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Das TOTE-Modell als innerer Thermostat

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • 23. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Wer ein Verhalten ändern will, muss selten am Verhalten ansetzen, sondern fast immer an dem Maßstab, der es beendet.


Es gibt eine Frage, die mir in Trainings immer wieder begegnet, und sie klingt meistens verzweifelt: Warum tue ich das eigentlich immer noch, obwohl ich längst weiß, dass es mir schadet? Der Mensch, der so fragt, hat in der Regel alles verstanden. Er kennt die Ursache, er kennt die Folgen, er hat Bücher gelesen und Gespräche geführt. Und trotzdem läuft das Muster weiter, so verlässlich wie eine Maschine. Meiner Erfahrung nach liegt das daran, dass wir Verhalten als Handlung betrachten, obwohl es in Wahrheit eine Schleife ist. Eine Handlung kann man sich vornehmen. Eine Schleife muss man verstehen.


Was ein Thermostat über Dich weiß


Stell Dir eine Heizung mit Thermostat vor. Das Gerät misst die Temperatur im Raum und vergleicht sie mit einem Sollwert. Ist es zu kalt, schaltet es die Heizung ein. Dann misst es wieder. Und wieder. Und in dem Moment, in dem die gemessene Temperatur den Sollwert erreicht, hört es auf. Nicht früher, nicht später. Genau dieses Bild haben drei Wissenschaftler im Jahr 1960 auf den Menschen übertragen. George Miller, einer der Begründer der kognitiven Psychologie, Eugene Galanter und der Neuropsychologe Karl Pribram beschrieben in ihrem Werk „Plans and the Structure of Behavior" ein Modell, das sie TOTE nannten. Die vier Buchstaben stehen für Test, Operate, Test, Exit, also für Prüfen, Handeln, erneut Prüfen und Beenden. Ihr Punkt war ein radikaler: Menschliches Verhalten läuft nicht als Kette von Reiz und Reaktion ab, sondern als Rückkopplungsschleife mit einem Ziel.


Ich nenne das seither den inneren Thermostaten, weil das Bild fast alles erklärt. Jedes Verhalten, das Du zeigst, hat einen Sollwert. Es beginnt, weil eine Prüfung eine Abweichung gemeldet hat, es läuft weiter, solange die Abweichung besteht, und es endet in dem Moment, in dem die Prüfung sagt: passt. Der Sollwert selbst ist dabei fast immer unbewusst. Du merkst nicht, dass Du misst. Du merkst nur, dass Du nicht aufhören kannst. Im NLP ist daraus ein zentrales Arbeitswerkzeug geworden. Robert Dilts, einer der frühen Entwickler des Feldes, machte die Schleife zur Grundlage dessen, was dort Strategie heißt: die genaue Abfolge innerer Bilder, Sätze und Gefühle, mit der ein Mensch ein bestimmtes Ergebnis erzeugt. Wer eine Strategie kennt, kennt nicht die Meinung eines Menschen über sich selbst, sondern seine tatsächliche Funktionsweise.


Vier Schritte, die jeder von uns ständig geht


Die Schleife lässt sich an etwas Harmlosem gut nachvollziehen. Nimm das Zähneputzen.


Der erste Test ist die Prüfung. Du nimmst etwas wahr und vergleichst es mit einem inneren Maßstab. Die Zunge fährt über die Zähne, es fühlt sich pelzig an, und irgendwo in Dir meldet eine Instanz eine Abweichung zwischen Ist und Soll. Ohne diesen ersten Test beginnt gar nichts. Deshalb tun Menschen bestimmte Dinge nicht, obwohl sie sie für richtig halten: Es findet schlicht keine Messung statt.


Das Operate ist die Handlung. Du greifst zur Bürste und tust etwas, um die Abweichung zu verkleinern. Das ist der Teil, den man von außen sieht, und deshalb der Teil, an dem fast alle Veränderungsversuche ansetzen. Er ist der am wenigsten interessante.


Der zweite Test ist die entscheidende Stelle. Du prüfst erneut, ob der Sollwert erreicht ist. Hier entscheidet sich alles, denn dieser Test bestimmt, wie lange die Schleife läuft. Und er bestimmt, ob sie überhaupt jemals endet.


Der Exit ist der Ausstieg. Der Sollwert ist erreicht, die Schleife bricht ab, Du legst die Bürste weg und denkst nicht weiter darüber nach. Ein sauberer Ausstieg fühlt sich an wie Ruhe.


Warum manche Schleifen nie enden


Und hier wird das Modell praktisch, denn wenn Du diese vier Schritte einmal siehst, siehst Du auch, wo Muster festhängen. Sie hängen fast nie beim Handeln fest. Sie hängen bei der Prüfung fest. Da ist zum einen das Kriterium, das gar nicht erfüllbar ist. Ein Mensch arbeitet an einem Text und prüft ihn gegen den Maßstab, dass er fehlerfrei sein muss. Fehlerfreiheit ist aber kein Zustand, der sich feststellen lässt, sondern nur einer, der sich vermuten lässt, und deshalb meldet der Test unendlich oft eine Abweichung. Was von außen wie mangelnde Disziplin aussieht, ist in Wahrheit ein Thermostat ohne Abschaltpunkt. Nicht der Mensch ist unersättlich, sein Sollwert ist es.


Da ist zum anderen das Kriterium, das jemand anderem gehört. Manche Menschen prüfen nicht am eigenen Empfinden, sondern am Gesicht ihres Gegenübers. Der Ausstieg aus der Schleife hängt dann davon ab, ob jemand nickt, und weil ein fremdes Nicken nie sicher zu erreichen ist, läuft die Schleife weiter. Das ist derselbe Mechanismus, den ich an anderer Stelle als das Überzeugen aus Mangel beschrieben habe. Zwei Menschen können äußerlich dasselbe tun, sorgfältig arbeiten und sich Mühe geben. Der eine prüft an seinem eigenen Maßstab und hört irgendwann auf. Der andere prüft an einem fremden und hört nie auf. Dieselbe Handlung, eine völlig andere Wurzel. Und da ist der Fall, in dem der Test in einem Kanal stattfindet, in dem er nichts erkennen kann. Wer prüfen will, ob er ruhig ist, und dabei ausschließlich denkt statt spürt, wird die Antwort nicht finden. Der Sollwert liegt im Körper, die Messung im Kopf, und beide reden aneinander vorbei.


Wie Du Deine eigene Schleife sichtbar machst


Das Schöne an diesem Modell ist, dass Du es an Dir selbst anwenden kannst, ohne etwas zu installieren oder aufzulösen. Es genügt zunächst, zu sehen. Nimm Dir ein Verhalten vor, das Du seit Längerem ändern willst, und geh es in Ruhe durch, am besten schriftlich.


Frag zuerst nach dem Auslöser. Woran genau merkst Du, dass es losgeht? Was ist das Allererste, das Du wahrnimmst, bevor Du handelst? Ein Bild, ein Satz in Deinem Kopf, ein Ziehen im Bauch? Sei so konkret, wie es Dir möglich ist, denn der Auslöser ist selten das, wofür man ihn hält.


Frag dann nach dem Sollwert. Woran würdest Du merken, dass es genug ist? Und die härtere Anschlussfrage: Ist dieser Zustand überhaupt erreichbar, und wer hat ihn festgelegt? Viele Menschen bemerken an dieser Stelle zum ersten Mal, dass sie gegen einen Maßstab arbeiten, den sie sich nie ausgesucht haben.


Frag zuletzt nach dem Ausstieg. Gibt es einen Moment, in dem Du wirklich aufhörst und Ruhe hast, oder geht die Schleife nur in eine andere über? Wenn Du keinen Ausstieg findest, hast Du die eigentliche Arbeit gefunden.


Über eine Schleife nachzudenken ist leicht, ihren Sollwert im eigenen Körper zu bemerken ist etwas anderes. Deshalb lohnt es sich, diese drei Fragen nicht einmal zu beantworten, sondern eine Woche lang mit ihnen zu leben und aufzuschreiben, was auffällt. Ein Muster, das man aufschreiben kann, hat man zur Hälfte schon gelöst.


Der Sollwert ist die eigentliche Arbeit


Wer die Schleife verstanden hat, versteht auch, warum gute Veränderungsarbeit dort ansetzt, wo sie ansetzt. Man ändert nicht das Handeln, man ändert das Kriterium. Ein erreichbarer Sollwert erzeugt einen sauberen Ausstieg, und ein sauberer Ausstieg ist das, was sich am Ende wie Ruhe anfühlt. Damit ist auch gesagt, was dieses Modell nicht ist. Es ist keine Erklärung dafür, wer Du bist. Es beschreibt, wie ein Verhalten funktioniert, nicht was ein Mensch wert ist, und es taugt nicht dazu, sich selbst zu vermessen. In der Stille des Zazen (auch: des stillen Sitzens) zeigt sich das sehr deutlich. Da ist derjenige, der prüft, und da ist derjenige, der bemerkt, dass geprüft wird. Der zweite ist nicht Teil der Schleife. Er schaut ihr zu.


Vielleicht bemerkst Du in den nächsten Tagen einmal den Moment, in dem Dein innerer Thermostat anspringt. Nicht um ihn sofort zu verstellen, sondern um ihn erst einmal zu hören.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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