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Wenn das Muster zum Menschen wird

Autorenbild: Florian Stotz
Florian Stotz
vor 5 Tagen
15 Min. Lesezeit

Persönlichkeitsstörungen verstehen und sich vor schädlichem Verhalten schützen. Teil 6 der Serie über psychische Erkrankungen.


Julia lernt Leon auf einer Firmenfeier kennen. Er ist charmant und witzig und hört ihr zu, als wäre sie der einzige Mensch im Raum. In den ersten Wochen schreibt er ihr jeden Morgen und schickt Blumen ins Büro. Er sagt ihr, so eine Frau wie sie habe er noch nie getroffen. Julia fühlt sich gesehen wie lange nicht mehr. Ein halbes Jahr später ist von diesem Gefühl wenig übrig. Leon erzählt bei jeder Gelegenheit von seinen Erfolgen und reagiert gereizt, wenn Julia von ihren eigenen erzählt. Kritik erträgt er nicht. Ein vorsichtiger Hinweis von ihr führt zu stundenlangen Vorwürfen oder zu tagelangem Schweigen. Erinnert sie ihn an etwas, das er gesagt hat, behauptet er, das habe er nie gesagt. Und manchmal beginnt Julia tatsächlich an ihrem eigenen Gedächtnis zu zweifeln. Ihre Freundin sagt irgendwann den Satz, den man heute so oft hört: »Der ist doch ein Narzisst.« Ist er das? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Um diese Fragen geht es in diesem Artikel. Wir schauen hinter die Etiketten, die heute so schnell verteilt werden, und fragen, was eine Persönlichkeitsstörung wirklich ist. Vor allem aber fragen wir, wie man sich schützen kann, ganz egal welches Etikett auf einem Menschen klebt.


Was eine Persönlichkeit ist


Jeder Mensch hat eine Persönlichkeit, also eine bestimmte Art zu denken und zu fühlen und mit anderen umzugehen. Manche Menschen sind eher vorsichtig und andere eher mutig. Manche suchen gern Gesellschaft und andere brauchen viel Zeit für sich. Diese Unterschiede machen das Leben reich und bunt. Das Lehrbuch beschreibt Persönlichkeitsstörungen als tief verwurzelte und weitgehend stabile Muster, die deutlich von denen einer durchschnittlichen Persönlichkeit abweichen. Entscheidend ist dabei nicht die Eigenart selbst. Entscheidend ist ihre Starrheit. Ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung greift immer wieder auf dieselben Strategien zurück, auch wenn sie längst nicht mehr funktionieren. So entstehen Leid und Konflikte in Beruf und Beziehungen.


Eine Besonderheit unterscheidet Persönlichkeitsstörungen von vielen anderen psychischen Erkrankungen. Die Betroffenen erleben ihr Verhalten meist nicht als fremd oder krank, sondern als Teil von sich selbst. Das Lehrbuch nennt das ich-synton. Ein Mensch mit einer Zwangsstörung leidet unter seinen Ritualen. Ein Mensch mit zwanghafter Persönlichkeit findet dagegen, dass seine Ordnung richtig ist und die anderen einfach zu nachlässig sind. Deshalb leiden oft zuerst die Menschen im Umfeld. Die Betroffenen selbst leiden meist erst dann, wenn ihr Umfeld nicht mehr mitspielt.


Die größte Veränderung der ICD-11


Bei keinem anderen Thema hat die ICD-11 so radikal umgedacht wie bei den Persönlichkeitsstörungen. Das alte Lehrbuch beschreibt noch etwa zehn verschiedene Typen. Dazu gehören die paranoide und die schizoide, die dissoziale und die emotional instabile, die histrionische und die anankastische sowie die ängstlich-vermeidende und die abhängige Persönlichkeitsstörung. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung stand in der ICD-10 nur unter den sonstigen Persönlichkeitsstörungen. Die ICD-11 hat diese Schubladen fast vollständig abgeschafft. Die Forschung hatte immer wieder gezeigt, dass sich die Typen stark überschneiden und dass kaum ein Mensch genau in eine Schublade passt. Heute geht man in zwei Schritten vor.


Im ersten Schritt bestimmt man den Schweregrad. Eine Persönlichkeitsstörung kann leicht oder mittelgradig oder schwer sein. Dabei schaut man auf zwei Bereiche. Der erste betrifft das Selbst, also das Gefühl für die eigene Identität und den eigenen Wert und die Fähigkeit, das eigene Leben zu steuern. Der zweite betrifft die Beziehungen, also die Fähigkeit, Nähe einzugehen und die Sicht anderer zu verstehen und Konflikte zu lösen. Unterhalb der Schwelle zur Störung kennt die ICD-11 außerdem die Persönlichkeitsakzentuierung. Gemeint sind ausgeprägte Eigenarten, die auffallen, aber nicht krank machen. Diese Kategorie halte ich für sehr wertvoll. Sie erinnert uns daran, dass wir alle irgendwo auf diesem Spektrum stehen.


Im zweiten Schritt beschreibt man die auffälligen Merkmalsbereiche. Davon gibt es fünf. Die negative Affektivitätumfasst Ängstlichkeit und Misstrauen, Scham und Reizbarkeit und ein geringes Selbstwertgefühl. Die Distanziertheitbeschreibt den Rückzug von anderen Menschen und eine eingeschränkte Gefühlswelt. Die Dissozialität umfasst Selbstbezogenheit und mangelndes Einfühlungsvermögen, Anspruchsdenken und die Bereitschaft, andere für eigene Zwecke zu benutzen. Die Enthemmung beschreibt Impulsivität und Ablenkbarkeit und Verantwortungslosigkeit. Der Anankasmus schließlich steht für Perfektionismus und Starrheit und übermäßige Kontrolle.


Zusätzlich kann das Borderline-Muster angegeben werden. Es ist die einzige alte Kategorie, die die ICD-11 als eigene Angabe beibehalten hat, weil sie in der Behandlung so wichtig ist. Eine weitere Änderung ist bemerkenswert. Das Lehrbuch verlangt noch, dass eine Persönlichkeitsstörung immer in der Kindheit oder Jugend beginnt. Die ICD-11 verzichtet auf diese Bedingung. Persönlichkeitsstörungen können also auch später im Leben entstehen, etwa nach schweren Belastungen.


Wo ist der Narzisst geblieben?


Viele Menschen sind überrascht, wenn sie hören, dass es die narzisstische Persönlichkeitsstörung in der ICD-11 nicht mehr als eigene Diagnose gibt. Das bedeutet natürlich nicht, dass es Narzissmus nicht gibt. Er wird heute nur anders beschrieben. Ein Mensch mit narzisstischen Zügen hätte in der ICD-11 vor allem auffällige Werte im Bereich Dissozialität, also Selbstbezogenheit und Anspruchsdenken und wenig Einfühlungsvermögen. Oft kommt negative Affektivität hinzu, weil unter der glänzenden Oberfläche häufig eine große Verletzlichkeit liegt.


Im amerikanischen DSM-5 gibt es die narzisstische Persönlichkeitsstörung dagegen weiterhin als eigene Diagnose. Die Forschung schätzt, dass etwa ein bis zwei Prozent der Menschen die Kriterien erfüllen. Das sind deutlich weniger, als man nach den Kommentaren auf Social Media vermuten würde. Auf die anderen alten Typen lässt sich die neue Einteilung ähnlich übertragen. Die ängstlich-vermeidende und die abhängige Persönlichkeit finden sich vor allem in der negativen Affektivität wieder. Die schizoide Persönlichkeit entspricht weitgehend der Distanziertheit und die anankastische dem Anankasmus. Die dissoziale Persönlichkeit zeigt sich in Dissozialität und Enthemmung. Die alten Begriffe helfen also weiterhin beim Verständnis, auch wenn sie nicht mehr offiziell verwendet werden.


Wie sich die Welt mit diesen Mustern anfühlt


Bevor wir zu den beiden bekanntesten Mustern kommen, möchte ich kurz zeigen, wie unterschiedlich die Welt sich mit verschiedenen Persönlichkeitsmustern anfühlt:


  • Für einen Menschen mit stark misstrauischen Zügen, früher paranoide Persönlichkeit genannt, verbirgt sich hinter jedem Lächeln eine mögliche Absicht. Ein freundliches Wort des Kollegen wirft sofort die Frage auf, was er damit bezweckt. Die Welt fühlt sich an wie ein Schachbrett voller verdeckter Züge.

  • Für einen Menschen mit stark distanzierten Zügen, früher schizoide Persönlichkeit genannt, steht zwischen ihm und den anderen eine Glaswand. Er sieht die Menschen und versteht ihre Worte. Ihre Gefühle erreichen ihn aber nur gedämpft. Oft fühlt er sich in seiner eigenen Gedankenwelt wohler als in Gesellschaft.

  • Für einen Menschen mit stark ängstlich-vermeidenden Zügen ist jede Begegnung eine Prüfung vor einer strengen Jury. Er sehnt sich nach Nähe und Anerkennung und zieht sich doch zurück, weil die Angst vor Ablehnung stärker ist. Hier ist die Verwandtschaft zur sozialen Angst und zur toxischen Scham besonders deutlich.

  • Für einen Menschen mit stark abhängigen Zügen verschwindet ohne den anderen der Boden unter den Füßen. Er überlässt Entscheidungen lieber anderen und nimmt vieles in Kauf, um eine Beziehung nicht zu verlieren. Allein zu sein fühlt sich an wie Fallen ohne Netz.

  • Für einen Menschen mit stark anankastischen Zügen ist die Welt eine lange Liste von Fehlern, die korrigiert werden müssen. Spontanität fühlt sich gefährlich an und Kontrolle beruhigt. Das Vergnügen kommt erst, wenn alles erledigt ist, und es ist nie alles erledigt.

  • Für einen Menschen mit stark dissozialen Zügen sind Regeln vor allem Hindernisse und andere Menschen vor allem Mittel zum Zweck. Schuldgefühle kennt er kaum. Verantwortung für Fehler sucht er meist bei anderen.

  • Und für einen Menschen mit stark histrionischen Zügen, ein Begriff vom lateinischen Wort für Schauspieler, ist die Welt eine Bühne. Er fühlt sich nur lebendig, wenn er im Mittelpunkt steht. Hinter dem lauten Auftritt verbirgt sich oft eine große innere Unsicherheit.


Die Welt im Spiegel: Narzissmus von innen


Kehren wir zu Leon zurück. Wie fühlt sich die Welt für einen Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Zügen an? Von außen wirkt er oft selbstbewusst bis großspurig. Er erzählt von seinen Leistungen und schmückt sich mit wichtigen Bekanntschaften. Er erwartet besondere Behandlung und Bewunderung. Das Lehrbuch beschreibt das Bedürfnis nach Anerkennung als außerordentlich. Jede Niederlage und jede Kritik wird als narzisstische Kränkung übermäßig stark erlebt. Genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis. Die Psychoanalytiker Otto Kernberg und Heinz Kohut haben auf unterschiedliche Weise beschrieben, dass hinter der Großartigkeit oft ein sehr zerbrechliches Selbstwertgefühl steckt. Ich stelle es mir vor wie eine kostbare Porzellanvase mit einem Riss. Von außen glänzt sie und jede Berührung droht sie zu zerbrechen. Kritik ist für einen solchen Menschen keine Information über sein Verhalten. Sie ist ein Angriff auf seine Existenz.


Hier schließt sich der Kreis zu meinem Artikel über toxische Scham. John Bradshaw hat Narzissmus als eine der möglichen Abwehrformen gegen tiefe Scham beschrieben. Wer im Innersten glaubt, nicht gut genug zu sein, kann versuchen, dieses Gefühl durch eine glänzende Fassade zu übertönen. Die Großartigkeit ist dann eine Rüstung gegen die Scham. Und jede Kritik droht diese Rüstung zu durchdringen und das Gefühl freizulegen, das niemals gefühlt werden darf. Die Forschung unterscheidet heute außerdem zwei Formen. Der grandiose Narzissmus ist die laute und offensichtliche Form, die man aus Filmen kennt. Der verletzliche Narzissmus ist leiser. Diese Menschen wirken eher schüchtern und empfindlich und gekränkt. Sie fühlen sich ständig zu wenig gewürdigt und ziehen sich zurück, wenn die Welt ihnen nicht die erwartete Anerkennung gibt. Beide Formen teilen dieselbe Kernverletzung und dasselbe Bedürfnis nach Bestätigung.


Ein typisches Muster beschreibt das Lehrbuch als Schwarz-Weiß-Denken. Ein Mensch wird zuerst auf ein Podest gestellt und idealisiert, und genau das hat Julia in den ersten Wochen erlebt. Wenn er die Erwartungen dann nicht mehr erfüllt, wird er abgewertet und vom Sockel gestoßen. Für den Betroffenen ist das kein bewusstes Spiel, sondern ein Versuch, sein eigenes Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Für das Gegenüber ist es aber zutiefst verwirrend und verletzend.


Narzissmus ist kein Schimpfwort


An dieser Stelle möchte ich eine Warnung aussprechen, die mir sehr wichtig ist. Im Einführungsartikel habe ich den Satz der jungen Frau aus einem Video zitiert: Jeder Ex ist plötzlich ein Narzisst geworden. Das Wort Narzisst ist in den letzten Jahren zu einem Schimpfwort für alle Menschen geworden, die uns verletzt haben. Das ist aus mehreren Gründen problematisch. Erstens hat jeder Mensch narzisstische Anteile, und ein gesundes Maß davon ist sogar notwendig. Wer sich selbst wertschätzt und für seine Bedürfnisse eintritt und stolz auf seine Leistungen ist, ist deshalb noch lange nicht gestört.


Zweitens verhindert das Etikett oft die ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in einer gescheiterten Beziehung. Und drittens macht es Menschen, die tatsächlich unter einer Persönlichkeitsstörung leiden, zu Monstern statt zu verletzten Menschen. Gleichzeitig gibt es Beziehungen, in denen ein Mensch systematisch abgewertet und kontrolliert und manipuliert wird. Diese Erfahrungen sind real und sie verdienen es, ernst genommen zu werden. Die gute Nachricht ist, dass man sich schützen kann, ohne eine Diagnose stellen zu müssen. Dazu komme ich gleich.


Die Welt ohne Haut: das Borderline-Muster


Mia ist 26 und arbeitet als Pflegerin. Sie ist warmherzig und lustig und wird von ihren Patienten geliebt. Gleichzeitig erlebt sie innerlich einen ständigen Sturm. Wenn ihr Freund eine Nachricht nicht sofort beantwortet, steigt in ihr eine Panik auf, als würde ihr gesamtes Leben zusammenbrechen. In solchen Momenten schreibt sie ihm zwanzig Nachrichten hintereinander, zuerst flehend und dann wütend. Wenn er sich dann meldet, schämt sie sich zutiefst. Manchmal liebt sie ihn so sehr, dass es wehtut. Und manchmal hasst sie ihn für Stunden mit derselben Intensität. Dazwischen fühlt sie sich oft leer, als wäre sie ein hohler Baum.


Die amerikanische Psychologin Marsha Linehan hat Menschen mit Borderline-Muster einmal mit Menschen verglichen, die schwere Verbrennungen am ganzen Körper haben. Jede kleinste Berührung tut weh. Sie fühlen alles intensiver als andere und brauchen länger, um sich wieder zu beruhigen. Linehan selbst hat übrigens erst viele Jahre später öffentlich gemacht, dass sie in ihrer Jugend selbst schwer betroffen war. Wie fühlt sich diese Welt von innen an? Die Gefühle springen in Sekunden von null auf hundert und scheinen dann ewig anzuhalten. Viele Betroffene beschreiben, dass ein Gefühl in diesem Moment keine Vergangenheit und keine Zukunft hat. Wenn sie verzweifelt sind, können sie sich nicht vorstellen, dass sie sich jemals wieder anders fühlen werden. Menschen erscheinen entweder ganz gut oder ganz schlecht, und das Bild eines geliebten Menschen kann innerhalb von Minuten von strahlendem Licht in tiefe Dunkelheit kippen. Die Fachsprache nennt das Spaltung.


Dazu kommt eine tiefe Angst, verlassen zu werden, und ein unsicheres Gefühl für die eigene Identität. Viele Menschen mit Borderline-Muster wissen nicht genau, wer sie sind, was sie wollen und was sie mögen. Sie passen sich stark an andere an und verlieren sich dabei. In Zuständen extremer innerer Anspannung kommt es bei vielen zu impulsivem und selbstschädigendem Verhalten. Das kann übermäßiges Trinken oder riskantes Fahren oder Selbstverletzung sein. Solche Handlungen lösen das Problem nicht, sondern verstärken den Kreislauf aus Anspannung und Scham. Manche Betroffene erleben außerdem unter Stress dissoziative Zustände, in denen sie sich wie neben sich stehend fühlen.


Hier zeigt sich die Verbindung zum Trauma-Artikel. Viele Menschen mit Borderline-Muster haben in ihrer Kindheit schwere Belastungen oder Traumata erlebt. Marsha Linehan beschreibt die Entstehung in ihrer biosozialen Theorie. Ein Kind wird mit einer besonders hohen emotionalen Empfindsamkeit geboren und wächst in einer Umgebung auf, in der seine Gefühle nicht ernst genommen oder sogar bestraft werden. Das Kind lernt nie, mit seinen starken Gefühlen umzugehen. Und es lernt auch nicht, ihnen zu vertrauen. Nicht jeder Mensch mit Borderline-Muster hat ein Trauma erlebt. Aber das Zusammenspiel von Empfindsamkeit und fehlender Bestätigung findet sich bei vielen.


Mehr Hoffnung als gedacht


Lange galt das Borderline-Muster als kaum behandelbar. Heute weiß man, dass das nicht stimmt. Eine große Langzeitstudie der Psychiaterin Mary Zanarini aus Boston hat gezeigt, dass sich bei der großen Mehrheit der Betroffenen die Symptome im Laufe von zehn Jahren deutlich zurückbilden. Viele erfüllen die Kriterien danach nicht mehr. Das ist eine der hoffnungsvollsten Botschaften der modernen Psychiatrie. Gleichzeitig darf man das Risiko nicht unterschätzen. Das Suizidrisiko ist beim Borderline-Muster deutlich erhöht, und Suizidgedanken sollten immer ernst genommen werden. Das Lehrbuch betont das auch bei den histrionischen Zügen. Trotz des oft dramatischen Verhaltens können Drohungen durch Impulsivität zu tatsächlichen Handlungen werden.


Was hilft


Persönlichkeitsstörungen sind schwieriger zu behandeln als viele andere psychische Erkrankungen. Das liegt vor allem daran, dass die Betroffenen ihr Verhalten oft nicht als Problem erleben. Das Lehrbuch beschreibt, dass viele nur auf Drängen ihres Umfelds zur Therapie kommen und sie früh abbrechen. Ziel der Behandlung ist deshalb meist nicht die vollständige Heilung, sondern ein zufriedenstellendes Leben trotz der eigenen Besonderheiten. Für das Borderline-Muster gibt es inzwischen mehrere gut erforschte Therapien.


Die Dialektisch-Behaviorale Therapie von Marsha Linehan verbindet Verhaltenstherapie mit Achtsamkeit aus der Zen-Tradition. Gerade das finde ich besonders schön. Betroffene lernen dort, ihre Gefühle zu regulieren und Krisen ohne selbstschädigendes Verhalten durchzustehen und in Beziehungen klar zu kommunizieren. Das Herzstück ist dabei eine scheinbar widersprüchliche Haltung. Der Mensch wird so angenommen, wie er ist, und gleichzeitig zur Veränderung ermutigt. Die Mentalisierungsbasierte Therapie von Anthony Bateman und Peter Fonagy hilft Menschen, ihr eigenes Innenleben und das anderer besser zu verstehen. Die Schematherapie von Jeffrey Young arbeitet mit tiefen Lebensmustern und mit inneren Anteilen, ganz ähnlich wie wir es im Trauma-Artikel gesehen haben.


Bei narzisstischen Mustern ist die Behandlung oft noch schwieriger, weil die Betroffenen meist erst in einer Krise kommen. Das kann eine Trennung sein, ein beruflicher Absturz oder eine Depression, wenn die Fassade nicht mehr hält. Das Lehrbuch erwähnt, dass solche narzisstischen Krisen mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden sein können. Gerade in solchen Momenten kann aber auch eine echte Veränderung beginnen. Medikamente spielen bei Persönlichkeitsstörungen nur eine unterstützende Rolle, etwa bei begleitenden Depressionen oder Angststörungen oder in akuten Krisen.


Wie Du mit einem Menschen mit Borderline-Muster sprichst


Das wichtigste Werkzeug aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie ist die Validierung. Validieren heißt, die Gefühle eines Menschen als verständlich anzuerkennen, auch wenn man sein Verhalten nicht gutheißt. Ein Satz wie »Ich verstehe, dass Du gerade große Angst hast, dass ich gehe« bestätigt das Gefühl. Er bedeutet nicht, dass man jede Forderung erfüllt. Bleib ruhig und berechenbar, wenn der andere im Sturm ist. Geh nicht mit in die Welle hinein und versuche nicht, mit derselben Intensität zu antworten. Ein Mensch im Sturm braucht einen Fels und keine zweite Welle.


Gleichzeitig darfst Du freundlich und klar Grenzen setzen. Für Menschen mit Borderline-Muster sind verlässliche Grenzen sogar hilfreich, weil sie Sicherheit geben, solange sie nicht mit Liebesentzug verbunden sind. Mach Dich nicht zum Retter. Du kannst einen anderen Menschen begleiten, aber Du kannst ihn nicht heilen. Wer versucht, für einen Menschen mit Borderline-Muster alles zu sein, wird früher oder später erschöpft und landet dann womöglich selbst auf der dunklen Seite der Spaltung. Und nimm Äußerungen über Suizid immer ernst. Frag nach und hol im Zweifel professionelle Hilfe.


Wie Du mit einem Menschen mit narzisstischen Mustern sprichst


Mit einem Menschen mit narzisstischen Zügen hilft eine nüchterne und sachliche Kommunikation. Greife sein Selbstwertgefühl nicht frontal an, denn das löst meist nur Abwehr oder Gegenangriff aus. Gleichzeitig musst Du ihn nicht ständig bewundern, um ihn bei Laune zu halten. Echte Anerkennung für echte Leistungen ist in Ordnung und kann eine Beziehung entspannen. Wenn Du Kritik äußern musst, sprich über konkretes Verhalten statt über die Person. Ein »In der Besprechung gestern hast Du mich zweimal unterbrochen und das hat mich geärgert« ist leichter anzunehmen als ein »Du bist so selbstverliebt«. Erwarte aber nicht, dass er Deine Gefühle so einfühlsam aufnimmt, wie Du es Dir wünschst. Mangelndes Einfühlungsvermögen gehört zum Kern dieses Musters.


Wie Du Dich schützt


Jetzt komme ich zu dem Teil, der mir in diesem Artikel am wichtigsten ist. Wie schützt man sich vor einem Menschen, dessen Verhalten einem schadet? Und zwar ganz unabhängig davon, ob er eine Diagnose hat oder nicht. Die Grundregel dieser Serie gilt hier mehr denn je. Bewerte das Verhalten und nicht die Diagnose. Du musst nicht wissen, ob Leon ein Narzisst ist. Du musst nur erkennen, was sein Verhalten mit Dir macht. Achte deshalb auf Muster statt auf einzelne Ereignisse. Jeder Mensch hat schlechte Tage und sagt manchmal verletzende Dinge. Ein Warnsignal ist es dann, wenn bestimmte Verhaltensweisen sich immer wiederholen. Das kann ständige Abwertung sein, das Übergehen Deiner Grenzen oder Kritik, die nie angenommen und immer zurückgegeben wird. Es kann Schweigen als Strafe sein oder die Kontrolle darüber, mit wem Du Dich triffst und wofür Du Geld ausgibst.


Ein besonders zerstörerisches Muster hat einen eigenen Namen bekommen. Der Begriff Gaslighting stammt aus einem Film von 1944, in dem ein Mann seine Frau planvoll an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Gemeint ist ein Verhalten, bei dem jemand die Erinnerung oder die Wahrnehmung eines anderen Menschen immer wieder in Frage stellt, bis dieser nicht mehr weiß, was er glauben soll. Sätze wie »Das habe ich nie gesagt« oder »Du bist viel zu empfindlich« oder »Das bildest Du Dir ein« sind für sich harmlos. Fallen sie aber ständig, können sie das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung untergraben. Nicht jeder Mensch, der so etwas sagt, tut es absichtlich. Manche glauben ihre eigene Version wirklich. Für Dich ist die Wirkung aber dieselbe.


Gegen dieses Muster helfen vor allem zwei Dinge. Das erste ist ein Abgleich mit der Wirklichkeit außerhalb der Beziehung. Sprich mit Menschen, denen Du vertraust, und frage sie, wie sie die Situation sehen. Das zweite ist eine Art Tagebuch, in dem Du wichtige Gespräche und Ereignisse festhältst. Es geht dabei nicht darum, Beweise für einen Streit zu sammeln. Es geht darum, Deiner eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen zu können. Grenzen sind der nächste Schritt. Eine Grenze ist keine Forderung an den anderen, sich zu ändern. Sie ist eine Aussage darüber, was Du tun wirst. »Wenn Du mich anschreist, beende ich das Gespräch und wir reden später weiter« ist eine Grenze. Entscheidend ist dabei, dass Du sie auch einhältst. Eine Grenze ohne Konsequenz ist nur eine Bitte.


Versuche nicht, Diskussionen zu gewinnen. Mit einem Menschen, der Kritik als Existenzbedrohung erlebt oder dessen Gefühle gerade im Sturm sind, kannst Du keine Diskussion gewinnen. Der amerikanische Konfliktberater Bill Eddy hat dafür eine einfache Methode entwickelt, die er BIFF nennt. Antworten sollen kurz und informativ und freundlich und klar sein. Keine langen Rechtfertigungen und keine Gegenangriffe, nur das Nötige in ruhigem Ton. Das nimmt Konflikten oft die Luft. Und manchmal ist der beste Schutz der Abstand. Wenn ein Mensch Dich über lange Zeit abwertet und kontrolliert und Deine Grenzen immer wieder übergeht, darfst Du gehen. Das gilt in Partnerschaften und Freundschaften ebenso wie am Arbeitsplatz. Du bist nicht verpflichtet, einen Menschen zu heilen, der Dich verletzt. Mitgefühl für seine Geschichte und ein klarer Schutz Deiner selbst schließen sich nicht aus. Wenn Gewalt im Spiel ist, ob körperlich oder seelisch, hol Dir Unterstützung.


Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr unter 116 016 erreichbar, und auch für Männer gibt es inzwischen ein eigenes Hilfetelefon. Ein letzter Gedanke zum Schutz betrifft Dich selbst. Viele Menschen geraten immer wieder an ähnliche Partner, und das ist kein Zufall. Wer früh gelernt hat, sich anzupassen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, fühlt sich bei einem Menschen, der viel Raum einnimmt, manchmal auf vertraute Weise zu Hause. Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die eigenen Muster, nicht als Schuldzuweisung, sondern als Weg zu mehr Freiheit.


Was ich als Trainer daraus mitnehme


In meinen Coachings begegnen mir diese Themen oft, und zwar meist aus der Perspektive der Betroffenen im Umfeld. Menschen erzählen mir von einem Chef, der sie ständig abwertet, oder von einem Partner, bei dem sie sich klein fühlen. Ich habe gelernt, keine Ferndiagnosen zu stellen. Stattdessen frage ich nach dem Verhalten und danach, was es mit dem Menschen vor mir macht. Und wir arbeiten an seinen Grenzen und an seiner Wahrnehmung und an seinem Zustand.


Manchmal kommen auch Menschen mit ausgeprägten Persönlichkeitszügen selbst zu mir, oft Führungskräfte, deren Teams nicht funktionieren. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ein Mensch mit narzisstischen Zügen braucht zuerst das Gefühl, respektiert zu werden, bevor er bereit ist, auf sich selbst zu schauen. Und wenn ich bei einem Klienten Anzeichen für ein Borderline-Muster oder eine schwere Persönlichkeitsproblematik bemerke, dann ermutige ich ihn zu einer Therapie, denn das geht weit über ein Coaching hinaus. Was ich aus diesem Thema am meisten mitnehme, ist eine doppelte Haltung. Hinter fast jedem schwierigen Muster steckt eine alte Verletzung, und diese Verletzung verdient Mitgefühl. Gleichzeitig hat jeder Mensch die Verantwortung für sein Verhalten, und niemand muss sich schlecht behandeln lassen, nur weil er versteht, woher dieses Verhalten kommt.


Zurück zu Julia und Mia


Julia hat sich nach einem Jahr von Leon getrennt. Sie brauchte lange, um wieder ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, und sie hat dabei in einer Beratung viel über ihre eigene Geschichte gelernt. Ob Leon eine Persönlichkeitsstörung hat, weiß sie bis heute nicht. Es spielt für sie auch keine Rolle mehr. Sie weiß, wie sie sich in dieser Beziehung gefühlt hat, und sie weiß, dass sie das nicht noch einmal erleben möchte. Mia hat vor zwei Jahren eine Dialektisch-Behaviorale Therapie begonnen. Ihre Gefühle sind immer noch intensiv, aber sie hat gelernt, den Sturm kommen zu sehen. Wenn ihr Freund nicht sofort antwortet, legt sie das Handy weg, geht eine Runde um den Block und atmet. Sie sagt, die Gefühle seien immer noch da, aber sie stehe jetzt nicht mehr mitten im Sturm, sondern am Ufer.


Im nächsten Artikel geht es um zwei Themen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben und doch eng verwandt sind. Wir schauen uns Essstörungen und Süchte an und fragen, wie sich die Welt anfühlt, wenn das Essen oder eine Substanz oder ein Verhalten zum Mittelpunkt des Lebens wird. Ich wünsche Dir viel Freude auf Deiner weiteren Reise.


Danke für Deine Zeit und bis bald,


Dein Florian 🌈

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