Wenn jede Ecke eine Gefahr sein könnte

Angst und Zwang verstehen. Teil 2 der Serie über psychische Erkrankungen.
Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag im Supermarkt, und Sarah steht in der Schlange an der Kasse, als ihr Herz ohne jeden Grund plötzlich zu rasen beginnt. Das Neonlicht wird mit einem Mal grell und flach, die Stimmen um sie herum rücken in eine merkwürdige Ferne, als kämen sie durch eine Glaswand, und ihre Hände werden kalt und feucht. In ihrem Kopf formt sich ein einziger klarer Gedanke, nämlich dass sie gleich sterben wird. Sie lässt den Einkaufskorb stehen und läuft hinaus, wo sie auf dem Parkplatz an ihrem Auto lehnt und so schnell atmet, dass ihre Finger kribbeln. Zehn Minuten später ist alles vorbei. In der Notaufnahme sagt man ihr am Abend, ihr Herz sei völlig gesund. Sarah ist erleichtert und zugleich verstört, denn wenn ihr Herz gesund ist, was war das dann? Und vor allem, wann kommt es wieder? Von dieser letzten Frage handelt dieser Artikel ebenso wie von der Angst selbst, denn genau hier beginnt die Welt, sich anders anzufühlen.
Angst ist zuerst ein Freund
Bevor wir über Angst als Störung sprechen, möchte ich etwas klarstellen, das mir sehr wichtig ist. Angst ist nicht krank. Sie ist eines der ältesten und klügsten Systeme, die wir besitzen, und sie hat unsere Vorfahren vor Raubtieren, Abgründen und giftigen Früchten bewahrt. Wenn Angst auf eine echte Gefahr antwortet, nennt die Psychiatrie das Realangst. Der Körper reagiert dann auf vier Ebenen zugleich. Auf der vegetativen Ebene klopft das Herz, die Hände schwitzen und zittern und der Mund wird trocken. Emotional entsteht ein Gefühl von Bedrohung und kognitiv kreisen Gedanken um Kontrollverlust oder um die Folgen dessen, was gerade im Körper passiert. Motorisch bereitet sich der Organismus auf Kampf oder Flucht vor oder er erstarrt.
Zur Störung wird Angst erst dann, wenn genau dieses Programm in Situationen anspringt, die keine reale Gefahr enthalten, und wenn es so oft und so stark anspringt, dass das Leben eines Menschen immer kleiner wird. Die Angst selbst ist dabei echt und nur ihr Anlass passt nicht.
Das Lehrbuch formuliert dazu einen Satz, den ich jedem Trainer ans Herz legen möchte. Menschen mit Angststörungen wissen meist sehr genau, wie übertrieben ihre Befürchtungen sind, und können die Angst trotzdem nicht allein in den Griff bekommen. Ein gut gemeintes »Aber das ist doch gar nicht gefährlich« erzählt ihnen also nichts Neues. Es erzählt ihnen nur, dass Du nicht verstanden hast, wie es sich anfühlt.
Was die ICD-11 neu sortiert hat
Im alten Lehrbuch standen Angst und Zwang noch gemeinsam unter den neurotischen Störungen, und davor sprach man von der Angstneurose oder der anankastischen Neurose. Die ICD-11 hat diese Klammer aufgelöst und zwei eigenständige Gruppen gebildet. Zur Gruppe der Angst- oder furchtbezogenen Störungen gehören die generalisierte Angststörung, die Panikstörung und die Agoraphobie sowie die spezifische Phobie. Die frühere soziale Phobie heißt jetzt soziale Angststörung. Neu in dieser Gruppe sind die Trennungsangststörung, die jetzt ausdrücklich auch bei Erwachsenen diagnostiziert werden kann, und der selektive Mutismus, bei dem Kinder in bestimmten Situationen verstummen, obwohl sie sprechen können. Beide standen früher bei den Störungen des Kindesalters.
Zur Gruppe der Zwangsstörungen oder verwandten Störungen gehört natürlich die Zwangsstörung selbst. Neu hinzugekommen sind die körperdysmorphe Störung, bei der Menschen einen vermeintlichen Makel ihres Aussehens nicht loslassen können, und die olfaktorische Referenzstörung, bei der jemand fest überzeugt ist, unangenehm zu riechen. Dazu kommen das pathologische Horten sowie körperbezogene repetitive Verhaltensweisen wie das zwanghafte Haareausreißen und Hautzupfen. Bemerkenswert ist auch der Umzug der Hypochondrie, die jetzt Krankheitsangststörung heißt und zu den Zwängen statt zu den körperlichen Beschwerden gezählt wird. Das ergibt Sinn, denn das ständige Abtasten und Googeln von Symptomen funktioniert sehr ähnlich wie ein Kontrollzwang.
Eine weitere Änderung betrifft die Einsicht. Das alte Lehrbuch verlangt für die Diagnose einer Zwangsstörung, dass der Betroffene seine Gedanken als unsinnig erkennt und noch Widerstand leistet. Die ICD-11 sieht das offener und lässt angeben, ob die Einsicht gut, eingeschränkt oder kaum vorhanden ist. Damit trägt sie der Erfahrung Rechnung, dass manche Menschen ihren Zwängen zeitweise vollkommen glauben.
Die Welt in der Panik
Kehren wir zu Sarah zurück und schauen uns an, wie sich ihre Welt verändert, wenn wir sie mit den Augen der Submodalitäten betrachten. In der Panik zieht sich das Blickfeld zusammen wie die Blende einer Kamera. Die Ränder verschwimmen und in der Mitte wird alles überscharf, das Licht wirkt kalt und weiß und die Farben verlieren ihre Wärme. Geräusche kommen entweder viel zu laut oder seltsam gedämpft an. Viele Betroffene beschreiben dabei ein Gefühl von Unwirklichkeit, bei dem die Welt wie eine Filmkulisse wirkt, was die Fachsprache Derealisation nennt, oder sie erleben sich selbst wie von außen, was Depersonalisation heißt. Der Körper wird zum lautesten Ort der Welt, an dem jeder Herzschlag wie ein Trommelschlag dröhnt, und die Zeit dehnt sich, sodass zehn Minuten sich anfühlen wie eine Stunde am Rand eines Abgrunds. Eine Panikstörung liegt vor, wenn solche Attacken wiederholt und unerwartet auftreten und der Mensch beginnt, sich vor der nächsten zu fürchten. Genau hier entsteht das, was das Lehrbuch die Angst vor der Angst nennt, und für mich ist das der eigentliche Kern dieser Erkrankung.
Die Verhaltenstherapie beschreibt diesen Mechanismus mit dem sogenannten Angstkreis. Eine harmlose Körperempfindung wie ein schnellerer Herzschlag nach dem Treppensteigen wird wahrgenommen und als Gefahr gedeutet, worauf die Deutung Angst erzeugt. Die Angst verstärkt nun ihrerseits den Herzschlag, der wiederum als Bestätigung der Gefahr gedeutet wird, sodass sich der Kreis immer schneller dreht, bis er in einer Panikattacke gipfelt. Hier begegnet uns ein Muster wieder, das ich im letzten Artikel über Scham beschrieben habe. Dort ging es darum, wie eine eigentlich gute Emotion mit der Angst verknüpft wird, die einmal auf sie folgte. Bei der Panikstörung geschieht etwas sehr Ähnliches mit dem eigenen Körper. Ein Herzschlag, der beim Sport oder beim Sex oder vor Vorfreude schneller wird, ist eigentlich ein Zeichen von Lebendigkeit. Für Sarah ist er nach ihrer ersten Attacke zu einem Alarmsignal geworden. Viele Panikpatienten meiden deshalb nach und nach alles, was ihren Puls erhöht, und damit auch vieles, was ihr Leben schön macht.
Die Welt ohne Fluchtweg
Bei der Agoraphobie ist die Angst an Orte gebunden, und zwar an Orte, aus denen man nicht schnell genug fliehen kann oder an denen keine Hilfe erreichbar wäre. Das Wort bedeutet ursprünglich Angst vor dem Marktplatz, doch gemeint sind ebenso volle Züge und Flugzeuge, Fahrstühle und Kaufhäuser, die Mitte einer langen Kinoreihe oder ein Stau auf der Autobahn. Das Lehrbuch nennt das Fehlen eines Fluchtweges als Hauptkriterium.
Ein Mensch mit Agoraphobie betritt einen Raum anders als Du und ich. Sein erster Blick sucht die Tür und berechnet die Entfernung dorthin, sein zweiter Blick zählt die Menschen dazwischen. Der Raum hat für ihn eine unsichtbare Topografie, in der es sichere Zonen nahe am Ausgang gibt und gefährliche Zonen in der Mitte. Je weiter er sich von zu Hause entfernt, desto enger wird dieser Raum, bis manche Betroffene das Haus nur noch in Begleitung verlassen oder gar nicht mehr.
Hier zeigt sich die tückische Logik der Vermeidung, die die Lernpsychologie sehr genau erklären kann. Jedes Mal, wenn ein Mensch eine angstauslösende Situation verlässt oder meidet, sinkt seine Angst sofort. Dieses Nachlassen wirkt wie eine Belohnung und das Gehirn lernt daraus, dass Vermeidung hilft, was man negative Verstärkung nennt. Was das Gehirn dabei nie lernt, ist die viel wichtigere Lektion, dass die befürchtete Katastrophe gar nicht eingetreten wäre. So wird die Angst nicht kleiner, sondern sie breitet sich auf immer neue Situationen aus, was das Lehrbuch Generalisierung nennt.
Die Welt unter fremden Blicken
Die soziale Angststörung ist die Angst vor prüfenden Blicken, vor Bloßstellung und davor, sich lächerlich zu machen. Früher nannte man sie auch Schamneurose oder krankhafte Schüchternheit, und diese alten Namen verraten viel über ihre Nähe zu dem, was ich im letzten Artikel über toxische Scham geschrieben habe.
Für einen Menschen mit sozialer Angst ist ein Abendessen mit Kollegen eine Bühne mit grellem Scheinwerferlicht, auf der er selbst gleichzeitig Darsteller und strengster Kritiker ist. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nach innen und er beobachtet unablässig, ob seine Hände zittern, ob seine Stimme brüchig klingt und ob er gerade rot wird. Das Lehrbuch spricht von erhöhter Selbstaufmerksamkeit, und das innere Bild, das dabei entsteht, ist meist eine verzerrte Außenansicht, in der er sich selbst rot und zitternd am Tisch sitzen sieht, viel deutlicher, als die anderen es je wahrnehmen würden. Gleichzeitig laufen innere Sätze wie »Ich muss mich perfekt benehmen« oder »Gleich merken alle, wie unsicher ich bin«, und weil er so sehr mit sich beschäftigt ist, hört er kaum noch, was die anderen tatsächlich sagen.
Das Tragische daran ist, dass sein Verhalten oft genau das erzeugt, was er fürchtet. Wer nur nach innen schaut, wirkt abwesend oder kühl, und wer jedem Blick ausweicht, bekommt weniger Wärme zurück. So bestätigt sich die alte Überzeugung immer wieder von Neuem.
Die Welt als Dauerrauschen
Bei der generalisierten Angststörung gibt es keinen einzelnen Auslöser und keine klar umrissene Gefahr. Es gibt stattdessen ein ständiges Hintergrundrauschen aus Sorgen, das sich von einem Thema zum nächsten bewegt und niemals ganz verstummt. Das Lehrbuch spricht von frei flottierender Angst.
Ein Mensch mit generalisierter Angst lebt in einer Welt, in der jede Zukunft im Konjunktiv steht. Was wäre, wenn der Partner auf der Heimfahrt einen Unfall hat, was wäre, wenn der Chef morgen kündigt, und was wäre, wenn der leichte Kopfschmerz etwas Ernstes bedeutet? Das innere Bild ist selten ein klarer Film, eher eine Abfolge flackernder Möglichkeiten, die alle gleichzeitig um Aufmerksamkeit ringen. Der Körper bleibt dabei in einer dauerhaften Anspannung, die Schultern sind hochgezogen, der Kiefer ist fest und der Schlaf ist flach und unruhig.
Viele Betroffene erleben ihr Sorgen merkwürdigerweise als nützlich. Sie haben das Gefühl, dass sie vorbereitet sind, wenn sie sich alles Schlimme vorher ausmalen, und dass sie verantwortungslos wären, wenn sie damit aufhörten. Das Grübeln fühlt sich wie Arbeit an, doch es ist eine Arbeit ohne Ergebnis, die nur immer weitere Fragen erzeugt.
Die Welt der Phobie
Die spezifische Phobie ist die bekannteste und gleichzeitig harmloseste Form der Angst. Sie richtet sich auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Situation wie Spinnen, Höhe, Gewitter, Spritzen oder das Fliegen. Das Lehrbuch erwähnt einen schönen Hinweis darauf, warum gerade diese Dinge so häufig sind, nämlich die sogenannte Biological Preparedness. Unser Gehirn ist offenbar evolutionär darauf vorbereitet, gerade solche Reize schnell mit Angst zu verknüpfen, die unseren Vorfahren tatsächlich gefährlich werden konnten. Darum fürchten sich so viele Menschen vor Schlangen und so wenige vor Steckdosen, obwohl Steckdosen heute die größere Gefahr sind.
Behandlungsbedürftig ist eine Phobie oft gar nicht, solange man dem Auslöser im Alltag ausweichen kann. Ein Kranführer mit Höhenangst oder eine Ärztin mit Angst vor Blut haben dagegen ein echtes Problem.
Die Welt im Zwang
Nun betreten wir einen ganz eigenen Raum. Thomas ist 29 und verlässt seine Wohnung jeden Morgen eine Dreiviertelstunde später, als er eigentlich möchte. Er hat den Herd kontrolliert, obwohl er ihn gar nicht benutzt hat, und dann noch einmal, weil er beim ersten Mal nicht ganz bei der Sache war. Danach hat er die Tür abgeschlossen und die Klinke dreimal heruntergedrückt, wobei er beim dritten Mal kurz gezweifelt hat, ob es wirklich das dritte Mal war, also hat er von vorn begonnen. Auf dem Weg zur Arbeit taucht ein Bild in ihm auf, wie seine Wohnung brennt und die Nachbarn im Treppenhaus nicht hinauskommen, und er muss umkehren. Thomas weiß, dass der Herd aus ist, und er weiß auch, wie absurd das alles wirkt. Genau das macht es so qualvoll.
Eine Zwangsstörung besteht aus zwei Teilen, die eng ineinandergreifen. Zwangsgedanken sind Gedanken, Bilder oder Impulse, die sich immer wieder aufdrängen und als quälend erlebt werden. Sie drehen sich häufig um Verschmutzung und Ansteckung, um die Angst, jemandem zu schaden, um Fehler und Versäumnisse oder um Ordnung und Symmetrie. Manche Zwangsgedanken haben aggressive, sexuelle oder religiöse Inhalte, die dem Betroffenen zutiefst widerstreben. Zwangshandlungen sind ritualisierte Handlungen wie Waschen, Kontrollieren, Zählen oder Ordnen, die ausgeführt werden müssen, um die Anspannung zu senken oder ein befürchtetes Unheil abzuwenden. Manche Rituale finden auch nur im Kopf statt, etwa als Gegengedanke oder als innerlich gesprochene Formel.
Wie fühlt sich diese Welt von innen an? Ich stelle sie mir vor wie ein Zimmer, in dem ein leiser, hoher Ton erklingt, der erst verstummt, wenn eine bestimmte Handlung ausgeführt wurde. Der Ton ist nicht laut, aber er ist unerträglich, und er kommt immer wieder. Viele Betroffene beschreiben ein Gefühl der Unvollständigkeit, das manche Forscher »not just right« nennen, als stünde ein Bild an der Wand einen Millimeter schief und man könne den Blick nicht davon lösen. Der Zweifel ist dabei die eigentliche Farbe dieser Welt, denn Thomas sieht den Herd mit eigenen Augen und doch erreicht diese Gewissheit nicht den Ort in ihm, an dem die Angst sitzt.
Das Lehrbuch beschreibt einen kognitiven Mechanismus, der mir sehr einleuchtet. Fast alle Menschen haben gelegentlich seltsame oder erschreckende Gedanken, etwa beim Anblick eines scharfen Messers in der Küche. Die meisten bemerken den Gedanken kurz und lassen ihn weiterziehen. Ein Mensch mit Neigung zum Zwang bewertet ihn dagegen als bedeutsam und gefährlich und fühlt sich verantwortlich dafür, ihn zu neutralisieren. Genau dieses Neutralisieren verleiht dem Gedanken Gewicht, sodass er häufiger und schneller wiederkommt.
Der Gedanke wächst also nicht durch seinen Inhalt, sondern durch den Kampf gegen ihn. Im Unterschied dazu steht das, was die ICD-11 heute als anankastische Merkmale einer Persönlichkeit beschreibt und was früher die zwanghafte Persönlichkeitsstörung hieß. Wer Zwänge hat, erlebt sie als fremd und störend, was man ich-dyston nennt. Wer zwanghafte Persönlichkeitszüge hat, erlebt seine Strenge und Ordnungsliebe dagegen als richtig und sinnvoll, was ich-synton heißt, und oft leidet dann eher die Umgebung als er selbst.
Schweigen aus Scham
Zwischen den ersten Symptomen einer Zwangsstörung und der Diagnose vergehen laut Lehrbuch oft bis zu zehn Jahre, bei Angststörungen manchmal noch mehr. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Scham. Wer Zwangsgedanken hat, in denen er seinem eigenen Kind etwas antun könnte, wird darüber kaum mit jemandem sprechen, weil er fürchtet, für gefährlich gehalten zu werden. Dabei sind gerade diese Menschen in aller Regel besonders gewissenhaft und fürsorglich, denn ihre Gedanken quälen sie ja genau deshalb, weil sie ihren Werten so sehr widersprechen. Wenn Dir jemand von solchen Gedanken erzählt, ist das ein großer Vertrauensbeweis. Die hilfreichste Antwort ist dann oft eine ruhige Gelassenheit, die zeigt, dass Du nicht erschrickst und dass ein Gedanke keine Tat ist.
Wie häufig ist das?
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. In Deutschland erfüllt nach großen Bevölkerungsstudien etwa jeder siebte Erwachsene innerhalb eines Jahres die Kriterien einer Angststörung, wobei die spezifischen Phobien am häufigsten sind. Von einer Zwangsstörung sind im Laufe des Lebens etwa zwei bis drei Prozent der Menschen betroffen, Frauen und Männer ungefähr gleich oft, und die Erkrankung beginnt meist im jungen Erwachsenenalter.
Ein Detail aus dem Lehrbuch finde ich gesellschaftlich sehr aufschlussreich. Frauen leiden häufiger an sozialer Angst, doch wegen dieser Diagnose werden mehr Männer behandelt. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass von Männern ein selbstbewusstes Auftreten in der Öffentlichkeit erwartet wird und Schüchternheit bei ihnen schneller als Defizit gilt.
Was hilft
Angststörungen und Zwangsstörungen sind gut behandelbar, und das ist eine Botschaft, die Betroffene früh hören sollten. Für beide gilt die kognitive Verhaltenstherapie als Methode mit der besten Wirksamkeit. Ihr Herzstück ist die Exposition, bei der sich ein Mensch schrittweise und gut vorbereitet den gefürchteten Situationen stellt, bis er erlebt, dass die Angst von selbst nachlässt und die Katastrophe ausbleibt. Bei Zwängen kommt die Reaktionsverhinderunghinzu, bei der das Ritual bewusst unterlassen wird. Wenn Du den letzten Artikel gelesen hast, erkennst Du hier vielleicht das Prinzip des Vorhersagefehlers wieder, denn das Gehirn erwartet die Katastrophe und erlebt stattdessen, dass nichts geschieht. Dazu kommen die Aufklärung über die Erkrankung und die Arbeit an den angstvollen Bewertungen sowie Entspannungsverfahren.
Medikamente können vor allem bei schweren Verläufen eine wichtige Stütze sein. Eingesetzt werden in erster Linie bestimmte Antidepressiva, deren Wirkung erst nach einigen Wochen einsetzt, bei Zwängen oft noch später. Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine lindern akute Angst sehr schnell, bergen aber ein erhebliches Abhängigkeitsrisiko und gehören deshalb nur kurzfristig und in ärztliche Hand. Das Lehrbuch betont außerdem, dass eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten der reinen Tablettenbehandlung vorzuziehen ist, weil Menschen sonst nach dem Absetzen ohne eigene Strategien dastehen.
Für Heilpraktiker für Psychotherapie ist ein Hinweis wichtig. Angst- und Zwangsstörungen dürfen behandelt werden, allerdings erst nach einer fachärztlichen Abklärung. Angst ist nämlich ein sehr unspezifisches Symptom, hinter dem auch eine Schilddrüsenüberfunktion, Herzrhythmusstörungen, Medikamente oder Drogen stecken können. Treten Zwänge erstmals nach dem vierzigsten Lebensjahr auf, sollte eine organische Ursache besonders sorgfältig ausgeschlossen werden.
Wie Du mit einem Menschen in Angst sprichst
Hier gilt alles, was ich im letzten Artikel über den Zustand geschrieben habe, ganz besonders. Ein Mensch in akuter Angst kann Deine Argumente nicht verarbeiten, weil sein Gehirn gerade auf Überleben geschaltet ist. Erst der Zustand und dann die Worte. Wenn jemand neben Dir eine Panikattacke erlebt, hilft es, selbst ruhig zu bleiben und langsamer zu sprechen. Sag ihm, dass Du da bist und dass das, was er gerade erlebt, sehr unangenehm ist und vorübergeht. Lade ihn ein, länger aus- als einzuatmen und seine Füße auf dem Boden zu spüren, und lass ihn beschreiben, was er im Raum sieht. Dränge ihn nicht und zieh ihn auch nicht sofort aus der Situation heraus, sofern keine echte Gefahr besteht, denn sonst lernt sein Gehirn wieder nur, dass Flucht die Lösung ist.
Sätze wie »Reiß Dich zusammen« oder »Stell Dich nicht so an« sind dagegen Gift, weil sie zur Angst auch noch Scham hinzufügen. Ebenso wenig hilft das endlose Beruhigen mit »Da passiert schon nichts«, wenn es zur Gewohnheit wird. Damit sind wir bei einem Punkt, der vielen Angehörigen nicht bewusst ist.
Wie Du Dich als Angehöriger schützt
Menschen mit Angst und Zwang beziehen ihre Nächsten oft in ihre Vermeidung und ihre Rituale ein, und das Lehrbuch erwähnt diesen Punkt ausdrücklich. Die Partnerin übernimmt alle Einkäufe, weil der Supermarkt zu bedrohlich geworden ist. Der Vater muss jeden Abend bestätigen, dass die Türen verschlossen sind, und die Kinder müssen sich nach dem Heimkommen nach einem festen Ablauf waschen. Die Forschung nennt das Akkommodation, also Anpassung der Familie an die Symptome.
Diese Anpassung geschieht aus Liebe und doch hält sie die Erkrankung am Leben. Jede Rückversicherung, die Du gibst, und jedes Ritual, das Du mitmachst, senkt die Angst kurzfristig und bestätigt sie langfristig, genau wie bei der Vermeidung. Gleichzeitig zehrt es an Deinen Kräften, bis aus Fürsorge irgendwann Erschöpfung und manchmal auch Groll wird. Schützen kannst Du Dich und den anderen, indem Du offen über diese Dynamik sprichst, am besten in einem ruhigen Moment und nicht mitten in der Angst. Du kannst ihm sagen, dass Du ihn liebst und ihn unterstützen willst, dass Du aber nicht länger Teil seiner Rituale sein möchtest, weil sie ihn nicht frei machen. Solche Veränderungen gelingen am besten schrittweise und idealerweise in Absprache mit seiner Therapeutin oder seinem Therapeuten, denn ein abrupter Entzug aller Hilfe kann die Angst zunächst stark ansteigen lassen.
Viele Kliniken und Selbsthilfeverbände bieten eigene Angebote für Angehörige an, und es ist kein Zeichen von Schwäche, sie zu nutzen. Achte dabei auch auf Dein eigenes Leben. Du bist Partner, Freund oder Kind und nicht Co-Therapeut, und Du darfst Freunde treffen, Hobbys pflegen und Orte besuchen, an die der andere gerade nicht mitkommen kann. Ein Mensch, der selbst festen Boden unter den Füßen hat, ist für einen ängstlichen Menschen der beste Halt.
Was ich als Trainer daraus mitnehme
Wenn ich mit Menschen arbeite, frage ich mich heute viel früher, welche Rolle Angst in ihrem Leben spielt. Viele Themen, die als Kommunikationsproblem oder als mangelnde Motivation zu mir kommen, sind in Wahrheit Vermeidung, etwa der Mitarbeiter, der in Meetings nie etwas sagt, oder die Gründerin, die ihre Präsentation seit Monaten verschiebt. Hinter manchen Perfektionisten steckt ein Kontrollbedürfnis, das an einen Zwang grenzt.
Mein Werkzeug ist in solchen Fällen nicht der Ratschlag, sondern die Frage und das Zustandsbewusstsein. Wo spürst Du das, wenn Du an das Meeting denkst? Wie nah ist das Bild und wie hell ist es? Und was würde passieren, wenn Du es einfach geschehen lässt? Und manchmal ist meine wichtigste Aufgabe, zu erkennen, dass ein Thema über das Coaching hinausgeht, und einen Menschen ermutigend an eine Therapeutin oder einen Arzt weiterzugeben.
Zurück in den Supermarkt
Sarah hat nach einigen Monaten mit einer Verhaltenstherapeutin begonnen. In einer der ersten Sitzungen musste sie auf der Stelle laufen, bis ihr Herz raste, und dann einfach sitzen bleiben und spüren, was geschah. Es war furchtbar und es war nach ein paar Minuten vorbei, und zum ersten Mal hatte ihr Herzrasen nicht in einer Katastrophe geendet. Später stand sie wieder an derselben Kasse, mit feuchten Händen und klopfendem Herzen, und blieb stehen. Die Angst kam und sie ging auch wieder, und Sarah hat ihren Einkauf bezahlt. Das ist es, was Heilung bei Angst oft bedeutet. Die Angst verschwindet nicht für immer, doch sie verliert ihre Macht, das Leben kleiner zu machen.
Im nächsten Artikel gehen wir einen Schritt tiefer in die Welt der Erschütterung. Wir schauen uns an, was ein Trauma mit der Wahrnehmung macht, warum sich die Vergangenheit manchmal anfühlt wie die Gegenwart und was die neue komplexe Posttraumatische Belastungsstörung von der klassischen unterscheidet. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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