Das Metaprogramm Problemvermeidung und Zielorientierung
- Florian Stotz

- 23. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Wer ein Ziel erreicht, um etwas nicht zu fühlen, hat kein Ziel, sondern eine Flucht mit Adresse.
Im vorigen Artikel ging es um die Frage, ob ein Mensch sich auf etwas zubewegt oder von etwas weg. Heute geht es um die feinere Ebene darunter, und sie ist die eigentlich spannende: Worauf richtet sich Deine Aufmerksamkeit in einer konkreten Lage? Auf das Ziel, das erreicht werden soll, oder auf das Problem, das vermieden werden muss? Beides führt zu Handlung. Beides kann erfolgreich sein. Und doch fühlen sich diese beiden Leben von innen völlig verschieden an.
Zwei Blickrichtungen in derselben Situation
Stell Dir zwei Menschen vor, die dieselbe Aufgabe übernehmen. Der eine sieht vor sich, was entstehen soll, und richtet jeden Schritt darauf aus. Der andere sieht vor sich, was schiefgehen könnte, und richtet jeden Schritt darauf aus, das zu verhindern. Der Zielorientierte formuliert, was er erreichen will, und wird von einer klaren Vorstellung getragen. Er sagt Sätze wie: Sobald ich ein Ziel klar vor Augen habe, brenne ich darauf, es zu erreichen. Der Problemvermeidende formuliert, was nicht passieren darf, und wird von der Vorstellung unangenehmer Folgen getragen. Er sagt Sätze wie: Wenn ich keine Lust habe, etwas Wichtiges zu erledigen, male ich mir die negativen Folgen aus, um mich zu motivieren.
Beides sind Motivationsstrategien, und beide funktionieren. Die Problemvermeidung hat sogar einen handfesten Vorteil, denn wer die Fehlerquellen sieht, verhindert Schaden. In der Qualitätssicherung, in der Sicherheitstechnik und in der Buchhaltung ist genau dieser Blick unbezahlbar. Die Schwierigkeit beginnt erst dort, wo diese Ausrichtung zur einzigen wird.
Die Doppelmotivation
Und damit sind wir bei einem Muster, das ich für eines der wichtigsten dieses ganzen Feldes halte. Im NLP heißt es Doppelmotivation, und es unterscheidet zwei Arten der Hin-zu-Bewegung. Die primäre Such-Motivation stammt aus einer echten Erfahrung. Ein Mensch hat erlebt, dass es ihm gut geht, wenn er etwas Bestimmtes tut. Er schwimmt gern, fühlt sich danach wohl, und allein der Gedanke daran bringt ihn in Bewegung. Die Kraft kommt hier aus dem Ziel selbst.
Die sekundäre Such-Motivation sieht von außen genauso aus und funktioniert innen umgekehrt. Hier ist das angestrebte Ziel in Wahrheit die Lösung für etwas, das vermieden werden soll. Jemand strebt nach Erfolg, und dahinter steht die Angst vor Armut oder vor Bedeutungslosigkeit, die ihren Ursprung in frühen Erfahrungen hat. Dieser Mensch zeigt alle Zeichen eines Leistungsträgers, tut alles Notwendige und erreicht seine Ziele. Und die Kraft dafür kommt nicht aus dem Ziel, sondern aus der Flucht.
Woran Du das erkennst? An zwei Zeichen. Erstens an einem geradezu getriebenen Verhalten auf das Ziel zu, das sich nicht mehr wie Freude anfühlt, sondern wie Zwang. Und zweitens, deutlich verlässlicher, an der unangemessen heftigen Reaktion, sobald das Ziel in Gefahr gerät. Denn in diesem Moment nähert sich dieser Mensch innerlich genau dem, wovor er die ganze Zeit weglief, und die alte Angst wird mit voller Wucht spürbar.
Der Preis, der bezahlt wird
Es gehört noch ein Gedanke dazu, den ich in Trainings selten ausgelassen habe, weil er so oft übersehen wird. Menschen, die etwas unbedingt vermeiden wollen, sind bereit, dafür etwas zu opfern. Der eine opfert sein Familienleben, der andere seine Gesundheit, der dritte seine persönliche Redlichkeit. Welches Opfer zuerst gebracht wird und welches sogar selbstverständlich erscheint, hängt von unbewussten Glaubenssätzen ab, die sich meist in der eigenen Herkunftsfamilie gebildet haben. Und weil es ein Opfer ist, wird es selten als solches empfunden. Es wird Einsatz genannt.
Viele Menschen ahnen diesen Zusammenhang übrigens und befürchten, dass mit der Auflösung ihrer Vermeidung ihr ganzes Antriebssystem in sich zusammenfallen könnte. Oberflächlich ist das sogar richtig. Was daraus erwächst, ist allerdings eine neue und gesündere Leistungsbereitschaft, der nicht mehr die Angst im Nacken sitzt.
Wann beides zusammengehört
Nicht jede Doppelmotivation hat diesen Ursprung. Es gibt sie auch als völlig angemessene Verbindung, die sich aus der Sache selbst ergibt. Für fast alle Leistungen, die über die reine Lust hinausgehen, sind Vermeidungsanteile schlicht nötig. Ein Leistungssportler hat nicht jeden Tag Lust zu trainieren, und bestimmte Teile seines Trainings liegen ihm nicht. Trotzdem müssen sie getan werden. Meist geschieht das so, dass er sich zuerst die unangenehmen Folgen des Nichtstuns vor Augen führt und danach die guten Auswirkungen des Tuns. Erst das Vermeiden bringt ihn in Bewegung, dann trägt ihn das Ziel.
Eine Übung für Dich
Nimm Dir ein Ziel, das Dich seit Längerem beschäftigt, und stell Dir zwei Fragen nacheinander.
Erstens. Was genau wird gut, wenn ich es erreiche? Schreib es auf, und achte darauf, ob eine echte Vorstellung entsteht oder nur eine Formel.
Zweitens, und das ist die härtere. Was wäre, wenn ich es nie erreiche? Und dann: Was genau daran wäre schlimm? Bleib bei der Antwort und frag weiter, bis nichts Tieferes mehr kommt. Was dort unten liegt, ist der eigentliche Motor.
Wenn Du an dieser Stelle eine Angst findest, ist das kein schlechtes Zeichen. Es heißt nur, dass Dein Ziel bisher zwei Aufgaben zugleich erfüllen musste. Es lohnt sich, ihm eine davon abzunehmen.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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