Das ist eine spannende Perspektive

Warum wir manchmal anderen Menschen ihr Erleben nicht glauben und wie wir lernen, unseren Blick zu weiten.
Stell Dir ein Kind vor, das in einer Familie aufwächst, in der nicht offen gesprochen wird. Die Erwachsenen sagen Dinge, die nicht ganz stimmen. Manchmal wird etwas verheimlicht und manchmal wird gelogen, vielleicht aus Scham, vielleicht aus Angst oder vielleicht einfach, weil es in dieser Familie nie anders gelernt wurde. Das Kind spürt, dass etwas nicht zusammenpasst. Die Worte sagen das eine, die Gesichter sagen etwas anderes. Und die Stimmung im Raum sagt noch etwas Drittes. Was macht das mit einem Kind? Ein Kind in einer solchen Umgebung weiß nie, ob die Menschen um es herum die Wahrheit sagen. Und weil es auf diese Menschen angewiesen ist, beginnt es nach der Wahrheit zu suchen. Es lernt, die Erwachsenen zu deuten. Es achtet auf jede Regung im Gesicht, auf jeden Tonfall und auf jede Pause zwischen den Sätzen. Es wird zu einem kleinen Detektiv, der ständig prüft, was hinter den Worten steckt. Diese Fähigkeit ist eine kluge Anpassung. Sie hilft dem Kind, sich in einer unsicheren Welt zurechtzufinden. Doch sie hat einen Preis, der oft erst viele Jahre später sichtbar wird. Vielleicht magst Du jetzt denken: "Das ist eine spannende Perspektive", und damit mit dem passenden Mindset den heutigen Artikel lesen.
Epistemisches Misstrauen
Der britische Psychoanalytiker Peter Fonagy hat für dieses Phänomen einen sehr treffenden Begriff geprägt. Er spricht von epistemischem Misstrauen. Das Wort epistemisch kommt vom griechischen Wort für Wissen. Gemeint ist ein Misstrauen gegenüber dem Wissen, das andere Menschen uns mitteilen. Normalerweise lernen Kinder, dass sie den Informationen ihrer Bezugspersonen vertrauen können. Dieses grundlegende Vertrauen ist enorm wichtig, denn es ermöglicht uns, von anderen zu lernen, ohne alles selbst überprüfen zu müssen. Wenn ein Kind aber immer wieder erlebt, dass die Informationen nicht verlässlich sind, lernt es etwas anderes. Es lernt, dass man den Worten anderer Menschen nicht trauen kann und dass man alles selbst durchschauen muss.
Als Erwachsener trägt dieser Mensch das Muster weiter in sich, auch dann, wenn er längst von ehrlichen Menschen umgeben ist. Ein Freund erzählt ihm von einem Erlebnis, und eine innere Stimme fragt sofort, ob das wirklich so gewesen ist. Eine Kollegin beschreibt, wie sie sich in einer Situation gefühlt hat, und er denkt, dass es doch ganz anders gewesen sein könnte. Er hört das Erleben anderer Menschen nicht einfach an, sondern prüft es, vergleicht es und deutet es um.
Erleben ist Erleben
Hier liegt eine feine, aber wichtige Unterscheidung. Natürlich stimmt es, dass jeder Mensch die Welt aus seiner eigenen, begrenzten Perspektive wahrnimmt. Korzybski hat das mit dem berühmten Satz beschrieben, dass die Landkarte nicht die Landschaft ist. Wenn Dir jemand von seinem Erleben erzählt, dann erzählt er Dir von seiner Landkarte und nicht von der Landschaft selbst. Sein Erleben ist also nicht zwingend die ganze Wahrheit.
Aber es ist sein Erleben. Und dieses Erleben ist echt. Wenn ein Mensch sagt, dass er sich in einer Situation verletzt gefühlt hat, dann hat er sich verletzt gefühlt, ganz gleich, wie die Situation von außen ausgesehen haben mag. Sein Gefühl ist eine Tatsache, auch wenn seine Deutung der Situation vielleicht nicht die einzige mögliche ist. Wer mit epistemischem Misstrauen aufgewachsen ist, verwechselt diese beiden Ebenen oft. Er stellt nicht nur die Deutung in Frage, sondern das Erleben selbst. Und genau das verletzt andere Menschen, ohne dass er es merkt.
Warum Menschen dichtmachen
Wenn wir die Perspektive eines anderen Menschen angreifen, geschieht etwas sehr Vorhersehbares. Sätze wie »Nein, das war ganz anders« oder »Da siehst Du das falsch« oder »Das ist doch so und so« führen fast immer dazu, dass der andere dichtmacht. Er verteidigt seine Sicht, zieht sich zurück oder hört einfach auf zu erzählen. Die Psychologie kennt dafür den Begriff der Reaktanz, den der amerikanische Psychologe Jack Brehm geprägt hat. Wenn Menschen spüren, dass ihre Freiheit eingeschränkt wird, auch die Freiheit, die Welt auf ihre Weise zu sehen, wehren sie sich. Das Dichtmachen ist also ein Schutzmechanismus. Und je stärker wir drängen, desto fester verschließt sich der andere.
Es gibt einen anderen Weg, der viel mehr bewirkt. Statt die Perspektive des anderen anzugreifen, kannst Du sie würdigen und Deine eigene daneben stellen. Ein Satz wie »Das ist eine spannende Perspektive. Ich sehe das auf eine Art anders, für mich fühlt es sich so und so an« öffnet einen Raum. Der andere muss sich nicht verteidigen. Er bekommt stattdessen die Chance, über die eigene Perspektive nachzudenken und vielleicht etwas Neues für sich mitzunehmen. Wer meinen Artikel über Freundschaft kennt, erkennt hier das Bild vom Topf in der Mitte wieder, in den jeder etwas hineinlegt.
Die eigene Perspektive für die richtige halten
Einer der häufigsten Irrtümer, den wohl fast alle Menschen machen, besteht darin, die eigene Perspektive für die richtige zu halten. Meist geschieht das völlig unbewusst. Wir sehen die Welt durch unsere Augen und halten das, was wir sehen, für die Welt selbst. Besonders tückisch wird es, wenn eine Perspektive sehr eng wird. Manchmal vertiefen wir uns so sehr in eine bestimmte Sicht auf eine Situation, dass wir alles andere ausblenden. Wir sind dann vollkommen überzeugt von einer Deutung, ohne die Fakten von außen eingeholt zu haben.
Wir haben uns eine Geschichte erzählt und glauben sie, weil wir sie uns selbst erzählt haben. Dahinter steht oft ein Ego, das sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Ein selbstzentriertes Ego bezieht alles auf sich. Es deutet jede Handlung anderer Menschen als Botschaft an sich selbst und kann sich kaum vorstellen, dass andere Menschen aus ganz eigenen Gründen handeln, die mit ihm gar nichts zu tun haben.
Der Moment, in dem sich der Blick weitet
Wie kommt man aus einer zu engen Perspektive heraus? Oft liegt der Schlüssel in einem kleinen inneren Satz, der eine große Wirkung haben kann. Moment mal, es gibt auch eine andere Perspektive darauf. In dem Augenblick, in dem Du diesen Satz denkst, geschieht etwas Bemerkenswertes. Du trittst einen Schritt aus Deiner eigenen Sicht heraus und schaust auf sie, statt durch sie hindurch. Die Psychologie nennt das Dezentrierung oder Metakognition, also das Denken über das eigene Denken. Du bist dann nicht mehr der Gedanke, sondern derjenige, der den Gedanken beobachtet.
Dieser Schritt kann überraschend befreiend sein. Viele Muster, die uns seit der Kindheit begleiten, verlieren ihre Macht, sobald wir sie von außen sehen. Das Muster ist dann nicht verschwunden, aber es bestimmt uns nicht mehr. Wir können es erkennen, wenn es auftaucht, und uns bewusst für einen anderen Blick entscheiden. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die Fakten von außen einzuholen. Statt einer inneren Geschichte zu glauben, kannst Du nachfragen. Du kannst einem vertrauten Menschen Deine Sicht schildern und ihn fragen, wie er die Situation sieht. Du kannst Informationen sammeln, bevor Du Dir ein Urteil bildest. Und Du kannst Dich daran erinnern, dass auch Deine eigene Landkarte nur eine Landkarte ist.
Der innere Dialog
Wir alle führen innere Gespräche mit uns selbst. Wenn wir in Gedanken sind, abgelenkt oder grübelnd, spricht eine innere Stimme. Das ist völlig natürlich. Die eigentliche Frage ist eine andere. Wohin führt dieser Dialog? Lohnt er sich? Ein innerer Dialog kann sehr reich sein. Er kann uns helfen, Dinge zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und Erlebtes zu verarbeiten. Er kann aber auch zu einer Schleife werden, in der wir uns immer wieder dieselbe enge Geschichte erzählen. Gerade Menschen mit epistemischem Misstrauen führen oft lange innere Gespräche, in denen sie das Verhalten anderer deuten und durchleuchten.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen, die sich jeder Mensch stellen kann. Wie viel Zeit verbringe ich in meinem inneren Dialog, und wie viel Zeit verbringe ich wirklich im gegenwärtigen Moment? Oft liegt die Antwort nicht im nächsten inneren Gespräch, sondern im Zurückkehren in die Gegenwart.
Vertrauen neu lrnen
Die gute Nachricht ist, dass Vertrauen gelernt werden kann, auch noch als Erwachsener. Fonagy beschreibt, dass epistemisches Vertrauen dann wachsen kann, wenn wir uns von einem anderen Menschen wirklich verstanden fühlen. Wenn jemand unser Erleben aufnimmt, ohne es zu bewerten, entsteht eine neue Erfahrung. Das Gehirn lernt, dass es Menschen gibt, deren Worte verlässlich sind.
Für Menschen, die mit Halbwahrheiten aufgewachsen sind, sind deshalb vor allem ehrliche Beziehungen heilsam. Gemeint sind Beziehungen, in denen offen gesprochen wird, in denen man sich auf das Wort des anderen verlassen kann und in denen man selbst offen sprechen darf. Mit jeder dieser Erfahrungen wird das alte Muster ein wenig schwächer. Und es hilft, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Das Misstrauen war einmal eine kluge Antwort eines Kindes auf eine unsichere Welt. Es muss nicht bekämpft werden. Es darf einfach erkennen, dass die Welt heute eine andere ist.
Zum Schluss
Jeder von uns sieht die Welt durch seine eigene Brille. Diese Brille wurde in unserer Kindheit geschliffen, durch die Menschen, die uns umgeben haben, und durch das, was wir mit ihnen erlebt haben. Wir können die Brille nicht einfach absetzen. Aber wir können lernen, dass wir eine tragen.
Wenn Dir das nächste Mal jemand von seinem Erleben erzählt, versuche es einfach stehen zu lassen. Es ist sein Erleben, und es verdient Deinen Respekt, auch wenn Du die Welt anders siehst. Und wenn Du merkst, dass Deine eigene Perspektive eng wird, erinnere Dich an den kleinen Satz, der so viel öffnen kann. Moment mal, es gibt auch eine andere Perspektive darauf. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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