus meiner Erfahrung trägt eine starke Anziehung drei Lektionen in sich und oft wirken alle drei gleichzeitig.
Der Spiegel des anderen: Schatten und Gold
Carl Gustav Jung hat beschrieben wie wir das Unbewusste in uns zuerst draußen am anderen entdecken. Den ungesehenen Teil unserer Persönlichkeit nannte er den Schatten und den Vorgang dahinter Projektion. Nicht jede Wahrnehmung ist dabei eine Projektion, denn manchmal ist der andere einfach so wie Du ihn erlebst. Ein verlässlicher Hinweis ist die Ladung: Wenn Dir eine Eigenschaft nicht nur auffällt sondern Dich aufwühlt und nicht mehr loslässt, dann berührt sie etwas in Dir. Die erste Seite ist der dunkle Schatten mit allem was wir früh als falsch oder gefährlich gelernt haben. Wenn Dich die Rücksichtslosigkeit eines Menschen zugleich abstößt und fesselt, begegnest Du vielleicht Deiner eigenen Durchsetzungskraft die Du lange unter Verschluss gehalten hast. Die Arbeit besteht dann nicht darin rücksichtslos zu werden. Sie besteht darin die Kraft dahinter zurückzuholen und bewusst einzusetzen, etwa indem Du in der nächsten Besprechung klar sagst was Du willst.
Die zweite Seite wird in der Tradition Jungs der goldene Schatten genannt. Auch unsere Stärken verdrängen wir nämlich, wenn sie in unserer Familie oder Kultur keinen Platz hatten. Dann bewundern wir an anderen die Gelassenheit oder den Mut und halten uns selbst für unfähig dazu. Wie Milton H. Erickson gehe ich davon aus dass alle Ressourcen für ein erfülltes Leben bereits in Dir liegen und Deine Bewunderung Dir nur zeigt wo das Gold noch darauf wartet gelebt zu werden. Gerade bei starker Anziehung wirken beide Seiten oft gleichzeitig und genau das macht sie so verwirrend. Jung sah das Ziel nicht darin den Schatten loszuwerden, sondern ihn zu integrieren und dadurch ganzer zu werden. Wer seinen dunklen und goldenen Schatten zu sich zurückholt braucht den anderen nicht mehr als Träger dafür und kann ihm freier begegnen.
Das Entwicklungspotenzial
Die zweite Lektion liegt in der Situation selbst, denn eine starke Anziehung bringt Dich fast immer an die Grenze Deiner alten Verhaltensmuster. Die einen passen sich an bis von ihnen selbst wenig übrig bleibt, sie antworten sofort auf jede Nachricht und sagen Treffen ab die ihnen eigentlich wichtig sind. Die anderen ziehen sich zurück sobald es ernst wird und finden plötzlich tausend Gründe warum es ohnehin nicht passt. Beide Muster werden in einer solchen Begegnung lauter als sonst und das ist unbequem und zugleich ein Geschenk. An einem Menschen der Dir gleichgültig ist würdest Du nie so deutlich sehen wie Du eigentlich funktionierst. Die Frage die hier weiterführt lautet deshalb nicht ob dieser Mensch zu Dir passt, sondern wer Du in dieser Begegnung werden könntest wenn Du nicht in Dein altes Programm zurückfällst.
Die unbewusste Sehnsucht
Die dritte Lektion ist die leiseste und oft die tiefste, denn Anziehung signalisiert häufig ein inneres Bedürfnis nach Ganzheit. Wir fühlen uns von dem angezogen was wir in uns selbst gerade vermissen oder schmerzhaft herbeisehnen und der andere wird dann zum fehlenden Puzzleteil. Das erklärt auch warum sich manche Anziehung so schicksalhaft anfühlt obwohl man den Menschen kaum kennt. Eine einfache Frage bringt hier Klarheit: Wie fühle ich mich in der Nähe dieses Menschen und was davon fehlt mir im Rest meines Lebens?
Wer bei einem ruhigen und verlässlichen Menschen zum ersten Mal seit Monaten durchatmet sehnt sich vermutlich nach Geborgenheit. Wer sich zu jemandem hingezogen fühlt der ungebunden durch die Welt reist sehnt sich vielleicht nach Freiheit. Und wer neben einem wilden und spontanen Menschen plötzlich wieder lacht wie als Kind vermisst womöglich die eigene Lebendigkeit. Die Sehnsucht ist echt und verdient Deine volle Aufmerksamkeit, nur wird sie selten dauerhaft gestillt indem Du sie einem anderen Menschen überträgst. Wer Geborgenheit sucht darf lernen sie sich zuerst selbst zu geben und erst dann kann ein anderer sie ergänzen statt sie ersetzen zu müssen.
Wenn Anziehung falsch gelernt ist
Nicht jede Anziehung zeigt auf etwas das Dir gut tut. Manchmal zieht uns gerade das an was wir früh als Liebe kennengelernt haben, auch wenn es uns schon damals wehgetan hat. Wer als Kind Zuwendung nur in seltenen guten Momenten bekam fühlt sich später oft zu Menschen hingezogen die im Wechsel warm und kalt sind. Das Vertraute fühlt sich dann wie Seelenverwandtschaft an und ist in Wahrheit die Wiederholung einer alten Wunde.
Die Psychologie spricht hier von intermittierender Verstärkung. Ein Mensch der mal liebevoll und mal abweisend ist bindet uns stärker als einer der verlässlich freundlich ist, weil unser Nervensystem auf das nächste gute Zeichen wartet wie auf einen Gewinn. Diese Spannung verwechseln viele mit Leidenschaft und halten die Ruhe eines verlässlichen Menschen für Langeweile. Ein gutes Unterscheidungsmerkmal ist Dein Zustand nach der Begegnung: Gesunde Anziehung lässt Dich lebendiger und klarer zurück, falsch gelernte Anziehung lässt Dich unruhig und kleiner zurück und wartend auf das nächste Signal.
Woran Du Missbrauch erkennst
Manchmal geht es um mehr als ein ungünstiges Muster. Emotionaler Missbrauch beginnt selten offensichtlich und häufig sogar mit sehr viel Aufmerksamkeit und großen Gefühlen in kurzer Zeit. Diese Warnzeichen verdienen Deinen ehrlichen Blick:
Du wirst anfangs mit Komplimenten und Zukunftsplänen überschüttet, lange bevor Ihr Euch wirklich kennt.
Deine Wahrnehmung wird regelmäßig infrage gestellt, etwa mit Sätzen wie „Das bildest Du Dir nur ein“ oder „Du bist einfach zu empfindlich“.
Du ziehst Dich nach und nach von Freunden und Familie zurück, weil es sonst Streit gibt.
Zuneigung wird als Belohnung geschenkt und als Strafe entzogen, oft durch tagelanges Schweigen.
Du entschuldigst Dich ständig und überlegst Dir vorher genau wie Du etwas sagst, damit der andere nicht wütend wird.
Der andere kontrolliert Dein Handy, Dein Geld oder wen Du triffst.
Es kommt zu Drohungen, Einschüchterung oder körperlicher Gewalt.
Wenn Du Dich in mehreren Punkten wiederfindest, ist das kein Lernfeld mehr das Du allein mit Dir ausmachst. Dann geht es um Deinen Schutz und Du verdienst Unterstützung von außen. Sprich mit einem Menschen dem Du vertraust und hol Dir professionelle Hilfe. In Deutschland erreichst Du das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr unter 116 016 und das Hilfetelefon Gewalt an Männern unter 0800 123 99 00, beide kostenlos und vertraulich.
Vermeider oder Narzisst: außen ähnlich und innen verschieden
Zwei Menschen können sich von außen fast gleich verhalten und innen aus völlig verschiedenen Gründen handeln. Beide ziehen sich zurück, beide wirken manchmal kühl und bei beiden fühlst Du Dich nach einer Weile verunsichert. Gerade deshalb braucht es hier eine feine Wahrnehmung dessen was bei einem Menschen wirklich los ist. Eine Vorbemerkung gehört dazu: Diese Begriffe sind Beschreibungen von Mustern und keine Diagnosen, denn eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann nur eine Fachperson feststellen.
Der Vermeider
Ein Mensch mit vermeidendem Bindungsstil hat früh gelernt dass Nähe gefährlich werden kann und dass er sich am Ende nur auf sich selbst verlassen darf. Sobald es schön und vertraut wird, meldet sich in ihm die Angst vor Vereinnahmung und er braucht plötzlich Abstand. Sein Rückzug dient dem eigenen Schutz und ist meistens nicht gegen Dich gerichtet. Er wertet Dich nicht gezielt ab und er braucht Deine Bewunderung nicht, um sich wertvoll zu fühlen. Oft kommt er wieder sobald der Druck nachlässt und bereut im Stillen dass er so weit weggegangen ist.
Warum Nähe Angst machen kann
Hinter dem Rückzug stehen meist zwei verschiedene Ursachen und es lohnt sich sie auseinanderzuhalten. Bei manchen Menschen ist Nähe mit Schmerz und Angst verknüpft, weil sie früh erlebt haben dass ausgerechnet die Menschen die ihnen am nächsten waren sie verletzt oder allein gelassen haben. Ihr Nervensystem schlägt dann Alarm sobald jemand näherkommt, lange bevor der Verstand überhaupt mitreden kann. Hier geht es zuerst darum diese alte Verknüpfung zu lösen, damit Nähe wieder als sicher erlebt werden darf.
Andere haben gelernt dass sie sich selbst verlieren wenn sie einem Menschen nah sind. Vielleicht mussten sie als Kind die Gefühle eines Elternteils mittragen und hatten kaum Raum für die eigenen. Für sie ist Distanz der einzige Weg bei sich zu bleiben und deshalb ziehen sie Grenzen die von außen hart wirken. Ihre Lernaufgabe ist eine andere: Sie dürfen erfahren dass sie nah sein können und gleichzeitig mit sich selbst in Resonanz bleiben. Erst wenn beides zusammengeht muss Nähe nicht mehr mit Abstand bezahlt werden.
Der Narzisst
Bei einem narzisstischen Muster dreht sich die Beziehung um etwas anderes. Sein Selbstwert ist zerbrechlich und wird vor allem durch andere Menschen stabilisiert, durch ihre Bewunderung und ihre Aufmerksamkeit. Nähe ist für ihn weniger eine Gefahr als ein Mittel zur Bestätigung. Solange Du ihn spiegelst idealisiert er Dich, und sobald Du Kritik übst oder eigene Bedürfnisse zeigst kippt das in Abwertung. Typisch sind der Wechsel von Idealisierung und Entwertung, die Umkehr von Schuld und eine Empathie die nur dann auftaucht wenn sie ihm nützt.
Woran Du den Unterschied erkennst
Drei Fragen helfen Dir dabei die beiden Muster auseinanderzuhalten:
Was passiert wenn Du eine Grenze setzt? Der Vermeider zieht sich eher zurück oder wirkt erleichtert. Der Narzisst reagiert gekränkt, wertet Dich ab oder dreht die Sache so dass Du Dich am Ende entschuldigst.
Worum dreht sich der Kontakt? Beim Vermeider geht es um seinen Freiraum. Beim Narzissten geht es um sein Bild und darum wie er vor Dir und anderen dasteht.
Was passiert wenn Du gehst? Der Vermeider spürt oft erst mit Abstand wie viel Du ihm bedeutest. Der Narzisst versucht Dich zurückzuholen sobald ihm die Bestätigung fehlt oder ersetzt Dich erstaunlich schnell.
Auch der Mensch selbst kann sich diese Fragen stellen. Ein Vermeider kann bemerken dass er sich ausgerechnet dann zurückzieht wenn es gut wird. Ein Mensch mit narzisstischen Anteilen kann sich fragen ob er die Bewunderung anderer braucht um sich gut zu fühlen und abwertet wenn sie ausbleibt. Die meisten schauen da nicht freiwillig hin, weil die Struktur ihrer Muster so starr ist und der Blick nach innen zu bedrohlich wirkt. Wer es trotzdem tut hat bereits den wichtigsten Schritt gemacht.
Typische Paarungen
Bestimmte Menschen ziehen sich auffällig oft gegenseitig an. Sehr empathische Menschen fühlen sich häufig zu narzisstischen Persönlichkeiten hingezogen und in meiner Arbeit erlebe ich das nicht selten bei jungen Frauen. Ihre Empathie wird dort zur Quelle der Bestätigung für den anderen und genau das macht diese Verbindung so zäh. Ängstlich gebundene Menschen treffen oft auf Vermeider und geraten in einen Tanz, in dem der eine immer mehr Nähe sucht und der andere immer weiter zurückweicht. Und selbst ein sicher gebundener Mensch bleibt davon nicht unberührt.
Ich selbst bezeichne mich als erlernt sicher gebunden, weil ich mir diese Sicherheit über Jahre erarbeitet und in einer langjährigen Beziehung gelernt habe. Trotzdem hatte ich in der Begegnung mit einer Frau mit eher vermeidendem Bindungsstil absoluten Stress im Nervensystem durch das ständige Hin und Her. Was mir geholfen hat war nicht mehr Empathie, sondern die Erkenntnis dass ihr Rückzug ein Muster ist und nichts über meinen Wert aussagt. Der Rückzug lag nicht an mir und er lag auch nicht an ihr als Mensch, sondern an einer Strategie die sie irgendwann zum Schutz gelernt hat.
Wie Du Zeit mit diesen Menschen verbringst
Aus dieser Klarheit heraus kannst Du bewusst entscheiden wie Du mit einem solchen Menschen umgehst. Mit einem Vermeider hilft es das Tempo herauszunehmen und ihm Raum zu lassen, ohne Dein eigenes Leben für ihn auf Pause zu stellen. Kläre wichtige Dinge im persönlichen Gespräch statt per Nachricht und halte Deine Termine nicht für ihn frei. Ein Satz wie „Ich verbringe gern Zeit mit Dir und lasse Dir den Raum den Du brauchst, melde Dich gern wenn Dir danach ist“ zeigt Nähe ohne Druck. Mit einem narzisstischen Muster sieht es anders aus. Rechtfertige Dich nicht endlos, teile Deine tiefsten Verletzlichkeiten nur dort wo sie sicher sind und reduziere den Kontakt deutlich. Sobald Du die Warnzeichen von oben erkennst, ist Abstand keine Härte sondern Selbstachtung.
Realistisch bleiben und einen Schritt zurück gehen
Eine so starke Kraft rüttelt das Seelenleben auf und genau deshalb braucht sie ein Gegengewicht. Realistisch zu sein bedeutet für mich nicht die Anziehung kleinzureden. Es bedeutet sie ernst zu nehmen und gleichzeitig zu prüfen was tatsächlich zwischen Euch geschieht und was nur in Dir.
Was realistisch sein konkret heißt
Schreib einmal zwei Spalten auf. In die eine kommt was der andere tatsächlich gesagt und getan hat, also etwa dass er zweimal ein Treffen vorgeschlagen und einmal kurzfristig abgesagt hat. In die andere kommt was Du daraus gemacht hast, etwa dass er bestimmt dasselbe fühlt oder dass er Dich eigentlich gar nicht will. Meistens ist die zweite Spalte viel länger als die erste und genau dort arbeitet Deine eigene Geschichte.
Wie ein Schritt zurück aussieht
Wenn sich Eure Wege trennen oder die Begegnung schmerzhaft auseinanderbricht, ist der weiseste Schritt oft ein Schritt zurück. Das heißt ganz praktisch dass Du nicht mehr mehrmals am Tag sein Profil anschaust und alte Nachrichten nicht wieder und wieder liest. Es heißt auch dass Du keine wichtige Entscheidung triffst solange Dein Herz noch im Sturm ist und Dir stattdessen eine feste Frist gibst, zum Beispiel zwei Wochen. In dieser Zeit holst Du Dir zurück was Dich trägt: Dein Training, Deine Freunde und den Tagesrhythmus den Du vor dieser Begegnung hattest.
Eine gesunde vorübergehende Grenze ziehen
Ein Schritt zurück wirkt leichter wenn Du ihn klar und freundlich aussprichst statt einfach zu verschwinden. Eine Grenze ist dabei keine Strafe für den anderen, sondern ein Schutzraum für Dich. Sie darf ausdrücklich vorübergehend sein und genau das macht sie für beide Seiten annehmbar. Du könntest zum Beispiel schreiben:
„Ich merke dass mich unser Kontakt gerade sehr beschäftigt. Ich nehme mir deshalb zwei Wochen Abstand und melde mich danach bei Dir.“
„Ich brauche gerade etwas Zeit für mich und das ist kein Vorwurf an Dich. Lass uns nach dem Wochenende in Ruhe sprechen.“
„Ich möchte im Moment nicht über uns schreiben, sondern lieber reden wenn ich wieder klarer bin.“
Wichtig ist dass Du die Grenze dann auch hältst und Dich zur angekündigten Zeit wirklich meldest. So lernt Dein Nervensystem dass Abstand nicht Verlust bedeutet und der andere erlebt Dich als jemanden der gut für sich sorgen kann. Außerdem ist es mir wichtig zu erwähnen, dass manche Menschen sich schlicht frei entfalten wollen, und können Nähe und Freiheit nicht zugleich leben, oder befinden sich mit diesem vorübergehenden Bedürfnis in einer bestimmten Lebensphase. Das ist keine Abwehr und kein verstecktes Muster, sondern ein Bedürfnis, das Du ernst nehmen darfst.
Deshalb lohnt sich Vorsicht, bevor Du aus einer einzelnen Beobachtung ein Urteil über einen Menschen bildest. Ein einzelner Fakt sagt wenig über den ganzen Menschen, und erst wenn sich mehrere Wahrnehmungen über einen längeren Zeitraum zu einem Muster fügen, kannst Du vorsichtig Rückschlüsse ziehen. Bis dahin ist es klüger, Tatsachen zu sammeln, als vorschnell zu psychologisieren.
Kurzausflug: Liebe als heilende Kraft im gegenwärtigen Moment
Bei allem Schutz und allen Grenzen soll eines nicht untergehen: Liebe selbst ist eine heilende Kraft. Es gibt Momente zwischen zwei Menschen, in denen beide sich ineinander verlieren und für eine Weile eins werden. Das geschieht nicht durch Planen oder Festhalten, sondern nur wenn beide ganz im Moment sind und in diesem Augenblick nichts voneinander wollen außer genau diesem Augenblick. Ich halte das für eine der schönsten Erfahrungen die ein Mensch machen kann und vermutlich kennen sie gar nicht so viele.
Der Unterschied zum Sich-selbst-Verlieren von weiter oben liegt in drei Dingen. Diese Verschmelzung geschieht gegenseitig, sie geschieht freiwillig und sie ist vorübergehend. Verliert sich nur einer im anderen, dann wird aus Hingabe eine Abhängigkeit und das eigene Leben rückt immer weiter weg. Verlieren sich beide und finden danach wieder zu sich zurück, dann nährt das beide. Denn nach jeder Verschmelzung gilt es wieder bei sich anzukommen. Du bist ein eigenständiger Mensch mit einem eigenen Weg und genau dieses Zurückkommen macht die nächste echte Begegnung erst möglich. Liebe heißt in diesem Sinne nah sein können und frei bleiben, im Moment eins sein und danach wieder ganz Du selbst.
Die goldene Tasse
Und manchmal zerbricht trotzdem etwas. In Japan hat man zwei Möglichkeiten wenn eine Tontasse herunterfällt. Man kann die Scherben wegwerfen und sich eine neue kaufen, so wie wir es heute oft mit Dingen und leider auch mit Beziehungen tun. Oder man hebt die Scherben auf und fügt sie mit einem Lack aus Goldstaub achtsam wieder zusammen. Diese Kunst heißt Kintsugi und am Ende steht eine Tasse, die durch ihre goldenen Linien einzigartig geworden ist. Man sagt dann die Tasse hat Charakter bekommen.
Ich finde das ein schönes Bild für das was eine solche Begegnung mit uns macht. Manchmal braucht es diese Momente in denen Dich das Leben komplett durchschüttelt und alles in Scherben fliegt, damit sich die Dinge überhaupt neu ordnen können. Das ist unangenehm und es gehört offenbar zum Leben dazu. Wer seine Scherben aufhebt statt sie wegzuwerfen, trägt danach goldene Linien in sich und genau sie machen ihn zu jemandem, der weiß wovon er spricht.
Vom Verstehen zum Verkörpern
Hier entscheidet sich ob dieser Artikel etwas in Dir bewegt, deshalb nimm Dir eine Sache davon und nicht alle:
Benenne die Lektion. Schreib auf was Dich an diesem Menschen anzieht und frag Dich bei jedem Punkt ob er Dir einen dunklen oder goldenen Schatten zeigt, einen Wachstumsschritt oder eine Sehnsucht.
Hol Dir ein Stück Gold zurück. Such Dir eine Eigenschaft aus die Du an ihm bewunderst und lebe sie diese Woche einmal ganz bewusst in einer kleinen Situation.
Gib Dir selbst was Du suchst. Wähle eine Sehnsucht aus und tu sieben Tage lang jeden Tag eine kleine Sache die Dir genau dieses Gefühl schenkt.
Zieh die zwei Spalten. Trenne was der andere wirklich getan hat von dem was Du hineingelesen hast.
Sprich Deine Grenze aus. Wenn es auseinandergeht nimm Dir einen der Sätze oben und formuliere ihn in Deinen eigenen Worten.
Anziehung ist am Ende weniger die Frage wen Du bekommst, als eine Einladung dazu wer Du werden kannst. Wenn Du ihre Lektion annimmst behältst Du das Wertvollste ganz gleich wie die Geschichte mit dem anderen ausgeht. Beim nächsten Mal erkennst Du schon am Ziehen in der Brust dass es wieder etwas zu lernen gibt.
Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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