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Wenn die Welt zu viel bedeutet

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 5 Tagen
14 Min. Lesezeit

Psychosen und Schizophrenie verstehen. Teil 5 der Serie über psychische Erkrankungen.


David ist 22 und studiert Informatik in einer Universitätsstadt. Im Frühjahr zieht er sich langsam zurück. Er geht seltener in die Vorlesungen und sagt Treffen mit Freunden ab und schläft immer schlechter. Nachts sitzt er lange vor dem Bildschirm und raucht dabei oft Cannabis, weil es ihn angeblich beruhigt. Seiner Mutter fällt am Telefon auf, dass er anders klingt. Er ist irgendwie gehetzt und gleichzeitig weit weg. Im Sommer erzählt er ihr etwas, das sie nicht mehr loslässt. Die Plakate an der Bushaltestelle seien für ihn bestimmt und in den Werbesprüchen stecke eine verschlüsselte Botschaft. Der Nachbar über ihm klopfe nachts in einem bestimmten Rhythmus, um ihm mitzuteilen, dass er beobachtet werde. Und manchmal höre er Stimmen, die über ihn reden und jede seiner Bewegungen kommentieren. Als seine Mutter vorsichtig fragt, ob er vielleicht einmal mit einem Arzt sprechen möchte, wird er still und misstrauisch. Dann sagt er leise: »Jetzt bist Du also auch eine von denen.« Für David ist das alles keine Einbildung. Es ist die Wirklichkeit, und zwar eine erschreckend klare. Um diese Wirklichkeit zu verstehen, gehen wir in diesem Artikel in eine Welt, die vielen Menschen besonders fremd und unheimlich vorkommt.


Was eine Psychose ist


Im Einführungsartikel dieser Serie habe ich das alte Bild aus der Psychiatrie erwähnt. Der Neurotiker baut Luftschlösser und der Psychotiker wohnt darin. Das Bild ist zu einfach und trifft doch einen Kern. In einer Psychose verliert ein Mensch zumindest teilweise den gemeinsamen Boden der Wirklichkeit, den er mit anderen Menschen teilt. Das Lehrbuch beschreibt es so: Die Wirklichkeit des Betroffenen ist für Gesunde nicht mehr nachvollziehbar. Für ihn selbst ist sie aber lebensbestimmend und er kann sie nicht einfach aufgeben. Ein Wechsel der Perspektive ist ihm in dieser Phase kaum möglich. Und weil er seine Welt für die wirkliche Welt hält, erlebt er sich meist auch nicht als krank.


Wichtig ist mir dabei eine Unterscheidung. Psychose ist ein Oberbegriff für einen Zustand und keine einzelne Krankheit. Psychotische Symptome können bei vielen Erkrankungen auftreten. Das gilt für schwere Depressionen und Manien, wie wir im letzten Artikel gesehen haben. Es gilt aber auch für Drogenkonsum und Entzug, für Hirnerkrankungen und Entzündungen und für das Delir bei schweren körperlichen Krankheiten. Die Schizophrenie ist nur eine von mehreren Formen, wenn auch die bekannteste.


Was die ICD-11 neu sortiert hat


Im triadischen System gehörte die Schizophrenie zu den endogenen Psychosen, also zu den Erkrankungen mit vermuteter körperlicher Ursache ohne nachweisbaren Befund. Die ICD-11 fasst diese Erkrankungen heute in der Gruppe Schizophrenie oder andere primäre psychotische Störungen zusammen. Primär bedeutet dabei, dass die Psychose nicht die Folge einer anderen Erkrankung oder einer Substanz ist.


Die wichtigste Änderung betrifft die Schizophrenie selbst. Die alten Untertypen fallen weg. Die paranoide und die hebephrene Schizophrenie gibt es ebenso wenig wie die Schizophrenia simplex oder das schizophrene Residuum. Stattdessen beschreibt man den Verlauf als erste Episode, als wiederkehrende Episoden oder als anhaltende Erkrankung. Zusätzlich bewertet man bei allen psychotischen Störungen sechs Symptombereiche einzeln. Dazu gehören positive und negative Symptome, depressive und manische Symptome sowie psychomotorische und kognitive Symptome. So entsteht ein viel genaueres Bild des einzelnen Menschen als durch ein grobes Etikett:


  • Die Katatonie bildet jetzt eine eigene Gruppe. Sie kann bei einer Schizophrenie auftreten und genauso bei affektiven Störungen oder Autismus, durch Substanzen oder durch körperliche Erkrankungen.

  • Die schizoaffektive Störung bleibt erhalten. Sie wird jetzt aber klarer darüber bestimmt, dass schizophrene und affektive Symptome gleichzeitig in derselben Episode auftreten. Die schizotype Störung gehört weiterhin in diese Gruppe. Im amerikanischen DSM steht sie dagegen bei den Persönlichkeitsstörungen.

  • Die akute und vorübergehende psychotische Störung wurde enger gefasst. Gemeint ist jetzt eine plötzlich einsetzende Psychose mit schnell wechselnden Symptomen, die meist innerhalb weniger Wochen wieder vollständig abklingt.

  • Die wahnhafte Störung bleibt ebenfalls bestehen. Die frühere induzierte wahnhafte Störung ist dagegen als eigene Diagnose weggefallen. Gemeint war damit ein Wahn, den ein gesunder Mensch von einem nahestehenden kranken Menschen übernimmt. Man kennt das Phänomen auch unter dem französischen Namen Folie à deux.


Bevor die Psychose beginnt


Eine Schizophrenie beginnt selten aus heiterem Himmel. Das Lehrbuch beschreibt eine sogenannte Prodromalphase, die bis zu einem Jahr dauern kann und oft erst im Rückblick erkannt wird. In dieser Zeit ziehen sich Menschen zurück. Sie werden unruhig und schlafen schlecht und reagieren empfindlich auf Licht und Geräusche. Ihre Konzentration lässt nach und ihre Stimmung verändert sich. Bei David war es genau so.


Dann folgt oft etwas, das die Psychiatrie Wahnstimmung nennt. Die Welt fühlt sich plötzlich verändert an. Alles wirkt fremd und bedeutungsvoll und unheimlich zugleich. Der Betroffene spürt, dass etwas im Gange ist, ohne zu wissen was. Diese Phase ist für viele Menschen die quälendste von allen, weil sie voller Spannung und Ungewissheit steckt. Irgendwann löst sich diese Spannung in einer Gewissheit auf. Der Mensch weiß plötzlich, was los ist. Er wird verfolgt oder er hat eine besondere Mission oder die Nachrichten im Fernsehen sprechen direkt zu ihm. Diese Gewissheit wirkt paradoxerweise oft erleichternd, denn endlich ergibt alles einen Sinn.


Warum plötzlich alles bedeutsam wird


Die Hirnforschung hat für diesen Vorgang eine einleuchtende Erklärung gefunden. Der Psychiater Shitij Kapur hat sie unter dem Begriff aberrante Salienz beschrieben. Salienz bedeutet Auffälligkeit. Unser Gehirn muss ständig entscheiden, welche Reize wichtig sind und welche nicht. Der Botenstoff Dopamin spielt dabei eine zentrale Rolle, denn er markiert gewissermaßen, was unsere Aufmerksamkeit verdient.


Bei einer beginnenden Psychose scheint dieses System durcheinanderzugeraten. Das Gehirn markiert plötzlich Dinge als hochbedeutsam, die eigentlich belanglos sind. Ein Auto blinkt zweimal und der Mensch spürt, dass das ein Zeichen sein muss. Ein Fremder schaut kurz herüber und er fühlt sich durchschaut. Ein zufälliges Wort im Radio passt genau zu seinem letzten Gedanken. Jeder Mensch würde versuchen, sich einen Reim auf eine solche Flut von Bedeutung zu machen. Der Wahn ist in diesem Licht betrachtet der Versuch, einer überwältigenden Erfahrung einen Sinn zu geben.


Das Lehrbuch nennt die wahnhafte Deutung einer echten Wahrnehmung Wahnwahrnehmung. Der Scheinwerfer eines Autos ist wirklich da. Nur seine Bedeutung als göttliches Zeichen entsteht im Inneren des Menschen. Auch die Inhalte des Wahns sind nicht zufällig. Sie speisen sich aus dem, was einem Menschen wichtig ist und was ihn ängstigt. Bei einem gläubigen Menschen tauchen oft religiöse Themen auf und bei einem technikbegeisterten Menschen vielleicht Überwachung durch Computer oder Kameras.


Die Welt in der akuten Psychose


Wie fühlt sich diese Welt von innen an? Betrachten wir sie wieder mit den Augen der Submodalitäten. Die Wahrnehmung wird oft schärfer und greller. Farben leuchten intensiver und Details springen ins Auge, die vorher unsichtbar waren, wie ein bestimmtes Muster im Teppich oder die Stellung von Gegenständen auf einem Tisch. Geräusche werden lauter und aufdringlicher. Das Ticken einer Uhr kann zur Qual werden und ein Gespräch am Nebentisch scheint plötzlich nur von einem selbst zu handeln. Die Welt verliert ihren neutralen Hintergrund, und alles tritt gleichzeitig in den Vordergrund.


Am fremdesten ist für Außenstehende das Hören von Stimmen. Diese Stimmen sind keine Gedanken, die man sich nur einbildet. Für den Betroffenen klingen sie genauso wirklich wie eine Stimme im Raum. Sie haben eine Richtung und eine Lautstärke und oft ein Geschlecht und ein Alter. Manche kommen aus der Wand oder von der Decke, andere scheinen direkt im Kopf zu sprechen. Das Lehrbuch unterscheidet kommentierende Stimmen, die jede Handlung begleiten, dialogisierende Stimmen, die sich untereinander über den Menschen unterhalten, und befehlende Stimmen, die Anweisungen geben. Die befehlenden Stimmen sind dabei besonders ernst zu nehmen, weil sie manchmal dazu auffordern, sich selbst oder anderen etwas anzutun.


Eine weitere Erfahrung betrifft die Grenze zwischen dem eigenen Ich und der Welt. Normalerweise wissen wir ohne nachzudenken, dass unsere Gedanken uns gehören und niemand sie hören kann. In einer Psychose kann diese Grenze durchlässig werden. Manche Menschen erleben, dass ihre Gedanken laut werden und andere sie hören können. Andere spüren, dass ihnen Gedanken eingegeben oder weggenommen werden oder dass ihre Bewegungen von außen gesteuert sind. Das Lehrbuch spricht hier von Ich-Störungen. Ich stelle mir das vor wie ein Haus, dessen Wände plötzlich aus dünnem Glas bestehen und durch das jeder hindurchsehen und hineingreifen kann. Man kann sich vorstellen, welche Angst das auslöst.


Auch das Denken verändert sich. Gedanken reißen plötzlich ab, als würde jemand einen Faden durchschneiden. Manchmal verlieren sie ihren logischen Zusammenhang und springen von einem Thema zum anderen. Manche Menschen erfinden neue Wörter, die für sie eine klare Bedeutung haben und für andere unverständlich bleiben. Das Lehrbuch nennt hier Begriffe wie Zerfahrenheit und Neologismen und Konkretismus, also die Unfähigkeit, Sprichwörter im übertragenen Sinn zu verstehen.


Die leise Seite der Schizophrenie


Wenn Menschen an Schizophrenie denken, denken sie meist an Wahn und Stimmen. Die Psychiatrie nennt das die Plussymptome, weil hier etwas zum normalen Erleben hinzukommt. Es gibt aber auch eine leise Seite, die für viele Betroffene auf Dauer sogar belastender ist. Das sind die Minussymptome, bei denen etwas vom normalen Erleben verloren geht.


Dazu gehören eine Verflachung der Gefühle und ein Verlust von Freude und Antrieb. Dazu gehören auch sozialer Rückzug und eine verarmte Sprache sowie Schwierigkeiten mit Konzentration und Gedächtnis. Ein Mensch mit ausgeprägten Minussymptomen wirkt von außen oft gleichgültig oder faul. In Wahrheit fehlt ihm die innere Kraft, Dinge anzugehen, und die Fähigkeit, Gefühle so zu empfinden und auszudrücken wie früher. Wie fühlt sich diese Seite an? Viele Betroffene beschreiben eine Welt, die dünner geworden ist. Die Farben sind blass und die Musik berührt nicht mehr. Gespräche fühlen sich an wie durch einen dicken Vorhang. Hier ähnelt die Schizophrenie der Depression, und die Unterscheidung gehört deshalb in die Hände von Fachleuten.


Der Wahn ohne Stimmen


Nicht jede Psychose sieht aus wie eine Schizophrenie. Bei der wahnhaften Störung steht ein einzelner Wahn oder ein zusammenhängendes Wahnsystem im Mittelpunkt, und das über mindestens drei Monate. Andere Symptome fehlen meist. Der Mensch denkt klar und arbeitet und lebt in vielen Bereichen völlig normal. Nur in einem Bereich ist er von etwas überzeugt, das für andere nicht nachvollziehbar ist.


Typisch sind etwa der Eifersuchtswahn, bei dem jemand ohne Anlass fest von der Untreue seines Partners überzeugt ist, und der Verfolgungswahn. Dazu kommen der Querulantenwahn, bei dem ein Mensch jahrelang gegen vermeintliches Unrecht prozessiert, und die Überzeugung, entstellt zu sein oder schlecht zu riechen. Eine ältere Frau ist vielleicht sicher, dass ihr Nachbar Gift in ihre Wohnung leitet, und geht ansonsten ganz normal einkaufen und trifft ihre Freundinnen. Die wahnhafte Störung beginnt meist im späteren Lebensalter. Laut Lehrbuch bildet sich der Wahn bei etwa der Hälfte der Betroffenen wieder vollständig zurück.


Eine Erkrankung mit vielen Gesichtern


Die Schizophrenie betrifft im Laufe des Lebens etwa einen von hundert Menschen. Das gilt weltweit und in allen Kulturen ungefähr gleich. Männer und Frauen erkranken ähnlich häufig, Männer im Durchschnitt aber einige Jahre früher. Die meisten Menschen erkranken zum ersten Mal zwischen dem Ende der Pubertät und dem dreißigsten Lebensjahr. Wie bei allen psychischen Erkrankungen geht man heute von einem Zusammenspiel vieler Faktoren aus. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist bei der Schizophrenie sogar besonders gut belegt. Eine genetische Veranlagung spielt eine deutliche Rolle, erklärt aber allein nicht alles.


Hinzu kommen Komplikationen in Schwangerschaft und Geburt, belastende Erfahrungen in der Kindheit und Stress im Leben. Ein Risikofaktor ist dabei besonders wichtig, weil man ihn beeinflussen kann. Regelmäßiger Cannabiskonsum erhöht das Risiko für eine Psychose deutlich, besonders bei jungen Menschen und bei sehr starken Sorten mit hohem THC-Gehalt. Bei Menschen mit Veranlagung kann er eine Psychose früher auslösen oder ihren Verlauf verschlechtern. Das bedeutet nicht, dass jeder Kiffer eine Psychose bekommt. Es bedeutet aber, dass das Risiko real ist und nicht verharmlost werden sollte.


Der Verlauf ist sehr unterschiedlich, und das ist eine wichtige und oft hoffnungsvolle Botschaft. Das Lehrbuch beschreibt eine grobe Drittelregel. Bei etwa einem Drittel der Menschen bleibt es bei einer einzigen Episode und sie werden vollständig gesund. Bei einem weiteren Drittel verläuft die Erkrankung in Phasen mit weitgehend gesunden Zeiten dazwischen. Bei dem letzten Drittel wird sie chronisch und hinterlässt bleibende Einschränkungen. Neuere Forschung zeigt dabei, dass eine frühe Behandlung die Aussichten verbessert. In vielen deutschen Städten gibt es deshalb inzwischen spezialisierte Früherkennungszentren für junge Menschen mit ersten Anzeichen.


Hölderlin in seinem Turm


Wer in Heidelberg lebt, kennt vielleicht die Ode, die Friedrich Hölderlin dieser Stadt gewidmet hat. Weniger bekannt ist, dass er die zweite Hälfte seines Lebens in einem Turm am Neckar in Tübingen verbrachte, liebevoll versorgt von einer Schreinerfamilie. Dort schrieb er seltsame und zugleich wunderschöne Gedichte und unterschrieb sie mit Namen wie Scardanelli. Viele Fachleute vermuten heute im Rückblick eine schizophrene Erkrankung, auch wenn solche Diagnosen über die Jahrhunderte hinweg immer unsicher bleiben. Ich erwähne Hölderlin, weil er für etwas steht, das in der öffentlichen Wahrnehmung oft verloren geht. Hinter jeder Psychose steht ein Mensch mit einer Geschichte, mit Begabungen und mit einer Würde, die die Erkrankung nicht auslöscht.


Das Märchen vom gefährlichen Schizophrenen


Über kaum eine psychische Erkrankung gibt es so viele Vorurteile wie über die Schizophrenie. Filme und Schlagzeilen zeichnen oft das Bild des unberechenbaren und gefährlichen Täters. Das Lehrbuch hält ausdrücklich dagegen. Auch wenn eine akute Psychose manchmal mit Gefahr für andere verbunden sein kann, ist nicht jeder Mensch mit Schizophrenie ein Gewalttäter. Die Forschung zeigt sogar, dass Menschen mit Schizophrenie deutlich häufiger Opfer von Gewalt werden als Täter. Das Risiko für Gewalt steigt vor allem dann, wenn zusätzlich Alkohol oder Drogen im Spiel sind und keine Behandlung stattfindet.


Die viel größere Gefahr betrifft die Betroffenen selbst. Das Suizidrisiko ist deutlich erhöht, besonders in den ersten Jahren nach der Diagnose und in Phasen, in denen jemand das Ausmaß seiner Erkrankung erkennt. Dazu kommt, dass Menschen mit Schizophrenie im Durchschnitt deutlich früher sterben, vor allem an körperlichen Erkrankungen, die zu spät erkannt und behandelt werden.


Stimmen hören ist nicht immer krank


Ein Gedanke hat mein Verständnis dieses Themas besonders verändert. Der niederländische Psychiater Marius Romme hat in den 1980er Jahren entdeckt, dass viele Menschen Stimmen hören, ohne jemals psychisch krank zu werden. Sie haben gelernt, mit ihren Stimmen zu leben, und manche erleben sie sogar als hilfreich. Aus dieser Entdeckung ist eine weltweite Bewegung von Stimmenhörern entstanden, die es auch in Deutschland gibt.


Der Unterschied zwischen Krankheit und Gesundheit liegt hier oft weniger im Hören selbst als in der Beziehung zu den Stimmen. Wer seine Stimmen als übermächtig und feindselig erlebt, leidet. Wer lernt, mit ihnen zu verhandeln und Grenzen zu setzen, gewinnt Handlungsspielraum zurück. Für mich als jemanden, der viel mit inneren Anteilen und inneren Dialogen arbeitet, ist das ein faszinierender Gedanke. Er ersetzt keine Behandlung bei einer Schizophrenie. Er zeigt aber, dass auch hier die Beziehung zum eigenen Erleben eine große Rolle spielt.


Was hilft


Eine akute Psychose gehört in fachärztliche Hände und wird meist zunächst stationär behandelt. Für Heilpraktiker für Psychotherapie gilt hier eine klare Grenze. Menschen mit Verdacht auf eine Psychose müssen sofort an einen Psychiater überwiesen werden. Das Lehrbuch betont außerdem, dass eine aufdeckende psychoanalytische Therapie bei Schizophrenie nicht von Heilpraktikern durchgeführt werden darf, weil der Betroffene von den aufgedeckten Bildern und Impulsen überflutet werden kann.


Im Mittelpunkt der Akutbehandlung stehen Antipsychotika, früher Neuroleptika genannt. Sie wirken oft schnell gegen Wahn und Stimmen und Unruhe. Gegen die Minussymptome wirken sie dagegen langsamer und schwächer. Viele dieser Medikamente haben spürbare Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Bewegungsstörungen, und das ist einer der Hauptgründe, warum Betroffene sie absetzen. Die Wahl des Medikaments sollte deshalb gemeinsam mit dem Betroffenen getroffen werden. Das Lehrbuch nennt eine eindrucksvolle Zahl zur Bedeutung der Rückfallvorbeugung. Ohne weitere Behandlung erleiden bis zu achtzig Prozent der Menschen im ersten Jahr nach einer Psychose einen Rückfall, mit Medikation sind es deutlich weniger. Die häufigste Ursache für Rückfälle ist das plötzliche Absetzen der Medikamente. Wer sie reduzieren möchte, sollte das deshalb nur langsam und in Absprache mit seiner Ärztin tun.


Nach dem Abklingen der akuten Phase gewinnen andere Bausteine an Bedeutung. Dazu gehört die Psychoedukation, bei der Betroffene und Angehörige die Erkrankung verstehen lernen. Die kognitive Verhaltenstherapie hilft Menschen, anders mit ihren Symptomen umzugehen und Stress besser zu bewältigen. Soziales Kompetenztraining, Ergotherapie und berufliche Rehabilitation helfen dabei, wieder im Leben Fuß zu fassen. Ein besonders wichtiges Werkzeug ist der Krisenplan. In ihm halten Betroffene in gesunden Zeiten fest, woran sie einen drohenden Rückfall erkennen und was dann zu tun ist.


Aus Finnland kommt ein Ansatz, der international viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Beim sogenannten Offenen Dialog treffen sich bei einer Krise der Betroffene und seine Familie und das Behandlungsteam von Anfang an gemeinsam und sprechen auf Augenhöhe miteinander. Alle Stimmen werden gehört und keine Entscheidung fällt über den Kopf des Betroffenen hinweg. Ich finde diesen Ansatz bemerkenswert, weil er zeigt, wie viel Kommunikation selbst bei einer so schweren Erkrankung bewirken kann.


Wie Du mit einem Menschen in einer Psychose sprichst


Das Wichtigste vorweg: Diskutiere nicht über den Wahn. Für den Betroffenen ist er so wirklich wie für Dich der Stuhl, auf dem Du sitzt. Jeder Versuch, ihm seine Überzeugung auszureden, führt meist nur dazu, dass er Dich für einen Teil der Bedrohung hält. Genauso wenig solltest Du den Wahn bestätigen und so tun, als würdest Du ihn teilen. Das verstärkt ihn nur und zerstört Vertrauen, wenn der Mensch später gesundet. Zwischen diesen beiden Polen gibt es einen dritten Weg. Du kannst die Gefühle ernst nehmen, ohne den Inhalt zu teilen. Ein Satz wie »Ich höre die Stimmen nicht, aber ich merke, wie viel Angst sie Dir machen« ist ehrlich und zugewandt zugleich. Du bestätigst nicht die Verfolgung, aber Du bestätigst die Angst, und die Angst ist echt.


Der amerikanische Psychologe Xavier Amador, dessen eigener Bruder an Schizophrenie erkrankt war, hat einen Ansatz für solche Gespräche entwickelt. Er nennt ihn LEAP nach den englischen Wörtern für Zuhören und Einfühlen und Übereinstimmung finden und Partnerschaft. Statt den anderen von seiner Krankheit überzeugen zu wollen, hört man zunächst wirklich zu und versucht seine Sicht zu verstehen. Dann sucht man nach Punkten, in denen man übereinstimmt. Das kann etwa der Wunsch sein, wieder besser zu schlafen oder weniger Angst zu haben. Auf diesem gemeinsamen Boden lässt sich oft eine Zusammenarbeit aufbauen, auch wenn der Betroffene sich selbst nicht als krank sieht.


Sprich in kurzen und klaren Sätzen und mit ruhiger Stimme. Ein Mensch in einer akuten Psychose ist von Reizen überflutet und kann komplizierte Gedankengänge kaum verarbeiten. Halte Abstand und vermeide plötzliche Bewegungen oder Berührungen. Gib ihm Raum und das Gefühl, nicht in die Enge getrieben zu werden. Hier gilt alles, was ich über den Zustand geschrieben habe, in besonderem Maße. Wenn ein Mensch von befehlenden Stimmen berichtet, die ihn auffordern, sich oder anderen etwas anzutun, dann ist das ein Notfall. Dann ist der Notruf unter 112 oder der Weg in eine psychiatrische Notaufnahme die richtige Entscheidung, auch gegen seinen Willen.


Wie Du Dich als Angehöriger schützt


Für Angehörige ist eine Psychose oft ein Schock. Plötzlich erkennt man einen geliebten Menschen kaum wieder und wird vielleicht selbst zum Teil seines Wahns. Davids Mutter hat lange gebraucht, um seinen Satz »Jetzt bist Du also auch eine von denen« nicht persönlich zu nehmen. Die Forschung hat einen Faktor entdeckt, der für Angehörige besonders hilfreich zu kennen ist. Die britischen Forscher Julian Leff und Christine Vaughn haben in den 1970er Jahren das Konzept der Expressed Emotion untersucht, also der Art, wie Familien miteinander umgehen. Sie fanden heraus, dass Menschen mit Schizophrenie deutlich häufiger einen Rückfall erleiden, wenn in ihrer Familie viel Kritik, Feindseligkeit oder übermäßige Sorge herrscht. Ein ruhiges und wohlwollendes Klima mit klaren Strukturen schützt dagegen. Das ist keine Schuldzuweisung an Familien. Kritik und übermäßige Sorge entstehen fast immer aus Angst und Überforderung. Es ist aber eine Chance, denn das Familienklima lässt sich verändern. Viele Kliniken bieten deshalb eigene Psychoedukationsgruppen für Angehörige an, in denen man lernt, besser mit der Erkrankung umzugehen.


Gleichzeitig darfst Du auf Dich achten. Eine Psychose in der Familie kann alle Kräfte binden, und viele Angehörige geben dabei ihr eigenes Leben auf. Du kannst einen anderen Menschen nicht heilen, egal wie sehr Du ihn liebst. Du darfst Grenzen setzen, wenn er Dich bedroht oder verletzt, und Du darfst Hilfe von außen holen. In Deutschland gibt es Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, die Beratung und Selbsthilfegruppen anbieten. Dort trifft man Menschen, die genau wissen, wovon man spricht. Was ich als Trainer daraus mitnehme Psychosen gehören nicht in ein Coaching. Das ist für mich eine klare Grenze. Gerade deshalb ist es wichtig, frühe Zeichen zu erkennen, denn manchmal kommen Menschen in einer Prodromalphase zu einem Coach, weil sie spüren, dass etwas nicht stimmt, aber nicht wissen was.


Wenn ich bei einem Klienten bemerke, dass er sich auffällig zurückzieht, kaum noch schläft und überall Bedeutungen und Zeichen sieht, dann arbeite ich nicht mit Techniken weiter. Wenn er mir erzählt, dass andere seine Gedanken lesen können oder dass er beobachtet wird, dann ist meine Aufgabe nicht die Deutung, sondern die behutsame Ermutigung, einen Arzt aufzusuchen. Und gerade hier halte ich mich bewusst von Hypnose und tiefen Trancezuständen fern, weil sie die Grenze zwischen innen und außen weiter lockern könnten. Was ich aus diesem Thema für meine Arbeit mitnehme, ist vor allem Demut und Respekt. Die Welt eines Menschen in einer Psychose ist nicht weniger wirklich für ihn als meine Welt für mich. Wer ihm begegnen will, braucht keine Argumente. Er braucht Ruhe und Wärme und die Bereitschaft, die Angst des anderen ernst zu nehmen, auch wenn er ihren Inhalt nicht teilt.


Zurück zu David


David kam im Herbst in eine psychiatrische Klinik. Seine Mutter hatte mit Hilfe des sozialpsychiatrischen Dienstes einen Weg gefunden, ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Er war wütend auf sie und hat wochenlang nicht mit ihr gesprochen. Die Medikamente haben die Stimmen nach einigen Wochen leiser werden lassen, bis sie ganz verschwanden. Was blieb, war eine große Erschöpfung und die Frage, was eigentlich mit ihm geschehen war. Heute, zwei Jahre später, studiert David wieder, wenn auch langsamer als früher. Er hat aufgehört zu kiffen und achtet auf seinen Schlaf. Er hat einen Krisenplan, in dem steht, dass er sofort seine Psychiaterin anruft, wenn er wieder anfängt, Botschaften in Plakaten zu sehen. Und er hat seiner Mutter irgendwann gesagt, dass er froh ist, dass sie damals nicht aufgegeben hat. Sie sagt, das sei der schönste Satz gewesen, den sie je von ihm gehört habe.


Im nächsten Artikel geht es um ein Thema, das viele Menschen besonders beschäftigt. Wir schauen uns die Persönlichkeitsstörungen an, die in der ICD-11 völlig neu gedacht wurden, und fragen, was hinter den Etiketten Narzisst und Borderline wirklich steckt und wie man sich vor schädlichem Verhalten schützen kann. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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