Worte für das Unsagbare

Wenn das Ich sich auflöst und ein anderer Mensch plötzlich die Sprache für eine Erfahrung findet, für die uns die Worte fehlten.
Es gibt Erfahrungen, für die wir keine Worte haben. Wir erleben etwas, das uns tief berührt, und wenn wir später davon erzählen wollen, merken wir, dass unsere Sprache nicht ausreicht. Die Worte wirken zu klein, zu ungenau oder sie fehlen ganz. Und dann geschieht manchmal etwas Wunderbares. Ein anderer Mensch spricht einen Satz aus, und plötzlich ist die Sprache da, die wir vorher nicht gefunden haben.
Wenn ein anderer die Worte findet
Darin liegt einer der wichtigsten Gründe, anderen Menschen wirklich zuzuhören. Andere können die passenden Worte für eine Erfahrung liefern, die wir längst gemacht haben, aber noch nicht benennen konnten. Das Erlebte bekommt dann eine Form. Es wird greifbar, und wir können es einordnen und verstehen. Umgekehrt funktioniert es genauso. Manchmal hören wir von anderen Menschen Worte, die uns überhaupt erst ermöglichen, eine bestimmte Erfahrung zu machen. Die Worte öffnen eine Tür, durch die wir vorher nicht gegangen wären, weil wir nicht wussten, dass es sie gibt. Wer meinen Artikel über Hypnose gelesen hat, kennt dieses Prinzip. Worte können Erfahrungen nicht nur beschreiben, sie können sie auch hervorbringen.
Man könnte das ein einfaches Sprachmodell nennen. Erfahrung und Sprache befruchten sich gegenseitig. Die Erfahrung sucht nach Worten, und die Worte bahnen neue Erfahrungen an. Auch die Forschung bestätigt diesen Zusammenhang. Der Psychologe Matthew Lieberman von der University of California in Los Angeles hat gezeigt, dass schon das Benennen eines Gefühls die Aktivität in den Angstzentren des Gehirns dämpfen kann. Und die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett beschreibt, dass Menschen mit einem reichen Wortschatz für Gefühle ihre Emotionen feiner wahrnehmen und besser mit ihnen umgehen können. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat diesen Gedanken schon vor über hundert Jahren auf den Punkt gebracht. Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Wenn das Ich verschwindet
Besonders deutlich zeigt sich das bei einer Erfahrung, nach der sich viele Menschen sehnen und die zugleich fast unmöglich zu beschreiben ist. Gemeint ist die sogenannte nonduale Erfahrung, also ein Zustand, in dem die Trennung zwischen dem Ich und der Welt für einen Moment verschwindet. Stell Dir vor, Du sitzt in einer tiefen Meditation. Dein Atem wird ruhiger, die Gedanken werden weniger, und irgendwann geschieht etwas, das Du nicht geplant hast. Für einen kurzen Moment ist das Ich vollständig weg. Es gibt keinen Beobachter mehr der etwas erlebt, und keine innere Stimme die kommentiert. Es gibt nur noch Erleben ohne jemanden der erlebt. Und dann kehrt das Ich zurück und mit ihm die Frage, was da eigentlich gerade geschehen ist.
Genau in diesem Moment fehlen oft die Worte. Man hat etwas erlebt, das sich mit nichts im Alltag vergleichen lässt. In diesem Moment waren Raum, Zeit und Ich für einen Moment abwesend. Und gerade hier kann die Begegnung mit einem erfahrenen Menschen von unschätzbarem Wert sein. Wer etwa einen Bekannten hat, der lange den Weg des Zen gegangen ist, bekommt von ihm vielleicht die Sprache geschenkt, die das Erlebte übersetzt. Er kann sagen, dass genau das gemeint ist, wenn im Zen vom Erwachen oder vom Fallenlassen von Körper und Geist gesprochen wird. Aus einem verwirrenden Erlebnis wird dann eine Erfahrung, die einen Platz im eigenen Leben bekommt. Der Zen-Buddhismus hat für das Verhältnis von Worten und Erfahrung ein schönes Bild gefunden. Die Worte sind wie ein Finger, der auf den Mond zeigt. Wer nur auf den Finger schaut, verpasst den Mond. Doch ohne den Finger hätten viele Menschen nie in die richtige Richtung geblickt.
Ein Hirnforscher ohne Ich
Wie real solche Erfahrungen sind, zeigt das Beispiel von Christof Koch. Er gehört zu den bekanntesten Bewusstseinsforschern der Welt, hat jahrzehntelang am California Institute of Technology gelehrt und eng mit Francis Crick zusammengearbeitet, einem der Entdecker der DNA-Doppelhelix. Koch hat in einem Selbstversuch mit einer sehr starken psychedelischen Substanz erlebt, wie sein Ich vollständig verschwand. Er beschreibt, dass sein Körper verschwand und mit ihm die Stimme, die ihn sonst immer begleitet. Raum und Zeit lösten sich auf, die Erfahrung war weder lang noch kurz, und es gab kein Selbst mehr. Was blieb, waren ein helles Licht und eine merkwürdige Mischung aus Schrecken und Ekstase. Eine Gotteserfahrung war es für ihn nicht. Doch er nahm eine Erkenntnis mit, die für ihn als Forscher entscheidend war. Das Bewusstsein braucht kein Selbst, um da zu sein. Raum, Zeit und das Ich sind Konstruktionen unseres Geistes.
Und noch etwas geschah, das Koch selbst überraschte. Einige Wochen später bemerkte er, dass er nicht mehr über den Tod nachgedacht hatte. Seitdem hat er die Angst vor dem Tod nach eigener Aussage vollständig verloren. Er möchte nicht sterben, aber er akzeptiert, dass es geschehen wird. Dabei betont Koch ausdrücklich, dass eine einmalige Erfahrung das Leben nicht für immer verändert. Er vergleicht die tägliche Praxis von Atemübungen und Meditation mit dem Benutzen von Zahnseide. Gemeint ist eine kleine Pflege für den Geist, die man jeden Tag wiederholt. Ein bekanntes buddhistisches Buch trägt den Titel »Nach der Erleuchtung Wäsche waschen«. Auch nach der tiefsten Erfahrung muss man am nächsten Tag den Müll hinaustragen. Wer meine Serie über die Sehnsucht des Gehirns gelesen hat, weiß außerdem, wie wichtig der richtige Rahmen und eine sorgfältige Integration sind. Solche Substanzen sind kein Weg, den ich empfehle, zumal sie in Deutschland verboten sind und erhebliche Risiken bergen.
Näher am Alltag, als wir denken
Eine solche Erfahrung klingt zunächst weit entfernt vom gewöhnlichen Leben. Doch Koch weist darauf hin, dass wir alle Momente kennen, in denen das Ich leiser wird. Wenn wir klettern, Schach spielen, programmieren, uns lieben oder ganz in einen Film versunken sind, tritt das Selbstempfinden in den Hintergrund. Koch sagt sinngemäß, dass wir normalerweise auf dem Planeten Ego leben, wo sich alles um die Frage dreht, was uns nützt oder bedroht. In solchen Momenten werden wir selbstlos, so wie ein Astronaut schwerelos wird. Die nonduale Erfahrung ist gewissermaßen die vollständige Form dieser kleinen Alltagsmomente. Für viele Menschen greifbar ist der Zustand des Flow. Im Zustand des Flow gerät ein Ich-Bewusstsein vorübergehend in den Hintergrund. Dies ist vor allem bei Erfahrungen der Fall, welche unsere volle Konzentration benötigen. Gerade für Menschen, die ein zu starkes Ich-Bewusstsein haben und unter Ängsten und Sorgen leiden, können diese Momente sehr wohltuende Referenzerfahrungen sein.
Koch vergleicht seine Erfahrung außerdem mit Nahtoderfahrungen. Nach seinen Angaben berichten etwa zehn Prozent der Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden, von einer außergewöhnlichen Erfahrung. Das Erstaunliche daran ist, dass sie dieses Erlebnis fast immer als zutiefst positiv beschreiben. Viele sprechen davon, das Licht gesehen zu haben, und ihr Leben verändert sich danach nachhaltig zum Guten. Eine Antwort auf die Frage, was nach dem Leben kommt, ist all das allerdings nicht. Wer eine solche Erfahrung macht, ist ja am Leben. Nur das Ich war für einen Moment vollständig verschwunden. Doch vielleicht verändert gerade diese Erfahrung den Blick auf die großen Fragen. Wer erlebt hat, dass Bewusstsein auch ohne das kleine Ich weiterbestehen kann, verliert oft etwas von seiner Angst. Er spürt, dass das Ich nicht alles ist was wir sind.
Zum Schluss
Manche Erfahrungen sind größer als unsere Sprache. Doch wir müssen mit ihnen nicht allein bleiben. Wenn wir anderen Menschen zuhören, schenken sie uns manchmal genau die Worte, die uns gefehlt haben. Und wenn wir unsere eigenen Erfahrungen teilen, schenken wir vielleicht einem anderen Menschen die Sprache für etwas, das er schon lange in sich trägt.
Vielleicht ist das eine der schönsten Formen von Verbundenheit. Ein Mensch findet die Worte, ein anderer erkennt darin seine Erfahrung wieder. Und für einen Moment wird zwischen zwei Menschen sichtbar, was keiner von beiden allein hätte sagen können. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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