Gelebte Gleichzeitigkeit
- Florian Stotz

- 23. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Eine Zukunft, die nur ohne Schmerz funktioniert, ist keine Zukunft, sondern eine Bedingung.
Es gibt einen Moment am Ende jeder guten Veränderungsarbeit, den viele für eine Formalie halten. Der eigentliche Teil ist getan, etwas hat sich gelöst, und dann sagt der Begleiter noch: Und jetzt geh einmal in die nächsten Wochen hinein und schau Dir eine Situation an, in der das früher auftrat. Manche Menschen winken an dieser Stelle innerlich ab. Sie haben, was sie wollten. Meiner Erfahrung nach ist genau dieser letzte Schritt der, über den entschieden wird, ob die Arbeit im Raum bleibt oder ins Leben geht. Und er hat zwei größere Geschwister, über die selten gesprochen wird. Über alle drei will ich heute schreiben, und das dritte ist mir das wichtigste.
Warum die Zukunft geprobt werden muss
Der Fachbegriff für diesen letzten Schritt heißt Future Pace (auch: die Zukunftsprobe, das Durchspielen einer kommenden Situation mit dem neuen Zustand). Man nimmt das, was gerade entstanden ist, und bindet es an einen konkreten künftigen Moment. Nicht an ein Vorhaben, sondern an eine Szene: dieser Raum, dieser Mensch, dieser Satz, der fallen wird. Das ist kein Trick, sondern ein tatsächlicher Lernvorgang. Das Gehirn unterscheidet zwischen einer lebhaft vorgestellten und einer wirklich erlebten Handlung nur begrenzt, denn beides läuft in denselben inneren Bildern ab. Wer eine bessere Reaktion einmal gründlich durchlebt hat, hat sie damit geübt, und zwar auf eine Weise, die im Ernstfall abrufbar ist.
Daraus folgt übrigens eine Antwort auf eine Frage, die mir oft gestellt wird: Wie komme ich in dem Moment aus dem alten Muster heraus, in dem ich merke, dass ich wieder drinstecke? Die ehrliche Antwort lautet, gar nicht. Man kommt nicht im Moment heraus, sondern vorher. Der Ausstieg entsteht dadurch, dass die bessere Reaktion oft genug durchlebt wurde, dass sie bereitliegt, wenn es soweit ist. Wer erst im Feuer beginnt zu üben, übt nicht, sondern kämpft. Nebenbei erklärt das auch, warum abendliches Grübeln so zermürbt. Die meisten Menschen spielen abends dieselbe missglückte Szene immer wieder durch, mitten drin und mit scharfem Kommentar. Das ist maximale Aufregung, und es ist zugleich Übung, nur eben Übung des Falschen. Dieselbe Szene aus der Distanz betrachtet, umgebaut und in eine gute Fortsetzung aufgelöst, führt aus der Aufregung heraus statt hinein. Man schläft besser, weil man aufhört, sich das Schlechte einzuüben.
Wie eine Erfahrung über ihre Grenzen wächst
Die Zukunftsprobe bindet an eine Situation. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre Enge, denn das Leben besteht nicht aus einer Situation. Deshalb kommt der zweite Schritt: die Generalisierung, also die Übertragung einer Erfahrung auf andere Zusammenhänge. Wer die Ruhe nur im Übungsraum hat, hat sie nicht. Wer sie im Übungsraum, im Gespräch mit dem Vorgesetzten und im Streit am Küchentisch hat, hat etwas anderes. Das ist der Unterschied zwischen einem Kunststück und einer Fähigkeit.
Und hier liegt eine der elegantesten Beobachtungen des ganzen Feldes, weil sie eine Verwechslung auflöst. Die Generalisierung ist nämlich genau der Mechanismus, mit dem auch einschränkende Überzeugungen entstehen. Ein Kind wird zweimal ausgelacht, und daraus wird der Satz, dass man sich besser nicht zeigt. Ein Mensch scheitert an zwei Beziehungen, und daraus wird die Gewissheit, dass das bei ihm eben nicht funktioniert. Niemand hat sich das ausgedacht. Es ist dieselbe Fähigkeit, aus wenigen Erfahrungen eine Regel zu bilden, die uns überhaupt erst lernfähig macht. Dieselbe Bewegung, eine andere Richtung.
Wer das begriffen hat, hört auf, gegen seine Verallgemeinerungen zu kämpfen, und beginnt stattdessen, sie zu füttern. Praktisch heißt das, nach einer gelungenen Erfahrung ausdrücklich zu fragen: Wo noch? In welchen drei anderen Bereichen meines Lebens gilt das, was ich gerade erlebt habe, auch? Diese Frage klingt nach wenig und tut viel, weil sie dem System die Erlaubnis gibt, die Regel zu erweitern.
Wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind
Und jetzt zu dem, was mich an diesem ganzen Thema am meisten beschäftigt, weil es unter beidem liegt. Eine Zukunftsprobe scheitert selten an der Technik. Sie scheitert daran, dass Menschen sich eine Zukunft vorstellen, in der das Schwere weg ist. Sie proben einen Zustand von Klarheit, in dem keine Angst mehr vorkommt, eine Beziehung, in der keine Trauer mehr ist, ein Leben, in dem der Verlust nicht mehr wehtut. Und weil eine solche Zukunft nicht eintritt, hält die Probe nicht.
Ich nenne das Gegenteil davon die gelebte Gleichzeitigkeit. Damit meine ich die Fähigkeit, zwei Dinge zugleich wahr sein zu lassen, von denen die meisten Menschen glauben, sie schlössen sich aus. Der Schmerz ist da, und Du bist handlungsfähig. Du gehst durch einen Trauerprozess, und Du bist an einem Nachmittag im Juni glücklich. Ein Mensch hat Dich verletzt, und Du liebst ihn. Die Welt ist von einer Schönheit, die einem den Atem nimmt, und sie ist grausam. Nichts davon ist ein Widerspruch, der aufgelöst werden müsste. Es ist die Beschreibung dessen, wie es tatsächlich ist.
Was daraus ein Problem macht, ist ein Denken in Entweder-oder. Wer glaubt, er dürfe erst dann etwas Schönes empfinden, wenn die Trauer vorbei ist, streicht sich für Monate das Leben. Wer glaubt, er müsse erst angstfrei sein, um zu handeln, wartet auf einen Zustand, der nicht kommt. Und wer glaubt, er dürfe die Liebe zu einem Menschen nicht mehr fühlen, weil dieser ihn verletzt hat, kämpft gegen sein eigenes Herz. Das Entweder-oder sieht aus wie Klarheit. Es ist aber eine Verengung, denn es lässt immer nur die Hälfte des Bildes zu.
Es lohnt sich, dafür einen Blick nach draußen zu tun. Nach einem Sommerregen steht am Himmel manchmal ein Regenbogen. Er entsteht nicht, wenn der Regen aufgehört hat, und er entsteht auch nicht bei reinem Sonnenschein. Er entsteht in dem Moment, in dem beides zugleich da ist, das Wasser in der Luft und das Licht, das hindurchgeht. Wer auf das Ende des Regens wartet, um den Himmel schön zu finden, sieht ihn nie. Das ist keine Metapher für Optimismus. Es ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, wie Fülle im Menschen entsteht.
Die westliche Psychologie hat dafür ihre eigene Sprache gefunden. Marsha Linehan, die Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie, machte die Dialektik zum Kern ihrer Arbeit: die Fähigkeit, das Annehmen dessen, was ist, und das Verändern dessen, was sein soll, gleichzeitig zu halten, statt sich für eines zu entscheiden. Meiner Perspektive nach berührt sie damit etwas, das die kontemplativen Traditionen seit Jahrhunderten kennen, dort allerdings nicht als Therapieziel, sondern als Grundzustand. Im Zen heißt es, dass die Dinge nicht zwei sind. Nicht eins, wohlgemerkt, denn Trauer und Freude sind nicht dasselbe. Aber eben auch nicht zwei getrennte Räume, zwischen denen man wählen müsste.
Der Weg vom Entweder zum Sowohl
Wie übt man das? Nicht durch Nachdenken, denn im Kopf bleibt das Entweder-oder immer plausibel. Sondern durch eine kleine Bewegung in der Sprache, und die ist im Alltag leicht zu haben.
Ersetze das Aber durch ein Und. Nicht „ich bin traurig, aber es geht mir gut", sondern „ich bin traurig und es geht mir gut". Das Aber löscht immer den ersten Teil des Satzes, das Und lässt beide stehen. Achte einmal einen Tag lang darauf, wie oft Du Dir selbst mit einem Aber die Hälfte Deiner Erfahrung streichst.
Such die zweite Wahrheit. Wenn Du in einem Zustand feststeckst, frag nicht, wie Du herauskommst, sondern was gerade noch zugleich wahr ist. Neben der Erschöpfung vielleicht eine Dankbarkeit. Neben der Wut vielleicht eine Verbundenheit, die überhaupt erst erklärt, warum die Wut so groß ist.
Probe die Zukunft mitsamt dem Schweren. Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang. Wenn Du eine kommende Situation durchspielst, nimm die Angst mit hinein. Sieh Dich nicht als jemanden, der keine Angst mehr hat, sondern als jemanden, der mit klopfendem Herzen aufsteht und trotzdem spricht. Diese Probe hält, weil sie eintreten kann.
Über Gleichzeitigkeit zu sprechen ist leicht, sie an einem schweren Tag tatsächlich zu leben ist etwas anderes. Deshalb übt man sie nicht dann, wenn es hart wird, sondern vorher, an kleinen Dingen. Genau wie den Ausstieg aus einem Muster.
Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich meine Texte seit Jahren mit einem Regenbogen beende. Er steht nicht dafür, dass der Regen vorbei ist. Er steht dafür, dass es beides zugleich gibt.
Danke für Deine Zeit und bis bald,
Dein Florian 🌈



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