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Mit Zen das wahre Selbst entfachen

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • 22. Mai
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.

Muster erkennen, Trauma fühlen, alte Identität integrieren und mit dem wahren Selbst verbinden.


Als Zen-Schüler begegnet mir häufig folgendes Phänomen: Während Selbstoptimierer ihre Persönlichkeit verbessern wie ein Auto und spirituelle Sucher ihr wahres Selbst auf dem nächsten Retreat finden wollen, übersehen viele Menschen eine grundlegende Wahrheit. Was so viele suchen, war nie weg, es ist nur verdeckt, wie von Gesteinsschichten. Verdeckt von alten Mustern, die einmal notwendig waren, um zu überleben. Mustern einer alten Identität, die wir uns zugelegt haben, weil die Welt um uns keinen Raum hatte für das, was wir wirklich sind. Und irgendwann wurde diese alte Identität selbst verdeckt, von der schlichten Tatsache, dass wir vergessen haben, was unser wahres Selbst ist.


Was ist das wahre Selbst?


Der Zen-Meister Shunryu Suzuki sagte einmal sinngemäß, das wahre Selbst sei nichts, das man erreichen könne, sondern das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, sich für etwas anderes zu halten. Es geht nicht darum, ein neues, besseres Selbst zu konstruieren. Es geht darum, eine alte Konstruktion behutsam zurückzubauen, damit das, was darunter immer schon war, wieder atmen kann. Es ist eine Reise, auf der Du Muster erkennst, Trauma fühlst, alte Identitäten integrierst und mit dem wahren Selbst in Verbindung trittst. Eine Reise, die viele Menschen heute dringend bräuchten, die aber kaum jemand wagt, weil den meisten das Wissen und das Bewusstsein dafür fehlen.


Muster erkennen: Die stillen Wächter Deiner Wunden


Die meisten Menschen denken bei einem Muster an einen wiederkehrenden Gedanken oder eine schlechte Angewohnheit. Doch ein Muster ist weit mehr. Es ist eine Kette aus Auslöser, Gedanke, Gefühl, Verhalten und Folge, die sich meist über Jahre eingespurt hat. Sie beginnt oft mit einem Reiz von außen, einer Bemerkung, einem Blick, einer Stille im falschen Moment. Aus diesem Reiz entsteht ein Gedanke, aus dem Gedanken ein Gefühl, aus dem Gefühl ein Verhalten, und das Verhalten erzeugt eine neue Situation, die das ganze System bestätigt. Es kann aber auch ein Reiz von innen sein, etwa ein aufsteigender Gedanke, der die Kette in Gang bringt. Aaron Beck, der Begründer der kognitiven Verhaltenstherapie (auch: KVT), beschrieb solche Ketten als automatische Gedanken und ihre Konsequenzen. Jeffrey Young, der Entwickler der Schematherapie, erweiterte das um die tiefen biografischen Schichten dahinter, die er Schemata nennt. Und Richard Schwartz, der Begründer der Internal Family Systems, spricht von inneren Anteilen, die jeweils eine Schutzfunktion erfüllen.


Was all diese Ansätze gemeinsam haben, ist eine wichtige Erkenntnis. Ein Muster ist nicht der Feind, sondern ein Wächter, der entstanden ist, weil einmal etwas in Dir verletzlich oder verletzt war und Schutz brauchte. Das Muster ist wie eine Hülle, die sich um diese verwundete Stelle gelegt hat. Es leistete Dir damals einen großen Dienst, denn es ermöglichte Dir, in einer Umgebung zu funktionieren, die das, was Du eigentlich warst, nicht aufnehmen konnte. Doch genau hier liegt die Drehung, die viele nie erfahren. Das Muster schützt nicht vor der Wunde, es schützt die Wunde davor, je wieder berührt zu werden. Solange Du den ablenkenden Reflex hast, kann der alte Schmerz nicht aufsteigen. Solange Du Dich nicht ganz öffnest, kann die alte Ablehnungserfahrung nicht reaktiviert werden. Das System hat Dich bisher davor bewahrt, an die Stelle zu kommen, wo es weh tut. Aber damit zugleich davor, an die Stelle zu kommen, wo es heilen kann. Wer seine Muster erkennt, beginnt keinen Kampf gegen sich selbst, sondern eine ehrliche Unterhaltung: Welche Funktion hat dieses Muster? Wovor schützt es mich? Und was wäre, wenn ich diesen Schutz nicht mehr bräuchte?


Trauma fühlen: Die Kunst des bewussten Aushaltens


In dem Moment, in dem ein Mensch beginnt, seine Schutzmuster zu hinterfragen, geschieht oft etwas Unerwartetes. Meist taucht auf einmal Schmerz auf. Damit meine ich keinen oberflächlichen Alltagsschmerz, sondern einen tieferen, dessen Quelle viel älter ist als die auslösende Situation. Bessel van der Kolk hat in seinem Buch „The Body Keeps the Score" überzeugend dargelegt, dass Trauma nicht primär eine Geschichte ist, sondern eine körperliche Realität. Es sitzt im Nervensystem, im Bindegewebe und in den unbewussten Reaktionsmustern des Körpers. Peter Levine, der Begründer des Somatic Experiencing, sagt es noch klarer, sinngemäß: Trauma sei nicht das, was Dir passiert ist, sondern das, was Du in Dir hältst, weil Du es damals nicht verarbeiten konntest.


Die übliche Reaktion, wenn solcher Schmerz auftaucht, ist Vermeidung. Der Verstand sucht sofort einen Ausweg, eine Erklärung, eine Aktivität, eine Ablenkung. Doch genau hier liegt die entscheidende Pforte. Was vermieden wird, bleibt. Was vollständig gefühlt wird, kann sich lösen. Der Satz wirkt simpel, und doch ist er eines der wichtigsten Prinzipien ernsthafter innerer Arbeit. Trauma will nicht analysiert werden, es will gefühlt werden. Hier kommt eine zentrale Praxis aus dem Zen ins Spiel. Im Zazen (auch: stilles Sitzen) wird nichts anderes geübt als genau das: einfach sitzen, einfach da sein, nichts wegmachen, nichts erreichen. Wenn ein Gefühl kommt, dann kommt es. Wenn ein Gedanke kommt, dann kommt er. Nichts wird festgehalten und nichts weggeschoben. Diese Praxis trainiert genau jene Fähigkeit, die für die Heilung von Trauma wesentlich ist, die Toleranz für inneren Druck, ohne ihn sofort regulieren zu müssen.


Marsha Linehan hat dieses Konzept in der Dialektisch-Behavioralen Therapie unter dem Begriff der Distress Tolerance umfassend erforscht und gezeigt, dass diese Fähigkeit trainierbar ist und großen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Daniel Siegel wiederum hat dafür das Modell des Window of Tolerance geprägt, jenen Bereich, in dem ein Mensch Spannung tragen kann, ohne in Über- oder Untererregung zu kippen. Konkret heißt das: Wenn Du Schmerz spürst, setz oder leg Dich hin. Atme bewusst und spüre, wo der Schmerz im Körper sitzt. Beschreibe ihn Dir selbst, nicht als Geschichte, sondern als Empfindung. Ist er eng, weit, heiß, kalt, drückend oder ziehend? Bleib bei der Empfindung, ohne sie zu deuten. Der Verstand wird sich melden und Dich überzeugen wollen, das sei sinnlos. Diese Stimme ist nicht Dein Feind, aber in diesem Moment auch nicht Dein Freund. Lass sie sprechen und kehre zur Empfindung zurück. Nach Minuten, manchmal nach Stunden, manchmal nach Nächten, in denen das Gehirn die Erfahrung im Schlaf integriert, beginnt sich etwas in Dir zu verändern. Nicht weil Du etwas getan hast, sondern weil Du endlich aufgehört hast, dagegen zu sein, und begonnen hast anzunehmen.



Alte Identität integrieren: wer Du nicht mehr sein musst


Wenn ein Muster sich löst und ein Trauma gefühlt wird, geschieht noch etwas, das in der populären Selbstoptimierungsliteratur selten benannt wird. Eine alte Identität löst sich auf. Damit ist nicht das wahre Selbst gemeint, sondern eine sehr spezifische Rolle, die Du Dir irgendwann zugelegt hast, um in einer Welt zu funktionieren, die etwas anderes von Dir verlangte. Das kann die Identität des Funktionierenden sein, der immer leistet, um Liebe zu verdienen. Die des Unsichtbaren, der gelernt hat, sich klein zu machen, um nicht abgelehnt zu werden. Die des Starken, der nie schwach sein darf. Oder die des Hilfsbereiten, der seinen Wert daran misst, was er für andere tun kann.


Diese Identitäten haben Dir lange gut gedient. Sie waren keine Pose, sondern eine Antwort auf reale Bedingungen. Doch in dem Moment, in dem Du sie als das erkennst, was sie sind, eine Konstruktion mit einer Funktion, kannst Du sie ehren und zugleich loslassen. Das ist keine Aufgabe und kein Verrat an Dir selbst, es ist Heimkehr. Was vielen dabei hilft, ist die Unterscheidung (auch: Differenzierung) zwischen einem Lieben trotz Dir und einem Lieben wegen Dir. Trotz Dir geliebt zu werden heißt, dass jemand Dich erträgt, obwohl Du genau Du bist. Dass die andere Person mit Deiner Intensität, Deiner Tiefe oder Deinen Ecken zurechtkommt, aber innerlich einen Vorbehalt trägt. Diesen Vorbehalt spürst Du meist und beginnst dann, Dich kleiner zu machen, um ihn nicht zu bestätigen. Das hat nichts mit Verbindung zu tun, es ist eher Verwaltung. Wegen Dir geliebt zu werden heißt, dass genau das, was Du bist, der Grund ist. Nicht obwohl, sondern weil.


Solange die alte Identität aktiv ist, ziehst Du Menschen an, die mit dieser verwalteten Version von Dir zusammen sein können. Wenn Du sie loslässt, filtert Dein Sein auf eine neue Weise. Manche werden gehen, doch jene, die bleiben, bleiben aus dem wahren Grund. Carl Rogers, der Begründer der personenzentrierten Beratung, formulierte es so, sinngemäß: Das eigentümliche Paradox sei, dass man sich erst dann verändern kann, wenn man sich so annimmt, wie man ist. Integration bedeutet nicht, dass Du Dich von einer alten Identität abschneidest. Sie bedeutet, dass Du sie ehrst und zugleich erkennst, dass sie nicht mehr Du bist.


Mit dem wahren Selbst verbinden: was Zen lehrt


In der Zen-Tradition gibt es eine berühmte Frage, die ein Meister seinem Schüler stellt: Zeig mir Dein ursprüngliches Gesicht, das Du hattest, bevor Deine Eltern geboren wurden. Diese Frage ist kein Rätsel im üblichen Sinne, sondern eher eine Einladung, hinter alle Konditionierungen, Identitäten und erlernten Selbstbilder zu schauen und das zu finden, was vor all dem da war. Im Zen heißt das die Buddha-Natur oder das ursprüngliche Antlitz. Es ist die Vorstellung, dass jeder Mensch eine wesentliche Natur in sich trägt, die nicht erlernt und nicht erschaffen wurde. Sie ist einfach da, immer und zu jeder Zeit, auch wenn sie unter Schichten von Erfahrung, Anpassung und Schutz verdeckt ist.


Die westliche Psychologie hat ähnliche Konzepte entwickelt, die aus meiner Sicht allerdings nicht annähernd die Tiefe des Zen oder des Yoga berühren. Donald Winnicott unterschied zwischen einem wahren und einem falschen Selbst. Carl Gustav Jung sprach vom Selbst als jener Ganzheit, zu der ein Mensch sich durch die Integration abgespaltener Anteile entwickelt. Was all diese Traditionen gemeinsam haben, ist die Erkenntnis, dass das wahre Selbst nicht durch Anstrengung erreicht wird. Es wird durch Loslassen erfahrbar. Was Zen jedoch besonders klar macht, ist die Methode. Sie lautet nicht: Werde etwas. Sie lautet: Hör auf, etwas zu werden, und sei.


Im Shikantaza, der zentralen Sitzpraxis im Soto-Zen, wird nicht meditiert, um irgendwohin zu gelangen. Es wird gesessen, weil das Sitzen selbst der Ausdruck dessen ist, was Du bereits bist. Das mag zunächst philosophisch klingen, hat aber sehr praktische Folgen. Wenn Du Dich hinsetzt und bemerkst, wie Dein Verstand sofort plant, vergleicht, kommentiert und einordnet, dann siehst Du genau jene Aktivität, die das wahre Selbst verdeckt. Es geht nicht darum, sie zu bekämpfen, sondern sie erst einmal wahrzunehmen. Und im Wahrnehmen verliert sie ihre Macht.


Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh hat dies mit seinem Konzept der Achtsamkeit einem westlichen Publikum zugänglich gemacht. Achtsamkeit, sagte er, sei keine Technik, um besser zu werden, sondern die einfache Bewegung, präsent zu sein bei dem, was ohnehin gerade geschieht. Und Shunryu Suzuki, jener Meister, der den Soto-Zen in den Westen brachte, sagte sinngemäß, im Anfängergeist gebe es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige. Mit Anfängergeist sehen wir die Welt und uns selbst, als wäre alles neu. Wir wissen nicht schon im Voraus, was etwas bedeutet. Wir reagieren nicht, bevor wir gespürt haben. Und genau in dieser Offenheit beginnt das wahre Selbst wieder zu atmen.


Drei Stufen der Praxis: wie Du beginnen kannst


Wer diese Reise antreten möchte, sollte wissen, dass sie nicht linear verläuft. Doch es gibt eine Orientierung, die Dir helfen kann.


Die erste Stufe ist die Wahrnehmung. Du baust in Deinen Alltag eine kurze Praxis ein, in der Du Dich selbst beobachtest, ohne sofort zu handeln. Das kann eine zehnminütige Meditation am Morgen sein, ein Spaziergang ohne Telefon oder das bewusste Sitzen in Stille vor dem Schlafen. Wichtig ist nicht die Methode, sondern die Regelmäßigkeit. Sara Lazar und Norman Farb haben in ihrer Forschung zur Interozeption (auch: der Wahrnehmung der Signale aus dem eigenen Körperinneren) gezeigt, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis zu messbaren Veränderungen in der Insula führt, jener Hirnregion, die für die Wahrnehmung innerer Zustände mitzuständig ist.


Die zweite Stufe ist die Differenzierung. Du beginnst zu unterscheiden, was in Dir bloße Reaktion ist und was wirklicher, stimmiger Impuls. Immer wieder fragst Du Dich: Handle ich gerade aus einem alten Muster heraus oder aus einer ruhigen Mitte? Lisa Feldman Barrett hat gezeigt, dass die Fähigkeit, emotionale Zustände präzise zu unterscheiden, erheblichen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Wer feiner unterscheiden kann, kann auch feiner antworten.


Die dritte Stufe ist das Aushalten. Du begegnest dem, was unter den Mustern liegt. Du fühlst, was Du lange nicht gefühlt hast. Und Du widerstehst dem unstimmigen Impuls, es wegzuregulieren. Das ist die schwerste und zugleich befreiendste Stufe, denn hier geschieht die eigentliche Integration. Hier brauchst Du nichts mehr zu tun, außer da zu sein und immer wieder in die Präsenz zurückzukehren. Und genau hier zeigt sich das wahre Selbst, nicht als Errungenschaft, sondern als das, was übrig bleibt, wenn alle Konstruktionen fallen. Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Männern lässt sich diese Praxis vertiefen, wenn man für einige Monate bewusst auf sexuelle Entladung verzichtet. Gerade für Männer kann es im Inneren sehr intensiv werden, wenn der vertraute Weg der Kompensation wegfällt.


Die Rebellion des Zen: was sich entfacht, wenn der Schutz fällt


Wenn Du diese Reise gehst, wirst Du etwas Bemerkenswertes feststellen. Das wahre Selbst, das Du suchst, ist nicht spektakulär und nicht mystisch. Es ist nicht der erleuchtete Guru, nicht der charismatische Anführer, nicht der unerschütterliche Krieger, sondern viel stiller. Es ist eine einfache Präsenz, die nichts erzwingen muss. Eine Tragfähigkeit, die Energie halten kann, ohne sie zu entladen. Eine Klarheit, die nicht aus Anstrengung kommt, sondern daraus, dass nichts mehr verdeckt werden muss.


Was Dich davon noch trennt, ist kein fehlendes Wissen, sondern ein vergessenes Erlauben. Das Erlauben, zu fühlen, was Du fühlst. Das Erlauben, zu sein, was Du bist. Das Erlauben, nichts mehr beweisen zu müssen. Im Zen wird diese Erfahrung manchmal als Kensho bezeichnet, das Sehen der eigenen Natur. Es ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine Bewegung, die sich vertieft, je mehr Du Dich auf sie einlässt. Und sie verändert nicht nur Deine Beziehung zu Dir selbst, sondern zu allen Menschen in Deinem Leben. Du beginnst, nicht mehr aus Schutz zu handeln, sondern aus Substanz. Nicht mehr aus Vermeidung, sondern aus Wahl. Nicht mehr aus der verwalteten Version Deiner selbst, sondern aus dem, was Du tatsächlich bist.


Die schlichteste und zugleich tiefste Wahrheit dieses ganzen Artikels ist vielleicht diese: Du musst nicht werden, was Du sein willst. Du musst nur aufhören zu sein, was Du nie warst. Mit diesen Worten schließen wir den heutigen Artikel bewusst mit einem für Dich erweiterten Wissen ab.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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