Der Zustand des Zen und die Praxis des Zazen
- Florian Stotz

- 26. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Tauche tiefer in die Unterwasserwelt des Zen und Zazen ein.
Vor wenigen Wochen tauchte ich erneut für einige Zeit in die Lehren von Zen-Meister Dōgen Zenji ein. Sie lassen sich bildlich so beschreiben, als blicktest Du in eine klare Quelle, doch je länger Du hineinschaust, desto mehr verschwindet, was Du zu verstehen glaubtest. Manche Menschen tragen einen sehr negativen Glauben über sich selbst in sich. Ein Zen-Meister würde diesen Glauben Stück für Stück durch positive Bambusstützen ersetzen, um daraus allmählich ein Bambusgebäude zu errichten. Sobald das Gebäude des positiven Glaubens steht, würde er es durch einen präzisen Impuls wieder einstürzen lassen und fragen: Wer bist Du, wenn Dein Glaube abwesend ist?
Ein tiefer Blick in den Zustand des Zen
Manchmal werde ich gefragt, wie ich den Zustand des Zen mit eigenen Worten beschreiben würde. Doch schon mit dem bloßen Versuch einer Beschreibung befindet man sich auf dem brüchigen Eis eines zugefrorenen Sees im Winter. Stell Dir vor, Du sitzt im Frühling auf einer Parkbank und blickst auf ein Beet voller bunter Rosen. In Dir kann sich ein tiefer Frieden ausbreiten, wie in jenen Momenten Deines Lebens, in denen Du vollständig erfüllt warst. Nichts fehlt, der Körper ist entspannt, die Gefühle sind still, die Gedanken abwesend, und nur reines Sein existiert im Moment. Und dann lässt Du das Eis brechen, denn Vorstellungen im Geist haben mit dem Zustand des Zen nichts zu tun. Er ist in jedem Moment gegenwärtig, sobald Du das Eis brechen lässt.
Im Zen gibt es eine Übung, die ich selbst schon oft praktiziert habe. Du bereitest Dir einen grünen Tee zu und gießt ihn in eine Tasse. Dann tauchst Du tiefer in den Moment ein, indem Du den Tee immer genauer wahrnimmst. Du betrachtest die farblichen Nuancen des Tees, schmeckst seine geschmacklichen Nuancen und riechst seine verschiedenen Düfte. Am Ende nimmst Du all diese einzelnen Eindrücke als ein Ganzes wahr. Das Spannende an dieser Übung ist, dass in ihr auch eine Erkenntnis der Neuropsychologie verborgen liegt. Unser Gehirn vernetzt sich neu, wenn wir bewusst in den Moment und in seine verschiedenen Ebenen (auch: Schichten) eintauchen. Dieses Phänomen wird Neuroplastizität genannt, die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu verschalten, wenn man intensiv in neue Erfahrungen, Konzepte oder veränderte Wahrnehmungen der Wirklichkeit eintaucht. Um nun noch tiefer in das Zen einzutauchen, kommen wir zum Zazen (auch: stilles Sitzen).
Zazen als Tor zu mehr Leichtigkeit
Vielleicht hast Du Dich mit dem Buddhismus beschäftigt und fragst Dich nun: Warum sollte ich Zazen praktizieren? Hat Buddha nicht gelehrt, dass in den vier Haltungen, also im Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen, praktiziert werden soll? Warum legst Du so viel Gewicht auf das Zazen? Meine Antwort wäre: Schau Dir die Ahnen an, jene Zen-Meister, die uns diesen Weg wie eine feurige Spur in den Schnee gezeichnet haben. Wir können nicht jedes Detail ihrer Reise kennen, aber wir können ihre Autorität deutlich spüren. Und diese Autorität hat sich durch die Praxis selbst herausgebildet.
Viele Zen-Meister nannten das Zazen (auch: Sitzmeditation) das Tor zur Leichtigkeit und Freude. Es ist die einfachste und reinste Form, sich dem Mysterium des Seins zu stellen. Manchen mag es wie eine Krücke erscheinen, um einen tieferen Einblick zu gewinnen. Diese Menschen halten Zazen oft für etwas, das nur Anfängern dient, die noch im Nebel der Verwirrung umhertappen. Warum also sollten Menschen, die überzeugt sind, den Durchblick zu haben, weiterhin sitzen? Sie vom Zazen überzeugen zu wollen, wäre so vergeblich, wie einem Holzfäller im Wald ein Ruder in die Hand zu drücken und zu sagen: Fang an zu hacken.
Im wahren Zen sind Praxis und Verwirklichung eins. Du setzt Dich nicht hin, um irgendwann erleuchtet zu werden, denn das Sitzen selbst ist bereits das Erwachen im Moment. Der Entschluss, die Wahrheit zu suchen, ist schon die vollständige Gewissheit Deines Seins. Wenn Du dasitzt und darauf wartest, dass plötzlich ein leuchtender Blitz einschlägt, den Du Erleuchtung nennst, dann suchst Du außerhalb Deiner selbst. Die Praxis des Zazen zeigt mit dem Finger direkt auf Deine ursprüngliche, innewohnende Natur. Und weil dieses Erwachen keine Grenzen kennt, hat Deine Praxis weder Anfang noch Ende. Du wirst bereits vom Erwachen getragen, so wie Bodhidharma und all die alten Giganten von ihrer Praxis getragen und bewegt wurden. Merke Dir vor allem, dass Übung und Erwachen nicht zwei sind, sondern eins. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem blutigen Anfänger und dem Zen-Meister, es gibt nur das Tun selbst. Es ist nicht so, dass es keine Erleuchtung gäbe. Doch sie lässt sich nicht wie eine Trophäe greifen und nicht vom eigenen Ego beflecken. Im Gegenteil, das Ego verbrennt wie ein Körper, der der Sonne zu nahe kommt. Und sobald Du den Weg endlich klar siehst, bist Du derjenige, der ihn einfach geht.
Wer Zazen praktiziert, sollte Gedanken voller Stolz, etwa „Ich praktiziere gerade etwas ganz Großartiges", vollständig fallenlassen. Und genau in dem Moment, in dem Du diesen Stolz loslässt, füllt die angeborene Erleuchtung Dein ganzes Sein bis zum Überlaufen. Wenn Du Dich von der Vorstellung reinigst, erleuchtet sein zu müssen, durchdringt die wunderbare Praxis des Zazen jede Zelle Deines Seins.

Ein kleiner Blick in die innere Welt eines Zen-Großmeisters
Jene Zen-Großmeister, die feurige Spuren in den Schnee gezogen haben, tragen eine Ausstrahlung und Haltung in sich, die sich nicht fälschen lässt. Denn ein Zen-Großmeister trägt vor allem innere Ruhe, tiefen Frieden und eine positive Energie in sich. Diese innere Energie und äußere Ausstrahlung wirkt auf andere Menschen stark anziehend. Viele suchen einen solchen Meister auf, um innere Stabilität und Lebensfreude wiederzufinden. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Lebensphase sie sich befinden, denn ein Zen-Großmeister hat ein offenes Herz und umarmt seine Umwelt mit einer wärmenden Liebe, so wie eine liebende Mutter ihr Kind. Selbst wenn die Umwelt zum Wirbelsturm wird, bleibt er mit seiner Präsenz im Hier und Jetzt als dessen ruhiges Zentrum fest verankert. Und aus dieser Präsenz und Balance heraus ist es ihm möglich, auch in anderen Menschen wieder Balance herzustellen. Das geschieht manchmal ganz ohne Worte, allein durch reine Präsenz und bestimmte Handlungen.
Ein wahrer Zen-Großmeister verweilt in seiner inneren Ruhe, während sich die Menschen um ihn wie eine große Familie versammeln. Er benennt die Themen und Anliegen dieser Menschen und gibt Impulse zu deren Auflösung. Wenn sie daraufhin ihren Weg klarer sehen, beginnen sie meist auch, ihn zu gehen. Manchen gelingt das ganz allein, während andere hin und wieder zum Meister zurückkehren. Wie auch immer, solange der Zen-Großmeister lebt, ist er ein Zentrum der Balance für diese Menschen und gibt ihnen zugleich Impulse, selbst ihr eigenes Zentrum der Balance zu werden. Diese Form des Seins lässt sich nicht spielen und nicht fälschen, denn sie ist fließend wie ein Fluss. Ein Fluss des Seins, der den Menschen Halt gibt und sie zugleich frei ihren Weg gehen lässt, während der sichere Hafen präsent bleibt. Und vielleicht hat mein heutiger Artikel mit dem Zeigefinger auf Deinen eigenen inneren, sicheren Hafen deuten können.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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