Die Esoterik als Friedhof verletzter Seelen
- Florian Stotz

- 3. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug.
Was spirituelles Bypassing ist und was echtes Jinzū auszeichnet.
Vor einiger Zeit habe ich mich mit der Esoterikszene beschäftigt. Spannenderweise gibt es dort ein Phänomen, das als spirituelles Bypassing (auch: spirituelles Umgehen) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine Form der Vermeidung, bei der spirituelle Konzepte, Praktiken oder esoterische Weltbilder genutzt werden, um schmerzhafte Gefühle, ungelöste Traumata oder grundlegende psychologische Bedürfnisse zu umgehen. Um einen Einblick in die Esoterikszene zu bekommen, kannst Du hier ein YouTube-Video anschauen. Weil in esoterischen Kreisen auch spirituelle Themen etwa aus dem Zen aufgegriffen werden, entsteht bei Außenstehenden mitunter eine ablehnende Haltung gegenüber Spiritualität überhaupt. Was Spiritualität unter anderem ist? Wenn Du Angst spürst, in ein anderes Land zu ziehen, es aber dennoch tust, weil Du es willst. Um einen Eindruck von Spiritualität zu gewinnen, kannst Du hier ein YouTube-Video von Zen-Meister Jinen-san anschauen. Der heutige Artikel will die Vermischung von Esoterik und Spiritualität auflösen und beide voneinander unterscheiden.
Warum die Esoterik oft psychische Heilung verhindert
Mit einer scharfen Wahrnehmung lässt sich in unserer Welt viel erkennen. In esoterischen Kreisen konnte ich beobachten, wie verletzte Menschen sich selbst als heil und erleuchtet wahrnehmen. Und es ist nicht selten, dass dort egoistische Menschen genau diese verletzten und verwirrten Suchenden ausnutzen. Während Spiritualität eigentlich der Heilung und Selbsterfahrung dient, wirkt die esoterische Flucht auf verletzte Menschen besonders anziehend. Dazu einige typische Beispiele:
Pseudo-Positivität: Sätze wie „Alles passiert aus einem Grund" oder „Du musst nur hoch genug schwingen" wirken meist als Stopper für innere Emotionen. Sie verbieten es, eine vielleicht notwendige Trauer, Wut oder einen Schmerz wahrzunehmen und anzunehmen, was für die echte Integration eines Traumas jedoch wesentlich ist.
Externalisierung von Verantwortung: Konzepte wie Karma, Sternenkonstellationen oder energetische Angriffe verlagern Ursache und Lösung des Leids ins Außen oder ins Metaphysische. Die Arbeit am eigenen Ich und an den neuronalen Spuren eines Traumas findet dann nicht statt, sondern wird umgangen.
Die Illusion der Abkürzung: Traumaarbeit ist meist kleinteilig, körperorientiert und oft mühsam. Die Esoterik verspricht dagegen häufig schnelle Erleuchtung oder Heilung durch Rituale, was die Distanz zur realen emotionalen Auseinandersetzung noch vergrößert.
Stellt man die evidenzbasierte psychologische Sicht den esoterischen Narrativen gegenüber, ergibt sich ein anschauliches Bild dieser Dynamik der Distanzierung:
Phase | Psychologischer Vorgang | Esoterisches Narrativ |
Vermeidung | Schmerz wird unterdrückt. | „Ich bin über diese niederen Emotionen hinausgewachsen.“ |
Abspaltung | Das Erlebte wird vom „Ich“ getrennt. | „Das war nur eine Lektion meiner Seele, die nicht mein wahres Selbst betrifft.“ |
Stagnation | Keine reale Veränderung im Alltag. | „Ich warte auf die richtige energetische Ausrichtung.“ |
Das Tückische an dieser Distanz ist, dass sie sich für viele Betroffene wie ein Fortschritt anfühlt. Schließlich beschäftigt man sich ja mit sich. Das Beispiel zeigt, wie schädlich selbst vermeintlich positive Glaubenssätze sein können, wenn sie die Psyche in einem belastenden Grundzustand festhalten. Denn solange die Beschäftigung nur im Kopf oder in abstrakten Sphären stattfindet, bleibt der Körper im Trauma-Modus. Wahre Integration verlangt meist das Gegenteil von Distanz, nämlich ein sanftes, reales Hineinspüren in den Schmerz statt eines Abhebens in lichte Höhen. Spiritualität heißt unter anderem, die Geschichten, die man sich selbst erzählt, zu durchschauen, aufzulösen und das eigene Leben zu verändern. Denn was Du zu sein glaubst und was Du wirklich bist, zeigt sich immer erst im Kontext einer konkreten Situation. Ein erster Schritt zu einer klaren Wahrnehmung kann die Praxis des Zazen (auch: stilles Sitzen) sein. Doch im Zen liegt noch mehr, das das Leben beflügeln kann.
Was ist das Jinzū aus dem Buddhismus?
Der Begriff Jinzū bezeichnet spirituelle Fähigkeiten. Es gibt durchaus egoistische Menschen, die versuchen, sie zu erlangen. Doch wie sollte ein Mensch, dem es um Macht, Prestige und Vorteil gegenüber anderen geht, ausgerechnet Fähigkeiten erlangen, die untrennbar mit innerer Liebe und Mitgefühl verbunden sind? Traditionell kennt der Buddhismus sechs solcher Fähigkeiten.
Die Fähigkeit, mit äußeren Situationen und Umständen frei und nach Bedarf umzugehen.
Die Fähigkeit zu sehen, was wirklich vor sich geht.
Die Fähigkeit zu hören, was ein Mensch wirklich sagt.
Die Fähigkeit zu erkennen, was seine wahren Absichten sind.
Die Fähigkeit zu erkennen, welches Karma jemand aus einem früheren Leben trägt.
Die Fähigkeit zu wissen, wann jemand dieses Karma gereinigt hat.
Die ersten fünf waren für jeden Praktizierenden erreichbar, während nur Buddhas die sechste verwirklichten. Nach Zen-Meister Dōgen gibt es noch eine weitere Fähigkeit, die alle anderen übertrifft. Sie besteht im natürlichen Funktionieren im alltäglichen Leben, nachdem man Körper und Geist mit ihren Begierden, Abneigungen und Täuschungen hat fallenlassen. Es ist das schlichte Tun dessen, was getan werden muss. Das Ausführen dieser alltäglichen Handlungen ist selbst schon der Ausdruck dieser wunderbaren Fähigkeit. Weil ein solches Verhalten das natürliche Wirken der sechs Fähigkeiten einschließt, nannte Dōgen sie die sechs wunderbaren spirituellen Fähigkeiten.

Der Beobachter im Sturm: eine Meditation zur Desidentifikation
Unter Desidentifikation versteht die Psychologie einen Prozess, in dem man sich von den eigenen Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen oder Rollen distanziert und sie als Beobachter wertfrei wahrnimmt. Das erlaubt Dir, innere Zustände als vergänglich zu erkennen, statt Dich mit ihnen gleichzusetzen. Gemeint ist zum Beispiel die Erkenntnis: Ich bin nicht meine Angst, ich habe Angst. Das fördert emotionale Freiheit und Selbstbewusstsein und verringert Leid. Denn allzu oft verwechseln wir uns mit dem, was wir gerade fühlen oder erleiden. Die folgende Meditation nutzt die Technik der Verneinung, auch Neti Neti (auch: nicht dies, nicht das) genannt, um den Raum zwischen dem Erlebten und unserem wahren Wesen zu finden. Verbreitet wurde Neti Neti unter anderem durch Ramana Maharshi.
Schritt 1: Nimm Deinen Körper wahr
Setz Dich aufrecht hin oder finde eine für Dich stimmige Haltung. Spüre die Schwere Deines Körpers und sage Dir innerlich: Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Mein Körper ist das Haus, in dem ich wohne, aber er ist nicht der Bewohner. Beobachte mögliche Verspannungen oder Schmerzen wie Wellen auf einem See. Die Wellen sind da, aber Du bist der See.
Schritt 2: Die Scheidung von den Gefühlen
Richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine aktuelle emotionale Verfassung. Vielleicht nimmst Du Angst, Trauer oder auch Taubheit wahr. Alles ist stimmig, wie es in diesem Moment ist, und darf genau so da sein. Sage Dir innerlich: Ich nehme diese Gefühle wahr, während sie kommen und gehen. Da ich sie beobachten kann, kann ich nicht das Gefühl selbst sein. Ich bin der Zeuge dieser Gefühle.
Schritt 3: Die Macht der Erinnerung prüfen
Ruf Dir eine vergangene Erinnerung in den Geist, eine freudige oder eine traurige. Achte darauf, wie Du dieses Gefühl von Freude oder Trauer in Dir erzeugen kannst. Denn wenn Du Gefühle hervorrufen und wieder loslassen kannst, wer ist dann derjenige, der das tut? Dieser Regisseur ist das wahre Ich, unberührt von der Geschichte, die gerade auf der Leinwand Deines Geistes läuft.
Schritt 4: Die Distanz zum Verstand
Richte Deine Aufmerksamkeit nun auf Deine Gedanken. Du kannst sie wie vorbeiziehende Vögel am weiten Himmel wahrnehmen, während Du selbst der Himmel bist:
Beobachte den Gedankenprozess, wie ein Gedanke auftaucht, eine Weile bleibt und vom nächsten abgelöst wird.
Erkenne ihre Vergänglichkeit und sage Dir innerlich: Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin jene Intelligenz, die die Gedanken wahrnimmt.
Die Macht der Negation lässt dann erkennen, dass Gedanken sich ebenso wie Gefühle erzeugen, verändern und vergessen lassen. Da sie kommen und gehen, während Du als Beobachter bleibst, können auch sie nicht Dein wahres Wesen sein.
Die Lücke finden, in einem winzigen Moment der Stille zwischen zwei Gedanken. In diesem leeren Raum liegt Dein eigentliches Wesen, unberührt von Konzepten und mentalen Hüllen.
Schritt 5: In die Stille sinken
Lass nun jedes Nachdenken los und suche einen Punkt in Dir, an dem es vollkommen still ist. Dieser Ort wurde nie verletzt, nie traumatisiert, und er kennt keine Zerstörung. Verweile für eine für Dich stimmige Zeit in dieser Stille. Sie ist die schlichte Gewissheit Deiner Existenz, die jenseits aller körperlichen, emotionalen und mentalen Hüllen liegt.
In dem Maße, in dem Du Dich über den Weg der Verneinung von falschen Vorstellungen löst, entfaltet sich in Dir eine positive Gewissheit dessen, was Du wirklich bist, und ersetzt alte, unbewusste Überzeugungen. Und hier wird deutlich, warum es die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler überhaupt gibt, denn diese Meditation ist ein zweischneidiges Schwert, wenn niemand da ist, der weiß, wo der Schüler gerade steht:
Die Gefahr: Ein traumatisierter Mensch könnte diese Meditation missverstehen und sie nutzen, um sich von seinem Körper abzuspalten (auch: Dissoziation). Er könnte sich sagen „Dieser Schmerz gehört nicht zu mir, ich bin nicht mein Körper", um den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Das ist aber genau jene Distanz, die die eigentliche Auflösung des Schmerzes verhindert.
Die Heilung: Richtig verstanden geht es nicht um Flucht, sondern um die Erkenntnis, dass es einen sicheren Ort gibt, das wahre Selbst, von dem aus man den Schmerz betrachten kann, ohne in ihm zu ertrinken. Erst wenn ein Mensch nicht mehr der Schmerz ist, kann er es wagen, ihn anzusehen und ihn dadurch allmählich aufzulösen.
Der Ansatz dieses Artikels war, zwischen Esoterik und Spiritualität zu unterscheiden. Meine Erfahrung ist, dass man bei Menschen vorsichtig sein sollte, die angeblich keine Themen mehr haben. Das Leben bringt immer wieder neue Momente und Erfahrungen, die uns beschäftigen. Gerade der Schmerz, den wir erfahren und integrieren dürfen, macht uns menschlich und lässt uns mehr Mitgefühl für uns selbst und andere entwickeln. Menschen, die dauerhaft in einem erleuchteten Zustand verweilen, sind nach meiner Überzeugung äußerst selten.
Selbst bei Menschen, die als weit entwickelt gelten, lässt sich immer wieder beobachten, dass auch sie das Leben herausfordert und aus der Balance bringen kann. Dies kannst Du beim indischen Guru namens Sadhguru in einem Interview mit einem Harvard Psychiater hier auf YouTube wahrnehmen (siehe: Minute 34:50 bis 35:30). Du kannst davon ausgehen, dass die Anzahl an Meistern, die dauerhaft in einer Erleuchtung schwelgen, extrem selten ist. Das Leben ist meist mit Höhen und Tiefen verbunden, mit Momenten der Stille und der Balance. Ich wünsche Dir viele bedeutsame Augenblicke und vor allem auch einen Moment des Satori.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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