Der Visual-Squash im NLP
- Florian Stotz

- 23. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Zwei innere Stimmen, die sich bekämpfen, wollen fast immer dasselbe.
Es gibt ein Muster, das ich bei vielen Menschen in Trainings beobachten konnte, und es klingt bei jedem ein wenig anders. Ein Teil von mir will endlich selbstständig arbeiten, ein anderer will die Sicherheit nicht aufgeben. Ein Teil von mir will Nähe, ein anderer zieht sich zurück, sobald sie da ist. Ein Teil will sparen, der andere gönnt sich etwas. Die Menschen erzählen das meistens mit einem entschuldigenden Lächeln, so, als sei diese Zerrissenheit ein Defekt. Sie ist keiner. Sie ist die normalste Sache der Welt. Was die Menschen dabei allerdings tun, ist fast immer dasselbe, und es ist der Kern des Problems: Sie schlagen sich auf eine Seite. Sie erklären den einen Teil zum vernünftigen und den anderen zum Störenfried, und dann beginnt ein Krieg, den niemand gewinnen kann. Denn der Störenfried ist ja auch Du.
Warum kein innerer Teil ein Feind ist
Die Grundannahme, auf der die folgende Arbeit ruht, ist einfach und für viele überraschend: Jeder innere Teil hat eine positive Absicht. Nicht ein positives Verhalten, wohlgemerkt. Eine positive Absicht. Der Teil, der Dich vom Selbstständigmachen abhält, will Dich nicht klein halten. Er will Dich vor einem Absturz schützen, den er vielleicht einmal miterlebt hat. Der Teil, der sich bei Nähe zurückzieht, hasst die Nähe nicht. Er hat gelernt, dass Nähe teuer werden kann, und er hält seither die Tür einen Spalt offen. Beide tun, was sie für richtig halten, und beide arbeiten mit Mitteln aus einer Zeit, in der sie nichts Besseres zur Verfügung hatten.
Der amerikanische Psychotherapeut Richard Schwartz hat mit seinem Modell der inneren Anteile denselben Grundgedanken in die Psychotherapie getragen: Es gibt keine schlechten Anteile, es gibt nur Anteile in schwierigen Rollen. Und die Familientherapeutin Virginia Satir arbeitete lange vor jeder Technik bereits damit, die verschiedenen Stimmen eines Menschen an einen Tisch zu holen, statt eine davon hinauszuwerfen. Ich habe einmal einen Trainer erlebt, der einen störenden inneren Teil in der Vorstellung eines Teilnehmers regelrecht beseitigen ließ, so gründlich, dass er seine Wirkung für immer verloren haben sollte. Die Vorführung war eindrucksvoll und die Wirkung im Raum unmittelbar. Und trotzdem widerspricht sie an einem Punkt dem eigenen Fach, und das gehört gesagt. Ein Teil, der beseitigt wird, nimmt seine Ressource mit. Was übrig bleibt, ist nicht Freiheit, sondern eine Lücke, und Lücken werden gefüllt. Man löst einen inneren Konflikt nicht, indem man eine Partei entfernt. Man löst ihn, indem beide bekommen, was sie eigentlich wollten.
Genau das leistet das Format, um das es hier geht. Es heißt Visual Squash (auch: das visuelle Zusammenführen zweier Anteile) und stammt aus dem NLP, wo es in vielen Varianten kursiert. Ich beschreibe es hier in der Fassung, die ich für die tragfähigste halte.
Der Ablauf in sieben Schritten
Nimm Dir zwanzig ungestörte Minuten und setz Dich aufrecht hin, die Hände geöffnet auf den Oberschenkeln. Die Arbeit läuft über die Hände, und das hat einen Grund: Was zwischen zwei Händen liegt, ist räumlich getrennt, und was räumlich getrennt ist, wird überhaupt erst greifbar.
Erstens, den Konflikt benennen und trennen. Wähle einen inneren Zwiespalt und finde die beiden Seiten. Nicht als Argument, sondern als Person. Der eine will dies, der andere jenes. Sprich beide einmal laut aus.
Zweitens, jeden Teil in eine Hand legen. Stell Dir vor, wie jeder der beiden aussieht, wie er klingt, wie er sich bewegt. Manche Menschen sehen Gestalten, andere Farben oder Formen, wieder andere spüren nur ein Gewicht. Alles davon genügt. Lege den einen in die linke Hand, den anderen in die rechte, und lass Dein Gefühl entscheiden, welcher wohin gehört.
Drittens, nach der guten Absicht fragen. Wende Dich der ersten Hand zu und frage: Was ist das Gute, das Du für mich willst, wenn Du das tust? Warte, bis eine Antwort kommt, und dränge nicht. Dann frage weiter: Und was ist das Gute daran? Und daran? Steig so lange höher, bis Du bei etwas ankommst, das nicht mehr zu steigern ist, meistens sind das Sicherheit, Freiheit, Verbundenheit oder Würde. Dann dasselbe mit der anderen Hand. An dieser Stelle passiert bei den meisten Menschen etwas, worauf sie nicht vorbereitet waren: Ganz oben sind die beiden Absichten oft dieselbe.
Viertens, Ressourcen tauschen. Frag jede Hand, was sie von der anderen gebrauchen könnte. Der vorsichtige Teil braucht vielleicht etwas von der Zuversicht des mutigen, der mutige etwas von der Umsicht des vorsichtigen. Stell Dir vor, wie diese Eigenschaft von der einen Hand zur anderen fließt, und beobachte, wie sich die Gestalt in der Hand dabei verändert. Dann in die andere Richtung.
Fünftens, das gemeinsame Bild finden. Lass zwischen Deinen Händen ein drittes Bild entstehen, das beide Absichten und beide Ressourcen zugleich enthält. Warte, bis es von selbst da ist, statt es zu konstruieren.
Sechstens, die beiden einander zuwenden. Dreh die Handflächen zueinander, sodass sich die beiden Gestalten anschauen. Oft verändert sich in diesem Moment noch etwas, und das darf geschehen.
Siebtens, die Hände zusammenführen. Und jetzt lass die Hände langsam aufeinander zugehen, nur so schnell, wie die Verschmelzung wirklich mitkommt. Wenn sie sich berühren, halte einen Atemzug lang inne und nimm das Ergebnis in Dich auf, in die Brust, in den Bauch, dorthin, wo es hingehört.
Zum Abschluss geh in eine konkrete Situation der nächsten Wochen, in der der alte Zwiespalt normalerweise aufgetreten wäre, und spiel sie einmal durch. Nicht um zu prüfen, ob es funktioniert hat, sondern um dem Nervensystem den Weg schon einmal zu zeigen.
Woran Du merkst, dass es getragen hat
Es gibt kein triumphales Zeichen. Was Menschen berichten, ist unspektakulärer und darin verlässlicher: Das Thema ist leiser geworden. Nicht gelöst im Sinne von entschieden, sondern entspannt im Sinne von nicht mehr umkämpft. Der innere Lärm, der vorher bei jedem Gedanken daran ansprang, fehlt. Und manchmal geschieht gar nichts, jedenfalls nicht sofort. Dann liegt es meistens an Schritt drei. Wer die gute Absicht eines Teils nicht wirklich gefunden hat, sondern sie sich nur ausgedacht hat, weil sie plausibel klang, hat die Arbeit nicht gemacht. Der Unterschied ist im Körper spürbar: Eine erfundene Absicht bleibt im Kopf, eine gefundene erzeugt eine kleine Bewegung im Brustraum. Vertrau lieber dieser Bewegung als Deiner Logik.
Vom Bekämpfen zum Zusammenführen
Was dieses Format im Kern tut, geht über die Technik hinaus, und deshalb schätze ich es so. Es übt eine Haltung ein, die weit über die zwanzig Minuten hinausreicht. Die meisten Menschen führen ihr Leben lang einen Krieg gegen die Teile in sich, die nicht ins Bild passen. Sie nennen das Disziplin, und manchmal ist es das auch. Oft ist es aber etwas anderes: die Weigerung, sich vollständig anzuschauen. Der Zen kennt diesen Punkt seit Langem, und die Antwort dort ist keine Technik, sondern eine Einsicht. Was Du bekämpfst, bist Du. Ein Teil, der als Feind behandelt wird, wehrt sich mit derselben Kraft, mit der Du ihn bekämpfst, und dieser Kampf kostet genau die Energie, die Dir dann für das eigentliche Leben fehlt.
Der Weg nach vorn geht deshalb nicht über Sieg, sondern über Versöhnung. Und Versöhnung beginnt mit einer Frage, die man einem Feind nie stellen würde: Was willst Du eigentlich Gutes für mich?
Vielleicht magst Du diese Frage in den nächsten Tagen einmal an die Stimme in Dir richten, die Dich am meisten stört. Und dann wirklich abwarten, was sie antwortet.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



Kommentare