Das Metaprogramm Worst Case und Best Case
- Florian Stotz

- 23. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Der eine baut ein Haus, das nur bei gutem Wetter hält. Der andere baut es nie, weil ihm immer noch ein Unwetter einfällt.
Es gibt zwei Arten von Menschen, und Du erkennst sie schon nach wenigen Sätzen. Die einen erzählen Dir bei jeder Gelegenheit, was alles schiefgehen kann. Die anderen erzählen Dir bei jeder Gelegenheit, wie großartig alles werden wird. Im NLP heißen sie Worst Case Sortierer und Best Case Sortierer, auch mit den Kürzeln WCS und BCS bezeichnet. Grob gesprochen könntest Du auch Pessimisten und Optimisten sagen. Das ist nicht die genaue Übersetzung, trifft aber, was Du im Alltag beobachtest.
Wie ein Worst Case Sortierer innerlich arbeitet
Interessant wird es, wenn man sich anschaut, was dabei im Inneren geschieht, denn das erklärt die Wucht dieses Musters. Ein Worst Case Sortierer stellt sich das, wovon er glaubt, dass es geschehen wird, nicht als Gedanken vor, sondern als laufenden Film. Und er ist darin assoziiert, sieht die Szene also durch seine eigenen Augen. Genau deshalb spürt er die dazugehörigen Gefühle in voller Stärke. Er denkt nicht über eine Gefahr nach. Er erlebt sie.
Wer diese Strategie über Jahre laufen lässt, lebt in einer inneren Welt voller Unfälle und Katastrophen, und zwar in Dauerschleife. Ich formuliere es einmal so scharf, wie es gemeint ist: Man richtet sich freiwillig in einer kleinen Hölle ein. Dazu kommt ein zweiter Nachteil, der leiser wirkt und teurer ist. Wer die Katastrophe im Voraus erlebt, hat immer einen guten Grund, etwas nicht zu tun. Neue Handlungen werden dadurch aus dem Bereich des Möglichen katapultiert, bevor sie überhaupt beginnen durften.
Und trotzdem gibt es keine schlechten Metaprogramme
Durch die Welle der Positiv-Denken-Literatur ist der Eindruck entstanden, es sei schlecht, ein Worst Case Sortierer zu sein. Das halte ich für falsch, und es lohnt sich, warum. Stell Dir vor, es gäbe nur Best Case Sortierer. Jedes Haus wäre dann so stabil gebaut, dass es unter idealen Bedingungen hält, denn in ihrer Welt gibt es nur ideale Bedingungen. Nun weißt Du allerdings, dass es Stürme gibt, Erdbeben, Überschwemmungen, Brände und noch einiges mehr, und dass all das ein Haus mühelos zerstören kann.
Genau für solche Planungen sind Anteile eines Worst Case Sortierers unbezahlbar. Sie sorgen dafür, dass ein Architekt ein Gebäude so plant, dass es auch eine Katastrophe übersteht, und dass ein Statiker die nötigen Sicherheiten einbaut. Umgekehrt gilt dasselbe. Lebten nur Worst Case Sortierer auf dieser Erde, gäbe es vermutlich überhaupt keine Häuser, oder sie wären unbezahlbar. Denn ihnen fällt immer noch etwas ein, das eintreten könnte und mitgeplant werden müsste. Es gibt also keine guten und schlechten Metaprogramme. Es gibt nur solche, die in einer bestimmten Lage hilfreicher sind als in einer anderen.
Die Strategie, die beides zusammenbringt
Und damit sind wir beim eigentlich Praktischen, denn Du trägst beides in Dir. Die folgende Vorgehensweise habe ich in dieser Form von Chris Mulzer übernommen, und sie hat sich für mich bewährt.
Erstens, den besten Fall ausmalen. Überleg Dir, wie Dein Vorhaben verläuft, wenn alles so gut geht, wie es gehen kann. Und geh dabei assoziiert hinein, also durch Deine eigenen Augen.
Zweitens, diesen Zustand ankern. Setz für die Begeisterung, die dabei entsteht, einen Anker. Du wirst ihn später brauchen.
Drittens, den schlechtesten Fall sammeln. Überleg Dir, was alles schiefgehen kann, und sprich dafür ausdrücklich mit einem Worst Case Sortierer. Hör ihm genau zu und schreib jedes Szenario auf, ohne es zu bewerten.
Viertens, nach Wahrscheinlichkeit ordnen. Sortiere die Liste danach, wie wahrscheinlich der jeweilige Fall wirklich eintritt.
Fünftens, Antworten finden. Arbeite die Liste durch und finde für die wahrscheinlichsten Szenarien jeweils mindestens drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Es lohnt sich, dabei nach dem Pareto-Prinzip vorzugehen, also anzunehmen, dass die zwanzig Prozent wahrscheinlichsten Fälle den Großteil aller tatsächlichen Vorkommnisse ausmachen.
Sechstens, entscheiden. Erst jetzt entscheidest Du, ob Du das Vorhaben durchführst. Und Du entscheidest es auf einer Grundlage, die Du kennst.
Siebtens, den Anker nutzen. Hast Du Dich entschieden, denk an Deinen Anker aus Schritt zwei. Er trägt Dich über die trüben Tage.
Achtens, die Liste aufheben. Wenn einer der Fälle später wirklich eintritt, hast Du die Antworten schon in der Schublade.
Der entscheidende Punkt liegt dabei in Schritt sechs. In der Planungsphase gehören die Einwände der Worst Case Sortierer unbedingt gehört. Nach der Entscheidung interessieren sie nicht mehr. Wer eine abgewogene Entscheidung getroffen hat, sollte sie auch verfolgen, sonst plant er ewig und beginnt nie.
Woran Du merkst, welcher Anteil bei Dir gerade führt
Ein einfacher Prüfstein: Erzähl jemandem von einem Vorhaben und achte darauf, welcher Satz Dir als Erstes durch den Kopf geht, wenn er begeistert reagiert. Freust Du Dich mit, oder denkst Du sofort, dass er die Schwierigkeiten nicht kennt?
Und ein zweiter, der tiefer geht. Wenn etwas schiefgeht, wie klingt Dein erster innerer Satz? Das kann nur mir passieren. Heute ist nicht mein Tag. Ist jemand verletzt, was kann ich tun. So ein Pech, was genau ist geschehen. Mir wird schlecht. Jeder dieser Sätze gehört zu einer anderen Verarbeitung, und die ersten beiden sind die eigentlichen Kandidaten für eine Veränderung, weil sie das Geschehene sofort zu einer Aussage über Dich machen.
Die Entscheidung, die Du treffen darfst
Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, seine innere Welt so einzurichten, wie er will. Und zugleich lohnt es sich, diese Einrichtung einmal bewusst zu prüfen, statt sie aus Gewohnheit weiterlaufen zu lassen. Denn wer sich für das Sortieren nach dem besten Fall entscheidet, bekommt mehr und bessere Gefühle, bleibt vermutlich gesünder und lebt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch länger. Der Worst Case Sortierer in Dir muss dafür nicht verschwinden. Er darf nur nicht mehr die Reiseleitung übernehmen. Er ist der beste Berater, den Du haben kannst, und der schlechteste Fahrer.
Vielleicht magst Du in den nächsten Tagen einmal beobachten, welcher Film in Dir anläuft, sobald etwas Neues ansteht. Und ob Du darin mitten drinsteckst oder ihn Dir von außen ansiehst.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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