Das Unterbewusstsein und Superbewusstsein
- Florian Stotz

- 27. Aug. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Aug.
Eine Einführung in Trance, Hypnose, Alltagsbewusstsein, Unterbewusstsein und Superbewusstsein.
In einer sternenklaren Nacht sitze ich im Zazen. Das Zen stammt ursprünglich aus Japan, und Zazen bedeutet so viel wie stilles Sitzen. In einem Moment des tiefen Friedens und der Gedankenstille wird mit geschlossenen Augen alles um mich herum gleißend weiß. Es entsteht ein Augenblick, in dem ich Körper, Gefühle und Geist als Dimensionen erkenne, die von meiner Seele erfahren werden. Zum ersten Mal konnte ich erfahren, was ein Moment des Zen (auch: Samadhi, Satori) bedeutet. Anders als bei meinen Erfahrungen mit dem Unterbewusstsein, jenem Ort, an dem Du mit geeigneten Mitteln bedeutende Veränderungen erzielen kannst, ist das Satori ein Bewusstseinssprung. Damit meine ich einen Moment, in dem die Identifikation mit dem eigenen Ich vorübergehend aufgehoben ist. Einige Zen-Großmeister befinden sich dauerhaft in einem Zustand des Satori.
Die drei Dimensionen von Körper, Gefühle und Geist
Im einleitenden Text habe ich drei Dimensionen des Menschseins erwähnt, die jedem Menschen innewohnen: Körper, Gefühle und Geist. In einigen Schriften des Ostens ist statt von „Gefühlen" vom „Astralkörper" die Rede, jenem Bereich, in dem Emotionen und Gefühle zu Hause sind. Der Körper ist die Dimension, die jeder Mensch kennt und die unter anderem die körperlichen Empfindungen umfasst. Die große Gefahr, den Körper für die einzige Dimension des Menschseins zu halten, findet sich in vielen westlichen Lehren. Für manche gilt die Haltung: Solange etwas von der westlichen Wissenschaft nicht bestätigt ist, darf es auch nicht wahr sein. Aus dieser Perspektive erscheint das Yoga oft nutzlos. Dabei lehrt Yoga primär ein Wissen, das sich allein auf der Basis von Erfahrung als wahr erkennen lässt. Die wissenschaftlichen Mittel des 21. Jahrhunderts reichen für eine vollständige Überprüfung des Yoga bislang nicht aus. In den östlichen Lehren ist es dagegen selbstverständlich, von weiteren und höheren Dimensionen zu sprechen, weil dieses erfahrungsbasierte Wissen von Generation zu Generation sorgfältig weitergereicht wurde.
Der Astralkörper und der Geist, auch Mentalkörper genannt, wurden in einigen östlichen Lehren intensiv studiert, theoretisch wie praktisch. Im Austausch mit vielen Menschen unserer Kultur habe ich bemerkt, dass viele unter Yoga nur die körperlichen Übungen verstehen. Weit gefehlt, wie ich finde. Denn wenn wir einen Sprung in die indischen Schriften des Yoga wagen, erhalten wir ein größeres Bild davon, was Yoga ausmacht.
Der Geist und seine inneren Bewegungen
Im indischen Raum trägt der Geist den Namen „Citta". In unserem Geist gibt es die unterschiedlichsten Gedanken, die etwa die Form von Bildern und inneren Stimmen annehmen können. In einem klassischen Yoga-Sutra (auch: Leitsatz aus dem Yoga) werden die sogenannten Citta-Vrittis behandelt, wörtlich übersetzt die „Bewegungen im Geist". Nach den Yoga-Sutras von Patanjali, dem Verfasser dieser klassischen Leitsätze, gibt es fünf solcher Bewegungen:
Pramana (Echtes Wissen)
Viparyaya (Falsches Wissen)
Vikalpa (Imagination)
Nidra (Träume)
Smriti (Erinnerung)
Ein Yogi (auch: praktizierender Mensch des Yoga) hat das Ziel, diese fünf Bewegungen des Geistes zu beruhigen, um ein reines Bewusstsein zu erreichen. Pramana ist wahres Wissen, das auf der bewussten Wahrnehmung Deines Bewusstseins beruht. Viparyaya ist falsches Wissen, etwa wenn Du wütend bist und andere Menschen als wütend wahrnimmst, obwohl in Wahrheit Du der Wütende bist. Vikalpa ist die Imagination, zu der zum Beispiel das Tagträumen zählt. Nidra bezieht sich auf die Träume während des Schlafs. Und Smriti sind die Erinnerungen, die Du in Deinem Leben gesammelt und im Gedächtnis hinterlegt hast.
Das Unterbewusstsein und seine tiefgreifenden Kräfte
Einer der größten Pioniere in der Erforschung des Unterbewusstseins und der Hypnose ist Milton H. Erickson, der Begründer der modernen Hypnotherapie. Er vertrat die Auffassung, dass das Unterbewusstsein ein Freund ist, der Dich beschützt und Dir ein bestmögliches Leben ermöglichen möchte. Immer wieder betonte er die tiefe Kraft des Unterbewusstseins und die Tatsache, dass Lernen in Trance oft leichter, schneller und nachhaltiger geschieht. Das Wort Trance lässt sich mit „veränderter Bewusstseinszustand" übersetzen. In Trance ist Deine Aufmerksamkeit stark auf bestimmte innere oder äußere Erlebnisse gerichtet, während andere Reize in den Hintergrund treten oder ganz ausgeblendet werden. Dabei gibt es die positive Halluzination, bei der jemand etwas wahrnimmt, das kein anderer wahrnimmt, und die negative Halluzination, bei der jemand etwas nicht wahrnimmt, das andere sehr wohl bemerken. Trance ist ein Zustand zwischen Wachheit und Schlaf, zwischen Kontrolle und Loslassen, zwischen bewusstem Denken und unbewussten Prozessen.
Im Prozess der Hypnose wird die sogenannte kritische Instanz des Alltagsbewusstseins langsam außer Kraft gesetzt, während der Zugang zu Deinem Unterbewusstsein zugleich größer wird. Auf das Unterbewusstsein abgestimmte Suggestionen und Metaphern können dann, einen geeigneten Trancezustand vorausgesetzt, zu Veränderungen in Deinem Leben führen. Scheinbar ohne bewusstes Zutun leitet Dein Unterbewusstsein im Alltag Prozesse ein, von denen Du meinst, Du hättest sie selbst bewusst entschieden. Tatsächlich geschehen sie oft primär auf der Basis der Suggestionen, die Dir in der Hypnose gegeben wurden.
Dein Unbewusstes orientiert sich zum Beispiel an dem besten Zustand, den Du je erlebt hast, und strebt danach, ihn als neue Normalität in Deinem Alltag zu leben. Hypnose leitet sich übrigens vom griechischen Wort hypnos (für: Schlaf) ab. Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert von James Braid geprägt, einem schottischen Arzt, der zunächst annahm, es handle sich um eine Form künstlichen Schlafs. Heute verstehen wir Hypnose als einen prozesshaften Zugang zur Trance, also zu veränderten Bewusstseinszuständen, die sich durch Suggestion, Fokus und Entspannung auslösen lassen. Hypnose ist damit der Prozess, durch den Trancezustände gezielt herbeigeführt (auch: induziert) werden.
Einige Hypnotiseure und Forscher meinen, je tiefer die Trance, desto größer könnten die Veränderungen bei entsprechenden Suggestionen sein. Erickson selbst vertrat die Haltung, dass jede Trance individuell ist und dass die Passung der Suggestion für den Klienten entscheidender ist als die Tiefe der Trance. Viele seiner heilsamen Geschichten und Metaphern wirken gerade deshalb subtil, weil sie in leichter Trance zugänglich bleiben und das Bewusstsein mitdenken kann, ohne sich zu wehren. Anders als oft angenommen, machten Geschichten und Metaphern nach Berichten seiner Kollegen höchstens ein Fünftel seiner Arbeit aus. Zum Trancezustand sagte Erickson sinngemäß: Trance sei kein künstlicher Zustand, Menschen befänden sich ständig in verschiedenen Bewusstseinszuständen, man müsse sie nur nutzen. Es komme nicht darauf an, wie tief jemand in Trance sei, sondern darauf, was er in ihr erleben könne.
Ericksons Vertrauen in das Unbewusste zeigt sich auch in einem seiner zentralen Aussprüche. In meiner sinngemäßen Übersetzung lautet er: „Ich vertraue immer meinem Unterbewusstsein. Zu viele Psychotherapeuten versuchen zu planen, was sie tun werden, statt abzuwarten, welchen Reiz sie erhalten, und dann ihr Unterbewusstsein darauf reagieren zu lassen. Ich strukturiere meine Arbeit auf vage, allgemeine Weise, und ebenso vage strukturiert der Patient sie, gemäß seinen eigenen Bedürfnissen. Die lockere Struktur, die ich schaffe, erlaubt ihm, Stück für Stück Dinge zu entdecken, die er verdrängt hat. Vertraue einfach Deinem Unterbewusstsein im Hier und Jetzt."

Das Satori und seine transzendenten Kräfte
Während im Westen das Konzept des Unterbewusstseins längst etabliert ist und die Hypnose zunehmend an Bedeutung gewinnt, bleibt ein anderer Bewusstseinszustand weitgehend im Verborgenen: das Satori. In manchen Kulturen spricht man auch von Superbewusstsein oder Samadhi. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass mehr Menschen diesen Zustand, den ich auch den Zustand des Zen nenne, erfahren und sich seiner innewohnenden Kraft bedienen können. Höchste Einsichten, intuitive Erkenntnis und tiefer Friede sind nur einige der Elemente, die ihn auszeichnen.
An dieser Stelle möchte ich Dir den Zustand des Zen durch ein kurzes Erlebnis näherbringen. Nachdem ich im Frühling einmal einen Artikel geschrieben hatte, blickte ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers. Ich nahm den hellblauen Himmel wahr, die weiß gewölbten Wolken und die Vögel, die durch die hohen Lüfte schwangen. Eine tiefe Ehrfurcht ergriff mich bei diesem Anblick und führte mich in einen Zustand des reinen Seins. Durch die Schönheit dieses Augenblicks kamen mir die Tränen, aufsteigend aus dem inneren Frieden heraus. Das ist unter anderem das, was Zen-Meister Dōgen als Zen-Praxis bezeichnet. Wenn Du glaubst, das Unterbewusstsein sei schon mächtig, wirst Du das Superbewusstsein als eine kaum erklärliche Macht reinen Seins erfahren.
Im klassischen Yoga, besonders in den Yoga-Sutras nach Patanjali, wird ein klarer Pfad zum Superbewusstsein beschrieben. Er besteht aus drei aufeinander aufbauenden Stufen:
Dharana (Konzentration)
Dhyana (Meditation)
Samadhi (Tiefe Versenkung)
Dharana bedeutet, den Geist auf ein einziges Objekt auszurichten, etwa eine Pflanze im Raum, auch wenn dabei immer wieder Gedanken auftauchen. Eine praktische Übung dazu: Wähle ein Objekt, etwa eine Pflanze, und richte Deine Aufmerksamkeit fünf Minuten lang ausschließlich auf sie. Wann immer Gedanken Dich ablenken wollen, führst Du Deine Aufmerksamkeit sanft zur Pflanze zurück. Deine Willenskraft ist dabei jene Fähigkeit, mit der Du Dich entscheidest, die Aufmerksamkeit auf das Objekt zu richten. Denn intellektuelles Wissen kann wunderbar klingen, wenn man es rezitiert, doch die Frage bleibt, wie weit es auch Teil des eigenen Seins ist. Aus der Quelle des Seins wiederum kann tiefgründiges Wissen wie von selbst hervorquellen.
Wenn es Dir gelingt, das Objekt fünf Minuten lang ohne jeden Gedanken zu betrachten, befindest Du Dich im Zustand von Dhyana (Meditation). Die Gedankenaktivität ist stillgelegt, und Du gehst in Resonanz mit dem Objekt. Im Superbewusstsein verschwindet dann die Trennung zwischen „Du" und „Objekt", das heißt, Du unterscheidest nicht mehr zwischen Dir und der Pflanze, beides ist eins geworden. Es bleibt nur Essenz, reines Gewahrsein. Samadhi (auch: Verschmelzung) ist ein transzendenter Zustand, in dem sich das Ich, das Ego, auflöst und die Seele erfahrbar wird. Es gibt verschiedene Stufen des Samadhi, von denen einige tiefer, subtiler und verwandelnder sind als andere. Das höchste Samadhi zu erreichen ist der Zustand, den jeder Yogi anstrebt. Der Begriff Samyama bezeichnet übrigens das kombinierte Wirken der drei aufeinanderfolgenden Stufen Dharana, Dhyana und Samadhi. Samyama ist damit eine intensive Form der Bewusstseinssammlung, die zur Meisterschaft, zur Klarheit und zur Erkenntnis des wahren Selbst führen soll.
Für mich ist Ramana Maharshi, einer der bedeutendsten indischen Weisen der Neuzeit, einer der Pioniere, die unsere moderne Welt auf das Samadhi aufmerksam gemacht haben. Ein übersetztes Zitat von ihm lautet sinngemäß: Der Zustand, in dem durch den stillen Geist die ununterbrochene Erfahrung von Existenz und Bewusstsein erlangt wird, sei Samadhi. Ramana Maharshi betonte, dass das Samadhi ein natürlicher Zustand jedes Menschen ist. Selbsterforschung, wie im Zazen, sei die wirksamste Methode, um die Irrealität des Ich-Gedankens zu entdecken.
Vor Kurzem erinnerte ich mich an einen Moment, in dem ich als Baby auf dem alten Teppich meiner Oma krabbelte. Zu meiner rechten Seite stand ein Holzschrank, an dem ich mich aufzustützen versuchte, um stehen zu können. Ich scheiterte oft, versuchte es aber immer wieder, bis ich mich eines Tages festhielt und stand. Als Erwachsener ist die Erinnerung an diesen Moment mit einem Zustand des Tuns ohne jeden Gedanken verbunden. Die Kraft der Erinnerung ermöglicht es, einen früheren Zustand im Augenblick wie neu zu erleben. So tragen Erinnerungen auch den damaligen Zustand in sich, der als Ressource im Hier und Jetzt genutzt werden kann, sobald die Erinnerung bewusst abgerufen wird. Worauf ich hinauswill, ist aber diese Frage: Wer warst Du als Baby? Mit Sicherheit nicht die Identität, die Du heute hast. Und sehr wahrscheinlich wird Deine jetzige Identität in wenigen Jahren eine andere sein, bis auf jene Identifikationen, an denen wir festhalten, etwa die eigene Lebensgeschichte. Daran zeigt sich, dass die Identität etwas Veränderliches ist und nicht die Essenz, die eigentlich in uns wohnt. Alles Vergängliche kann nicht unser wahres Sein sein, sondern nur die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die im Lauf des Lebens erfahren wurden.
Wir halten fest, dass das Superbewusstsein ein transzendenter Zustand reinen Gewahrseins ist, jenseits der gewöhnlichen mentalen Aktivität. In ihm befindest Du Dich in vollständiger Harmonie. Einer seiner Nachhalleffekte ist, dass alte Themen aus dem Unterbewusstsein aufsteigen und sich von selbst auflösen. Ein möglicher Erklärungsansatz von mir wäre, dass diese alten Themen der starken Energie des Superbewusstseins nicht mehr standhalten und sich dadurch auflösen. Es ist ein Zustand, in dem das Ich-Bewusstsein verschwindet und für die Seele die Essenz des Seins erfahrbar wird. In den Yoga-Sutras wird nicht nur ein Samadhi beschrieben, sondern eine Vielzahl differenzierter Stufen:
Samprajnata-Vitarka (Savitarka und Nirvitarka)
Asamprajnata
Samprajnata-Vicara (Savicara und Nirvicara)
Asamprajnata
Samprajnata-Sananda
Asamprajnata
Samprajnata-Sasmita
Nirbija Samadhi
Dharma-Megha-Samadhi
Es gibt also nicht ein Samadhi, sondern viele, von den einfacheren Stufen bis hin zu den höchsten wie dem Nirbija Samadhi und dem Dharma-Megha-Samadhi. Diese Veranschaulichung dient vor allem dazu, sich mit einer lebendigen Spiritualität zu beschäftigen und keine tote Esoterik (auch: Geheimlehre) zu bedienen. Wenn Du mehr über die Yoga-Sutras erfahren möchtest, lege ich Dir das Buch The Science of Yoga von I. K. Taimni ans Herz.
Auch jenseits von Yoga und Meditation befinden wir uns täglich in wechselnden Trancezuständen.
Wenn Du mit Deinen liebsten Menschen gemeinsam Zeit verbringst
Wenn Du in Deine Arbeit vertieft bist
Wenn Du in einer Sternennacht mit Freunden an einem knisternden Lagerfeuer sitzt
Wenn Du Tagträume hast oder Musik hörst
Unser Bewusstsein ist nicht statisch, es wandelt sich ständig. Und genau darin liegt ein Schlüssel zur Veränderung. Der Mensch und seine Bewusstseinszustände sind ein faszinierendes Phänomen. Aus meiner Sicht lohnt es sich für jeden Menschen, eine große Auswahl an Bewusstseinszuständen zu haben und sie bewusst hervorrufen zu können. Wer die meisten zur Verfügung hat, gewinnt an Flexibilität im Leben.
In meinen Trainings und Workshops lernst Du, unterschiedliche Bewusstseinszustände hervorzurufen und gezielt in Deinem Leben zu nutzen. Mit diesen Worten schließen wir das Thema der Bewusstseinszustände für heute ab.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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