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NLP Modeling: Wie Du die Fähigkeit eines Menschen übernimmst

  • Autorenbild: Florian Stotz
    Florian Stotz
  • 23. Aug.
  • 17 Min. Lesezeit

Warum das Modellieren der eigentliche Kern des NLP ist und nicht die Techniken, die es hinterlassen hat.


Es gibt zwei Sätze, die fast gleich klingen und in völlig verschiedene Richtungen führen. Der erste lautet: Ich möchte lernen, was dieser Mensch kann. Der zweite lautet: Ich möchte lernen, wie dieser Mensch das macht. Der erste Satz führt zu Bewunderung. Der zweite führt zu Übertragung. Die meisten Menschen bleiben ihr Leben lang beim ersten stehen, und das hat Gründe, die auf den ersten Blick sehr vernünftig aussehen. Sie sehen jemanden, der ruhig bleibt, wenn es eng wird. Sie sehen jemanden, der einen Raum betritt und sofort dazugehört. Sie sehen jemanden, der schwierige Gespräche führt, ohne dass diese Gespräche schwierig wirken. Und dann ziehen sie den einzigen Schluss, der ihnen zur Verfügung steht: Der ist eben so. Ich nicht. In diesem Artikel geht es um das genaue Gegenteil dieses Schlusses.


Der Satz, mit dem NLP begann


Es gibt eine Szene am Anfang der Geschichte des NLP, die im Grunde die ganze Methode enthält. John Grinder, damals Linguist an der University of California in Santa Cruz, beobachtete, wie Richard Bandler mit Sprache arbeitete. Grinder konnte spüren, dass hinter dem, was Bandler tat, etwas Systematisches lag. Benennen konnte er es nicht. Bandler selbst übrigens auch nicht, denn er hatte sich das Meiste unbewusst bei Fritz Perls und Virginia Satir abgeschaut. Grinders Angebot lautete sinngemäß: Wenn Du mir beibringst, das zu tun, was Du tust, dann sage ich Dir, was Du tust.


Lies diesen Satz noch einmal. Er enthält die Reihenfolge, um die es im Modeling geht, und diese Reihenfolge ist nicht die naheliegende. Erst die Erfahrung, dann die Beschreibung. Nicht: Lass mich Dich objektiv beobachten und statistisch auswerten. Sondern: Bring es mir bei. Modeling, im Deutschen das Modellieren, entsteht aus der Führung durch Erfahrung. Richard Bandler hat später gesagt, das Modellieren sei das eigentliche Wesen des NLP und nicht die Spur an Techniken, die es hinterlassen hat. Das ist eine Aussage mit Konsequenzen. Alles, was Du an Formaten kennst, vom Ankern über das Reframing bis zum Six-Step-Reframing, war irgendwann einmal das Ergebnis eines Modelling-Projekts. Jemand hat einem Menschen zugesehen, der etwas konnte, und hat die Struktur dahinter herausgelöst. Wer modellieren kann, ist deshalb nicht mehr auf die Formate angewiesen. Er baut seine eigenen.


Der Rückzug hinter die genetische Erklärung


Leslie Cameron-Bandler, eine der frühen Mitentwicklerinnen des NLP und Autorin der EMPRINT-Methode, hat für den Satz „Der ist eben so" einen Namen: den Rückzug hinter die genetische Erklärung. Sie beschreibt ihn als bequem und teuer zugleich. Bequem ist er, weil er von Verantwortung entlastet. Wenn Begabung Schicksal ist, muss ich nichts tun. Teuer ist er, weil er mit der Hoffnung auch den Zugang zur größten verfügbaren Ressource verschließt, und das sind die Fähigkeiten aller anderen Menschen um mich herum.


Ich finde dieses Bild deshalb so treffend, weil der Rückzug selten laut passiert. Er passiert leise, in einem Halbsatz, oft mit einem anerkennenden Unterton. Der hat halt dieses Charisma. Die kann das einfach. Bei mir ist das anders. Und in dem Moment, in dem dieser Satz gedacht ist, ist die Untersuchung beendet, bevor sie begonnen hat. Modeling ist die Entscheidung, dass „der ist eben so" keine Erklärung ist.


Was ein Modell ist und was es nicht ist


Ein Modell ist eine Darstellung von etwas, die der Struktur des Dargestellten entspricht. Nicht seinem Aussehen. Nicht seiner Wahrheit. Seiner Struktur. Das Ziel des Modellierens ist ausdrücklich nicht, die eine richtige Beschreibung des Denkprozesses eines Menschen zu finden. Das Ziel ist eine instrumentelle Landkarte, also eine Karte, die es Dir erlaubt, wirksamer zu handeln. Die Genauigkeit der Karte ist dabei weniger wichtig als ihre Brauchbarkeit. Das ist eine Befreiung, und ich sage das mit voller Absicht so deutlich. Du musst nicht recht haben über den anderen Menschen. Du musst eine Beschreibung finden, die funktioniert, wenn Du sie anwendest. Das ist der einzige Test, der zählt.


Es gibt dazu ein Beispiel aus der Geschichte, das Cameron-Bandler an den Anfang ihres Buches stellt. Im frühen vierzehnten Jahrhundert ließ der chinesische Kaiser Yung Lo eine Flotte bauen, die alles übertraf, was Europa kannte. Das größte Schiff der Flotte, das Schatz-Schiff, hatte neun Masten. Westliche Beobachter waren nicht nur von der Größe beeindruckt, sondern vor allem von einer Konstruktion, die sie nicht kannten: Querschotten, also Trennwände im Rumpf, die verhinderten, dass eingedrungenes Wasser das ganze Schiff flutet. Diese Idee stammte nicht aus dem Schiffbau. Sie stammte vom Bambus, dessen Halm durch Knoten in Kammern unterteilt ist. Das ist Modeling in Reinform. Eine Struktur wird aus einem Kontext herausgelöst und in einen völlig anderen übertragen. Nicht die Form wurde kopiert, sondern die funktionale Beziehung. Wir bauen bis heute Schiffe, Skier und Raumfahrzeuge nach diesem Prinzip. Und genau das ist die Frage, die Du stellst, wenn Du einen Menschen modellierst: Nicht wie sieht das aus, sondern wie hängt das zusammen.


Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur


Was Du an einem Menschen siehst, ist Oberflächenstruktur. Verhalten, Sprache, Reaktionen. Diese Oberfläche entsteht aus einer Tiefenstruktur, also aus inneren Bildern, Klängen, Gefühlen und Repräsentationen, und zwar durch eine Reihe von Transformationen. Auf diesem Weg geht zwangsläufig Information verloren, durch Tilgung, Generalisierung und Verzerrung. Aus dieser einen linguistischen Unterscheidung folgen zwei sehr praktische Konsequenzen:


  • Die erste: Eine Beobachtung reicht nie. Verschiedene Oberflächenstrukturen können dieselbe Tiefenstruktur widerspiegeln. Erst mehrere Beispiele lassen die gemeinsame Struktur hervortreten.

  • Die zweite: Das Gesagte ist nie das Ganze. Keine sprachliche Beschreibung kann die Erfahrung vollständig abbilden, die sie zu beschreiben versucht. Deshalb ist Befragung allein zu wenig, und deshalb ist ein Fragebogen für ernsthaftes Modeling unbrauchbar.


Ein anderer Zugang zur selben Unterscheidung: Produkt und Prozess. Was Du siehst, ist das Produkt. Was Du brauchst, ist der Prozess, der es hervorbringt.


Die sechs Ebenen einer Fähigkeit


Robert Dilts, der die Modelling-Methodik im NLP am systematischsten ausgearbeitet hat, unterscheidet sechs Ebenen, auf denen eine Fähigkeit sitzen kann. Jede Ebene beantwortet eine andere Frage, und ein vollständiges Modell berührt mehrere davon.


Umgebung (wo und wann). Der äußere Kontext. Welche Gelegenheiten und Beschränkungen wirken auf den Menschen? Im Großen die Marktlage und das soziale Umfeld, im Kleinen dieser Raum, dieser Schreibtisch, diese Tageszeit.


Verhalten (was). Die konkreten Handlungen. Was tut die Person spezifisch? Allgemeine Arbeits- und Kommunikationsmuster auf der einen Seite, einzelne Bewegungen und Routinen auf der anderen.


Fähigkeiten (wie). Die mentalen Strategien, die das Verhalten steuern. Hier liegt der Schwerpunkt fast jedes Modelling-Projekts.


Überzeugungen und Werte (warum). Motivation und Erlaubnis. Was rechtfertigt und verstärkt die Fähigkeit? Ohne diese Ebene bleibt eine Technik oft leer. Sie wird ausgeführt, aber nicht getragen.


Identität (wer). Rolle, Mission, Selbstbild. Wer bin ich, wenn ich so handle? Diese Ebene entscheidet häufig darüber, ob eine übertragene Fähigkeit gehalten wird oder nach einigen Wochen wieder abfällt.


Vision und Zugehörigkeit (für wen). Das größere System, dem das Ganze dient. Diese Ebene gibt allen anderen ihre letzte Bedeutung.


Der Schwerpunkt liegt aus einem einfachen Grund auf den Fähigkeiten: Das Wissen, was zu tun ist, und sogar das Wissen, warum, bleibt weitgehend wirkungslos ohne das Wie. Die Fähigkeiten sind das Scharnier. Sie übersetzen Vision, Identität, Werte und Überzeugungen in Handlungen in einer konkreten Umgebung. Und noch eine Unterscheidung, die in der Praxis oft übersehen wird: Eine Fähigkeit ist etwas anderes als eine Prozedur. Eine Prozedur ist eine Abfolge von Schritten zu einer Aufgabe. Eine Fähigkeit dagegen ist nicht linear. Sie muss wahlfrei abrufbar sein, der Mensch muss also jederzeit auf verschiedene Teile zugreifen können, je nachdem, was die Situation gerade verlangt. Deshalb wird eine Fähigkeit nicht als Kette modelliert, sondern als Rückkopplungsschleife.


Das TOTE als Minimalstruktur jeder Fähigkeit


Die kleinste sinnvolle Einheit, in der Du eine Fähigkeit beschreiben kannst, ist das TOTE. Test, Operate, Test, Exit. Das Modell besagt, dass jedes mentale und behaviorale Programm sich um ein festes Ziel und variable Mittel dreht, dieses Ziel zu erreichen. Wir setzen, bewusst oder unbewusst, ein Ziel und entwickeln einen Test dafür, wann es erreicht ist. Ist es nicht erreicht, operieren wir, verändern also etwas, um näher heranzukommen. Ist das Testkriterium erfüllt, steigen wir aus und gehen zum nächsten Schritt. Wenn Du tiefer in diese Schleife einsteigen willst, findest Du dazu einen eigenen Artikel bei mir unter dem Titel „Das TOTE-Modell als innerer Thermostat".


Für das Modellieren ist eine Beobachtung dabei besonders wertvoll, und sie ist der Grund, warum ich das TOTE für das schärfste kleine Werkzeug im ganzen Repertoire halte. Nimm den Test für erfolgreiche Führung. Er könnte lauten: Das Projekt ist profitabel. Aber Profitabilität lässt sich sehr verschieden testen. An vorhandenen Mitteln. Im Vergleich zu anderen Projekten. Am langfristigen Nutzen. An den Möglichkeiten, die daraus entstehen. Diese feinen Unterschiede in Test und Operation machen den Unterschied zwischen wirksamem und unwirksamem Handeln aus. Nicht das Ziel unterscheidet die Menschen. Der Test unterscheidet sie. Um eine Fähigkeit wirksam zu modellieren, brauchst Du daher vier Dinge: die Ziele der Person in diesem Kontext, die Belege und Belegverfahren, an denen sie den Fortschritt misst, die Wahlmöglichkeiten und Handlungen, mit denen sie zum Ziel kommt, und die Reaktion auf Störung, also das, was sie tut, wenn das Ziel nicht erreicht wird.


Sechs Komplexitätsgrade und warum sie zuerst geklärt werden


Nicht jede Fähigkeit lässt sich mit denselben Mitteln modellieren. Was bei einer einfachen Bewegung funktioniert, versagt bei komplexer Sprache. Die Bestimmung des Komplexitätsgrades ist deshalb die erste Entscheidung jedes Projekts.


Einfach behavioral. Konkrete, beobachtbare Handlungen in Sekunden bis Minuten. Eine Tanzbewegung, das Einnehmen eines Zustands, ein Wurf.


Einfach kognitiv. Testbare mentale Prozesse mit unmittelbarem Ergebnis. Namen merken, Rechtschreibung, ein inneres Bild erzeugen.


Einfach linguistisch. Erkennen und Einsetzen einzelner Worte, Wendungen, Fragen. Gezielt fragen, Schlüsselworte aufgreifen und zurückspiegeln.


Komplex behavioral. Koordination von Handlungssequenzen. Jonglieren, eine Kampfkunsttechnik, eine Präsentation halten.


Komplex kognitiv. Synthese mehrerer Denkfähigkeiten. Eine Geschichte bauen, ein Problem diagnostizieren, ein Projekt planen.


Komplex linguistisch. Interaktiver Sprachgebrauch in dynamischen, oft spontanen Situationen. Überzeugen, verhandeln, Reframing, Humor, Storytelling, Trance-Induktion.


Jede Stufe schließt die vorherigen ein. Deshalb lernt man das Modellieren am besten an einfachen behavioralen und kognitiven Fähigkeiten, bevor man sich an komplexe wagt. Und komplexe Fähigkeiten lassen sich fast immer in eine Gruppe oder Sequenz einfacherer zerlegen. Das ist die eigentliche Kunst.


Reines Spiegeln kann eine einfache Bewegung übertragen und versagt vollständig bei einer komplexen sprachlichen Fähigkeit. Ein Fragebogen kann eine einfache kognitive Strategie erfassen und ist unbrauchbar für eine körperliche. Die Methode muss zur Stufe passen.


Die drei Wahrnehmungspositionen


Modeling verlangt eine doppelte, besser eine dreifache Beschreibung desselben Vorgangs.


In der ersten Position probiere ich es selbst aus und erforsche, wie ich es mache. Ich sehe, höre und fühle aus meiner eigenen Perspektive.


In der zweiten Position stelle ich mich innerlich in den anderen Menschen hinein und versuche, so zu denken und zu handeln wie er. Das liefert Intuitionen über die unbewussten Anteile, also über genau die Teile, die er selbst nicht benennen kann.


In der dritten Position trete ich zurück und beobachte, ohne zu urteilen, wie ein Wissenschaftler durch ein Mikroskop. Ich nehme nur wahr, was meine Sinne wahrnehmen.


Manche fügen eine vierte Position hinzu, eine intuitive Synthese aller Perspektiven aus der Sicht des gesamten Systems. Hier entsteht das Gefühl für die Gestalt des Ganzen.


Wenn Du an dieser Stelle bemerkst, dass die zweite Position sehr viel mit dem zu tun hat, worüber ich im Artikel über Sensory Acuity geschrieben habe, dann liegst Du richtig. Die Qualität Deiner Wahrnehmung ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt. Wer die Mikroveränderungen im Gesicht, in der Atmung und im Muskeltonus nicht bemerkt, kann sie auch nicht modellieren.


Implizit und explizit: warum Du Könner nicht einfach fragen kannst


Können und Wissen sind zwei verschiedene Dimensionen. Man kann etwas verstehen und nicht ausführen können, das ist bewusste Inkompetenz. Man kann etwas hervorragend ausführen, ohne zu wissen, wie, das ist unbewusste Kompetenz. Meisterschaft heißt beides: tun, was man weiß, und wissen, was man tut.


Genau hier liegt die größte Schwierigkeit beim Modellieren von Könnern. Die entscheidenden Anteile ihres Könnens sind ihnen selbst unbewusst. Viele vermeiden es sogar bewusst, darüber nachzudenken, und zwar aus der durchaus berechtigten Sorge, es würde ihre Intuition stören.

Deshalb gibt es zwei Bewegungsrichtungen, und Du brauchst beide.


Das implizite Modellieren geht von der Erfahrung über die Intuition zum eigenen Gebrauch. Es ist unbewusst, ganzheitlich und synthetisch, arbeitet mit Zuständen, ist assoziiert und induktiv, und es geschieht aus der zweiten Position. Von außen nach innen. Das Terrain.


Das explizite Modellieren geht von der Intuition über die Struktur zur Übertragung an andere. Es ist bewusst, arbeitet in Teilen und sequenziell, arbeitet mit Strategien, ist dissoziiert und deduktiv, und es geschieht aus der dritten Position. Von innen nach außen. Die Landkarte.


Ohne die implizite Phase fehlt Dir die Intuitionsbasis, auf der ein explizites Modell überhaupt aufbauen könnte. John Grinder hat das einmal so formuliert, dass man keine Grammatik einer Sprache beschreiben kann, zu der man keine Intuition hat. Ohne die explizite Phase wiederum bleibt das Gelernte in Dir gefangen und wird nicht übertragbar.


Die drei Phasen eines Modelling-Projekts


Phase 1: Die unbewusste Aufnahme

Bring die Person dazu, die Fähigkeit im passenden Kontext zu zeigen. Geh in die zweite Position, und zwar ohne auf bestimmte Muster zu achten. Übernimm Haltung und Physiologie, identifiziere Dich innerlich. Achte dabei eher auf die Mikro-Muskelbewegungen als auf das offensichtliche Verhalten, denn das offene Verhalten ist Oberflächenstruktur, während die feinen Bewegungen näher an die Tiefenstruktur führen. Versuche in dieser Phase nicht, bewusst zu verstehen. Filter zu setzen bedeutet, Information zu verlieren, und Du weißt zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was wichtig ist. Geh in den Zustand des Nichtwissens, lege alle bisherigen Landkarten und Annahmen beiseite und schaue frisch. Wenn die Intuitionen tragfähig sind, such Dir einen Kontext, in dem Du die Fähigkeit anwenden kannst. Erst so, als ob Du die Person wärst. Dann als Du selbst. Sind Deine Ergebnisse denen der Person vergleichbar, ist diese Phase abgeschlossen.


Phase 2: Die Subtraktion

Jetzt trennst Du das Wesentliche vom Beiwerk, und diese Phase entscheidet darüber, ob aus einem Eindruck ein Modell wird. Milton Erickson saß im Rollstuhl und trug lila Pyjamas. Beides ist für seine Ergebnisse ohne Bedeutung. Wer Erickson kopiert, ohne zu subtrahieren, trägt das Beiwerk mit und wundert sich anschließend, warum es nicht funktioniert oder warum er sich verkleidet fühlt. Die Regel ist einfach und unbestechlich. Was Du weglassen kannst, ohne dass sich das Ergebnis ändert, gehört nicht zum Modell. Was Du weglässt und das Ergebnis bricht ein, das ist ein entscheidender Teil. Am Ende hast Du Dein Minimalmodell, also die einfachste Form, die das Ergebnis noch erzeugt.


Phase 3: Das Design

Jetzt baust Du den Weg, auf dem andere die Fähigkeit erwerben können. Und hier steht der Grundsatz, den ich für den am häufigsten verletzten der ganzen Methodik halte: Zwinge sie nicht durch denselben Prozess, den Du durchlaufen hast. Statt die Schritte nachahmen zu lassen, schaffst Du die passenden Referenzerfahrungen, aus denen die Lernenden die nötigen inneren Verschaltungen selbst entwickeln. Jeder bringt andere bewusste und unbewusste Kompetenzen als Ausgangszustand mit. Für den einen ist Visualisieren selbstverständlich, für den anderen völlig neu. Der eine fasst mehrere Schritte zu einem zusammen, der andere muss einen Schritt in Teilfähigkeiten zerlegen. Der Maßstab ist nicht Treue zum Original. Der Maßstab ist Brauchbarkeit für den Lernenden.


Wie ein Muster tatsächlich nachgewiesen wird


Ein Merkmal zu sehen ist etwas anderes, als ein Muster nachzuweisen. John Stuart Mill, britischer Philosoph und Logiker, hat in seiner „System of Logic" fünf Wege beschrieben, auf denen induktiv Muster identifiziert werden. Sie sind bis heute das schärfste Werkzeug der Modelling-Praxis.


Übereinstimmung. Beobachte mehrere Beispiele, in denen das Ergebnis erreicht wurde, und suche, was in allen gleich ist.


Unterschied. Suche das Element, das normalerweise fehlt, aber in dem Fall vorhanden ist, in dem das Ergebnis besonders gut war.


Kontrastive Analyse. Suche, was immer da ist, wenn es gelingt, und immer fehlt, wenn es misslingt. Das ist die stärkste der fünf Methoden.


Begleitende Variation. Suche Merkmale, die im direkten oder umgekehrten Verhältnis zum Erfolgsgrad schwanken. Mehr Farbintensität im inneren Bild und mehr Kreativität, blassere Farben und weniger.


Residuen. Ausschlussverfahren. Ist ein Merkmal einem Teil des Ergebnisses zugeordnet, gehören die übrigen Merkmale zu den übrigen Ergebnisteilen.


Und dann kommt das Kriterium, das über allen fünf steht. Das letzte Kriterium für ein Muster ist nicht die Anzahl der Beobachtungen. Es lautet: Wenn Du das Merkmal anwendest, erreichst Du das Ergebnis. Ein Muster kann nicht wirklich geprüft werden, solange es nicht angewendet wurde.


Die zweite Kamera: Leslie Cameron-Bandler und die Variablen des Erlebens


Robert Dilts liefert das Gerüst. Leslie Cameron-Bandler liefert das Feininstrument. In der EMPRINT-Methode, die sie gemeinsam mit David Gordon und Michael Lebeau entwickelt hat, geht es um eine Notation für die inneren Variablen, aus denen Verhalten hervorgeht. Sie ist besonders dann wertvoll, wenn Du nicht eine Handlung, sondern eine innere Haltung übertragen willst.


Die Grundannahme ist bemerkenswert: Die Variablen des Erlebens sind bei allen Menschen dieselben. Die Unterschiede zwischen uns liegen in den Unterscheidungen, die wir innerhalb dieser Variablen treffen. Deshalb ist es möglich, die inneren Prozesse eines Menschen so zu verändern, dass sie in einem bestimmten Kontext denen eines anderen entsprechen.


Die Zerlegung: Zielverhalten, Aktivität, Evaluation

Jedes Zielverhalten beruht auf einer oder mehreren Aktivitäten. Jede Aktivität setzt mindestens eine Evaluation voraus. Und jede Evaluation hat ihre eigenen Variablen und wird als eigenes operatives Format dargestellt. Ein Beispiel aus ihrem Buch. „Konstruktiv mit Kritik umgehen" enthält mindestens die Aktivitäten Kritik erkennen, den Wert der Kritik beurteilen und planen, wie sie verwertet wird. Kritik erkennen setzt voraus, dass Du bewertest, ob eine Bemerkung überhaupt kritisch ist. Den Wert beurteilen setzt voraus, dass Du bewertest, ob sie angemessen ist. Und planen setzt voraus, dass Du die relativen Vorteile möglicher Änderungen bewertest. Der praktische Nutzen dieser Zerlegung ist enorm, und er ist der Grund, warum ich diesen Teil so gerne unterrichte. Du musst nicht alles über einen Menschen wissen. Du musst herausfinden, welche Aktivität bei Dir fehlt, und nur diese modellieren.


Die Variablen jeder Evaluation

Der Zeitrahmen. In welchem Zeitrahmen findet die Bewertung statt? Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Diese Variable ist so mächtig, dass sie allein über Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann.


Die Kriterien. Der Maßstab, an dem gemessen wird. Sicherheit, Status, Neuheit, Vertrautheit, Aufrichtigkeit, Verantwortung, Erfüllung. Kriterien sind nicht Bestandteil der Situation, sie variieren von Mensch zu Mensch.


Die Kriterium-Äquivalenzen. Woran genau erkennt jemand, dass ein Kriterium erfüllt ist? Ein Kriterium ist nur ein Wort. Die Äquivalenz ist die sinnliche Erfahrung dahinter.


Die Informationsquelle. Worauf greift die Person zurück, um zu bewerten? Evaluationen finden nicht im luftleeren Raum statt. Wer bei der Wahl eines Buches nur das eigene Bücherregal als Bezug verwendet, trifft eine andere Wahl als jemand, der auch das im Blick hat, was in Buchhandlungen erhältlich ist.


Warum der Zeitrahmen so oft entscheidet

Cameron-Bandler beschreibt einen Befund, den ich in meiner eigenen Praxis immer wieder bestätigt gefunden habe. Menschen, die gesundheitsbezogene Ziele dauerhaft verfolgen, also Ernährung, Sport, Rauchstopp, verwenden Zukunfts-Tests. Menschen, deren Entschlossenheit immer wieder zusammenbricht, verwenden fast immer Gegenwarts-Tests.


Die Mechanik dahinter ist einleuchtend. Wer aufhört zu rauchen, weil ihm gerade jetzt der Atem fehlt, also mit einem Gegenwarts-Test, fängt bald wieder an. Der Entzug erzeugt sehr schnell eine unangenehme Gegenwart, die nach Erleichterung schreit, und der Gegenwarts-Test entscheidet nun gegen ihn. Wer aufhört wegen einer motivierenden Zukunft, kann gegenwärtige Unannehmlichkeit tragen. Beim Modellieren von Selbstdisziplin ist das oft die einzige Variable, die Du übertragen musst.


Kriterium und Äquivalenz, die häufigste Verwechslung

Zwei Menschen sprechen beide über Liebe und meinen völlig Verschiedenes. Der eine weiß, dass er geliebt wird, wenn seine Partnerin an jedem Wort hängt und ständig zusammen sein will. Der andere weiß es, wenn sie ihn nicht mit Aufmerksamkeit belästigt und viel allein unternimmt.


Beide nennen dasselbe Kriterium. Ihre Kriterium-Äquivalenzen sind entgegengesetzt. Wir nehmen gewöhnlich an, andere hätten dieselben Äquivalenzen wie wir. Kaum ein Umstand führt zu mehr Missverständnissen und Konflikten, und ich sehe das in der Arbeit mit Paaren regelmäßig. Cameron-Bandler beschreibt, wie sich bittere Streitigkeiten zwischen Paaren und Geschäftspartnern auflösten, sobald man einfach ihre konfligierenden Kriterien bestimmte. Während des Streits wissen beide nicht, worüber sie tatsächlich streiten. Frage im Modeling deshalb immer nach: Woran genau merkst Du, dass...? Das Wort allein ist wertlos.


Code-Kongruenz, der elegante Fehler


Gregory Bateson, Anthropologe und einer der geistigen Väter des NLP, hat einen Satz formuliert, der beim Modellieren viel Ärger erspart. Wenn Du über etwas nachdenken willst, denke am besten so darüber nach, wie dieses Etwas selbst gedacht hat. Ein Modell ist code-kongruent, wenn die Beziehungen zwischen seinen Elementen den Beziehungen im modellierten System entsprechen.


Es gibt dazu eine Geschichte, die in NLP-Kreisen gerne erzählt wird. Bandler und Grinder veranstalteten ein Modelling-Seminar über die Arbeit von Virginia Satir. Am ersten Vormittag arbeitete Satir mit einer Familie, hervorragend wie immer. Am Nachmittag erklärten die beiden dem Publikum, wie sie einzelne Familienmitglieder nonverbal geankert, wie sie sie in Zustände geführt, wie sie Reaktionen ausgelöst hatte. Am nächsten Vormittag war ihre Arbeit ein Desaster. Satir war unzufrieden, die Familie war unzufrieden, das Publikum war verwirrt.


Die übliche Erklärung lautet, es sei gefährlich zu wissen, was man tut, das Bewusstsein störe. Batesons Erklärung ist eine andere und meiner Ansicht nach die bessere. Die Beschreibung war mechanisch und ursache-wirkungs-förmig und stellte Satir als Steuernde der Interaktion dar. So hat sie selbst mit Sicherheit nicht gedacht, weder bewusst noch unbewusst. Der Code passte nicht zur Struktur ihres tatsächlichen Prozesses.


Daraus folgt eine Regel für die Praxis. Code-Kongruenz hat nichts mit inhaltlicher Richtigkeit zu tun. Ein Code kann vollständig metaphorisch sein und trotzdem kongruent. Entscheidend ist allein, ob die Beziehungen zwischen den Elementen denen im echten System entsprechen. Bateson hat dazu noch einen zweiten Gedanken beigetragen, den er kollaterale Energie nannte. In lebenden Systemen trägt jedes Teil seine eigene Energiequelle. Wenn Du einen Ball trittst, kannst Du berechnen, wo er landet. Wenn Du einen Hund trittst, kannst Du das nicht. Ein Modell, das Menschen wie Billardkugeln behandelt, wird an dieser Stelle scheitern.


Schnellmodelling: was Du in zwanzig Minuten mitnehmen kannst


Ein vollständiges Modelling-Projekt braucht Wochen. Aber ein großer Teil des Nutzens ist in zwanzig Minuten zu holen, wenn Du weißt, wonach Du greifst. Du sitzt jemandem gegenüber, der etwas kann, das Du können willst. Du hast ein Gespräch, keinen Forschungsauftrag. Dann gilt diese Reihenfolge.


Minute null bis fünf: Still übernehmen. Bevor Du irgendetwas fragst, geh in die zweite Position. Übernimm Haltung, Atemrhythmus und Sprechtempo, subtil und nicht als Imitation. Achte auf die Mikrobewegungen, nicht auf die großen Gesten. Frage Dich nicht, was sie tut. Merke, wie es sich anfühlt, sie zu sein. Das ist der Schritt, den fast alle überspringen, und er bestimmt die Qualität von allem Weiteren.


Minute fünf bis acht: Den Kontext konkret machen. Frage nach einem bestimmten Mal, nicht nach dem Allgemeinen. „Wie machst Du das?" führt zu Theorie. „Erzähl mir von einem konkreten Mal letzte Woche" führt zu Struktur. Lass die Person in die Erinnerung gehen und dort bleiben.


Minute acht bis vierzehn: Das TOTE erheben. Ziel, Beleg, Handlung, Korrektur. Vier Fragen. Achte besonders auf die zweite. Woran merkst Du, dass es funktioniert? Dort sitzen die meisten Unterschiede.


Minute vierzehn bis achtzehn: Eine Ebene nach oben. Eine einzige Frage genügt. Was glaubst Du über dieses Thema, das die meisten anderen nicht glauben? Oder: Wer bist Du in diesen Momenten? Das ist der Zugang zu Überzeugung und Identität und oft der eigentliche Unterschied.


Minute achtzehn bis zwanzig: Das Gegenbeispiel. Die produktivste Frage des ganzen Gesprächs. Wann hat es bei Dir mal nicht funktioniert, und was war da anders? Ein einziges Gegenbeispiel ist mehr wert als fünf gelungene Beispiele, weil es Dir die kontrastive Analyse in einem Schritt liefert.


Und dann kommt der Teil, den die meisten unterschätzen. Ein Modell, das nicht innerhalb weniger Tage angewendet wird, zerfällt. Nicht, weil Du es vergisst, sondern weil die Intuition aus der zweiten Position verblasst, und ohne sie ist die Notiz nur noch eine Notiz. Nimm Dir für jedes Schnellmodelling einen konkreten Anwendungskontext innerhalb von zweiundsiebzig Stunden vor. Erst so, als ob. Dann als Du selbst.


Die vier häufigsten Fehler


Zu früh verstehen wollen. Wer beim Beobachten schon Kategorien anlegt, sieht nur, was in die Kategorien passt. Der Zustand des Nichtwissens ist kein spiritueller Zusatz, sondern eine methodische Notwendigkeit.


Die Oberfläche kopieren. Das Rollstuhl-und-Pyjama-Problem. Ohne Subtraktion trägst Du das Beiwerk mit und wunderst Dich, warum es nicht funktioniert oder warum Du Dich verkleidet fühlst.


Nur fragen. Der Könner kann Dir nicht sagen, wie er es macht. Nicht aus Unwillen, sondern weil die entscheidenden Anteile unbewusst sind. Ein Fragebogen erfasst, was jemand über sich glaubt, nicht, was er tut.


Andere durch den eigenen Weg zwingen. Der Weg, auf dem Du die Fähigkeit erworben hast, ist nicht der Weg, auf dem ein anderer sie erwerben sollte. Design heißt, die passenden Referenzerfahrungen zu schaffen, nicht die eigene Biografie zu reproduzieren.


Modeling in meinen Workshops


In meinen NLP-Workshops arbeite ich das Modellieren aus einem bestimmten Grund immer als eigenen Block heraus, und zwar nicht am Anfang, sondern dann, wenn die Wahrnehmungspositionen sitzen. Der Aufbau folgt dabei einem Prinzip, das dem logischen Aufbau widerspricht. Die logische Reihenfolge wäre Theorie, Ebenen, TOTE, dann Übung. Die wirksame Reihenfolge ist umgekehrt. Erfahrung vor Begriff. Jede Unterscheidung braucht eine Referenzerfahrung, bevor sie benannt wird, sonst bleibt sie ein Wort.


Wir beginnen deshalb mit einer Spiegelübung, bei der einer der beiden Beteiligten subtil Haltung, Gestik, Tempo und Stimme übernimmt, ohne dass der andere es weiß. Danach folgt implizites Modellieren in Vierergruppen, bei dem der Modellierende ein Gespräch weiterführt, als wäre er die modellierte Person, und zwar auch dann, wenn er den ersten Teil des Gesprächs gar nicht gehört hat. Dann Ko-Modelling mit doppelter Beschreibung, einmal implizit, einmal explizit, und der Lerngewinn entsteht aus dem Unterschied zwischen beiden Durchgängen. Und schließlich die Arbeit mit Exzellenz und Gegenbeispiel, in der die Gruppe die kontrastive Analyse am eigenen Erleben lernt und nicht als Konzept.


Am Ende mache ich immer eines explizit, weil es sonst untergeht. Die Gruppe hat zwei Dinge gelernt. Eine bestimmte Fähigkeit und das Verfahren, mit dem man beliebige Fähigkeiten erwirbt. Das Zweite ist das Wertvollere. Es gibt dazu das alte Wort: Gib jemandem einen Fisch, und Du hast ihn für einen Tag ernährt. Lehre ihn fischen, und Du hast ihn fürs Leben ernährt. Die doppelte Lernschleife, um die es beim Modeling geht, heißt: Hilf ihm, diesen einen Fisch zu fangen, und bring ihm dabei gleichzeitig das Fischen bei.


Wo Du anfangen kannst


Such Dir einen Menschen in Deinem Umfeld, der etwas kann, das Du können willst. Nicht etwas Großes. Etwas Konkretes und Kleines. Wie er ein Gespräch beendet, ohne dass es abrupt wirkt. Wie sie sich nach einem Rückschlag wieder in Bewegung setzt. Wie jemand eine Frage stellt, die eine Runde öffnet.


Dann gehst Du die zwanzig Minuten durch. Erst still übernehmen, dann konkret machen, dann das TOTE, dann eine Ebene nach oben, dann das Gegenbeispiel. Schreib es auf, denn ein Modelling-Projekt, das nicht aufgeschrieben wird, bleibt ein Eindruck. Und dann wendest Du es innerhalb von drei Tagen an.


Was dabei passiert, ist mehr als der Erwerb einer einzelnen Fertigkeit. Es verändert die Art, wie Du Menschen anschaust. Du hörst auf, Begabung als Schicksal zu lesen, und beginnst, sie als Struktur zu lesen. Und in dem Moment, in dem Du das tust, wird die Fähigkeit jedes Menschen, dem Du begegnest, zu einer Ressource, die Dir grundsätzlich offensteht.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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