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Wenn kein Ausweg mehr sichtbar ist

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 5 Tagen
11 Min. Lesezeit

Suizidalität und Krise verstehen. Teil 10 und Abschluss der Serie über psychische Erkrankungen.


Paul ist 52 und hat vor einem Jahr seine Arbeit verloren. Kurz danach hat sich seine Frau von ihm getrennt. Er lebt jetzt allein in einer kleinen Wohnung und hat sich nach und nach von seinen Freunden zurückgezogen. Bei einem Treffen mit seinem alten Schulfreund Martin sagt er beiläufig einen Satz, der Martin nicht mehr loslässt: »Manchmal denke ich, es wäre für alle einfacher, wenn ich nicht mehr da wäre.« Dann wechselt er das Thema und lacht über etwas anderes. Martin geht nach Hause und weiß nicht, was er tun soll. War das ernst gemeint? Soll er nachfragen? Und wenn er nachfragt, bringt er Paul dann vielleicht erst auf den Gedanken? Martins Fragen stehen im Mittelpunkt dieses letzten Artikels. Ich habe dieses Thema bewusst ans Ende der Serie gestellt, weil es in fast jedem Störungsbild auftauchen kann, über das wir gesprochen haben. Es ist das schwerste Thema dieser Serie. Und es ist zugleich das Thema, bei dem jeder von uns einen Unterschied machen kann.


Was Suizidalität bedeutet


Das Lehrbuch beschreibt Suizidalität als alle Kräfte eines Menschen, die danach streben, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Gleichzeitig weist es auf etwas sehr Wichtiges hin. Hinter Suizidgedanken steht oft nicht der Wunsch zu sterben, sondern der Wunsch nach Ruhe, nach einer Pause, nach einer Veränderung einer unerträglichen Lebenssituation. Viele Menschen in einer suizidalen Krise wollen nicht tot sein. Sie wollen, dass der Schmerz aufhört, und sehen in diesem Moment keinen anderen Weg. Suizidalität ist dabei keine eigene Diagnose in der ICD-11, sondern ein Zustand, der bei vielen psychischen Erkrankungen auftreten kann. Laut Lehrbuch liegt bei etwa neun von zehn Suiziden eine psychische Erkrankung zugrunde. Am häufigsten sind Depressionen, gefolgt von Suchterkrankungen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen. Auch schwere und chronische körperliche Erkrankungen spielen oft eine Rolle. Und doch betont das Lehrbuch, dass Suizidalität nicht grundsätzlich die Folge einer Krankheit sein muss. Manchmal ist es eine akute Krise, in der ein Mensch mit seinen gewohnten Bewältigungsstrategien nicht mehr weiterkommt.


Entscheidend ist dabei nicht die objektive Schwere einer Situation, sondern das subjektive Erleben. Was für den einen ein schwerer, aber zu bewältigender Rückschlag ist, kann für den anderen das Ende aller Hoffnung bedeuten. Wie viele Menschen betroffen sind In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund zehntausend Menschen das Leben. Das sind mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, Drogen und Gewalttaten zusammen. Die Zahl der Suizidversuche liegt um ein Vielfaches höher. Das Lehrbuch nennt einige Muster, die für das Verständnis wichtig sind. Männer sterben etwa dreimal so häufig durch Suizid wie Frauen. Frauen unternehmen dagegen häufiger Suizidversuche.


Das Risiko steigt mit dem Alter, und besonders gefährdet sind alleinstehende ältere Männer. Hier begegnen wir wieder dem, was ich im Artikel über Depression und im Zusatzartikel über ein gefühltes Leben geschrieben habe. Viele Männer haben gelernt, ihren Schmerz nicht zu zeigen und keine Hilfe zu suchen, und genau das kann tödlich sein. Eine weitere Zahl aus dem Lehrbuch ist mir besonders wichtig. Etwa die Hälfte der Menschen, die durch Suizid sterben, hat zuvor bereits einen Suizidversuch unternommen. Und im ersten Jahr nach einem Versuch ist das Risiko eines weiteren Versuchs besonders hoch. Jeder Suizidversuch muss deshalb ernst genommen werden, ganz gleich wie er aussah.


Die Welt im Tunnel


Wie fühlt sich die Welt für einen Menschen in einer suizidalen Krise an? Der österreichische Psychiater Erwin Ringel hat in den 1950er Jahren mit vielen Menschen gesprochen, die einen Suizidversuch überlebt hatten. Er fand drei Merkmale, die er das präsuizidale Syndrom nannte:


  • Das erste Merkmal ist die Einengung. Die Welt wird immer enger, wie ein Tunnel, der sich zusammenzieht. Die Möglichkeiten, die ein Mensch für sich sieht, werden immer weniger. Das Denken kreist nur noch um die Ausweglosigkeit und die Gefühle verengen sich auf Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Auch die Beziehungen werden weniger, weil der Mensch sich zurückzieht. Und die Werte, die ihm früher wichtig waren, verlieren ihre Bedeutung. Am Ende des Tunnels scheint nur noch ein einziger Ausgang zu bleiben. Wenn wir diese Welt mit den Augen der Submodalitäten betrachten, wird die Einengung sehr anschaulich. Die Zukunft hat kein Bild mehr oder nur noch ein dunkles. Die Farben sind verschwunden und die Zeit fühlt sich zäh und endlos an. Das innere Bild der eigenen Situation ist riesig und nah und lässt keinen Raum für etwas anderes. Hier ist dieselbe Welt, die wir im Artikel über Depression kennengelernt haben, nur noch dunkler und enger.

  • Das zweite Merkmal nannte Ringel Aggressionsumkehr. Wut und Enttäuschung, die sich eigentlich gegen andere richten könnten, richten sich zunehmend gegen den Menschen selbst. Hier schließt sich der Kreis zu meinem Artikel über toxische Scham. Wer im Innersten glaubt, wertlos zu sein, richtet seinen Schmerz leichter gegen sich selbst.

  • Das dritte Merkmal sind Suizidfantasien. Gedanken an den Tod nehmen immer mehr Raum ein und erscheinen zunehmend als Erleichterung. Die Wirklichkeit fühlt sich unerträglich an und die Fantasie wird zu einer Art Fluchtraum.


Der amerikanische Psychologe Thomas Joiner hat in seiner Forschung zwei Gefühle beschrieben, die bei suizidalen Menschen besonders häufig zu finden sind. Das erste ist das Gefühl, anderen nur noch eine Last zu sein. Das zweite ist das Gefühl, nirgendwo mehr dazuzugehören. Pauls Satz »Es wäre für alle einfacher, wenn ich nicht mehr da wäre« drückt genau das erste Gefühl aus. Und sein Rückzug von den Freunden verstärkt das zweite.


Die drei Stadien der Krise


Der Psychiater Walter Pöldinger hat beschrieben, wie sich eine suizidale Krise oft in drei Stadien entwickelt. Das Lehrbuch stellt dieses Modell ausführlich dar:


  • Im Erwägungsstadium beginnt ein Mensch, über Suizid als mögliche Lösung nachzudenken. Auslöser können Krisen, Verluste, Isolation oder auch Medienberichte über Suizide sein.

  • Im Ambivalenzstadium ist der Mensch hin- und hergerissen. Ein Teil von ihm möchte leben und ein anderer Teil sieht keinen Sinn mehr. In dieser Phase senden viele Menschen Signale aus, manchmal direkt und manchmal nur in Andeutungen. Laut Lehrbuch kündigen bis zu achtzig Prozent der Menschen, die durch Suizid sterben, ihre Absicht vorher in irgendeiner Form an. Diese Phase ist die wichtigste für die Hilfe, denn hier kann ein Gespräch noch sehr viel bewirken. Pauls Satz zu Martin fällt genau in diese Phase.

  • Im Entschlussstadium hat ein Mensch eine Entscheidung getroffen. Das Lehrbuch beschreibt eine besonders tückische Erscheinung dieser Phase. Viele Menschen wirken plötzlich ruhig, gelöst und fast heiter. Angehörige sind dann oft erleichtert, weil es scheinbar besser geht. Doch diese Ruhe kann ein Alarmzeichen sein. Das Lehrbuch nennt sie die Ruhe vor dem Sturm.


Warnzeichen


Es gibt kein sicheres Zeichen, an dem man Suizidgefahr erkennen kann. Aber es gibt Warnzeichen, die man ernst nehmen sollte. Dazu gehören direkte oder indirekte Äußerungen über den Tod oder darüber, nicht mehr da sein zu wollen. Sätze wie »Bald habt ihr es leichter« oder »Das alles hat bald ein Ende« können solche Andeutungen sein. Dazu gehört auch ein starker Rückzug von Freunden und Familie und ein Verlust von Interesse an Dingen, die früher wichtig waren. Manche Menschen ordnen plötzlich ihre Angelegenheiten, verschenken persönliche Dinge oder verabschieden sich auf ungewöhnliche Weise.


Ein auffällig gestiegener Konsum von Alkohol oder Drogen kann ebenso ein Warnzeichen sein wie Hoffnungslosigkeit und starke Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit. Und schließlich gehört dazu jene plötzliche Ruhe nach einer langen Zeit der Verzweiflung. Besonders gefährdet sind laut Lehrbuch Menschen mit Depressionen oder Suchterkrankungen, ältere und einsame Menschen, Menschen nach einem Verlust und Menschen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben. Auch Menschen, die einer Minderheit angehören und Ausgrenzung erleben, haben ein erhöhtes Risiko. Das Lehrbuch nennt hier zum Beispiel queere Jugendliche.


Der Mut zur Frage


Jetzt kommen wir zu Martins wichtigster Frage. Soll er Paul darauf ansprechen? Und bringt er ihn damit vielleicht erst auf den Gedanken? Die Antwort der Forschung ist eindeutig. Nein, die Frage nach Suizidgedanken bringt niemanden auf die Idee. Im Gegenteil, das Lehrbuch betont ausdrücklich, dass suizidale Menschen es meist als große Entlastung erleben, wenn endlich jemand das Thema anspricht, das sie so sehr bedrängt. Viele haben sich lange nicht getraut, darüber zu reden, aus Scham oder aus Angst, andere zu belasten. Die Frage öffnet eine Tür, die sie allein nicht öffnen konnten.


Wie stellt man diese Frage? Am besten offen und direkt und ohne Umschweife. Das Lehrbuch gibt einige Beispiele, die ich hier weitergeben möchte. Man kann fragen, ob der andere noch Hoffnung hat, dass es ihm besser gehen könnte. Man kann fragen, ob ihm schon einmal der Gedanke gekommen ist, dass es besser wäre, nicht mehr zu leben. Und wenn er das bejaht, kann man nachfragen, wie oft er daran denkt und ob er schon mit jemandem darüber gesprochen hat. Martin könnte zu Paul zum Beispiel sagen: »Du hast neulich gesagt, es wäre für alle einfacher, wenn Du nicht mehr da wärst. Das geht mir nicht aus dem Kopf. Denkst Du manchmal daran, Dir das Leben zu nehmen?« Diese Frage zu stellen, erfordert Mut. Sie kann sich anfühlen, als würde man eine Grenze überschreiten. Doch sie ist eines der wirksamsten Dinge, die man für einen Menschen in einer Krise tun kann.


Was Du tun kannst, wenn die Antwort Ja lautet


Wenn ein Mensch Dir sagt, dass er an Suizid denkt, ist das zuerst einmal ein großer Vertrauensbeweis. Er hat Dir etwas anvertraut, das er vielleicht noch niemandem gesagt hat. Bleib ruhig und hör zu. Du musst in diesem Moment keine Lösung haben. Versuche nicht, ihm seine Gefühle auszureden, und vermeide Sätze wie »Das darfst Du nicht denken« oder »Denk doch an Deine Familie«. Sie mögen gut gemeint sein, sie erzeugen aber oft Schuld und Scham. Nimm stattdessen ernst, wie schwer es ihm gerade geht. Ein Satz wie »Danke, dass Du mir das erzählst. Ich bin froh, dass Du es mir gesagt hast, und ich möchte Dir helfen« kann sehr viel bewirken.


Frag nach, was ihn bisher am Leben gehalten hat. Das Lehrbuch nennt das die inneren Regeln eines Menschen, also Werte, Beziehungen oder Hoffnungen, die ihn noch halten. Das können die Kinder sein, ein Haustier, ein Glaube oder einfach die Neugier, wie es weitergeht. Diese Halteseile zu benennen, kann sie stärken. Und dann hilf ihm, professionelle Unterstützung zu bekommen. Das Lehrbuch gibt dazu einen Hinweis, der mir sehr wichtig erscheint. Es reicht nicht, einem Menschen in einer akuten Krise das Versprechen abzunehmen, dass er sich Hilfe holen wird. Die Gefahr, dass er es sich anders überlegt, ist in dieser Phase sehr hoch. Begleite ihn deshalb, wenn es irgend möglich ist, zum Hausarzt, zu einer psychiatrischen Ambulanz oder in eine Klinik. Oder ruf gemeinsam mit ihm bei der Telefonseelsorge oder einem Krisendienst an.


Wenn ein Mensch konkrete Pläne hat und Du Dir ernsthaft Sorgen machst, dass er sich in naher Zukunft etwas antun könnte, dann ist das ein Notfall. Dann wähle den Notruf 112. Lass ihn in dieser Situation nicht allein. Das mag sich wie ein Vertrauensbruch anfühlen. Doch das Lehrbuch betont, dass der Schutz des Lebens hier Vorrang hat, und die allermeisten Menschen sind später dankbar, dass jemand eingegriffen hat.


Krisenintervention und Sicherheitsplan


Für Fachleute beschreibt das Lehrbuch die Krisenintervention als ein rasches und aktives Vorgehen, das sich auf die akute Situation konzentriert. Es geht darum, die Einengung schrittweise zu lockern. Die soziale Einengung lockert sich, indem man das Umfeld einbezieht. Die gedankliche Einengung lockert sich, indem man gemeinsam die nächsten Stunden und Tage plant. Und das Gefühl der Sinnlosigkeit lockert sich, indem man nach Dingen sucht, die dem Leben noch Sinn geben. In der akuten Krise sollte dabei nicht aufdeckend in der Vergangenheit gegraben werden. Es braucht konkrete Hilfe für das Hier und Jetzt.


Das Lehrbuch erwähnt noch den sogenannten Antisuizidvertrag, bei dem ein Mensch verspricht, sich für eine bestimmte Zeit nichts anzutun. Heute wird dieser Ansatz in der Fachwelt eher kritisch gesehen, weil ein Versprechen keine echte Sicherheit bietet. An seine Stelle ist der Sicherheitsplan getreten, den die amerikanischen Psychologen Barbara Stanley und Gregory Brown entwickelt haben. Gemeinsam mit einer Fachperson schreibt der Betroffene auf, woran er erkennt, dass eine Krise beginnt. Er notiert, was ihm in solchen Momenten guttut und ablenkt, welche Menschen er anrufen kann und welche professionellen Stellen er erreichen kann. Dazu kommt, wie er seine Umgebung sicherer machen kann, etwa indem gefährliche Dinge in Absprache mit Angehörigen außer Reichweite gebracht werden. Dieser Plan liegt griffbereit, oft als Karte im Portemonnaie oder als Notiz im Handy. Er gibt einem Menschen in der Einengung etwas in die Hand, das er in klaren Momenten selbst vorbereitet hat.


Wie über Suizid gesprochen wird


Das Lehrbuch erwähnt den sogenannten Werther-Effekt. Der Name stammt von Goethes Roman »Die Leiden des jungen Werthers«, nach dessen Erscheinen im Jahr 1774 es angeblich zu Nachahmungstaten kam. Die Forschung hat inzwischen gut belegt, dass eine reißerische Berichterstattung über Suizide, besonders mit Einzelheiten zur Art und Weise, zu weiteren Suiziden führen kann. Es gibt aber auch die andere Seite. Der österreichische Forscher Thomas Niederkrotenthaler hat den Papageno-Effektbeschrieben, benannt nach der Figur aus Mozarts Zauberflöte, die durch drei Knaben von ihren Suizidgedanken abgebracht wird. Berichte über Menschen, die eine suizidale Krise überwunden haben und Hilfe gefunden haben, können schützend wirken. Geschichten von Hoffnung retten Leben.


Darum habe ich in diesem Artikel bewusst auf jede Beschreibung von Methoden verzichtet. Und darum möchte ich Dich bitten, auch im Alltag sorgsam mit diesem Thema umzugehen. Sprich offen über Krisen und Hilfe, aber nicht über Einzelheiten. Und vermeide Begriffe wie Selbstmord oder Freitod. Der erste klingt nach einem Verbrechen und der zweite nach einer freien Entscheidung, und beides wird dem Leid der Betroffenen nicht gerecht.


Wenn ein Mensch gegangen ist


Das Lehrbuch schreibt einen Satz, der mich tief berührt hat. Keine andere Todesart hinterlässt bei Freunden und Verwandten so andauernde Gefühle von Schmerz, Scham, Schuld und Verwirrung. Wer einen Menschen durch Suizid verloren hat, quält sich oft jahrelang mit Fragen. Warum habe ich nichts bemerkt? Hätte ich es verhindern können? Warum hat er nicht mit mir gesprochen? Wenn Du zu diesen Menschen gehörst, dann möchte ich Dir sagen, dass Du nicht schuld bist. Ein Suizid hat fast immer viele Ursachen, und niemand kann für das Leben eines anderen Menschen die volle Verantwortung tragen. Viele Warnzeichen erkennt man erst im Rückblick.


Erinnere Dich an den Trauma-Artikel und an den Rückschaufehler, mit dem wir heute Dinge beurteilen, die wir damals nicht wissen konnten. Hinterbliebene nach Suizid haben selbst ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidgedanken. Hol Dir deshalb Unterstützung. In Deutschland gibt es Selbsthilfegruppen speziell für Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben, etwa beim Verein AGUS. Dort triffst Du Menschen, die genau wissen, was Du durchmachst.


Was ich als Trainer daraus mitnehme


Für mich als Trainer ist Suizidalität eine klare Grenze meiner Arbeit. Ein Mensch in einer akuten suizidalen Krise gehört in professionelle Hände, und auch das Lehrbuch betont, dass akute Suizidalität nicht von Heilpraktikern allein behandelt werden darf. Gleichzeitig weiß ich, dass gerade Menschen wie ich, die viel mit anderen sprechen, oft die ersten sind, denen sich jemand anvertraut. Deshalb habe ich für mich einige Grundsätze festgelegt. Wenn ich Hinweise auf Suizidgedanken bemerke, spreche ich sie an, offen und direkt.


Ich nehme jede Äußerung ernst, auch wenn sie beiläufig klingt. Ich habe die Nummern von Krisendiensten und Kliniken griffbereit. Und ich lasse einen Menschen in einer akuten Krise nicht allein gehen, sondern sorge dafür, dass er gut begleitet wird. Ich habe auch gelernt, auf mich selbst zu achten. Wer Menschen in Krisen begleitet, trägt eine schwere Last. Supervision, kollegialer Austausch und eigene Kraftquellen sind keine Schwäche, sondern Voraussetzung, um dauerhaft für andere da sein zu können.


Zurück zu Paul


Martin hat lange mit sich gerungen. Dann hat er Paul angerufen und gefragt, ob sie sich treffen können. Beim Spaziergang hat er die Frage gestellt, vor der er sich so gefürchtet hatte. Paul blieb stehen und schwieg lange. Dann sagte er leise Ja. Und dann begann er zu weinen, zum ersten Mal seit vielen Monaten. Martin hat ihn am nächsten Tag zu seinem Hausarzt begleitet. Es folgten eine Überweisung, eine psychiatrische Behandlung und eine Therapie. Paul hat eine Selbsthilfegruppe für Männer gefunden, die ihre Arbeit verloren haben. Ein Jahr später arbeitet er wieder, nicht in seinem alten Beruf, aber in einer Werkstatt für Fahrräder, die ihm Freude macht. Er sagt heute, Martins Frage habe ihm das Leben gerettet. Martin sagt, er habe eigentlich nichts Besonderes getan. Er habe nur gefragt.


Zum Abschluss der Serie


Mit diesem Artikel endet meine Serie über psychische Erkrankungen. Wir sind gemeinsam durch viele Welten gegangen. Da war die Welt der Angst, in der jede Ecke eine Gefahr sein könnte, und die Welt des Traumas, in der die Vergangenheit nicht vergeht. Wir haben die Welt der Depression kennengelernt, in der die Farben verblassen, und die Welt der Psychose, in der alles zu viel bedeutet. Wir haben über Persönlichkeitsmuster gesprochen und über Süchte, über Gehirne, die anders gebaut sind, und über Körper, die sprechen, wenn die Worte fehlen. Am Anfang dieser Serie stand ein Mann auf einer Bank in der Heidelberger Altstadt, der mit Stimmen sprach, die niemand sonst hörte. Ich habe damals geschrieben, dass Verständnis vielleicht mit dem Stehenbleiben beginnt. Nach diesen zehn Artikeln glaube ich das mehr denn je. Wir müssen keine Fachleute sein, um einem Menschen in Not beizustehen. Wir müssen nicht wissen, welche Diagnose er hat. Wir müssen nur bereit sein, stehen zu bleiben und hinzuschauen. Wir müssen eine Frage stellen und zuhören und ihn dorthin begleiten, wo er Hilfe findet. Und wir dürfen dabei auf uns selbst achten, denn nur wer selbst festen Boden hat, kann anderen Halt geben.


Hinter jeder Erkrankung steht ein Mensch mit einer Geschichte, mit Würde und mit der Fähigkeit, sich zu verändern. Ich hoffe, diese Serie hat ein wenig dazu beigetragen, dass Du diesen Menschen mit etwas mehr Verständnis und etwas weniger Angst begegnen kannst. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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